Der Mensch ist dem Wolf ein Mensch

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Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Foto: Jjshapiro / CC BY-SA 3.0

Fragmentarische Überlegungen zu einem kritisch-theoretischen Postanthropozentrismus anlässlich des 100. Jahrestages der Eröffnung des Institutes für Sozialforschung

Von Thomas Tews

In ihrer „Dialektik der Aufklärung“, einem Hauptwerk der Kritischen Theorie, schreiben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno von der „lückenlosen Ausbeutung der Tierwelt heute“. Es werde „an die Tiere erinnert, wenn ihre letzten Exemplare […] in unendlichen Qualen zugrunde gehen, als Kapitalverlust für den Besitzer, der die Treuen im Zeitalter des Betonbaus nicht feuersicher zu beschützen vermochte“. In einer Welt, in der die Menschen „den Rest des Universums unterjochen“ würden, gelte „aufs Tier zu achten nicht mehr bloß als sentimental, sondern als Verrat am Fortschritt“.[1]

Auch in seinem erstmals 1947 unter dem Titel „Eclipse of Reason“ erschienenen Buch „Zur Kritik der instrumentellen Vernunft“, einem weiteren Schlüsseltext der Kritischen Theorie, kritisiert Horkheimer die „Vorstellung vom Menschen als dem Herrn“, die „Anstrengungen des Menschen, die Natur zu unterjochen“, „die Gier des Menschen, seine Macht in zwei Unendlichkeiten hinein auszudehnen, den Mikrokosmos und das Universum“, den „Angriff der menschlichen Gattung auf alles, was sie von sich ausschließt“, sowie „die Kategorien und Methoden der wissenschaftlichen Intelligenz, in denen die Natur immer mehr unter dem Aspekt ihrer wirksamsten Ausbeutung“ erscheine. Die Natur werde „heute mehr denn je als ein bloßes Werkzeug des Menschen aufgefaßt“ und sei „das Objekt totaler Ausbeutung, die kein von der Vernunft gesetztes Ziel und daher keine Schranke“ kenne.[2]

Ein für die Thematik dieses Beitrages interessanter Kommentar Adornos findet sich in seiner Fragment gebliebenen, nachgelassenen Schrift „Beethoven. Philosophie der Musik“:

„Was mir an der Kantischen Ethik so suspekt ist, ist die ‚Würde‘, die sie im Namen der Autonomie dem Menschen zuspricht. Die Fähigkeit der moralischen Selbstbestimmung wird dem Menschen als absoluter Vorteil – als moralischer Profit zugeschrieben und insgeheim zum Anspruch der Herrschaft gemacht – der Herrschaft über die Natur. Das ist die reale Seite des transzendentalen Anspruchs, daß der Mensch der Natur die Gesetze vorschreibt. Die ethische Würde bei Kant ist eine Differenzbestimmung. Sie richtet sich gegen die Tiere. Sie nimmt tendenziell den Menschen von der Schöpfung aus und damit droht ihre Humanität unablässig in Inhumanität umzuschlagen. Fürs Mitleid läßt sie keinen Raum. Nichts ist dem Kantianer verhaßter als die Erinnerung an die Tierähnlichkeit des Menschen. Deren Tabuierung ist allemal im Spiel, wenn der Idealist auf den Materialisten schimpft. […] Den Menschen ein Tier schimpfen – das ist echter Idealismus. Die Möglichkeit der Rettung der Tiere unbedingt und um jeden Preis zu leugnen ist die unabdingbare Schranke ihrer Metaphysik.“[3]

Als Jacques Derrida am 22. September 2001 den Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt am Main erhielt, skizzierte er in seiner Dankesrede „das Inhaltsverzeichnis eines virtuellen Buchs über diesen Adorno-Preis“. Dieses „erträumte Buch“, das Derrida schreiben wollen würde, „um die Geschichte, die Möglichkeit und die Gunst dieses Preises zu interpretieren“, hätte „mindestens sieben Kapitel“. Zum siebten Kapitel führte Derrida aus:

„Ich komme schließlich zu dem Kapitel, das zu schreiben ich die größte Lust hätte, weil es den Weg nähme, der noch am wenigsten betreten, ja überhaupt gebahnt wurde, der aber, wie mir scheint, zu den entscheidendsten einer künftigen Lektüre Adornos zählt. Es geht um das, was man mit einem Generalsingular, der mich stets schockiert hat, ‚das Tier‘ nennt. Als gäbe es bloß ein einziges. Ausgehend von verstreuten Entwürfen oder Hinweisen, die in der gemeinsam mit Horkheimer in den Vereinigten Staaten verfassten ‚Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente‘ oder in seinem ‚Beethoven. Philosophie der Musik‘ zu finden sind, bislang aber kaum zur Kenntnis genommen wurden, würde ich zu zeigen versuchen (ich habe diesen Versuch an anderer Stelle bereits in Angriff genommen), dass wir es hier mit Prämissen zu tun haben, die mit großer Umsicht entfaltet werden müssten, ja mit dem Vorschein zumindest einer denkenden und handelnden Revolution, deren wir im Zusammenleben mit jenen anderen Lebewesen, die man die Tiere nennt, dringend bedürfen.“[4]

Eine neue, nachhaltige Form des Zusammenlebens von Menschen und Nichtmenschen erachtet Dipesh Chakrabarty in seinem 2022 erschienenen Buch „Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter“ als conditio sine qua non einer Lösung der Klimakrise, in die wir Menschen uns manövriert haben:

„Wenn wir uns die Klimakrise als ein in der historischen Zeit lösbares Problem vorstellen, denken wir an Lösungen, die theoretisch insofern Menschen und Nichtmenschen betreffen, wenn nicht einbeziehen, als alle vorstellbaren Lösungen von stabilen und nachhaltigen Beziehungen zwischen Menschen und Nichtmenschen (einschließlich Nichtlebewesen wie etwa der Erde) ausgehen.“[5]

Gerade in Klimawandel- und Massenartensterbenszeiten erscheint zum 100. Jahrestag der Eröffnung des Institutes für Sozialforschung (IfS) in Frankfurt am Main die von Horkheimer und Adorno, deren Namen auf ewig mit dem IfS verbunden bleiben werden, am Anthropozentrismus geübte Kritik von besonderer Relevanz für unsere Gegenwart und Zukunft. Sie zu einem Postanthropozentrismus weiterzuentwickeln, scheint eine der drängendsten Aufgaben zu sein, denen sich eine in der Tradition der Kritischen Theorie stehende Philosophie widmen sollte.

Literatur

Adorno 1993: Theodor W. Adorno, Nachgelassene Schriften. Abt. I: Fragment gebliebene Schriften. Bd. 1: Beethoven. Philosophie der Musik. Fragmente und Texte hrsg. von Rolf Tiedemann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993.

Chakrabarty 2022: Dipesh Chakrabarty, Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter. Aus dem Englischen von Christine Pries. Suhrkamp, Berlin 2022.

Derrida 2002: Jacques Derrida, Die Sprache des Fremden und das Räubern am Wege. Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer. Le Monde diplomatique, 11.01.2002.

Horkheimer 1967: Max Horkheimer, Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Hrsg. von Alfred Schmidt. S. Fischer, Frankfurt am Main 1967.

Horkheimer/Adorno 1981: Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981.

Anmerkungen

[1] Horkheimer/Adorno 1981, S. 283; 289; 291.
[2] Horkheimer 1967, S. 103 f.; 107.
[3] Adorno 1993, S. 123 f.
[4] Derrida 2002.
[5] Chakrabarty 2022, S. 86.