Eine Stimme gegen Rechtsaußen und für die sozial Unterdrückten

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Annie Ernaux, Foto: Frankie Fouganthin / CC BY-SA 4.0

Wie der Deutschlandfunk Annie Ernauxs Unterschrift für die Kampagne Strike Germany einordnet

Von Karl-Josef Müller

Vier Monate nach dem Massaker der Hamas rückt die Empörung über das Abschlachten von Menschen mehr und mehr in den Hintergrund. Verdrängt wird es von der Frage nach einer möglichen Erklärung, wenn nicht gar einer Legitimation für ein Geschehen, dessen Einzelheiten man sich nicht vorstellen mag.

In einem Beitrag des Deutschlandfunks vom 19. Januar 2024 ging es um die Frage Gespalten wie in Deutschland? Frankreichs Kultur und die Antisemitismus-Debatte. In beiden Ländern, so die Moderatorin, sei „ein deutlicher Anstieg von antisemitischen Übergriffen“ zu verzeichnen. Wie kann es sein, „dass Menschen den Terror der Hamas entschuldigen“. Dann ist davon die Rede, dass die Debatte um Antisemitismus „so aufgeheizt“ sei, dass „ein Miteinander fast unmöglich scheint“, wobei offengelassen wird, wer genau dieses Miteinander bilden sollte oder könnte.

Strike Germany lautet der Name einer Kampagne, die fordert, „Deutschland wegen seiner spezifischen Antisemitismus Definition zu boykottieren.“ Eine der Unterzeichnerinnen ist „auch die französische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Annie Ernaux.“ Die Frage, wie diese Unterschrift zu bewerten und einzuordnen sei, steht im Zentrum des Interviews mit der „in Paris lebende Kulturjournalistin Romy Straßenburg“.

Zu Strike Germany heißt es in einem Beitrag des Redaktionsnetzwerks Deutschland:

„Strike Germany, so der Name, kritisiert die angeblich einseitige Parteinahme Deutschlands für Israel nach dem mörderischen Überfall der Hamas am 7. Oktober, Solidarität mit den Palästinensern werde unterdrückt. Die Seite ist in Schwarz, Weiß, Grün und Rot gehalten, den Farben Palästinas. Der Ton des Aufrufs ist kämpferisch bis martialisch, beklagt wird unter anderem ein angebliches Verbot, Kritik an Israel zu äußern, eine ‚McCarthy-Politik‘ der Gesinnungskontrolle und eine angeblich schädliche deutsche Erinnerungskultur, die Mitgefühl mit anderen als den Jüdinnen und Juden heute nicht mehr zulasse. ‚Es ist an der Zeit, Deutschland anzugreifen‘, steht dort unter anderem. Zu den Morden der Hamas dagegen: im ganzen Aufruf kein Wort.“

Romy Straßenburg spricht davon „diese Strike Germany Leute“ seien „eben so ein bisschen obskur“. Annie Ernaux zählt sie zu den linken Intellektuellen, die sich, stärker als in Deutschland, in politische Debatten einmischen: „Annie Ernaux ist ne politische Figur hier in Frankreich, sie äußerst sich, ob es zum Einwanderungsgesetz sich dreht, wo sie Macron viel kritisiert hat oder Rentenreform, sie steht damit nicht alleine, es gibt bekannte Autoren wie Édouard Louis, Didier Eribon, Komikerinnen, Schauspieler / innen und, ja Annie Ernaux ist auch schon mal bei einer umstrittenen Initiative der BDS Initiative aufgefallen, da gehts ja auch um Boykott und Sanktionen für Israel, aber eigentlich ist sie im Feld der französischen linken Intellektuellen auch so ne Stimme gegen Rechtsaußen für die sozial Unterdrückten und da passt wiederum dieses Schema der Palästinenser und Palästinenserinnen und eben der Situation in Gaza sehr gut rein, also es verwundert mich nicht, dass sie unterschrieben hat, aber ich kann schon auch verstehen, dass es aus der deutschen Perspektive befremdlich ist“.

