Leben, Werk und Zionismus als „Nationalhumanismus“

0
616

Vor 140 Jahren wurde Max Brod geboren

Von Claus-Ekkehard Bärsch
Erschienen in: Illustrierte Neue Welt, September / Oktober 2008

Am 22.12.1968 endete in Tel Aviv das von Geist und Eros reich erfüllte irdische Leben des zu seiner Zeit berühmten Max Brod, der 1884 in Prag geboren wurde und der, anders als die meisten jüdischen Dichter, Philosophen, Wissenschaftler und Intellektueller, schon in jungen Jahren Zionist wurde.

Es kommt hier nicht darauf an, Brods Leben und Werk mit eigenen Reflexionen zu charakterisieren oder mit Reflexionen über Reflexionen anderer zu behandeln. Der spezifische Zweck des Artikel besteht vielmehr im Hinblick auf den Gründer dieser Zeitschrift darin, Brods Bewusstsein vom Judentum und seinen spezifischen Zionismus so knapp wie möglich auf der Grundlage dreier Schriften darzustellen. Diese sind: „Im Kampf um das Judentum“, „Sozialismus im Zionismus“ und „Heidentum – Christentum – Judentum“. Vorher ist auf seinen Lebenslauf und die wichtigsten Bücher seines Gesamtwerkes einzugehen. Er hinterließ ein umfangreiches (81 Bücher, sehr zahlreiche Beiträge in Zeitschriften und Artikel in Tageszeitungen) und vielseitiges Werk.

Leben und Werk

Als Brod am 27. Mai 1884 in Prag geboren wurde, war die Zeit der Gleichheit der Juden vor dem Gesetz in Deutschland und Österreich erst 20 Jahre jung. In Prag lebten um 1900 415000 Tschechen und von den 35000 sich zur deutschen Sprache zählenden Einwohnern waren 25000 jüdisch. Der deutsche, österreichische und auch tschechische Antisemitismus wurde immer stärker.

Die Vorfahren Brods väterlicherseits, darunter Rabbiner und Musiker, lebten seit 300 Jahren in Prag. Seine Mutter Fanny, geborene Rosenfeld, stammte aus dem Landjudentum. Sein Vater hatte sich, aus der unteren Mittelschicht kommend, zum stellvertretenden Direktor einer Bank heraufgearbeitet und wurde ein richtiger Bildungsbürger. Brod liebte seinen Vater, fürchtete seine Mutter und hatte einen jüngeren Bruder und eine jüngere Schwester. Er absolvierte, wie die etwas jüngeren Dichter Franz Werfel (1890-1945, gestorben in Kalifornien) und Paul Kornfeld (1889-1942, ermordet in Lodz) und auch der berühmte Literat, Theater- und Literaturkritiker, Verfasser vieler Essays und Gründer der heute noch existierenden Zeitschrift „Die Literarische Welt“, Willy Haas (geboren 1891, gestorben 1973 in Hamburg) das Stephans-Gymnasium. Franz Kafka, Hugo Bergmann, Felix Weltsch und Hans Kohn hingegen waren Schüler des strengeren Altstädter-Gymnasiums. Alle wurden in Prag geboren und waren, mit der Ausnahme von Franz Werfel, auf der Suche nach dem und darüber hinaus ihrem Judentum.

Hans Kohn (geboren 1891 und gestorben 1971 in Philadelphia), der nach seiner langen russischen Gefangenschaft in den zwanziger Jahren für zionistische Organisationen arbeitete und schrieb, publizierte 1930 ein Buch über den Philosophen, von dem fast alle Prager Zionisten beeinflusst wurden: „Martin Buber. Sein Werk und seine Zeit“, Neudruck Köln 1961. Hans Kohn war nur einige Jahre in Palästina, ging 1934 in die USA, forschte, publizierte dort über Nationalismus und lehrte an mehreren Universitäten als Professor für Politische Wissenschaft. Der Philosoph Samuel (Schmul) Hugo Bergmann hingegen, der in Prag als Bibliothekar arbeitete, ging gleich nach dem Ersten Weltkrieg nach Palästina. Dort organisierte er die werdende Universitätsbibliothek, wurde deren Leiter und 1935 Professor für Philosophie. Brod wurde von seinem Freund Samuel Hugo Bergmann, der ebenfalls stark von Martin Buber beeinflusst wurde und für seine vielen Werke u. a. „Einführung in die Logik“, 1954 den Israel-Preis erhielt, nach 1910 in vielen langen Gesprächen in die Literatur zum Judentum und Zionismus eingeführt.

