Putin: No.2 kommt aus der Tiefkühltruhe!

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Mein Halloween 2023 in Moskau und Sankt Petersburg – ein Tatsachenbericht für meine Dienststelle

Von Gantenbein

Vorbemerkung: Stammleser*innen ist er natürlich kein Unbekannter mehr – der Agent Gantenbein, eine Erfindung unseres Autoren und Kolumnisten („Spott-Light“) Christian Niemeyer. Der erste Fall Gantenbeins[1] sowie seines Diensthundes Sammy wurde hier am 11. März 2021 in überarbeiteter Form eingestellt[2] und hatte mit der damaligen Corona-Angst zu tun und nahm die AfD-Parole „Impfung macht frei!“ auf die Hörner; sie  begann mit den Worten: „Sammy heulte auf einmal wie ein Wolf. Aus dem Winterhimmel zuckten helle Sommerblitze…“ etc. pp., meint: Spannung ist also garantiert bei Gantenbein-Geschichten, Tiefgang inklusive, oder, wie unser Autor sagen würde: „fröhliche Wissenschaft“ à la Nietzsche, und dies in toxischen Zeiten wie diesen. Folgen Sie bitte also auch diesmal Gantenbein auf seinen verqueren Wegen.

*

Ich weiß ja nicht, Boss, ob Sie’s noch wissen oder überhaupt, nach diesem unfassbaren Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel, in der Lage sind, sich dessen zu erinnern. Aber vor diesem Überfall sowie jenen Putins auf die von einem Juden regierte Ukraine war die Welt eigentlich noch so einigermaßen in Ordnung. Jetzt einmal abgesehen von Corona, vom Klimawandel, von der AfD, meinen Blähungen, unserem Praktikanten – und abgesehen natürlich vom, dank Putin, wöchentlich einmal drohend an die Wand gemalten Gespenst namens Atomkrieg, also Weltuntergang, allein schon des Klimawandels wegen recht wahrscheinlich. Aber ansonsten: Immerhin schien Putins Bruder im Ungeist, Donald Trump weg, vorerst jedenfalls, und die Vernünftigen begannen leise zu hoffen, auch wegen einer tatendurstig wirkenden neuen deutschen Bundesregierung. „Fortschrittskoalition!“

Auch ich, Gantenbein, in dieser kleinen Horror-Geschichte aus ermittlungstaktischen Gründen unter diversen Decknamen wahrgenommen oder auftretend – etwa Christian Niemeyer –, war im Prinzip hoffnungsfroh gestimmt. Das Einzige, was meiner Haltung zusetzte, war – Sie wissen es, Boss, – die AfD. Sowie Idioten wie dieser Jaspar Bergmann, der am 1. November 2023[3] den „überraschenden Schritt“ der Aufhebung der Corona-Regeln in Putin-Nähe nicht etwa mit deren Überflüssigkeit nach dem Tod des zu Schützenden erklärte, sondern mit dem aufziehenden Wahlkampf 2024. Wo Putin ja wieder kandidieren wolle und sich gerne unters Volk mischte. Was ja nur Sinn machte, Boss, wenn ein Toter, wie dereinst von Steve Martin insinuiert, nicht nur keine Karos trägt; sondern auch keine Maske benötigt. Sie sehen schon, Boss, ich bin aktuell ein – zumal für Putin – etwas schwarz sehender, aber immerhin noch „linker Bulle“ – normalerweise, mit Nietzsche gedacht, eine contradictio in adjecto wie „deutscher Geist“.

Aber nun, nach dieser Vorrede, zu meinem eigentlichen Bericht, aufgesetzt gleich nach meiner Rückkehr aus Moskau. Sie wissen, Boss, wie sehr ich mich, eigentlich immer schon, meiner 39 Jahre erfreute, meiner Frau, unserer Zwillinge, nicht zu vergessen: unseres Sammy, offiziell Diensthund. Nicht zuletzt erfreute ich mich meiner Dienstwohnung, die mir als im höheren Polizeidienst Beschäftigtem zustand; meiner Dienstwaffe, die ich als den „Politischen“ zugeordneter „007er“ (interner Joke) auch zu Hause tragen durfte und auch an Halloween 2023 auf dem Weg zu unserem neuen konspirativen Nest trug, meinem – wie ich meinen Kollegen gegenüber angab – „Haus am See“, na, Sie wissen schon, Boss: „Ich habe 20 Kinder, meine Frau ist schön / Alle komm’n vorbei, ich brauche niemals rauszugehn“ etc. pp., von Peter Fox. Sorry: „Haus am Niederneuerndorfer See“, muss es natürlich korrekt heißen!

Wie? Keine Ortsangaben, keine Adressen? Nur Decknamen? Sowie: Dass geht doch spannender? Also gut, Boss:

*

Es begann, wie offenbar alles Schreckliche, etwa auch bei Hitchcock hin und wieder der Mord, mit einem Anruf. Wir alle, ich, Es, Über-Ich (ich darf ja keine Namen nennen, oder?), seiner unbescheidenen Meinung nach und auch seiner Kleidung zufolge Boss, saßen am 31.10.2023 gegen 9 Uhr friedlich Probe im neuen konspirativen Treff unserer Special Unit, neurussisch: „Spezialoperation“, in der Hennigsdorfer Straße 137c, 13503 Berlin, als…

„Als… Gantenbein, Du Trottel?“, fragte unser aller Boss, der mit seiner brandaktuellen Chef-KI meine Gedanken lesen konnte. „Dank dieser Indiskretion, Gantenbein, können wir uns jetzt eine neue location suchen!“

„Wie wäre es denn dann mit der früher schon angedachten Adresse Bleibtreustraße 15?“

„Gantenbein! Es reicht!“

„Wieso, Chef? Es sei denn, wir seien verwanzt. Dann allerdings wäre dieses Wissen jetzt bei einem Unbefugten schlecht aufgehoben.“

Mein Chef schaute zweifelnd auf die Tulpe in der Vase auf dem Esszimmertisch direkt vor der großzügigen Fensterfläche dieses wunderschönen Reihenhauses mit Bodenheizung und Zugang zu einem Privatbadestrand hinter einem als Überschwemmungsfläche ausgewiesenen Gemeinschaftsgrundstück mit Sandkasten, Schaukel und Tischtennisplatten sowie Volleyballfeld – sagte dann aber entschlossen:

„Natürlich sind wir nicht verwanzt, unsere Techniker haben jeden Stein umgedreht! Soll ich Dir mal demonstrieren, wie es in Deinen Ohren fiept, solltest Du auf die Idee kommen, uns mobil, etwa per Drohne, abzuhören? Das letzte Geräusch übrigens, das Du hören wirst, bis zum wenig später anhebenden letzten Deiner Tage?“

In diesem Moment flog eine Drohne in niedriger Höhe übers Haus, und es klingelte das Telefon. Zeitgleich stand die Briefträgerin vor der Tür: ein für Herrn Niemeyer bestimmtes Einschreiben in der Hand. Absender: „K.T. aus Moskau!“ Über dieses Schriftstück geriet das Telefon vorübergehend in Vergessenheit, verstummte schließlich, deutlich verstimmt.

