Ein Meisterwerk der Ideengeschichte

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Hans Jonas (1903-1993), deutsch-jüdisch-amerikanischer Philosoph, abtrünniger Schüler Martin Heideggers und IDF-Kämpfer im israelisch-arabischen Krieg 1948, untersucht in seinem zuerst 1958 erschienenen Buch die antike Gemengelage aus hellenistischer Logosphilosophie, jüdisch-christlichem Monotheismus, babylonischer Astrologie und persischem Dualismus.

Von Ingo Elbe

Die Gnosis ist für Jonas eine eigentümliche Verbindung all dieser Strömungen, die mit einer radikalen Umwertung ihrer Werte einhergeht. Gnosis wird begriffen als „dualistische transzendente Religion der Erlösung“, in der sich Mythos (‚Wissen‘ als bildhaft-personalisierte Erzählung von der Entstehung der Welt durch das Handeln höherer Wesen), Mystik (‚Erkenntnis‘ als Verschmelzung mit dem zu Erkennenden in einem Akt der Selbsttransformation) und Magie (Kenntnis von den Techniken der Entweltlichung hin zum reinen Geist) vereinen.

West-östliche Mimikry

Jonas arbeitet die „Mimikry“ heraus, die auch die Gnostiker im Verhältnis zu diesen Weltanschauungen im Prozess einer „Hellenisierung des Ostens“ und einer „Orientalisierung des Westens“ nach den Eroberungen Alexanders des Großen betrieben. Beinahe ein halbes Jahrhundert vor der postkolonialen Theorie analysiert hier also ein Philosoph Prozesse der kulturellen Hybridisierung und modifizierenden Anverwandlung in der Antike. Die Gnosis wird als Entdeckung der Idee des freien inneren Selbst und zugleich als radikale „akosmische Revolte“, als Denken absoluter Weltentfremdung, d.h. Furcht vor der psychophysischen Welt als Ganzer beschrieben: Leib und Seele werden demnach verachtet, nur das reine, lediglich negativ als Nicht-Welt bestimmbare, in die Welt verstreute göttliche „Pneuma“ wird als wertvoll betrachtet.

Das Buch erläutert sehr klar die Differenzen zwischen dem rationalistischen Erkenntnisbegriff der griechischen Klassik und dem irrational-mystischen Erkenntnisbegriff der Gnosis, zwischen griechischer pantheistischer Kosmos-Frömmigkeit, jüdisch-christlicher Schöpfungstheologie und gnostischem Akosmismus: Stellt Gott für die Griechen die vernünftige Ordnung der Welt dar und sind demnach nichtsinnliche Ideen das Wesen der Welt, so ist der Gott der Juden und Christen zwar kosmostranszendent, schafft aber die Welt. Für die Gnostiker dagegen ist der wahre Gott kosmostranszendent und ohne jede positive Beziehung zur Welt. Er ist das Ganz Andere, der Kosmos hingegen wird als Schöpfung eines bösen Demiurgen verstanden. Jonas erklärt sich diese Entwicklung hin zu einer radikal negativen Auffassung von Theologie und Selbst durch die Reflexion auf existentielle Dichotomien des Menschen (Freiheit inmitten der materiellen Welt zu sein), aber auch durch den Untergang der griechischen Polis, nach dem politisch institutionalisierte Wirksamkeits- und Harmonieerfahrungen (heute würde man vielleicht „Resonanzerfahrungen“ sagen) des Einzelnen im Verhältnis zum Ganzen nicht mehr möglich gewesen seien. Insbesondere an der Entwicklung des klassisch griechischen zum gnostischen Tugendbegriff zeige sich, wie sich hier der einstige Stolz auf eigene Vortrefflichkeit und Handlungsfähigkeit in Selbstverleugnung und Weltverachtung als Tugenden verwandle.

