Klitterungen

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Slavoj Žižek durchbricht ein Analyseverbot

Von Detlef zum Winkel

Bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit Slowenien als Gastland war der Philosoph Slavoj Žižek einer der Redner auf der Auftaktveranstaltung. Er machte den Krieg zwischen Israel und der Hamas, zu dem auch die Vorrednerinnen bereits Statements abgegeben hatten, zu seinem Thema. Seine Ausführungen führten zu erheblicher Unruhe im Saal und bei den anwesenden Repräsentanten der Stadt Frankfurt. Besonders der hessische Antisemitismus-Beauftragte, Uwe Becker (CDU), brachte seine Empörung hörbar zum Ausdruck. Anschließend äußerte sich der Direktor der Buchmesse Juergen Boos erleichtert, dass die Rede bis zu ihrem Ende gehalten werden konnte. Die Frankfurter Rundschau fand, Becker sei zu weit gegangen. Sie veröffentlichte das Redemanuskript mit Zustimmung des Autors.

Gleich zu Beginn erklärte Žižek, dass er den Angriff der Hamas ohne Wenn und Aber verurteile. „Ich gebe Israel das Recht, sich zu verteidigen und die Bedrohung zu vernichten.“ Er wolle allerdings auf ein „seltsames Analyseverbot“ aufmerksam machen. Wer es für notwendig erachte, den Hintergrund der Situation zu analysieren, werde in der Regel beschuldigt, den Terrorismus der Hamas zu unterstützen oder zu rechtfertigen.

Richtig scheint zu sein, dass es Analysen des Nahostkonflikts gibt, die solche Vorwürfe auf sich ziehen (Pamphlete mit pseudowissenschaftlichem Anstrich sind hier nicht gemeint). Zu ergänzen ist, dass es andere, von Žižek nicht erwähnte Analysen des Nahostkonflikts gibt, denen umgekehrt vorgeworfen wird, den Zionismus und eine angebliche israelische Apartheidpolitik zu unterstützen oder zu rechtfertigen. Das behauptete Analyseverbot scheint vor allem deshalb seltsam zu sein, weil es niemanden beeindruckt und von niemandem befolgt wird.

So operiert Žižeks Eingangsthese mit einer doppelten Unterstellung: dass Analysen des Konflikts logischerweise der palästinensischen Sache zuträglich wären und dass sie zweitens deswegen unterdrückt würden. Hat er die unzähligen Essays, Studien und wissenschaftlichen Publikationen übersehen, in denen die Lage der Palästinenser zumeist ausführlich und oft mit viel Sympathie behandelt wird? Oder wollte er sein Publikum manipulieren, indem er sich dieser Rhetorik bediente? Žižeks Einstieg irritiert, da er sich selbst bei vorhandenen (und keineswegs unterdrückten) Analysen informiert hat, oft von kritischen israelischen Autor*innen.

In seiner Rede folgte ein Parallelschluss der einfachen Art: So wie die Definitionsmacht über Antisemitismus bei den Juden liege, müssten auch die Palästinenser bestimmen dürfen, „wer ihr Land stiehlt und sie ihrer elementaren Rechte beraubt“. Für eine Begründung dieser stark vereinfachten Gegenüberstellung nahm er sich keine Zeit, der nächste Vergleich wartete schon. Am Tag des Massakers habe der Sprecher der Hamas, Ismail Haniyya, unmissverständlich die Vertreibung aller Israelis zum Ziel seiner Organisation erklärt. „Ekelhaft“, fand Žižek, aber die jetzige Regierung Israels erhebe ebenfalls einen – jüdischen – Alleinanspruch auf das Land, der eine Verhandlungslösung ausschließe.

Die Gründergeneration Israels, fuhr Žižek fort, habe immerhin nicht verhehlt, das Land den Palästinensern weggenommen zu haben. Dann habe es das Konzept Land für Frieden gegeben, in dem ein eigener Palästinenserstaat vorgesehen war. Selbst der Mauerbau an der Grenze zum Westjordanland zeuge noch von der Anerkennung einer besonderen Einheit unter palästinensischer Verwaltung. „All dies löste sich in Luft auf“. Dieser kurze historische Abriss soll wohl den Hintergrund liefern, dessen Tabuisierung Žižek bekämpfen will. Er ist einseitig und folglich falsch, weil er die meist terroristischen Interventionen unterschlägt, mit denen palästinensisch-arabische und proiranische Kräfte eingegriffen haben, immer mit dem Ziel, eine Zweistaatenlösung oder Abkommen Israels mit den Nachbarländern oder eine road map oder auch eine Autonomiebehörde zunichte zu machen.