Meinem Chef war offenbar anderes wichtig: Er dozierte, als habe er es mit Vollidioten zu tun, „K.T. aus Moskau!“ meine verkürzt: KTM, erinnere ihn persönlich an KLM, auch an MH 17, könne also bedeuten, dass da jemand Auskunft geben wolle über den irrtümlichen, von Putin zu verantwortenden Abschuss eines mehrheitlich mit niederländischen Passagieren besetzen Fliegers mit 298 Toten am 17. Juni 2014 über der Ukraine. Möglicherweise, so mutmaßte er weiter, sei diese Auskunftsfreude freigesetzt durch den per Funk abgehörten Hamas- Schreckensschrei „Ist eine von uns!?“ nach dem Sturz einer vom Islamischen Dschihad abgeschossenen, für Israel gedachten Rakete, deren Trümmerteile inklusive des Sprits an einem Gaza-Krankenhaus am 17. Oktober 2023 gegen 18 Uhr explodierten. Friendly Fire also! Für das sich, meines Wissens, niemand von Hamas bei den Opfern, mehrheitlich Leute von Hamas, entschuldigt hat, mitsamt der Folgerung, den Wahnsinn nach diesem Wahnsinn einzustellen.

Schweigen, mehrheitlich, hier und dort bedrücktes, nicht weit weg vom Fremdschämen.

Schließlich ergriff ausgerechnet der Praktikant mit vor Aufregung zitternder Stimme das Wort:

„Und deswegen ruft eine Frau aus Moskau Niemeyer an?“

 Sammy, als Reaktion auf diesen und jenen Redner, gähnte ausgiebig vor sich hin und drehte sich auf die andere Seite. Nun ja: wie Welpen so sind, so panterfarbene zumal mit zugleich derart bernsteinfarbenen Augen, dass das Wort bête ohne den Zusatz humaine durchaus Grund genug schien, ihn, diesen Mischling aus Schäferhund und Labrador, eines Tages für passend zu halten für unsere streng geheime Special unit.

Sammy war es auch, der wenig später im Garten direkt neben dem Briefkasten ein Päckchen fand, dass fernere Exponate aus Moskau enthielt nebst Adresse und Telefonnummer. Plus einer Eintrittskarte für eine neue zu eröffnende Zauberschule, hochtrabend und fraglos ohne jede Lizenz „Ehrlich Brothers Moskau“ genannt. Sowie eine weitere, gleichfalls auf Deutsch, diesmal „Reichsdeutsch“ gehalten, diesmal nach Leningrad in ein Kindertheater zur Premiere des Stücks Fritz und Lieschen in der Hölle in Erwartung Putins.[4] Die Telefonnummer fand sich im nämlichen Augenblick wie von Zauberhand auf dem Display unseres Anschlusses. Diesmal hob ich ungesäumt ab, wollte es, doch der extremst motivierte Praktikant war schneller:

„Gantenbein, sorry: Bleibtreu, oh, was bin ich nur für ein Trottel: Niemeyer. Bist Du es, Sarah?“

Postwendend Ruhe in der Leitung. Sowie ein Tritt ans Schienenbein des Praktikanten direkt vom Boss. Der Praktikant, um das Unheil ahnend, welches er angerichtet hatte, jammerte zur Entschuldigung, Haldenwang habe der Anmietung der location wg. beider Niemeyer zugestimmt, dem Ex der Wagenknecht halber, aber auch, das sei offenbar dringlicher,…

„Deswegen Sarah?“, fiel jetzt endlich der Groschen beim Chef, den nur die Nennung der Decknamen „Gantenbein“ und „Bleibtreu“  durch den Praktikanten empört hatte.

Mir machte etwas ganz anderes Sorgen: War, dem Briefing zufolge, das in Leningrad angesetzte Kindertheaterstück nicht von dem, in dessen Haus wir jetzt saßen?[5] Und war dieser nicht den vormaligen KGB-Leuten in der russischen Botschaft in Berlin auffällig geworden wg. der Auflistung aller Putin-Toten in seinem in Fußnote 1 aufgelisteten Schwarzbuch Neue/Alte Rechte (2021)?[6] Und hatte derselbe nicht in seinem auf hagalil.com des Öfteren beworbenen Buch Die AfD und ihr Think Tank im Sog von Trumps und Putins Untergang (2023) mehrfach die Todesstrafe für Putin wg. Kriegsverbrechen gefordert[7] und die Ächtung aller Putinizer bei der AfD, unter ihnen die Landtagsabgeordneten Christian Blex, Thomas Tillschneider und Daniel Wald[8], aber auch die Ächtung aller dezidierten Nicht-Putin-Versteher und mithin Olaf-Scholz-Gegner*innen in der Regierung, namentlich also der 3%-Spezialistin Strack-Zimmerman von der FDP.[9] Und sind wir eben deswegen von Haldenwang nicht aufgefordert worden, die eventuelle Entführung dieses Professors, etwa nach Moskau, zu verhindern?

In diesem Moment klingelte das Telefon erneut, ich – und sonst niemand, hatte ich zuvor gedroht, – nahm ab:

„Sarah soundso“, kam es prompt von der anderen Seite der Leitung, „interessiert mich nicht, ich möchte den Niemeyer sprechen, der meinem Vater am 7. Oktober 2022 öffentlich[10] zu seinem 70. Geburtstag, den, wie er spöttisch sagte, ‚hoffentlich letzten‘, gratuliert hat.“

Eine Stinkbombe, mitten hinein in den Klassenraum einer Quinta, hätte nicht mehr Unheil anrichten können als die Worte „meinem Vater“. Der Praktikant schaute ratlos, hatte entweder in Bio oder in Erdkunde nicht aufgepasst; der Chef schaute alarmiert, merkte, dass die Sache so langsam nach dem Kanzleramt verlangte, hatte aber seit zwei Jahren über Phoenix.TV die Klage über den dort sitzenden Zauderer so oft gehört, dass er an sie glaubte. Blieb – Gantenbein, in der special unit als Olafs Junge berühmt-berüchtigt.