Noch enger als zu Bergmann und auch Franz Werfel war die Freundschaft zu dem Philosophen Felix Weltsch (geboren 1884, gestorben 1964 in Jerusalem), der neben seiner Tätigkeit als Publizist und Bibliothekar von 1919 bis 1939 die zionistische Wochenschrift „Selbstwehr“ herausgab. Innig war die 1902 begonnene und andauernde Freundschaft zu Kafka, was allein dem Briefwechsel entnommen werden kann. Die Briefe Kafkas an Brod beginnen meist mit „Liebster Max“. Für Kafkas Art der Beziehung zu Brod und die Weise, wie diese ausgedrückt wurde, sind folgende zwei Sätze aus einem Geburtstagsbrief aufschlussreich:

„Denn weißt Du, Max, meine Liebe zu Dir ist größer als ich und mehr von mir bewohnt, als dass sie in mir wohnte und hat auch einen schlechten Halt an meinem unsicheren Wesen. …. Kurz, ich habe Dir das schönste Geburtstagsgeschenk ausgesucht und überreiche es Dir mit einem Kuss, der den unfähigen Dank dafür ausdrücken soll, dass Du da bist.“[1]

Über Brod als Nachlassverwalter Kafkas braucht hier nichts ausgeführt zu werden. Anzumerken ist indes, dass Brod Kafkas Genie schon erkannte als dieser noch keine einzige Zeile publiziert hatte und stets versuchte, Kafkas Schreibhemmungen zu mildern.

Zu Brods Lebenslauf reicht hier folgendes: Er studierte Jura, wurde 1907 an der Deutschen Universität in Prag promoviert, war bis 1924 bei der Postdirektion Prag beamtet und ab 1924 im Pressedepartement des Ministerpräsidenten der Tschecho-Slowakischen Republik angestellt. Von 1928 bis zu seiner Emigration im Jahre 1938 war er Theater- und Musikkritiker im „Prager Tagblatt“. Er war der Mittelpunkt des engen „Prager Kreises“ (Felix Weltsch, Oskar Baum und nach Kafkas Tod Ludwig Winder). Die engen Beziehungen zu weiteren literarischen Kreisen Prags (Paul Leppin, Egon Erwin Kisch, Paul Kornfeld, Ernst Weiß, Hermann Grab, Rudolf Fuchs) sowie der literarischen Welt Böhmens[2], Österreichs und Deutschlands waren sehr intensiv. Max Brod sprach sehr gut tschechisch und übersetzte Opernlibretti Leos Janáĉeks, übersetzte und dramatisierte die „Abenteuer des braven Soldat Schweijk“ von Jaroslav Hašeks und machte beide berühmt. Zum Netzwerk seines Freundes- und Bekanntenkreises gehörten so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Robert Walser, Kurt Tucholsky, Heinrich und Thomas Mann, Christian von Ehrenfels, Alfred Weber und Einstein, mit dem er musizierte. Brod, Mitbegründer des „Jüdischen Nationalrates“ der ersten Tschechoslowakischen Republik erhielt 1930 den tschechoslowakischen Staatspreis für seinen 1925 erschienenen Roman „Rëubeni, Fürst der Juden. Ein Renaissanceroman.“. Einen Tag vor dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Prag, am 15.03.1938, emigrierte er nach Palästina, wurde kurz darauf Dramaturg der „Habima“, lernte ordentlich Ivrit und schrieb nach einer gewissen Pause noch sehr viel.

Max Brod (r.) mit den Regisseuren Baruch Tshemerinsky und Zvi Friedland (r.), Foto: GPO Israel / CC BY-SA 3.0

