„Fremdvölkische“ Kinder in Nürnberg

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Zeichnung Lisa Ott / aus dem besprochenen Band

Mitte Mai 1942 wurden Feodor Bigun und seine schwangere Frau Hala aus ihrem kleinen ukrainischem Dorf in der Nähe von Kiew zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Die erste Station ihres Leidensweges war Marktredwitz in Oberfranken, wo sie in einem mit Stacheldraht umzäunten Barackenlager untersucht und registriert wurden.

Von dort ging es in einen Münchner Rüstungsbetrieb. Tochter Lubov wurde am 14. Januar 1943 geboren, einen Monat nach der Entbindung wurden Mutter und Kind nach Nürnberg in die Lyra Bleistiftfabrik geschickt. Vater Feodor musste schon seit Dezember in einem anderen Nürnberger Betrieb schuften. Die Bleistiftfabrik unterhielt ein „Kinderheim“, in dem das wenige Wochen alte Mädchen Lubov untergebracht wurde; die Mutter durfte ihr Kind anfänglich nur einmal im Monat sehen. Als sie eine Arbeitsstelle in der Dynamit AG zugewiesen bekam, wurden alle Besuche untersagt. Erst nachdem die US-Armee in Nürnberg einmarschiert war, konnte Hala ihr Kind wieder in die Arme schließen. Vater Feodor war im November 1943 gestorben – Hala mit neunzehn Jahren schon Witwe geworden. Nach der Befreiung wurden Mutter und Kind in die Sowjetunion repatriiert. Im August kamen sie im Dorf Ploskoje, wo die Eltern von Hala lebten, an.

Das ist eine Lebensgeschichte von hunderten „Fremdarbeiterkindern“, Söhnen und Töchtern von Zwangsarbeiterinnen. Ihre Lebensspuren zu finden, ihre verdrängte Geschichte und die ihrer Eltern zu erzählen ist das Anliegen der Publikation „Andreas, Lubov, Jacques. Vergessene Fremdarbeiterkinder in Nürnberg während des Zweiten Weltkrieges“ von Gabi Müller-Ballin. Im Februar 1942 hatte Heinrich Himmler verfügt, dass vornehmlich aus den besetzten Ostgebieten Arbeitskräfte ins Deutsche Reich zu verpflichten seien, um insbesondere die Schwer- und Rüstungsindustrie mit den nötigen Arbeitskräften zu versorgen. Etwa drei Millionen Frauen und Männer aus der Sowjetunion mussten oft unter schwersten und grausamen Bedingungen Zwangsarbeit verrichten. Aber auch aus den westlichen Ländern wurden zivile Arbeitskräfte nach Deutschland verschleppt; im September 1944 waren es knapp sechs Millionen – etwa ein Drittel davon Frauen. Während deutsche Mütter mit dem Mutterkreuz ausgezeichnet wurden, waren Kinder von „nichtarischen“ Frauen unerwünscht.

Die Publikation ist in zwei große Kapitel unterteilt: Zunächst wird der historische Hintergrund skizziert, der die Fragen beantwortet: Wer waren die Kinder, wann und wo wurden sie geboren, wie lange lebten sie und wer waren ihre Eltern. Im Hauptteil des Buches werden die Biografien von 321 „Fremdarbeiterkindern,“ vom Säugling bis zum Kleinkind rekonstruiert. Dabei werden Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Verbindendes der individuellen Schicksale aufgezeigt. Etwa ein Viertel der ausländischen Kinder überlebte nicht: sie starben schon bei oder kurz nach der Geburt infolge von Unterernährung, Infektionen wie Lungenentzündungen oder einen „plötzlichen Tod“.

Akribisch zeichnet Gabi Müller-Ballin die Lebensspuren der „fremdvölkischen“ Kinder nach. Die entweder wie ihre Mütter in Lagerunterkünften leben mussten, privat untergebracht waren oder schon nach wenigen Tagen in den Geburtskliniken verstarben. Obwohl mittlerweile einige Arbeiten zum Thema Zwangsarbeit vorliegen, erinnert sei an das bereits 1985 erschienene Standardwerk von Ulrich Herbert, betritt die Autorin Neuland, indem sie den Jungen und Mädchen Gesicht und Namen gibt. Dazu waren umfangreiche und aufwendige Archivrecherchen insbesondere im städtischen Archiv sowie im Bayerischen Staatsarchiv Nürnberg notwendig. Das Ergebnis ist ein mit Empathie und Engagement verfasstes Gedenkbuch – Gabi Müller-Ballin hat die vielen unschuldigen Kinder aus der Anonymität herausgelöst und sie als menschliche Individuen sichtbar gemacht. – (jgt)

Gabi Müller-Ballin: Andreas, Lubov, Jacques. Vergessene Fremdarbeiterkinder in Nürnberg während des Zweiten Weltkrieges, Metropol Verlag 2024, 260 S., Euro 24,00, Bestellen?