„Am Apparat!“

„Ich meine: Sie sind Professor Niemeyer, also: der Niemeyer!“

„Korrekt!“ Diesmal mit stolz geschwellter Brust, wie sie sonst nur Olafs Junge Nr. 2, dem Verteidigungsminister Boris Pistorius, eigen ist.

„Von der TU Dresden, nicht wahr? Wissen Sie eigentlich, wann Sie nach Dresden berufen wurden? Als ich fünf Jahre alt war! Eigentlich hätten Sie meinen Vater dort kennenlernen können, sind Sie doch fast in seinem Alter!“

Sendepause meinerseits. Wo sollte das noch hinführen?

„Übrigens: Müssten Sie nicht, werter Herr Professor, seit 15. Oktober mit Ihrer Familie zwecks Wahrnehmung einer Gastprofessur in Genf sein?“

„Korrekt, aber ich war unter der Dusche gestürzt, und da…“

Tritt ans Schienenbein, was wohl meinte:

„Keine Weicheier-Details, Gantenbein! Denk‘ an Oliver Kahns ‚Eier‘!“  

„Es ist also nicht an dem, werter Professor, dass Sie, wie man so hört, Ihr Haus dem deutschen Verfassungsschutz für die Zeit Ihrer Gastprofessur in Genf vermietet haben?“

„Wo denken Sie hin, werte…“

„Oh, wie lässlich von mir: Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt: Nennen Sie mich Katerina, ohne ‚die Große‘…“

Das Letzte kam mir lustig war, das Ganze insgesamt ziemlich ölig und blechern – wie aus einem der neuen, streng limitierten KI-Übersetzungsroboter. Hatte das Knacken in der Leitung damit zu tun, dass auch meine Worte sogleich übersetzt wurden? Katerina schien auch diesen meinen stillen Gedanken gelesen zu haben, denn auf einmal setzte Sie mit verführerischem russischen Akzent hinzu:

„Call me ‚The Lady in Red‘, if you like!“

Der Praktikant, rot geworden, starrte ein Loch in die Wand und gemahnte auf diese Weise, fast zu seinem Vorteil, an Jerry Lewis in Der verrückte Professor. Die Lady in Red hingegen drehte jetzt so richtig auf:

„Kannst Du bitte mal rauskommen in den Garten, Professore? Ich bin gerade über euch, via Google Earth.“

Mein Boss war vor Aufregung puterrot geworden, schrieb hektisch mit. Wusste aber nicht, was ich sagen sollte. Derweil flippte Katerina aus Moskau fast aus:

„Hallo, Du da an der anderen Leitung, Du Deutscher Du! Dein Schweigen ist unhöflich!“

„Oh ja, Entschuldigung!“

Daraufhin, entspannt wie zuvor: „Nochmals, Süßer: Kommst Du mal raus!? Ich würde allzu gern wissen, ob Du blond bist!“

Nun schaltete sich der Boss ein. Wild entschlossen entriss er mir wütend das Smartphone:

„Hören Sie mal, Katerina, Nachname Tichonova, nicht wahr? Google Earth ist nicht live, wir sind keine Trottel – und Gantenbein viel zu jung für Sie!“

„Oh wie süß! Das ist jetzt der strenge Herr Papa, gell? Da will ich Ihnen gerne reinen Wein einschenken: Gantenbein interessiert mich nicht die Bohne!“

Alles hatte der ‚Herr Papa‘ erwartet – nur nicht das! Ratlos reichte er das Smartphone zurück, flüsterte dem Techniker unserer Special Unit erregt etwas des Inhalts zu:

„Wir werden doch abgehört. Wie sollten die sonst um unsere Adresse wissen?“

„Steht doch auf der Adresse des Briefs aus Moskau!“, gab dieser, supertrocken, zurück. Währenddessen kam, von mir laut gestellt für alle, aus dem Hörer:

„Was ist nun, Niemeyer? Wird es noch etwas mit uns zwei beiden?“

Leise: „Was soll ich tun, Chef!“

Wortlos reichte er mir die Maske, die wir angefertigt hatten, falls Niemeyer, wie Putin, einen Doppelgänger benötigte; setzte flüsternd hinzu:

„Jeder tiefe Geist braucht eine Maske!“

Noch leiser flüsterte ich zurück:

„Aber meine Chancen bei ihr steigert diese Maske bestimmt nicht!“

„Wer weiß, vielleicht steht sie ja auf ältere Männer!? Oder laboriert an einem Vaterkomplex?!“

*

Es kam, wie immer, nämlich ganz anders: Ich bestand meinen Maskentest, wurde postwendend, während sich mein tolles Team samt Sammy an der Fensterfront die Nase plattdrückte, von zwei Sanitätern mit Zwangsjacke eingefangen und auf einer Trage festgeschnallt, zu einem Hubschrauber getragen, der unbemerkt auf der Gemeinschaftswiese gelandet war, bekam ein Glas Tee zu trinken und wurde, ausgestattet mit Diplomatenpass, erst in einem Learjet auf dem Weg nach Moskau wach. Vage Erinnerungen und, wohl teebedingt, Halluzinationen durchwogten mich. So erinnerte ich mich plötzlich dessen, dass ich vor Jahren um 9.31 ab Flughafen Tegel, einen Propeller via Zürich hatte besteigen müssen. „Learjet?“, hatte ich meinen damaligen Chef noch gefragt. Aber er hatte abgewunken: Später vielleicht. Wenn ‚die Anderen‘ weg sind. ‚Die Anderen‘ waren bei uns in der Dienststelle eine Kategorie für „Abstruse und geistig nicht ganz Sattelfeste“, darunter, als unbestrittene Nr. 1: Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, auch „Muttis Lutscher“ geheißen. Nr. 2 ging an Horst Seehofer, „Muttis (Sarg-) Deckel“ genannt.

Daraus folgt natürlich nicht, irgendwer von uns „linken Bullen“ hätte irgendetwas von „La Merkel“ gehalten, im Gegenteil: Von „FDJ-Resterampe“ bis zu „Kohls Schlafzimmerblick-Tussi“ war alles im Angebot. Auch den Roten, Gelben und Grünen waren wir gram, meint: Auf unserem Mist war mancherlei Giftpflanze erblüht, sei sie nun erdacht für Claudia Roth, Anselm Grün oder den Göttinger Umweltapostel: „Trittin“ oder „Tritt ihn“ – für unseren Chorgeist machte dies nur den Unterschied, das Letzterer bei der Verhohnepiepelung aufblühte und beim Original nicht. Heißt: Genau genommen ging es nur um eben diesen Chorgeist, dieses schenkelklopfende Einvernehmen als Ventil angesichts der Permanenz des Imperativs „gefährlich leben!“, um noch einmal Nietzsche zu erwähnen.