Brod schrieb in seinen Romanen, Gedichten, Dramen und Erzählungen stets frei und modern über Sex, Eros, Liebe und Ehe, hatte aber – anders als es Mode wurde – die Intension, die Haltungen, Entscheidungen und Handlungen seiner Protagonisten mit ethisch-moralischen Reflexionen zu verknüpfen. Dies geschah zunächst unter dem Einfluss Schopenhauers in der geforderten Indifferenz gegenüber jeglicher Moral und dann unter der Affirmation der Moralität und des jüdischen Monotheismus. Mit seinen frühen Erzählungen aus den Jahren 1906 („Tod den Toten“), 1907 („Experimente“) sowie dem Roman „Schloß Nornepygge. Roman eines Indifferenten.“ (1908) wurde er in Berliner Kreisen (Ludwig Rubiner, Franz Pfemfert und der junge Kurt Hiller) begeistert anerkannt. Mit der 1910 beginnenden Ablösung von Schopenhauer widmete er sich in den Romanen „Jüdinnen“ (Berlin 1911) und „Arnold Beer. Das Schicksal eines Juden“ (Berlin 1912) einer lebenslang währender Darstellung jüdischer Themen in der Dichtung.

Mit dem Roman „Tycho Brahes Weg zu Gott“ (1915) wurde er weit über Prag hinaus bekannt. Tycho Brahe, ein tatsächlich zu seiner Zeit berühmter Mathematiker am Hofe Rudolf II., entscheidet sich unter dem Einfluss eines Rabbiners dazu, die Gefährdung der Position seines Konkurrenten Johannes Keppler am Hofe Rudolf II. abzuwenden. Weitere jüdische Themen werden in „Das gelobte Land“ (Leipzig 1917), „Eine Königin Esther“ (Leipzig 1918), „Erlöserin. Ein Hetärengespräch“ (Berlin 1921), „Eine Frau, die nicht enttäuscht“ (1933), „Unambo. Roman aus dem jüdisch-arabischen Krieg.“ (1949) und auch in dem Roman „Der Meister“ dargestellt. Nicht zu vergessen ist die Abhandlung „Johannes Reuchlin und sein Kampf“ (1965) gegen den Antisemitismus. Von den Romanen muss „Das große Wagnis“ (1918) erwähnt werden, weil darin – vor A. Huxley und G. Orwell – eine Anti-Utopie entwickelt wird. In dem Roman „Galilei in der Gefangenschaft“ (1948) wird der Konflikt zwischen Wissenschaft und Ethik sublim entfaltet.

Für seinen besten Roman hielt Max Brod „Stefan Rott oder das Jahr der Entscheidung“ (1931). Stefan Rott muss sich – Brod verlagert das Geschehen in das Jahr 1914 – zwischen dem materialistischen Sozialismus seines großbürgerlichen Freundes und der thomistischen Christologie seines kleinbürgerlichen Lehrers entscheiden. Außerdem ist er in die Mutter seines Freundes – laszive Schönheit, Repräsentantin der Genussbourgeoisie – verliebt.

Schließlich muss erwähnt werden, dass Max Brod, um sein Verhältnis zu den Deutschen zu charakterisieren, den Begriff „Distanzliebe“ erfunden[3] und sich in seiner Autobiographie dazu bekannt[4] hat.

Zionismus als „Universalhumanismus“

Franz Rosenzweig hat in der Zeitschrift „Der Jude“ 1923[5] unter dem Titel „Apologetisches Denken“ sowohl Leo Baecks „Das Wesen des Judentum“ (Berlin 1920) als auch Brods erstes religionsphilosophisches Hauptwerk „Heidentum – Christentum – Judentum“ (München 1921) rezensiert. Beide Bücher seien „zwei bedeutende Werke aus neuer Zeit“[6] zum Problem des „jüdischen Denkens“. Brod gehe nicht nur vom lebendigen Erleben des Krieges im Hinblick auf seine Lehre vom „edlen und unedlen Unglück“ aus und habe nicht nur die „Wirklichkeit des historischen Judentums durchgearbeitet“[7], sondern zur „Erschließung einer neuen Methode auf dem uralten Gebiet talmudischer Studien beigetragen.“[8]

