Warum man von einem „islamischen Antisemitismus“ sprechen kann und diese Formulierung nicht muslimenfeindlich ist

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Der Großmufti Amin al-Husseini bei Hitler, 1941, Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1987-004-09A / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0

„Islamischer Antisemitismus“ gilt manchen Kommentatoren als „rechtes Narrativ“. Dabei wird häufig genug das Bestehen einer derartigen Form von Judenfeindschaft ignoriert, wobei die Aufmerksamkeit dafür eben nicht für Muslimenfeindlichkeit steht. Es geht um den Blick auf ein besonderes Gefahrenpotential, nicht nur für Juden.

 Ein Kommentar von Armin Pfahl-Traughber

Die AfD ist angeblich gegen Antisemitismus, insbesondere gegen den islamischen  Antisemitismus, weniger gegen den in den eigenen Reihen. Diese Beobachtung macht schon den funktionalen Nutzen deutlich, wird doch Antisemitismus aus dem rechten Lager ignoriert, während die Judenfeindlichkeit stärker bei Muslimen gesehen werden soll. Wer daher von einem „islamischen Antisemitismus“ spricht, bedient der dann „rechte Narrative“? Diese Auffassung kursiert in einem bestimmten Meinungsspektrum, das gern einschlägige Einwände als „Islamophobie“ tituliert. Doch wie angemessen sind derartige Einordnungen? Um eine differenzierte Antwort zu geben, müssen verschiedene Fragen erörtert werden: Erstens, gibt es ausgeprägte judenfeindliche Einstellungen unter Muslimen? Zweitens, haben diese Auffassungen etwas mit dem Islam zu tun? Drittens, ist dafür „islamischer Antisemitismus“ eine angemessene Bezeichnung? Und viertens, sind „islamisierter“ oder „islamistischer Antisemitismus“ nicht treffendere Termini?

Zunächst zur erstgenannten Frage: Gibt es ausgeprägte judenfeindliche Einstellungen unter Muslimen? Betrachtet man die Ergebnisse einschlägiger Forschungen, die auf unterschiedliche Länder und Regionen bezogen sind, so ergeben sich überproportional hohe Potentiale und Zustimmungswerte. Blickt man vergleichend auf den Bevölkerungsdurchschnitt oder andere Glaubensgruppen, so lassen sich unter Muslimen durchgehend höhere Werte konstatieren. Diese Feststellungen gelten unabhängig von räumlichen Nähen zum Nahen Osten. Es handelt sich also nicht um Einstellungen, die nur oder primär etwas mit Israel zu tun haben. Auch auf anderen Kontinenten fallen diese Unterschiede auf. Sie bestehen ebenso unter Berücksichtigung von sozialen Merkmalen, wozu etwa formale Bildung oder berufliche Orientierung zählen. Darüber hinaus gilt dies insbesondere für Befragte, die eine höhere Glaubensorientierung aufweisen. Es geht demnach um empirische Fakten, nicht um diffuse Vorurteile.

Die zweite Frage lautete: Was hat dies mit dem Islam zu tun? Blickt man auf die ideen- und realgeschichtliche Entwicklung der islamisch geprägten Welt, so können dabei durchaus judenfeindliche Prägungen mit einer jahrhundertelangen Wirkung konstatiert werden. Entgegen weitverbreiteter Fehlwahrnehmungen handelt es sich bei der dortigen Judenfeindlichkeit nicht um ein importiertes Phänomen, geht deren Genese doch mit auf die frühe Geschichte des Islam zurück. Dafür stehen die Berichte zum Konflikt von Mohammed mit drei jüdischen Stämmen, deren Angehörige als Unbelehrbare und Vertragsbrecher geschildert wurden. Daraus entstand ein unter Muslimen einmal mehr latentes und einmal mehr manifestes negatives Vorurteil. Durch europäische Einflüsse ab dem 19. Jahrhundert verstärkten sich insbesondere im arabischen Raum derartige Tendenzen. Einschlägige alltagskulturelle Einstellungen erleichterten dann im 20. Jahrhundert die Verbreitung entsprechender Zerrbilder. Bis in die Gegenwart hinein werden sie auf Israel übertragen.

Daher stellt sich als dritte Frage: Ist dafür „islamischer Antisemitismus“ die angemessene Bezeichnung? Berücksichtigt man bei der Erörterung die historischen Hintergründe, die bis heute inhaltliche Bezüge für das Gemeinte sind, so werden dadurch auch die judenfeindlichen Prägungen im ideologischen Sinne verständlich. Diese Einordnung soll noch mit folgenden Klarstellungen verbunden werden: Antisemitismus wird allgemein als Feindschaft gegen das angebliche oder tatsächliche Jüdische als solches verstanden, also nicht auf eine moderne oder rassistische Form der Judenfeindschaft reduziert. Mit dem christlichen Antisemitismus verhält es sich in einem ähnlichen Sinne, knüpft doch auch dieser an bestimmte Inhalte etwa des Neuen Testaments an. Auch der islamische Antisemitismus ist von Bezügen auf Hadithe und Koran geprägt. Insofern bestehen hier konstitutive Einflüsse, was für beide genannten Religionen gilt. Um so bedeutsamer ist denn auch die kritische Auseinandersetzung mit der ideengeschichtlichen Fernwirkung solcher judenfeindlicher Traditionen.