Über Gedanken wie diese schlief ich ein, wurde wieder wach und fragte eine Stewardess vom Typ Schwarznasenschaf – oder Schwarznasenscharf?, ich konnte mir diesen Unterschied einfach nicht merken – sorgenvoll: „Haben Sie Mr. Bean im Bordprogramm?“

„Nein, Herr Professor Niemeyer, außerdem gehen wir gleich in den Sinkflug über“, flötete das Schwarznasenscha[r]f im lieblichen Klang ihrer Berge, erleichtert, wie mir schien, annehmend, mit mir sei alles in Ordnung.

„Wie man sich doch täuschen kann!“, witzelte ich mit diabolischem Grinsen in mich hinein – und entdeckte doch tatsächlich jetzt erst Katerina neben mir und unten Moskau. Kinder, wie die Zeit vergeht, wenn der eigene Kopf Auskunft begehrt in betreffs der vielen Fragen, etwa: Lebte Putin überhaupt noch? Und was wollte Katerina von mir? Etwa mich zum Nachfolger ihres Vaters machen? Weil Sie meine Frechheit ihm gegenüber irgendwie passend fand zum sie mit Verspätung umtreibenden Motiv des Vatermordes? Unwichtigere Fragen natürlich nicht vergessend, etwa: Was, zum Teufel, machte Sammy während meiner Zeit in Moskau ohne mich? Warum war er, den Überlegungen meines Chefs zufolge, beim eigentlichen Teufel des Reviers, Deckname – hoffentlich nicht -rüde –  „Columbo“, besser aufgehoben?

Dann aber immer wieder: Hätte ich Kondome mitnehmen sollen? Oder wird sich Katerina als mein entscheidender Sargnagel erweisen? Was weiß sie von mir? Wer ist sie überhaupt? Und, erneut und überragend: Was hat es mit dem „Tyrann aus der Tiefkühltruhe“ auf sich, immerhin der Titel dieser Story? Tyrann ist klar, las ich doch gestern zum ersten Mal seit Joe Bidens „Killer“ eine derartige abwertende Bezeichnung des „Präsidenten“ Putin  in einer West- Story über ihn, was meinen könnte: Von mir vor einem Jahr Totgesagte leben zwar länger; aber man traut sich, ihnen eher etwas Böses nachzuwerfen als Leuten, die sich noch wehren können.

Mein Boss hätte zu alldem nur geraten, ruhig zu bleiben und erst einmal alles zu akzeptieren. „Umlegen kannst Du Katerina ja dann immer noch!“, wäre wohl seine Devise gewesen. Obwohl er hätte wissen müssen, dass eine Waffe im Flieger sich nicht wirklich gut machte.

Die Anschnallzeichen gingen an. Wenig später stand ich in der Ankunftshalle, fügsam neben einem Bodyguard sowie Katerina. Sie steckte mir eine Reisetasche zu und schob mich auf die Rücksitzbank einer direkt am Hauptgebäude parkenden alten Moskwitsch-Staatskarosse mit neuer Privacy-Verglasung. Ein schon im Wagen sitzender Breitschultriger namens „Dwayne“; ich lachte hell auf, er lächelte, mir eine Augenbinde anlegend kalt zurück. Er sei beauftragt, wichtige Fragen zu beantworten sowie den rechten Sitz der Augenbinde zu überprüfen. Augen brauchte ich ohnehin nicht, der Geruchssinn reichte: Was da neben mir saß, war Jamie Lee Curtis‘ Bodyguard aus dem Flieger! Nur: Wo war sie? Streckte vermutlich, schon längst die Betonfüße voran! Hatte es sie überhaupt gegeben? Oder war sie eine Fata Morgana, ausgelöst durch den Tee? Na, Freundchen, das wird ein Nachspiel haben!   

*

Zwei Stunden später. Der schwere Moskwitsch, lange Zeit von einer Motorradkolonne mit Blaulicht auf der linken Spur zu Vollgas genötigt, rollte langsam aus auf dem darob knirschenden Kies einer schlossähnlichen Auffahrt. „Kies“ liest sich durchaus als Metapher, der Satz selbst als gewolltes Klischee. Warum den Leser überfordern, wenn Heinz G. Konsalik gezeigt hat, dass der Weg zum Erfolg mittels bilderreicher Formulierungen ein leichter ist! By the way, als knapper Rat an Newcomer: Wo immer möglich dem Affen, also dem Kopfkino der Leser*innen, Futter geben. Deswegen auch geht es jetzt wie folgt weiter: Der Fahrer nahm mir die Augenbinde ab und geleitete mich, mit „Dwayne“ im Schlepptau, zur mächtigen Eingangstür irgendeiner Zarenvilla, wohl in Sankt Petersburg. An ihr angeschlagen, als hätten wir’s mit der Wittenberger Schlosskirche zu tun, nicht 95 Thesen, aber immerhin eine einzige, komischerweise auf Deutsch, wie ich, die Augenbinde abnehmend, feststellte: „Wir gedenken der Nazischweine um ‚Hunger-Backes‘ und Karl Voigt, die Leningrad ausgehungert haben und Hunderttausende Sowjetbürger jämmerlich krepieren ließen!“ Wäre ich Professor Niemeyer und wüsste um dessen hierfür einschlägiges Buch[11], hätte ich jetzt dazu betroffen nicken müssen. Und den Zusatz wohl als alarmierend empfunden: „Der Rest ist Schweigen!“

„Das ist doch die deutsche Variante zum Schweigebot der Mafia, ‚Ombertà‘ – und zugleich das letzte Wort Cosima Wagners an Friedrich Nietzsche!“, rief ich schlaumeierisch, also wie ein richtiger Professor, laut vor mich hin. „Wir befinden uns also jetzt in Tribschen, stehen direkt vor der Villa am Vierwaldstätter See. 1866 für einen Spottpreis vermietet vom bayerischen König Ludwig II. an seinen ‚Freund‘ – das Wort ist mit einer gewissen Süffisanz auszusprechen – Richard Wagner. Seit 1933 Museum. Und speziell am heutigen Tag vermutlich location. Für welches Stück und in wessen Auftrag, weiß ich allerdings noch nicht.“

„Also, Schlaumeier?“, fragte „Dwayne“, lauernd.

