Von Träumen und Traumata

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Installationsansicht der Ausstellung INNENWELTEN. SIGMUND FREUD UND DIE KUNST vom 28.10.2023-03.03.2024 in der Kunsthalle Tübingen. Foto: Ulrich Metz

Noch bis 3. März 2024 zeigt die Kunsthalle Tübingen in Kooperation mit dem Wiener Sigmund-Freud-Museum die Ausstellung »Innenwelten. Sigmund Freud und die Kunst«.

Von Thomas Tews

Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 als Sohn jüdischer Eltern im mährischen Freiberg, dem heutigen tschechischen Příbor, geboren und übersiedelte als Dreijähriger mit seiner Familie nach Wien.

Im Alter von 26 Jahren verlobte er sich mit Martha Bernays, einer Enkelin des angesehenen Hamburger Oberrabiners Isaak Bernays, die er vier Jahre später nach jüdischem Ritus heiratete.

Nachdem es Freud 1895 erstmals gelungen war, einen seiner Träume vollständig zu analysieren, erschien 1900 sein Werk »Die Traumdeutung«, das als Gründungsdokument der Psychoanalyse in die Geschichte eingehen sollte.

Zwei Jahrzehnte später besuchte ihn der französische Dichter André Breton in seiner Wiener Wohnung in der Berggasse 19. Auch wenn sich der Begründer des Surrealismus in späteren Schilderungen etwas enttäuscht von diesem Zusammentreffen mit Freud zeigte, schmälerte dies seine Begeisterung für die Psychoanalyse nicht und er hielt auch in den folgenden Jahrzehnten an seiner Freudverehrung fest und brachte diese immer wieder in Briefen, Werken und seinen künstlerischen Manifesten zum Ausdruck.

1933 verzeichnete Freud in seinem Tagebuch die Verbrennung seiner Schriften durch die Nationalsozialisten am 10. Mai in Berlin, zu der folgender Satz aus den Lautsprechern ertönt war: »Gegen die seelenzerstörende Überschätzung des Sexuallebens und für den Adel der menschlichen Seele – übergebe ich den Flammen die Schriften eines gewissen Sigmund Freud.«

Nachdem 1938 der österreichische Kanzler Kurt Schuschnigg von seinem Amt zurückgetreten war und Hitler zugesichert hatte, dass dem am 12. März einrückenden deutschen Heer kein Widerstand entgegengesetzt werde, führten am 15. und 22. März die Gestapo und die SA Razzien in Freuds Haus und Verlag durch. Zweieinhalb Monate später, am 4. Juni, gelang es Freud und seinem engsten Kreis mit der Hilfe von Marie Bonaparte, einer Urgroßnichte von Napoleon Bonaparte, und weitreichender internationaler Unterstützung, Wien zu verlassen und über Paris nach London zu fliehen.

Am 19. Juli desselben Jahres stattete Salvador Dalí Freud in dessen Londoner Exil einen – durch den Schriftsteller und Freudfreund Stefan Zweig vermittelten – Besuch ab, um ihn von den psychoanalytischen Qualitäten seiner künstlerischen Arbeit zu überzeugen. In seinem schwer verständlichen Englisch redete Dalí konvulsivisch auf den zweiundachtzigjährigen Freud ein und erklärte ihm anhand seines mitgebrachten Ölgemäldes »La Métamorphose de Narcisse« (»Die Metamorphose des Narziss«) – von dem die Tübinger Ausstellung einen Entwurf in Tuschfeder zeigt –, wie die surrealistische Malerei das Unbewusste vergegenwärtige. Freud zeigte sich von dem Künstler nicht unbeeindruckt und schrieb am Tag darauf an Zweig: »Wirklich, ich darf Ihnen für die Einführung danken, die die gestrigen Besucher zu mir gebracht hat. Denn bis dahin war ich geneigt, die Surrealisten, die mich scheinbar zum Schutzpatron gewählt haben, für absolute (sagen wir fünfundneunzig Prozent wie beim Alkohol) Narren zu halten. Der junge Spanier mit seinen treuherzig fanatischen Augen und seiner unleugbar technischen Meisterschaft hat mir eine andere Schätzung nahe gelegt. Es wäre in der Tat sehr interessant, die Entstehung eines solchen Bildes analytisch zu erforschen.«

Ein Jahr später, am 23. September 1939, starb Freud im Londoner Exil.

Welch großen Einfluss Freud auch weit über seinen Tod hinaus auf die Kunstwelt ausübte, zeigt der sowohl chronologisch als auch thematisch angelegte Parcours der Tübinger Ausstellung mit rund 70 Werken internationaler Künstler*innen. Unter ihnen soll hier die aus dem Jahr 2005 stammende Videoinstallation »Between Listening and Telling: Last Witnesses, Auschwitz 1945–2005« (»Zwischen Zuhören und Erzählen: Letzte Zeug*innen, Auschwitz 1945–2005«) der litauisch-israelischen Konzept- und Videokünstlerin Esther Shalev-Gerz hervorgehoben werden. Sie entstand anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau und zeigt auf drei Monitoren aus Videointerviews mit Shoahüberlebenden ausgeschnittene Augenblicke, in denen die Interviewten zwischen ihren Sätzen mit ihren Worten und Erinnerungen ringen. Ihre Traumata, ihre Trauer und ihr Leid sind an ihren Gesten und ihrer Mimik auch in diesen stillen Momenten ohne Worte – die Videoinstallation kommt völlig ohne Ton aus – für die Betrachtenden erfahrbar und vergegenwärtigt.

Esther Shalev-Gerz, Between Telling and Listinening, Last Witnesses, Auschwitz 1945-2005, Installationsansicht, Jeu de Paume, Paris, 2010. Installation, 3-Kanal Videoprojektion. © Esther Shalev-Gerz, VG Bild-Kunst, Bonn 2023, Foto: Arno Gisinger

Das Thema der Videoinstallation ist leider hochaktuell, denn auch viele Überlebende des Terrorangriffes der Hamas vom 7. Oktober 2023 leiden unter posttraumatischem Stress. Hier leisten verschiedene Organisationen wichtige Hilfe. So etwa der Keren Hayesod und IsraAID.

INNENWELTEN
Sigmund Freud und die Kunst
28.10.2023 – 03.03.2024
Kunsthalle Tübingen