Man kann Brods Zionismus besser verstehen, wenn man seine spezifische Auffassung vom Zionismus aus der Perspektive von „Heidentum – Christentum – Judentum“ wahrnimmt. Brods Lehre vom „edlen und unedlen Unglück“, die seiner Ansicht nach eine universale, über das Judentum hinausgehende Bedeutung hat, basiert auf der Unterscheidung von „Diesseits“ und „Jenseits“[9]. Für das Heidentum sei das Jenseits nur eine „Diesseitsfortsetzung“, das Christentum wiederum stehe unter der „Idee der Diesseitsverneinung“[10]. Das Judentum vermeide die Ausschließlichkeit von Diesseits und Jenseits, kenne beide Sphären, trenne beide, vermeide die Ausschließbarkeit und sei diesbezüglich zweigleisig. In der Lehre vom „edlen und unedlen Unglück“ wird das Sein in zwei Bereiche unterteilt. In dem einen unterliegt der Mensch der Notwendigkeit. Weil in diesem Segment durch menschliches Tun nichts verändert werden kann, ist es der Bereich des „edlen Unglücks“. Weil in dem anderen Bereich Veränderungen durch menschliches Tun möglich sind, ist hier das Unglück „unedel“. Es gibt also „neben dem unabwendbaren Unglück auch noch ein abwendbares“[11]. Das Unglück das abwendbar und unedel ist verpflichtet zur Handlung und Tat. Damit sind nicht nur die kleinen Übel gemeint, sondern auch Krieg, Völkerhass und soziale Unterdrückung. Nach jüdischer Auffassung sei „der Mensch Geschöpf und Schöpfer zugleich“[12], die Anerkennung oder Nichtanerkennung beider Bereiche ist nach Brod eine Haltung der Seele:

„Das Judentum ist die Grundhaltung der Seele, die beide Bereiche anerkennt, edles und unedles Unglück“[13]

In seiner Autobiographie betont Brod, dass sich in dieser Grundhaltung „auch andere große Repräsentanten des ganzen Menschengeschlechts jenseits von Rasse und Volkstum vereinigt finden.“[14] Dementsprechend versteht Brod seinen Zionismus als „Nationalhumanismus“[15] und, in Rücksicht auf die anderen Nationen, als „Bekenntnis zur Menschheit“.[16] Nach Brod soll jeder Jude den Nationalismus bekämpfen, zugunsten einer „allmenschlichen Verbrüderung“ und zugleich „mitten in der jungen jüdischen Nationalbewegung stehen“.[17] Die Verpflichtung zur Tat in der Sphäre des „unedlen Unglücks“ gilt auch im Hinblick auf die ökonomische Struktur der Gesellschaft; sein Ziel ist ein an der Humanisierung der Arbeit orientierter Sozialismus.

Brods Zionismus ist nicht dem durch Chaim Weizmann präsentierten syntetisch-praktischen Zionismus, nicht dem revisionistischen Flügel Vladimir Jabotinskiys und auch nicht dem zionistischen Marxismus (Poale Zion) zuzuordnen. Die Art des Zionismus, die er bevorzugt, steht in der Nähe zur sozialistischen Bewegung „Hapoel Hazair“[18]. Brod lehnt sowohl die Allmacht des Einzelnen im Sinne des alten Liberalismus als auch den Vorrang des Kollektivs (Klasse oder Nation) ab. Seine Ausführungen über die Aufhebung der entfremdeten Arbeit sind heute noch lesenswert[19].

Brods abschließende Bemerkung über die verschiedenen sich ergänzenden Konzepte des „Sozialismus im Zionismus“ führen uns in das Zentrum seines Bewusstseins von Judentum und Zionismus. Denn all diese Konzeptionen stammen seiner Überzeugung nach „aus der großen allmenschlichen Sehnsucht des Judentums“[20] und die 103 Seiten umfassende Schrift über „Sozialismus im Zionismus“ aus dem Jahre 1920 schließt mit dem Satz:

„Der Zionismus in seinem irrationalen unbeweisbaren, daher festesten Kern ist schließlich nichts anderes als gläubiges Vertrauen auf das religiöse und soziale Genie des jüdischen Volkes.“[21]

Abschließend soll hier noch auf das eingegangen werden, was heute für viele im Hinblick auf den Zionismus Anlass zur Kritik ist, nämlich auf die Araber-Frage. Max Brod hatte in der Araber-Frage dieselbe Haltung bezogen wie Martin Buber. Martin Buber hat aus seiner Philosophie des Dialogs politisch-aktuelle Konsequenzen gezogen. Martin Buber gehört zu den Gründern der Bewegung Brith Schalom, deren Ziele Friede und Brüderschaft mit den Arabern sind. Brod plädiert in seiner Autobiographie dafür, dass „ein Mann wie Buber in die Regierung des jungen Staates gehört. Eines solchen einzigartigen Mannes von hoher Weisheit, Tatkraft und internationalem Ruf sich in der Zeit der Geschichtswende und inneren Umwandlung, Umschulung unseres Volkes, nicht zu bedienen, das grenzt gerade an Verschwendungssucht. Es ist, wie gesagt, unbegreiflich … Martin Buber ist, neben anderen, auch ein großer Politiker. Es hätte nicht geschehen dürfen, dass er in den entscheidenden Epochen beiseite steht. Man wird es in Hinkunft einmal, in historischer Rückschau, als einen unserer schwersten Fehler, als trauriges Kuriosum anführen.“[22]

