Leugnen, verdrängen, auslöschen

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Ehemalige Synagoge Ermreuth (Landkreis Forchheim). 1938 geschändet aber nicht zerstört, nach dem Krieg als Lager genutzt, nach umfangreichen Renovierungsarbeiten 1994 als Museum und Ort der Begegnung eröffnet. Foto: Jim Tobias/nurinst-archiv

Auch wenn insbesondere 2021 zum Jubiläum „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ mit großem Aufwand an das reiche kulturelle jüdische Erbe erinnert wurde, tat man hierzulande nach 1945 lange Zeit nahezu alles dafür, die letzten Überreste, zumeist steinerne Zeugnisse, ebendieser Kultur zu beseitigen.

An 2.200 Standorten, an denen im heutigen Deutschland einst Synagogen und Betstuben existierten, waren 1945 noch mehr als 1.200 Gebäude vollständig oder in Teilen vorhanden, schreibt Peter Seibert, emeritierter Professor für Literatur- und Mediengeschichte. Doch deren finale Beseitigung setzte unmittelbar nach Kriegsende ein. Ob nun durch Abriss, Umbau oder Umnutzung, das Auslöschen der letzten Spuren, die an das jüdische Kulturerbe erinnerten, war eine konsequente Folge der Rassenpolitik des NS-Regimes. Denn die Hoffnung, dass mit der militärischen Niederlage Hitlerdeutschlands und der alliierten Besatzung der Antisemitismus verschwinden würde, war ein Trugschluss. Eine von der US-Militärregierung durchgeführte Umfrage aus der unmittelbaren Nachkriegszeit war deutlich: 19 Prozent der Deutschen bezeichneten sich als Nationalisten, 22 Prozent als Rassisten, 21 Prozent als Antisemiten und 18 Prozent sogar als radikale Antisemiten.

Es sollte bis zum Ende der 1980er Jahre dauern, bis eine offizielle Erinnerungspolitik mit dem Aufbau von jüdischen Museen, Gedenkstätten und Lernorten, die oft in ehemaligen Synagogen errichtet wurden, die deutsche Gedenkkultur ihre weltweite Anerkennung fand. Mit der „Wiedergutwerdung der Deutschen“ (Eike Geisel) wurde letztlich auch die Dauerkarte für den Eintritt in den Club der zivilisierten Nationen gelöst. Interessant dabei ist, dass dieser erinnerungskulturelle Paradigmenwechsel oft von lokalen Initiativen aus der Zivilgesellschaft ausging, die sich dafür einsetzten, die Gebäude ehemaliger Synagogen als schützenswerte Denkmäler zu erfassen oder als Begegnungsorte und damit als kulturelles, jedoch säkulares Erbe zu nutzen. Denn Juden, die in den restaurierten Gotteshäusern hätten beten können, gab es nicht mehr.

Peter Seibert betrachtet sein Buch, das er „weniger als akademisch-wissenschaftliche Arbeit, sondern eher als politische Arbeit“ und als Kritik an der „Geringschätzung des jüdischen Kulturerbes“ verstanden wissen will, auch als einen Beitrag zum Kampf gegen den aktuellen grassierenden Antisemitismus. Wenngleich der Autor vorwiegend die Zeit bis zum Ende der 1980er Jahre beschreibt. Dabei beklagt er, dass nach der fast vollständigen Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten kein gesellschaftlicher Konsens im Land der Täter bestand, wenigstens die wenigen materiellen Zeugnisse der jüdischen Kultur zu bewahren. Und: zumindest mit den baulichen Überresten „respektvoll und sensibel“ umzugehen. Doch diese Bereitschaft der deutschen Tätergesellschaft war in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg einfach nicht vorhanden. Die Gründe waren vielfältig: unentschuldbare Gedankenlosigkeit, Ignoranz, offener Antisemitismus oder gar Leugnung der Shoa.

Umso wichtiger ist sein Buch „Demontage der Erinnerung“, das sich auf umfangreiche eigene Recherchen sowie die einschlägige Sekundärliteratur stützt, dokumentiert es doch in erschreckendem und kaum bekannten Ausmaß den perfiden Versuch, die Erinnerung an das jüdische Leben im Land der Täter sowie an ein Menschheitsverbrechen endgültig auszulöschen. – (jgt)

Peter Seibert, Demontage der Erinnerung. Der Umgang mit dem jüdischen Kulturerbe nach 1945, Berlin 2023, 400 Seiten, 26,00 €, Bestellen?