„Also steht das „K“ in „K.T.“ vielleicht doch eher für „C“ – wie Cosima?“

Blitzschnell wandte ich mich um, fixierte „Dwayne“, wie dies einen Schmetterlingssammler von Chris-Howland-Format mit einem Pfauenauge täte, das er per Stecknadel in seine Sammlung einzufügen gedenkt:

„Moment, Freundchen“, fuhr ich, wie unter Drogen, fort, „Cosima Wagner ist seit 1930 mausetot. Gebt ihr hier also in eurem überhand nehmenden Nationalstolz eine Erstinszenierung von Dürrenmatts Der Besuch bei der toten Dame, im Nachlass gefunden? Dann, mein Lieber, kann ich nur sagen: Ohne mich! Im Übrigen, wo wir schon dabei sind: Was hast Du mit Jamie Lee Curtis gemacht? Na, spuck’s aus!“

Was zum Vorschein kam, war sein Kaugummi; dazu ein Blick, der jeden anderen, wie bei Joker gang und gäbe, getötet hätte.

„Nicht mit mir, Freundchen! Aber wir können gerne mal…“

In diesem Moment – blitzschnell drehte ich mich erneut um – trat eine recht ansehnliche Mitvierzigerin aus der Tür ins Freie und meinte begütigend:

„Aber mein lieber Herr Professor, ganz schön hyperaktiv zur Unzeit, nicht wahr? Deswegen, nochmals: Wir waren in Moskau und sind jetzt in Sankt Petersburg. Und bitte nicht so grob und unhöflich. Oder sehe ich derart tot aus, dass Ihr mir sogleich ein ‚Weiche von mir, Dämon‘ entgegenschleudern werdet! Um euch ersatzweise ‚Dwayne‘ zuzuwenden! Wovon ich übrigens dringend abraten würde!“

Ich war sprachlos und kniff mir sicherheitshalber in den Arm. Entdeckte dort, wie vor Wochen im Wahlkampf der AfD-Chef Timo Chrupalla, einen Einstich. Aber immerhin: Ich lebte noch – aber die ‚Lady in Red‘ offenbar auch. Entdeckte jetzt auch die Ursache für das Ölige: Katerina war, wie gestern am Telefon, komplett verkabelt, auch mit Ihrem KI-Sprechroboter. So wie ich eine Minute später auch. Also schaltete ich um auf etwas vergleichbar Professionelles, in die von mir vermutete Zeit Passendes:

„Werte Meisterin, bitte seht mir meine vorübergehende Verwirrtheit nach. Natürlich freue ich mich, euch in so guter Form vor mir zu sehen. Wenn ihr mir jetzt Einlass in eure Villa gewähren wollt?“

Zauberworte, eines nach dem anderen. Die ‚Lady in Red‘ – Katerina bestand darauf, dass ich dieses „uns von Berlin her beiden wohlvertraute“ Zeichen verwendete – trat einen Schritt zur Seite. Ich, in völliger Überschätzung meines Erfolges:

„Aber ‚Dwayne‘ bleibt draußen!“

„Er kommt selbstverständlich mit hinein. Ich brauche ihn als Bodyguard und für einen Test. Man kann nicht vorsichtig genug sein in den heutigen Zeiten!“

„Die sich aber immerhin wohltuend unterscheiden von jener Zeit, als – um ein von Ihnen gestern eingebrachtes Stichwort aufzunehmen – die Nazis in die Ukraine einmarschierten, nicht wahr, gnädige Frau!“

„Oh, mein lieber Professore, Sie können ganz schön böse sein! Ich wollte damit ja nur sagen, dass ich, wäre ich nicht in Dresden als Tochter Putins geboren, sondern in Bellagio am Comersee als Tochter von Franz Liszt sowie der Gräfin d’Agoult, keine Mühe gescheut hätte, auch in die Schweiz einzumarschieren. Allein schon der schönen Berge wegen. Sowie der Schwarznasenschafe halber. Gleich nach der Ukraine, des tollen Weizens wegen.“

Diese ‚Lady in Red‘ war also doch verrückt – und brachte es, wohl als weiteren Beleg für diese Diagnose, fertig, ihre eben in aller Breite vorgetragene verschlüsselte Verteidigung ihres Vaters wegen dessen Überfall auf die Ukraine gleichwohl mit dem Satz abzuschließen:

„Aber keine Sorge, ich weiß ein Mittel, Ihnen diese Neigung für alle Zeiten auszutreiben!“

Auch wenn mir klar war, dass sie meine Neigung für Schweizer Stewardessen meinte, klang irgendwie nicht gut, eher nach Drohung. Also ein Fall für: Alarmstufe Rot!

Sie registrierte diese Verhärtung sofort:

„Oh, lieber Professore, wir wollen uns nicht streiten. Ich bedarf Ihrer doch so sehr!“

„Gnädige Frau: Stets zu Diensten! Wir sind in Sankt Petersburg, wie Sie sagten? Könnten Sie mir also das Grab Ihrer Großeltern zeigen, mit dem von mir vor einem Jahr auf hagali.com zitierten Spruch:

„Liebe Eltern! Ihr Kind benimmt sich sehr schlecht. Es meidet den Geschichtsunterricht, streitet mit seinen Mitschülern und droht. Die Schule in die Luft zu sprengen. Handeln Sie!“[12] Ich antworte selbst:

„Um ehrlich zu sein: Intelligenteres habe ich noch nicht gelesen, eingeschränkter formuliert: jedenfalls nicht am 2.10.2022. Dümmeres allerdings schon, gleichfalls an jenem Tag, übrigens. Womit wir bei Karl Lauterbach sind und einer Gegennachricht zu jener, nicht einer russischen, sondern einer typisch deutschen, schlimmer: eine eines Professors und Gesundheitsministers sowie eines SPD-Mitglieds unwürdige. Lauterbach nämlich twitterte seinerzeit, übrigens unklugerweise gegen Richard David Precht:

„Wir sind im Krieg mit Putin und nicht seine Psychotherapeuten. Es muss weiter konsequent der Sieg in Form der Befreiung der Ukraine verfolgt werden. Ob das Putins Psyche verkraftet, ist egal.“[13]

Ich muss wohl, auch auf die Gefahr, als Vaterlandsverräter ins Abseits gerückt zu werden und unter Bezug auf andernorts[14] Gesagtes, nicht groß erläutern, warum ich es in dieser Streitfrage eher mit den Petersburger Schnellmerkern halte als mit der typisch-deutschen Professorenbräsigkeit – oder gar einem Besser-Ossi wie Tino Chrupalla (AfD), der sogleich re-twitterte, Lauterbach habe gut reden, bedürfe seinerseits eines Psychotherapeuten etc. pp. Dieser offenbar parteiübergreifende Niedergang höherer Denktätigkeit erlaubt mir übrigens, auf das Unparteiische einer rein psychologischen Analyse selbiger verweisen zu dürfen, jedenfalls, solange sie lege artis ausgeführt wird. Dazu sprach ich erneut dem Tee zu, den mir Katerina kredenzte.

