Einstürzende Freundschaften

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In meiner Kindheit waren meine Spielkameraden (ja, so nannte man das anno dazumal) größtenteils türkisch, italienisch und griechisch. Ihre Eltern arbeiteten in der einzigen Fabrik in der Region, waren Automechaniker oder arbeiteten, wie mein Vater  damals, auf dem Bau. Ich komme aus der Unterschicht. Und noch dazu vom Dorf.

Von Ramona Ambs

Später, als ich aufs Gymnasium wechselte, kamen auch Freunde aus anderen Schichten und Nationalitäten dazu. Mein Freundeskreis wurde deutscher & akademischer- und so kurios es klingt: dadurch noch bunter. Die sozialen Netzwerke haben diese Vielfarbigkeit noch verstärkt. -Und ich habe es immer sehr geliebt, meine vielfältigen Gefährten!. – Gut, ich musste schon früh lernen, dass man Partys nicht einfach so mit allen Freunden gemeinsam feiern kann. Um das zu lernen, brauchte es ein paar Lektionen: Zum Beispiel vergraulte auf einem Geburtstag ein orthodoxes jüdisches Paar eine deutsche Kunstprofessorin, die sich diskriminiert fühlte, weil der Mann ihr die Hand nicht reichen wollte; die Brith-Mila-Feier meines Sohnes hingegen wurde nicht etwa wegen der muslimischen Gäste zum Debattierclub zum Nahostkonflikt, sondern weil ein deutscher Student, plötzlich sehr deppert einseitig daherredete und sich am Ende alle angeschrien haben. Das Einweihungsfest der neuen Wohnung wurde zum Desaster, weil ich nicht aufgepasst hatte, dass meine goyischen Gäste den koscheren Rotwein geöffnet hatten und er folglich nicht mehr für jeden zu gebrauchen war, während gleichzeitig der Sprachduktus eines eingeladenen Fotografen so abgehoben war, dass er von der Putzfrau lautstark und ohne jede diplomatische Verkleidung, als „arrogantes Arschloch“ kategorisiert wurde (zu Recht übrigens, wie sich im Nachhinein herausstellte, – aber das tut jetzt nichts zur Sache!)… Kurz: es war mehrfach kompliziert, und die gemeinsamen Partys wurden seltener, aber:  die meisten Freunde & Bekannte blieben irgendwie bei mir und in meinem Leben.

Seit dem 7.Oktober verändert sich das.

Seither frage ich mich, was schneller schmilzt: die Polarkappen oder die Anzahl meiner Freunde. Denn nach und nach brechen immer wieder weitere weg. Bei einigen war es vorher schon brüchig, bei anderen trifft es mich völlig unerwartet.

Und während das Schmelzen der polaren Eiszipfel zu einem Anstieg des globalen Meeresspiegels führt, führen die weggebrochenen Freunde bei mir zu einer inneren Eiszeit.

Man erfriert beinah in dieser neuen jüdischen Einsamkeit.

Dagegen ist der erhöhte polare Meeresspiegel Pillepalle. Echt.

Tatsächlich bricht bei manchen meiner Bekannten ein Antisemitismus durch, mit dem ich nicht gerechnet habe. Manche schreiben mir, Netanyahu sei an allem schuld und ich solle aufpassen, was ich derzeit noch sage, andere unterstellen mir Gleichgültigkeit gegenüber palästinensischen Opfern, wieder andere formulieren es diffuser, beispielsweise dass es halt schon so sei, dass „die Juden ja immer schon Ärger mit anderen hatten“ und zwei Leute schrieben mir tatsächlich, sie haben derzeit Angst mit Juden irgendwie in Verbindung gebracht zu werden…

Manche verschwinden lautlos. Melden sich einfach nicht mehr.

In einer Lage, wo man Freunde zum Warmhalten bräuchte…

Andere hingegen stoße ich fort, weil ich die Relativierei und das Lavieren nicht mehr ertrage. So zum Beispiel eine türkische Freundin, die kurz nach dem Massaker meinte anmahnen zu müssen, dass man doch nun wirklich mal über die miese Behandlung der Palästinenser in Israel sprechen müsse. -Well,..- natürlich kann man über Missstände sprechen, aber ich wäre nach der NSU-Mordserie (die in Menge, Brutalität und Grausamkeit ja weit hinter dem Oktoberpogrom liegt) niemals auf den Gedanken gekommen, grade jetzt mal über Machokultur in migrantischen Milieus sprechen zu wollen. Nicht weil es sie nicht gibt, sondern weil es erstens völlig geschmacklos wäre, in solch einer Lage sowas zu thematisieren und zweitens meine türkische Freundin sich niemals für derlei vor mir rechtfertigen sollen müsste. Mit ner Handvoll Empathie müsste das auch eigentlich jedem klar sein…

Zum Glück sind einige Freunde geblieben, und sogar eine Handvoll neuer Freunde hinzugekommen. Manche Beziehung hat sich intensiviert, – aber mengenmäßig sieht es echt aus wie Eisberge unterm Klimawandel….

Und selbst zwischen den verbliebenen nichtjüdischen Freunden und mir ist es schwieriger geworden. Weil die Kluft zwischen uns täglich größer wird. Während für sie der 7. Oktober in der Vergangenheit liegt, geht er für uns weiter. Während sie nach dem Schock wieder im Alltag angekommen sind, mit all den kleinen und großen Problemen, hänge ich emotional noch immer fest, täglich genährt von kleinen und großen Nachrichten: Freundinnen, deren Kinder in Gaza eingesetzt sind, Beerdigungen, antisemitische Übergriffe in Europa, Rakentenalarm in Tel Aviv.

Wenn ich derzeit Freunde treffe, dann weiß ich auf die Frage „wie geht es Dir?“ nicht, was ich antworten soll. Was ich antworten darf. Was früher feste Brücken waren, sind derzeit Übergänge aus Eis. Trägt es?- frag ich mich, bevor ich antworte, -bevor ich einen Fuß darauf setze- und bin dann immer wieder unendlich froh, wenn ich feststelle: es trägt.

„Am Ende werden wir uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde“, sagte einst Martin-Luther-King. Aber er hat vergessen, noch was anderes Wichtiges zu sagen. Nämlich dass wir uns auch an die Worte unserer Freunde erinnern, wenn sie denn da sind, wenn sie das Wort für uns ergreifen und wenn sie bei uns bleiben! Daran werde ich mich immer erinnern.

Bild: Alexa/pixabay

1 Kommentar

  1. schau mal, „Mein anderes Vaterland“ von Esther Schapira, JA vom 10.01.2023.

    Passt glaub ich, gut hierher, …

    Sie schreibt uA: „«Liebe macht blind», sagt das Sprichwort. Das ist falsch.
    Echte Liebe hält Widersprüche aus.“

    und

    „Der Applaus von Freunden tut gut, der Beifall von Feinden schmerzt. Beides ist gefährlich und verführt dazu, nicht die ganze Wahrheit zu sagen. “

    Und ich denk mir gerade gegenwärtig sehr oft – „Wegbrechende Freunde, waren Freunde?“