Annie Ernaux steht als „Stimme gegen Rechtsaußen“ auf der richtigen Seite und wenn das in Deutschland falsch verstanden wird, so liegt das an der deutschen Perspektive. Das entscheidende Wort ist das „eigentlich“, denn damit definiert Straßenburg Ernauxs Unterschrift als Teil des Engagements „für die sozial Unterdrückten“, ohne „die Situation in Gaza“ näher zu definieren.  Zu dieser gehört eben auch, dass die Hamas die Zivilbevölkerung bewusst als Schutzschild für ihr terroristisches Ziel missbraucht: die Vernichtung nicht nur des Staates Israel, sondern der jüdischen Bevölkerung.

Folglich könnte man die Situation seit dem 7. Oktober länderübergreifend auch anders einordnen. Und damit wären wir erneut bei der Empörung über die bestialische Ermordung von Menschen, die sich durch nichts legitimieren lässt, auch nicht durch den Verweis auf die darauf folgende Bombardierung des Gazastreifens mit all seinen schrecklichen Folgen.

Auch soll es in dem Beitrag um die Frage nach dem erstarkten Antisemitismus als Folge des 7. Oktobers gehen. Dieser richtet sich gegen Menschen, die weder in Gaza noch in Israel leben, sondern in Deutschland, Frankreich und an anderen Orten weltweit. Wie kann es sein, so müsste die Frage eigentlich lauten, dass nahezu unmittelbar nach dem Massaker vom 7. Oktober neben den Stimmen des Entsetzens solche hörbar wurden, deren Zorn sich gegen eben diese Menschen jüdischer Herkunft außerhalb Israels wendet? Der angekündigte „Blick auf die lange Geschichte des Antisemitismus in Frankreich“ bleibt in dem Interview aus, an seine Stelle tritt eine erklärende Rechtfertigung für Annie Ernauxs Unterschrift unter ein fragwürdiges Pamphlet, in dem Deutschland für seine Solidarität mit Israel bestraft werden soll. Verständnis zeigt Straßenburg für „eine Forderung nach hörbaren Stimmen, die in pro-palästinensisch, pro, ja eben auch pro in Gaza interessieren, es gibt einfach den Bedarf und eben auch die Demonstrationen für Gaza, die halten hier immer noch an, und der französische Staat muss sich da eben zurückhalten und umsichtig sein, um nicht einen Teil der Bevölkerung, ja gegen sich aufzubringen, und gerade seit dem 7. Oktober kommt natürlich noch ne andere Gefahr hinzu, man hat Angst, dass gerade mit dem Trauma der islamistischen Anschläge 2015 / 2016 dieser Nahostkonflikt auf Frankreichs Straßen ausgetragen wird.“

Kann oder sollte es ein Ende des Entsetzens nach dem 7. Oktober geben? Wer das Haupt der Medusa anschaut, erstarrt zu Stein. Das Medusenhaupt ist Sinnbild für einen unvorstellbaren Schrecken, der uns handlungsunfähig werden lässt. Die Zahl der Augenzeugen des Geschehens vom 7. Oktober ist begrenzt, auch in Israel. Die Weltöffentlichkeit konnte dennoch nachvollziehen, was genau sich an diesem Tag abgespielt hat. In dem Interview mit Romy Straßenburg wird dieses Entsetzen über diese unmenschliche Tat ersetzt durch Erklärungsversuche, hinter denen das Schicksal der abgeschlachteten Menschen gänzlich verschwindet.

Wir können nicht beim Entsetzen stehenbleiben, so war es nach dem 8. Mai 1945, und so ist es nach dem 7. Oktober 2023. Deshalb ist es legitim, nach Ursachen zu fragen und nach Wegen eines besseren Miteinanders zu suchen. Der Tenor des Interviews vom 19. Januar läuft, so scheint uns, auf etwas anderes hinaus, nämlich darauf, den Schrecken über das Unvorstellbare zu vergessen und an seine Stelle den Wunsch nach, ja nach was eigentlich?, zu stellen.