Revolte gegen den jüdischen Gott

Auch wenn das leider nur am Rande behandelt wird, zeigt Jonas zugleich, wie in der Gnosis häufig ein dämonisierender Judenhass präsent ist: werden doch der böse Weltschöpfer (Demiurg) und seine Archonten (die Herrscher der Weltsphären) oft als jüdisch betrachtet. Für den Gnostiker Marcion ist der Tanach als wörtliche Urkunde des verachtungswürdigen jüdischen Welt-Gottes mit seinem repressiven Gesetz zu verstehen, während er Teile des Neuen Testaments als Urkunde des absolut transzendenten wahren Gottes mit seinem Prinzip der Gnade (der freien Schenkung der Erlösung) deutet. „Christus kam, um den Gott der Juden zu vernichten“ fasst Jonas die Lehre des Gnostikers Saturninus zusammen. Der von Moses verkündete Gott sei „nicht der Vater unseres Herrn Jesu Christi“, so ein anderer Vertreter.

Der von der Gnosis unterstellte Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Gnade und Gesetz, zwischen dem reinen Licht auf der einen und der „teuflischen Intelligenz“, dem Neid und der Gier der Fürsten der Finsternis auf der anderen Seite, werden in der Nachzeichnung verschiedener gnostischer Systeme (Valentinianismus, Manichäismus, Marcion und andere) verfolgt und auch die verschiedenen Formen des Dualismus (abgeleitet oder ursprünglich), die dort postuliert werden, detailliert untersucht.

Nihilismus und Raserei

Der sprichwörtlich gewordene manichäische Dualismus und Kampf zwischen Gut und Böse sowie die Sehnsucht nach Erlösung als dem Ganz Anderen führen Jonas zufolge letztlich zur Verachtung der Welt, zur Selbstüberhebung über alle mundan als geltend unterstellten Werte („Verneinung jeder Gesetzesverbindlichkeit“), zur weltabgewandten Askese oder zur weltimmanenten Raserei. Jonas begreift die Gnosis also als Quelle des Nihilismus – mit Ethiken der asketischen Herabsetzung des sinnlich-seelischen Individuums, der ekstatischen oder durch Tod bewirkten Auslöschung desselben und der Indifferenz des inneren, angeblich nicht psychophysischen Selbst gegenüber moralischen Gesetzen: Für den wahren Menschen gebe es keine gültigen Gesetze. In der radikalsten Variante bedeute dies eine Verdammung jedes moralischen Gesetzes als dämonischen „Anschlag auf unsere Freiheit“, woraus ein „religiöser Immoralismus“ resultiere, der sogar die Verletzung des Gesetzes fordere. Das Gesetz (noch ungeschieden in Natur- und Moralgesetz) ist der Gnosis zufolge nichts als Zwang (in Gestalt des Moralgesetztes: psychischer Zwang). Der freie Pneumatiker soll sich also gegen den (oft: jüdischen) Gott, seine Schöpfung und seine Normen wenden, das ist das Einzige, was an Ethik übrigbleibt.

Die im modernen Denken auffindbaren Motive vom Tod Gottes (Nietzsche), der Freiheit als Losgerissensein von allem und der Existenz ohne Essenz (Sartre), der Verlassenheit und Geworfenheit (Heidegger) sowie der Sehnsucht nach dem Ganz Anderen werden am Ende des Buches mit gnostischem Dualismus, Transzendenzbegriff und Nihilismus verglichen. Auch wer wissen will, welche historischen Gedankengebäude hinter dem abstrusen ‚antikosmischen Satanismus‘ oder ‚Chaos-Gnostizismus‘ einiger skandinavischer Black-Metal-Bands und den bisweilen mörderischen Taten ihrer Mitglieder stecken, kann in diesem Buch fündig werden.

Jonas‘ Darstellung überzeugt durch die systematische Aufarbeitung des Materials, klare Begriffsbestimmungen und einen unprätentiösen und völlig unschwurbeligen Stil.

Hans Jonas: Gnosis. Die Botschaft des fremden Gottes, Suhrkamp 2022, Euro 22,00, Bestellen?

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