Und viertens geht es um die Frage: Sind nicht „islamisierter“ oder „islamistischer Antisemitismus“ die besseren Termini? Eine verneinende Antwort hat hier unterschiedliche Gründe: Bei „islamisierter Antisemitismus“ wird der Eindruck erweckt als sei das Gemeinte gar nicht mit dem Islam verbunden, sondern lediglich von außen in eine ansonsten nicht-judenfeindliche Gesellschaft und Kultur hinein getragen worden. Letzteres war in einem bedeutsamen Ausmaß der Fall, wofür die einschlägige NS-Propaganda und deren längerfristige Wirkung steht. Gleichwohl fanden derartige und andere westliche Einflüsse eine islamisch geprägte Judenfeindschaft vor, die dann als Anknüpfungspunkt für den dortigen Antisemitismus diente. Genau auf diesen Aspekt will die genutzte Bezeichnung verweisen. Keine Alternative dazu ist „islamistischer Antisemitismus“, wäre damit die Judenfeindschaft doch nur auf eine bestimme politische Szene bezogen. Antisemitismus ist aber weit darüber hinaus in den unterschiedlichsten politischen Kontexten präsent.

Nach den vorstehenden Erörterungen soll noch einmal bilanzierend auf die einleitende Fragestellung zurückgekommen werden: Steht „islamischer Antisemitismus“ als Formulierung für ein „rechtes Narrativ“? Dass es eine derartige politische Instrumentalisierung gibt, ist nicht von der Hand zu weisen. Dies gilt aber auch für den umgekehrten Fall, also die Stigmatisierung des Terminus. Es gibt nun einmal einen islamischen Antisemitismus, der auch ein reales Problem darstellt. Diese Aussage bezieht sich nicht nur auf islamisch geprägte Länder, sondern auch auf westliche Staaten. Ignoriert man den dortigen Antisemitismus unter Muslimen, so ignoriert man auch das dortige Gefahrenpotential nicht nur für Juden. Genau darauf läuft die Behauptung hinaus, „islamischer Antisemitismus“ sei ein „rechtes Narrativ“, was aktuell gerade linke Israelfeinde propagieren. Sie blenden dabei den Antisemitismus in den eigenen Demonstrationskontexten aus, worin die Gründe für ihre den Judenhass relativierenden Narrative zu sehen sind.

Demnach ist „islamischer Antisemitismus“ als Fachbegriff auch kein Kennzeichen von „Muslimenfeindlichkeit“. Diese Formulierung hebt lediglich hervor, dass es einschlägige Schwerpunkte gibt. Ansonsten könnte die Aussage, wonach rechtsextremistische Gewalttaten fast nur von Männern begangen werden, als „Männerfeindlichkeit“ missverstanden werden. In beiden Fällen bestehen durchaus Kontexte, die für eine Erklärung und Ursachenanalyse wichtig sind. Derartige Einsichten erlauben indessen keine Pauschalurteile. Gerade solche Fehldeutungen wären das Problem. Sie ergeben sich aber weder aus „christlichem“ noch „islamischem Antisemitismus“ als Begriffen, geht es doch erkennbar um die inhaltliche Dimension der jeweiligen Judenfeindschaft. Man darf gar eine gewisse Absicht bei einer derartigen Fehldeutung vermuten, die je nach konkretem Akteur auch einem besonderen Diskursinteresse folgt. Erkennbar soll es um eine Diskreditierung von kritischen Einwänden gegen eine islamische Judenfeindschaft gehen.

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1 Kommentar

  1. Mit Verlaub: Die Hinweise von Herrn Pfahl-Traughber erinnern sehr an die Ermutigungen in gut geführten Einrichtungen für betreutes Wohnen: Zu welchen destruktiven Erfolgen die von feinsinnigen deutschen Gelehrten geführte „kritisch-differenzierte Debatte“ jeweils führte, ist hinreichend dokumentiert und vor allem an der einstigen und heutigen Realität in deutschen Akademien erkennbar. Eben dort wurde bekanntlich – analog zum faschistischen Aufschwung in den 1920er Jahren – diesmal via neoliberaler Dekonstruktion – top-down jene Entwicklung angebahnt, die mittlerweile in vielen Schulen hierzulande längst ihre Vollendung findet: „Islam ist hier der Chef.“ Was noch fehlt, besorgen Industrie & Imame. Widerspruch findet (b.a.w.) nur noch im Rahmen von Hausarrest, unter Polizeischutz oder inkognito statt.

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