Es gab mindestens zwei führende Akteure im Nahen Osten, Anwar as-Sadat und Yitzchak Rabin, die mit allem, was ihnen möglich war, versucht haben, im Nahostkonflikt eine grundsätzlich andere, zukunftsweisende Richtung einzuschlagen. Beide wurden ermordet. Die dritte Persönlichkeit, die in dieser Reihe zu nennen ist, war Yassir Arafat. Um zu überleben, arrangierte er sich bei vielen Anlässen. In diesem politischen Freiraum wuchs und wucherte Hamas. Die drei Namen repräsentierten jeweils starke Kräfte im eigenen wie auch im gegnerischen Lager und auf internationaler Ebene, die auf eine friedliche Lösung drängten. Wer die damaligen Schlüsselereignisse, ihre Urheber, deren Motive und vor allem: die Reaktionen darauf mit keiner Silbe erwähnt, darf sich nicht wundern, wenn er nicht ernst genommen wird.

Žižek erwähnte den innenpolitischen Konflikt um Netanjahus Justizreform und den heftigen Widerstand der israelischen Opposition gegen den „Weg in die Diktatur“. Mit dem Hamas-Angriff sei die Krise zumindest vorübergehend überwunden, „der Geist der nationalen Einheit hat sich durchgesetzt – ein klassischer politischer Schachzug, bei dem die innere Spaltung überwunden wird, wenn sich beide Seiten gegen einen äußeren Feind verbünden“. Was soll uns diese mehrdeutige Formulierung sagen? Dass die Bürgerinnen und Bürger Israels jetzt zusammenrücken, ist kein Schachzug ihrer Regierung sondern die erste Reaktion auf das, was ihnen angetan wurde.

Im nächsten Abschnitt wandte sich Žižek sowohl gegen ein Verständnis für „Elemente des Antisemitismus unter den Palästinensern“ als auch gegen ein Verständnis für „die israelische Besatzung“. Bei der Verteidigung der palästinensischen Rechte wie auch bei der Bekämpfung des Antisemitismus dürfe man keine Kompromisse schließen, sondern man solle „in beide Richtungen bis zum Ende gehen“. Denn diese beiden Kämpfe seien „zwei Momente desselben Kampfes“1.

Das mag als abstrakte Konstruktion gut gemeint sein, und wir kennen ja viele solcher Konstruktionen, wonach man über das eine nicht reden soll, wenn man zu dem anderen schweigt. Doch die Überraschung folgte auf dem Fuß. Um die These von ein und demselben Kampf zu untermauern, führte Žižek ein von ihm als „antisemitischer Zionismus“ bezeichnetes Phänomen an, wozu er religiöse Fundamentalisten in den USA, den norwegischen Terroristen Anders Breivik und den deutschen Nazi Reinhard Heydrich (1904 – 1942) zählte, seinerzeit Chef der berüchtigten Geheimen Staatspolizei Gestapo. Der SS-Mann soll die Idee eines jüdischen Staates befürwortet haben? Eine Quelle dafür nannte Žižek nicht.2

Tatsächlich leitete Heydrich die berüchtigte Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942, zu der er die Vertreter der zentralen Reichs- und Parteibehörden eingeladen hatte, um sie „in die langfristig angelegten Pläne einzuweihen, die die ‚Endlösung der Judenfrage’ herbeiführen sollten“ (Dokumentation der Berliner Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz). Die Entscheidung zum Massenmord an den europäischen Juden war da schon gefallen; Hermann Göring, die Nummer Zwei in der NS Hierarchie, hatte Heydrich am 31. Juli 1941 mit der Durchführung beauftragt. Die Tötungsmaschinerie war angelaufen: zum Zeitpunkt der Konferenz hatte sie bereits eine halbe Million Opfer gefordert.

Heydrich war weder zu diesem noch zu irgendeinem anderen Zeitpunkt ein „antisemitischer Zionist“. Wie ist es möglich, einen Architekten des Holocaust als jemanden zu präsentieren, der mit der Idee des Zionismus sympathisiert habe? Mit diesem fast schon pathologischen Vergleich hat Žižek seiner eigenen Philosophie einen schweren Schlag versetzt. Es ist Uwe Becker zu verdanken, dass er die auf Festveranstaltungen zu übende vornehme Zurückhaltung aufgab und die Provokation publik machte.

Bild oben: Screenshot Youtube Buchmesse

1 Tags darauf wurde Žižek in einem Kommentar für den Wiener Standard (18.10.) noch deutlicher: „Hamas und israelische Hardliner sind zwei Seiten einer Medaille.“

2 Mittlerweile hat Žižek im Freitag (paywall) eine umfangreiche Rechtfertigung veröffentlicht. Dort nennt er Heinz Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf – Die Geschichte der SS, 1966, als die Stelle, wo er Belege über Heydrichs „zionistischen Antisemitismus in seiner reinsten und deutlichsten Form“ gefunden habe. Eine schlechte Quelle: Bei Höhne findet man Relativierungen, Entschuldigungen und Umdeutungen der Nazizeit in ihrer reinsten und ursprünglichen Form, nämlich im westlichen Nachkriegsdeutschland. Er ließ sich von der Arbeitsgemeinschaft ehemaliger Abwehrangehöriger inspirieren.