„Jüdisch – Sächsisch – Mentshlich“

0
157

Der Freistaat Sachsen begeht 2026 ein landesweites „Jahr der jüdischen Kultur“ – 100 Jahre nach Gründung des ersten sächsischen Landesverbandes der jüdischen Gemeinden. Unter dem Titel „Tacheles“ und dem Motto „Jüdisch – Sächsisch – Mentshlich“ werden mit Projekten, Veranstaltungen und Ausstellungen in ganz Sachsen ein Jahr lang die reichhaltige jüdische Kultur und Geschichte in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Landes, aber auch unwiederbringliche Verluste, sichtbar und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Das aus dem Jiddischen bzw. Hebräischen stammende Wort „Tacheles“ steht für die freie Meinung und das daraus resultierende offene Gespräch/den Diskurs, den Dialog auf Augenhöhe; und in der Programmatik des Themenjahres für das Selbstbewusstsein und die Selbstverständlichkeit jüdischer Stimmen und Perspektiven in Sachsen, denen menschlich, gesellschaftlich und kulturell – historisch und gegenwärtig – Gehör und Sichtbarkeit verschafft werden soll. „Tacheles“ bedeutet Freiheit – aber auch Verantwortung. Keine Meinungsbildung ohne Bildung. Auch dafür steht das Themenjahr.

„Mit ‚Tacheles‘ greifen wir die insbesondere in Dresden und Leipzig geführten Debatten über die museale Repräsentanz jüdischer Geschichte und Kultur auf. In der Diskussion darüber, wie wir dieses jüdische Sachsen präsentieren wollen, stellte sich schnell heraus: Ein dynamisches, Regionen übergreifendes Format ist besser als ein statischer Ort. Daher wollen wir zum ersten Mal ein landesweites Themenjahr für ganz Sachsen gestalten,“ erklärt Barbara Klepsch, die Sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus. „Gerade nach den Ereignissen des 7. Oktober sind eine klare Haltung und die Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft zentral. Unter dem Motto ‚Jüdisch – Sächsisch – Mentshlich‘ wollen wir nicht nur die vielen und faszinierenden historischen Zeugnisse sichtbar machen, sondern insbesondere ein Forum bieten für Begegnungen und Austausch mit der jüdischen Kultur in Sachsen und ihren Vertreterinnen und Vertretern.“

Ziel des Themenjahres ist es, jüdische Kultur und Geschichte als selbstverständlichen Teil der Kultur und Geschichte Sachsens zu sehen und zu verstehen. Es soll eine umfassende und zugleich kritische Bestandsaufnahme des Umgangs mit dem kulturellen und historischen jüdischen Erbe Sachsens ermöglichen und dem bereits Vorhandenen eine größere Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit verleihen. Unter aktiver Einbeziehung jüdischer Stimmen und Perspektiven werden aber auch neue Zugänge, Repräsentationsformen und Vermittlungsangebote aufgenommen. Das Themenjahr richtet sich an alle Kultursparten, Museen, Theater, Kinos und andere kulturelle, wissenschaftliche, bildende und kirchliche Einrichtungen sowie Vereine, Initiativen und Gruppen im Freistaat. Es möchte die Begegnung und den Austausch zwischen der jüdischen Gemeinschaft und der Mehrheitsgesellschaft Sachsens fördern und zugleich das Wissen über und das Verständnis für jüdisches Leben, jüdische Kultur, Tradition und Religion erweitern. Eine im Kontext des Themenjahres entstehende digitale Plattform soll neben allen Veranstaltungen auch alle Projekte sowie Akteurinnen und Akteure repräsentieren und über 2026 hinaus nachhaltig vernetzen.

In seiner Programmplanung orientiert sich das Themenjahr am jüdischen Feiertagskalender, beginnend mit Chanukka 5786, am 14. Dezember 2025. Das Projektteam des Themenjahres ist am Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz (smac) unter der Museumsleitung von Dr. Sabine Wolfram im früheren Schocken-Kaufhaus angesiedelt und hat damit seinen Sitz an einem zentralen Ort jüdisch-sächsischer Geschichte. Die Projektleitung hat die Leipziger Kulturwissenschaftlerin Anja Lippe übernommen. Als Sprecherin konnten die Verlegerin Dr. Nora Pester und als künstlerischer Berater Küf Kaufmann, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, gewonnen werden.