Über dieses Hin und Her war viel Zeit vergangen. Katerina allerdings behielt die Hosen an:

„Haben Sie Ihre Eintrittskarte dabei, die ich Ihnen nach Berlin geschickt hatte!“

„Selbstredend nicht, Sie wollten ja, dass ich mir’s ansehe!“

„Sehen Sie, so gefallen Sie mir – wie dereinst!“

Mich durchzuckte es: Dies erlaubte nur den Schluss: Die Lady kannte ihn, diesen Niemeyer, von früher her.

„Kennen wir uns von früher her?“

„Oh Professore, seien Sie nicht albern! Wie soll das denn gehen? Schauen Sie mal in den Spiegel: Was Sie sehen, ist ein extrem gut aussehender junger Mann!“

Sie hielt mir einen Spiegel hin. Was ich sah war – nichts! Nun galt es, stark zu sein:

„Oh ja, Katerina“, sagte ich beglückt. Sowie: „Sie haben recht!“

„Stopp Professore! Noch einmal so eine Unterwürfigkeit – und Sie sind raus!“

Ich lenkte ein, erzählte, um Zeit zu sparen, vom Weimarer Nietzsche-Archiv, wo die Russen bei Säuberung desselben nach 1945 übersahen, dass…

„Dass schon Nietzsche nichts von Putin hielt? Stopp Professore! Noch eine derartige Geschichte – und Sie sind draußen!“

Dazu lachte Sie auffordernd Richtung „Dwayne“, der sofort reagierte.

„Ich sagten Ihnen doch, Mylady: Der Typ bringt’s nicht! Er hat eine zu blühende Fantasie! Keinerlei Tatsachensinn! Kein Gespür, in welch‘ großer Gefahr er schwebt infolge seines Gequatsches, sorry: Quatsches!“

Das Ganze so, als wäre ich nicht mehr da!

War ich ja auch nicht, kurz darauf.

Erst aber kam, was auf einer der gestern per Post in Berlin eingetroffenen Eintrittskarten stand: Katerina lud in das Kellertheater, vor dem wir gerade standen, zwecks Privataufführung des, wie sie lustvoll betonte, „ersten Theaterstückes“ eines „jungen Genies“ namens Nils Pacific aus Dresden, ihrer Geburtsstadt, wo auch ihr heutiger Gast gelehrt habe, beinahe zu Zeiten ihres Vaters!“

Mäßiger Applaus des durchweg eingeweihten Publikums. Es diskutierte, flüsternd, aber hartnäckig, die Frage, ob Putin noch lebe und man ihm auch über den Tod hinweg – den Tod eines Tyrannen, wie mir mein KI-Übersetzer mitteilte – verpflichtet sei. Und was – ja, dies überraschte mich wirklich – Chruschtschow dazu sagen würde.

*

Im Kellertheater angekommen, einem Raum mit kleiner Bühne und Platz für maximal 50 Gäste, hob sich nach gezielter Platzierung – ich flankiert von Dwayne zu seiner Linken und Katerina zu meiner Rechten – der Vorhang vor einer Art Vorbesprechung zwischen Autor und Bühnenbildner. Über einen Seiteneingang war auch zehn aufgeweckten Kinder gewährt worden. Aus dem nächsten Dorf? Oder verschleppt aus dem nächstbesten ukrainischen Dorf, wie die Geiseln aus Israel? Ich scannte die Kinder von Professor Niemeyer aufgeregt auf meinem Smartphone, vermochte aber weder Leonard & Laura und schon gar nicht Hänsel & Gretel zu erkennen. Hatte es nicht Gerüchte gegeben am Niederneuerndorfer See, wonach sie im Winter unterm Eis verschwunden waren und später in der Tiefkühltruhe wieder aufgetaucht seien?

Gantenbein – ja, er war noch da, meldete sich hin und wieder unter meiner Maske, gleichsam zwei Tickets auf eins nutzend, – studierte den in Leuchtschrift, selbstredend auf Russisch prangenden Titel: Lieschen und Fritz in der Hölle – ein Einakter für Kinder und ‚Kinder‘. Tom, der Bühnenbildner, auf den die ganze Zeit über ein mit „Tom“ beschrifteter Leuchtpfeil hinwies, war‘s noch nicht ganz zufrieden. Vermisste „das Sozialpädagogische“.

Der Autor, unverständlicherweise mittels eines mit „Der Stotterer“ beschrifteten Leuchtpfeils markiert, blieb ganz gelassen:

„Hey Tom, lies ‚Hölle‘ als Metapher! Setz‘ dafür ein, was Du willst! NS-Jugendkonzentrationslager meinetwegen! Oder solche für ukrainische Kinder!“

Der eben angesprochene Leuchtpfeil wurde rot.

Auch Tom fand den Untertitel „schwierig“. Murmelte sich etwas in den Bart – eine Metapher, Kinder, so wie ‚Kinder‘ –, was so klang wie:

„Das weiß doch jeder!“

„Was?“

„Well, let me tell you!“ (Tom ist Ami, folks!)

Und er erzählte, dass das Leningrader Kindertheater sich auch an große Kinder wende, Erwachsene also. Und deswegen sei der Untertitel redundant.

„Häh?“

„Well: Doppelt gemoppelt!“

„Und der Haupttitel?“

„Ist okay!“

Der Autor prüfte ihn ab – und fiel durch! Deswegen, nun laut an uns alle gewendet:

„Kinder sowie ‚Kinder‘: Fritz & Lieschen ist ein Spiel, welches der Philosoph Friedrich (‚Fritz‘) Nietzsche (1844-1900) häufig mit seiner drei Jahre jüngeren Schwester Elisabeth (‚Lieschen‘) spielte. In die Hölle kamen beide, weil sie nach seinem Tod log – bis sich die Balken bogen. Deutlicher: Bis Hitler dachte, Nietzsche sei aus ähnlichem Holz wie er.“

„Und Nietzsche?“ Die Frage kam, wie aus der Pistole geschossen, direkt von Katerina. Die, wie ich fast körperlich spürte, aufs Äußerste empört war, den Autor Nils Pacific wie einen Verräter fixierend. Dieser indes blieb ganz gelassen, zu meiner großen Freude. 