Religionsphilosophie als Antwort auf Auschwitz

Brod nannte die politischen Ereignisse, von denen alle Opfer des Krieges und des Nationalsozialismus getroffen wurden „Attacken erlebter Ungerechtigkeit“. Brod antwortete auf diese Fragen philosophisch und empfand die Suche nach der Antwort als Glück:

„Allen diesen Attacken erlebter Ungerechtigkeit setzte ich meine Unsterblichkeitslehre und die ‚Lehre vom Leiden Gottes‘ entgegen. … Ich begab mich auf unerforschte Wege. Viele Jahre habe ich damit zugebracht, zu meinem Werk ‚Diesseits und Jenseits‘ Material zu sammeln, eigenen Einfällen nachzulaufen und sie mit den Gedanken der großen Denker, vor allem mit denen Platons zu vergleichen. Diese Arbeit brachte mir viele Stunden namenloses Glück.“[23]

Die beiden Bände von „Diesseits und Jenseits“ sind später unter den Titeln „Das Unzerstörbare“ und „Über die Unsterblichkeit der Seele“ verlegt worden. In roher Reduktion der Komplexität dieses religionsphilosophischen Hauptwerkes sei nur dies hier angemerkt:

In der Kausalstruktur der Natur liegt nach Brod die Ursache des Unrechts und der Zerstörung der Güter des Lebens und das Leben selbst. Deshalb entwickelt Brod die Lehre von der „Zersprengung des Kausalgefüges“ bzw. der „Durchbrechung des Kausalzusammenhangs“ der Natur. Der „Verzicht auf Stärke aus Stärke“ sei – ausführlich entwickelt Brod vier Sphären – durch die „freie Tat“, „Wissenschaft“ und das „religiöse Erlebnis“ im Hinblick auf das unendliche Sein möglich. Die Voraussetzung dafür sei die „Unsterblichkeit der Seele“ und Gott als „Sein und Werden“. Darüber hinaus begründet er, sich von der philosophischen Theodizee und christlichen Religion distanzierend, das Theologem „Gott will leiden“. Dies geschehe nicht für die Menschen, sondern sei so wie es ist. Das zu entwickeln hatte sich bisher niemand getraut. Ohne Zweifel ist Brods Lehre eine hochinteressante Deutung des Monotheismus hinsichtlich des so genannten Bösen sowie der Gewalt in der Welt.

Aber ich fürchte, die Menschen ertragen lieber Gewalt als den Glauben, Gott wolle durch und in der Schöpfung leiden – aber nicht für die Menschen.

Anmerkungen:
[1] In: Dichter, Denker, Helfer. Max Brod zum 50. Geburtstag, hrsg. von Felix Weltsch, Mährisch-Ostrau, 1934, S. 65.
[2] Zur Bedeutung der sehr großen Zahl jüdisch-deutscher Dichter in Böhmen und Mähren. vgl., Jürgen Serke: Böhmische Dörfer. Wanderungen durch eine vergessene literarische Landschaft, Hamburg 1987.
[3] In dem Roman „Eine Frau, die nicht enttäuscht“ aus dem Jahre 1933.
[4] Streibares Leben, S. 52.
[5] S. 457-465.
[6] ebd., S. 459.
[7] ebd., S. 461.
[8] ebd., S. 461.
[9] ebd., S. 11.
[10] ebd., S. 11.
[11] Heidentum-Christentum-Judentum, S. 29.
[12] ebd.., S. 65.
[13] ebd., S. 168.
[14] Streitbares Leben, S. 337.
[15] Im Kampf um das Judentum, S. 60.
[16] ebd., 46ff.
[17] ebd., S. 60.
[18] Sozialismus im Zionismus, Wien/Berlin, S. 12, 73.
[19] ebd., S. 42ff.
[20] ebd., S. 73.
[21] ebd., S. 108.
[22] Streitbares Leben, S. 334.
[23] ebd., S. 324.