Das Themenjahr wird vom Freistaat Sachsen unter Federführung des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Kultur und Tourismus (SMWK) getragen und von einem prominent besetzten Kuratorium unter der Leitung von Dr. Nora Goldenbogen, Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden, und Barbara Ludwig, Oberbürgermeisterin a. D. der Stadt Chemnitz, fachlich beraten und unterstützt.
Ein Förderprogramm für Projekte im Rahmen des Themenjahres wird bei der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen aufgelegt.

Stimen zum Themenjahr

Dr. Nora Goldenbogen: „Die jüdische Gemeinschaft in Sachsen bringt sich sehr gern in die Vorbereitung und Durchführung des ‚Jahres jüdischer Kultur in Sachsen‘ ein. Wir sind der Meinung, dass gerade in diesen politisch unruhigen Zeiten mit dem Themenjahr 2026 eine wunderbare Möglichkeit besteht, jüdische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Freistaat Sachsen mit vielfältigsten künstlerischen Mitteln darzustellen. Besonders wichtig ist uns auch, dass die sächsischen Regionen insgesamt, also nicht nur die großen Städte einbezogen werden und dass jüdische Perspektiven einen großen Raum einnehmen werden.“

Barbara Ludwig, Oberbürgermeisterin a. D. der Stadt Chemnitz: „Im Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen geht es auch darum, das Leben junger Jüdinnen und Juden mit in den Fokus zu nehmen. Nicht selten verlassen hier geborene Juden den Freistaat. Zu selten ist Sachsen für junge Juden aus aller Welt ein Ort, an dem sie ihre Familien gründen und heimisch werden Mit Blick auf die Zukunft jüdischen Lebens werden wir einen Fokus auf Veranstaltungen und Angebote legen, die alle Kinder und Jugendlichen ansprechen sollen. Der Holocaust ist ein ganz wesentlicher Teil des Bildungskanons in unseren Schulen. Jüdisches Leben, jüdische Kultur als selbstverständlichen, traditionellen Teil unserer Geschichte und Kultur zu vermitteln, ist ebenso relevant.“

Dr. Nora Pester: „Anspruch, Ziel und Glaubwürdigkeit dieses Themenjahres werden sich daran messen lassen, dass es uns gelingt, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vor allem aus jüdischen Perspektiven zu erzählen und dabei auch Ambivalenzen und Konflikte nicht auszublenden und wie Antisemitismus unsere demokratische Ordnung bedroht.“

Hintergrund zu „Tacheles“

„Tacheles“ repräsentiert die jüdische Tradition einer respekt- und verantwortungsvollen Streitkultur. Diese ist untrennbar verbunden mit dem Wert des lebenslangen Lernens, Bildens, des Reflektierens, Abwägens, des Aufklärens und Argumentierens. „Tacheles“ heißt, Positionen zu beziehen und anzuerkennen, Ambivalenzen und Widersprüche zuzulassen und auszuhalten. In der konkreten Auseinandersetzung mit der sächsisch-jüdischen Vergangenheit und Gegenwart gilt es, mit „Tacheles“ Schweigen, Vergessen und Verdrängen überwinden. „Tacheles“ ist zudem in besonderer Weise mit dem Ende der DDR und der Wendezeit verbunden. Die Ostberliner Band „Tacheles“ und das mittlerweile verschwundene Kunsthaus „Tacheles“ in Berlin stehen sinnbildlich und real für die Freiheit des Wortes und der Kunst. Sie sind Ausgangspunkt und Anspruch des Themenjahres für jüdische Perspektiven/Narrative in einem ostdeutschen Bundesland.

(Vorläufige) Webseite: https://www.smac.sachsen.de/jahr-der-juedischen-kultur-in-sachsen-2026.html