„Nun ja, Kinder, in aller Vorsicht geredet (fragt besser eure Eltern!): Nietzsche kam in die Hölle, weil er mit 22 Jahren im Puff nicht aufgepasst hatte. Sich dabei eine Geschlechtskrankheit einfangend. Die Syphilis. Die damals nicht behandelbar war. Und im schlimmsten Fall noch über zwanzig Jahre später zur kompletten Verblödung führen konnte. Wie in seinem Fall.“

„Aber deswegen kommt man doch nicht in die Hölle!“, meckerte jetzt Tom. „Du machst den Kindern doch Angst!“

„Hey, nochmals: In der Überschrift steht ‚Hölle‘ – eine Metapher!“

„Für das Böse. Gedacht auch als Aufenthaltsort für jene Bösen, die, wie in der Ukraine gängig, den oder das Falsche lieben. Für die gibt es dank Putins Spezialoperation Nichts – abgesehen natürlich von einer Spezialoperation.“

Fast allen dankten Katerina für diesen genialen Witz – nur nicht ich:

„So also sieht es aus und zwischen uns aus! Hölle vor uns, in uns und nach uns! Was soll ich also hier, in Moskau oder St. Petersburg? Das Nichts anbeten und das Nichtige, das Menschen vom Schlag Ihres Vaters zurücklassen?“

Katerina saß zitternd da, als sei da zumindest der Hauch einer Ahnung. Dwayne kam ihr zur Hilfe:

„Noch was, Autor: Gibt’s in Deinem Stück genug zu lachen?“

„Wenn Du aufhörst zu schwätzen: schon!“

Den Kindern reichte es jetzt. Lautstark skandierten sie:

„Anfangen! Anfangen!“ Und die ganz vorwitzigen: „Anfangen, Kaspar!“

Also gut: Die Leuchtpfeile erloschen, und hinter einem weiteren, sich nun hebenden Vorgang kam das folgenden Bühnenbild zur Sichtbarkeit. Allerdings nicht für mich. Denn in diesem Moment signalisierte mir Katerina, Mini-Kopfhörer im Ohr der Termin in Moskau sei jetzt fix, das Theaterstück soeben als subversiv verboten. „Feuer!“, rief „Dwayne“ auf ein Zeichen Katerinas, etwa unbedacht. Kurz: Die Stimmung war recht frostig, Katerina hatte eine Schürfwunde, ich humpelte rechtsseitig, als wir wieder im Moskwitsch saßen via Moskau. Neben mir „Dwayne“, mit einem Jack-Nicholson-Grinsen, das jegliches alabasterfarbene Menschenfleisch in eine lustwinselnd sich darbietende Materie zu verwandeln in der Lage schien, kurz: Jokers Grinsen. Uns gegenüber sitzend: Katerina, kein Wort über Nils Pacific verlierend oder darüber, wohin es ihn und Tom Minnes wohl verschlagen habe. (Dwayne kommentierte dieses Schweigen mit lautem Knacken seiner Fingergelenke.) Katerina schwieg beharrlich, erkannte offenbar meine Entführung zum ersten Mal als Fehler.

*

Am Morgen, nach einem frostigen „Good Night!“ vor dem Hotel, wurde ich gegen neun von Katerina und „Dwayne“ abgeholt aus dem Frühstückszimmer. Straffes Programm: 10 Uhr „Zauberschule Ehrlich Brothers Moskau“, 14 Uhr Rückflug via Berlin. Mein Geplauder über Tyrannen und Tiefkühltruhen kam gar nicht gut an; auch nicht mein Bericht über meinen noch nicht ganz fertigen Krimi Die Lady aus der Tiefkühltruhe. Der Plot: Am 20. Todestag Richard Wagners habe sich die trauernde Witwe Cosima aus Einsamkeit und Lebensüberdruss einfrieren lassen, eine über Jahre hinweg geschulte Doppelgängerin ihr 1930 endendes Leben zu Ende führen lassend. 2003, nach einhundert Jahren, endete ihr Dornröschendasein, gerade rechtzeitig, um der gegen Wagners geistiges Erbe gerichteten Umtriebe des Nietzscheforschers Christian Niemeyer inne zu werden. Inzwischen stünden die Zeichen auf Versöhnung. Dazu machte ich „Huhu!“ durch ein offenstehendes Fenster des Moskwitsch in Richtung eines großen Gartens, an welchem wir gerade vorbeifuhren. Dazu fragte ich Katerina:

„Haben Sie sie auch gesehen, Isolde und Eva, wie sie eben in jenem Garten gespielt haben?“

Katerina gab mir ein unmissverständliches Zeichen, begleitet von der Frage:

„Haben Sie wieder Ihren Tee getrunken? Wir können gerne auch gleich zum Flugplatz fahren!“

Dann aber erwachte das Blut Ihres Ahnen in ihren Adern:

„Oh, lieber Herr Bleibtreu, Sie sollten es wahrlich besser wissen: Die beiden Kinder da draußen im Garten sind Ihnen unter den Namen ‚Laura‘ und ‚Leonard‘, Decknamen ‚Hänsel‘ und ‚Gretel‘, wohlbekannt. Schauen Sie doch einmal im Fall Ihrer Rückkehr im Keller Ihres Hauses am See in der Tiefkühltruhe nach?“

Darauf zog ich es vor zu schweigen. Hatte null Bock auf Grusel dieser Art.

