Das Licht soll durch die Stadt getragen werden. Das Gegenteil von Verstecken sind dreißig fette Autos. Die Chanukkia soll leuchten. Das Hupverbot ist aufgehoben. Rote Ampeln bedeuten nichts. Zweimal durch die Innere Stadt und rundherum. Die Chanukka-Autoparade 2025. So wichtig war sie noch nie. Ein wunderbares Event.
Von Götz Schrage
Ich frage den blassen, russischen Juden aus dem noblen ersten Bezirk um Rat. “Werden die mich mögen von Bet Halevi? Werden die mich mitfahren lassen? Und weil die alle so jung sind, darf ich einen meiner ökologisch umstrittenen Schlitten nehmen, oder doch etwas Vernünftiges?”. – “Götz”, sagt er nach kurzer Überlegung. “Die Religiösen glauben nicht an den Klimawandel. Sechs Zylinder, acht Zylinder, alles egal. Wir Menschen sind nicht groß genug, um die Welt entscheidend zu beeinflussen. Sie werden dich mögen dort. Sie mögen auch große Autos. Sie sind wie du.”
Treffpunkt auf einem dunklen Parkplatz schräg gegenüber von der Synagoge. Man spricht hebräisch. Möglichst laut und möglichst durch ein Megaphon. Höflich, junge Menschen montieren die leuchtende Chanukkia auf jedes einzelne Auto. “Sie sind wie du”, hat mein Freund gesagt. Nun ich bin groß, hell und vor allen Dingen völlig unbärtig. Ich falle ziemlich auf. Und ich habe meine Familie und meine Mutter dabei und die ist 87 Jahre alt und damit mit Abstand die älteste Teilnehmerin. Damit habe ich gerechnet. Dass ich aber gleich der Zweitälteste sein muss bedrückt mich ein wenig. Doch dafür bleibt keine Zeit. Die Jungs haben alles im Griff. Ich zähle sechs Polizeiautos plus zivile Begleitung. Sicherheit geht vor.

Und los geht es. Im Konvoi durch die Stadt. Ganz vorne im ersten Wagen mein Freund Rafael mit dem fetten Soundsystem am Pickup. Stampfende Musik. Die Menschen auf den Straßen sollen uns sehen und sie sollen uns hören. Wer sich versteckt, wird gefunden werden. Präsens ist Überleben und laut sein macht doppelt Spaß. Im zweiten Bezirk haben wir praktisch Heimspiel. Die Kinder winken, die Eltern winken. Asiaten zücken ihre Handys und filmen uns wie wir vorbeirauschen. Die Polizei arbeitet nach ihrer eigenen Choreographie. Imposant preschen rasende Autos mit Blaulicht an uns vorbei. Links, rechts blockieren sie die nächsten drei Kreuzungen, und sobald wir vorbei sind mit der ganzen Chanukka-Autoparade werden schon die nächsten Querstraßen gesperrt. Respekt, wie das läuft.

Wir sind mittlerweile in der noblen Inneren Stadt angekommen. Auch da lachende Menschen. Fotos werden gemacht. Es ist eine positive Stimmung durchgehend. Niemand blockiert uns. Niemand versucht den Konvoi zu queren. Es ist alles absolut gelungen. Wunderbar für die Veranstalter, aber mir von der schreibenden Zunft fehlt etwas. Quasi der bedrückende Kontrapunkt, der eine Geschichte erst zu einer guten Geschichte macht. Doch dann kommt sie. Marke bewegte Kunststudentin aus reichem Haus. Gut angezogen und mit erhobenem Stinkefinger entert sie uns in einem schwachen Moment des Stehenbleibens. Wackelt durch die Autos und ruft abwechselnd: “Mörder” und “f…. euch!”. Ich will ein Live-Interview und stecke den Kopf durchs Fenster. “Und du f… dich auch!”, sagt sie. Das wird nichts mit dem Interview. Aber eine Verrückte in einer Zweimillionen Stadt darf einen nicht weiter irritieren.
Nach fast zwei Stunden sind wir wieder wo wir gestartet haben. Freundliche junge Männer helfen beim Abbauen. Hebräisch durch das Megaphon. Eine Sprache, die ich immer noch nicht verstehe. Alle sind so freundlich zu mir und meiner Familie. Wie ich meine Chanukkia zurückgebe, sagen die Jungs von Bet Halevi: “Bis nächstes Jahr”. Ich werde sie beim Wort nehmen. Ich mag sie, meine neuen fremden Freunde.