*

Die Show begann pünktlich mit allerlei Lärm und kreischenden Kindern, wie bei den „Ehrlich Brothers“ gängig. Nur dass hier, im von Gerüchten ob Putins Tod durchzogenen Moskau, eben dieses Thema auch die Show prägte. Ein Indiz war, dass auf einmal Prigoschin, der vor kurzem per Flugzeug abgestürzte Chef der Wagner-Truppe, auftauchte – markiert mit einem auf ihn hinweisenden grünen Namenspfeil –, seine blutunterlaufenen Kopf unter dem Arm tragend, sich ihn problemlos aufsetzend, um lachend hinter dem Vorhang mit einer Stewardess aus seinem Todesflug zu verschwinden. Tausendmal gesehen auf RTL, hier aber, in Moskau, ungläubig bestaunt und nicht ohne Wirkung, auf die Einsicht abstellend: „Alles nicht so schlimm unter und wegen Putin, wie von den westlichen Fake Medien behauptet!“

Das Leitmotiv war damit gesetzt: Nacheinander traten nun, jeweils mit grünen Leuchtpfeilen und darauf abgesetzten Informationen markiert, die von Putin oder seinen Agenten Hingemetzelten auf inklusive ihrer Killer, unter Letzteren allererst Konstantin Kudrjawzew (Kopf unterm Arm!), der Nawalny auf den Leim ging und sich wg. seiner Mitwirkung am Giftanschlag auf diesen am Telefon verplappert hatte. Danach Vadim Krasikov (Kopf unterm Arm!), den „Tiergarten-Mörder“ – an Zelimkhan Khangoshvili (Kopf unterm Arm!), der so blöd gewesen war, sich mit verräterischem Tattoo fotografieren zu lassen, das auch Vadim Sokolov eignet (der er eigentlich sein will). Nicht vergessen wurden auch die weiteren Opfer Putins, etwa, alle mit Kopf unterm Arm, Khangoshvilis Kollegen Paul Klebnikow, Alexander Litwinenko, Sergej Magnitski oder Anna Politkowskaja. Hinzugerechnet Timur Kuashev sowie Ruslan Magomedragimow, um nur die zu nennen, die der mutmaßliche Nawalny-Attentäter Kudrjawzew gleichfalls auf dem Gewissen zu haben scheint.[15] Alle setzen dann ihre Köpfe auf und tanzten nach Zarenart einen Kasatschok zur Musik von Wonderland („Moskau“; längst vergessen), erneut dem nun eingeblendeten, wohl dem deutschen Gast zuliebe auf Deutsch dargebotenen Motto folgend: „Alles nicht so schlimm unter und wegen Putin, wie von den westlichen Fake Medien behauptet!“

Daraufhin explodierte ein überdimensionierter Luftballon und gebar die wiederum auf Deutsch gehaltene Überschrift „Das war’s – das kommt!“ Dazu wurde eine Tiefkühltruhe hereingerollt, der ein deutlich verjüngter Putin entstieg, an der Hand eines Arztes tänzelnd, der die Zarathustra-Worte „Wir haben das Glück erfunden!“ zitierte. Mir schwante, das Geheimnis von Putins Verjüngungskur sei meinem komplementär, er wie ich trügen also analog funktionierende Masken, nur dass die meine mich älter machte, so alt wie diesen Professor Niemeyer, wohin Putins ihn jünger machte – ihn oder seinen Doppelgänger, wie mir schwante, denn das Putin noch lebte, war nun unwahrscheinlicher denn je. Nun, wo auf der Bühne einer neueröffneten Zauberschule in Moskau die schlimmsten seiner politisch motivierten Morde zur Aufführung gebracht und also als solche anerkannt wurden.

Suchend blickt ich mich nach Katerina um und erkannte an ihrem dämonischen Grinsen, das ich die Rechnung wohl ohne diese Wirtin gemacht hatte. Ich schaute genau hin – und entdeckte, dass sie keinerlei Maske trug und gleichwohl deutlich verjüngt wirkte, wie eine Endzwanzigerin. Da stieg in mir eine bange Frage auf: War russischen Wissenschaftlern etwa in der Zeit ihrer internationalen Isolation seit Februar 2022 der von Nietzsches Lieblingsschriftsteller und allerletzter Maske, Eugène Fromentier in seinem ersten und einzigen Roman Dominique (1863)[16] beschriebene Dreh an der Uhr gelungen, in diesem Fall zwölf Jahre zurück, so dass Putin eine zweite Chance erhielt und noch einmal ganz neu ansetzen konnte, 2011? In düsterer Ahnung strebte ich dem Fenster zu und entdeckte auf den Straßen Moskaus erstaunlich viele Oldtimer. War es also wahr? Würde mich gleich ein klapperiger Propeller und nicht ein Learjet nach Berlin-Tegel zurückbringen und mich, maskenlos am Tag, an der Haustür staunend eine Fünfjährige empfangen, die gerade sagen wollte: „Papi ist in Dresden!“, um dann, nach genauerem Blick  auf mein jugendliches, freundliches Gesicht, mich mit den Worten „Hallo, Papi! Mami ist in der Küche, neben der Tiefkühltruhe!“ hereinzubitten? Kurz darüber nachdenkend, ob Sie mich wg. meines laienhaften „Sammy?“ zu „Lilly“, dem süßen Golden-Retriever-Welpen, der sich zwischen ihren Beinen nach vorne drängte in die erste Reihe, nicht wieder rausschmeißen solle? Und zwar nach dem Wolfgang-Borchert-Imperativ für Kriegsheimkehrer aller Art: „Draußen vor der Tür!“

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer

Bild oben von Bany_MM auf Pixabay

[1] Erschienen in: Christian Niemeyer: Schwarzbuch Neue/Alte Rechte. Glossen, Essays, Lexikon (= Bildung nach Auschwitz), Beltz/Juventa: Weinheim Basel 2021, S. 43 ff.
[2] www.hagalil.com/2021/03/impfung-macht-frei/
[3] https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/%C3%BCberraschender-schritt-von-putin-extreme-regel-abgeschafft/ar-AA1jg8JD?ocid=msedgdhp&pc=LCTS&cvid=a24bfc9c011e4a5b872cfec48b81716b&ei=8
[4] Zuerst am 24. April 2022 auf hagalil.com/2022/04/fritz-lieschen/; Nachdruck in: Zeitschrift für Sozialpädagogik 21 (2022), S. 333-342; hier wie dort mit Illustrationen von Tom Minnes.
[5] Richtig, dort auf S. 83 ff.
[6] Richtig; diese Auflistung wird ganz zum Schluss dieses Tatsachenberichts mittels der Schilderung der Ehrlich-Brothers-Moskau-Premiere wiederholt.
[7] Etwa dort auf S. 18 ff.
[8] Etwa dort auf S. 122 ff.
[9] Richtig, etwa in jenem 2023er Buch, S. 12.
[10] www.hagalil.com/2022/10/geheimrede-zu-putin/
[11] Die dunklen Seiten der Jugendbewegung. Vom Wandervogel zur Hitlerjugend. 2. Auflage. Mit einem Vorwort von Micha Brumlik. München 2022, S. 29 f.
[12] www.msn.com/de-de/nachrichten/welt/wladimir-putin-erhält-nachricht-am-grab-seiner-eltern/
[13] www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/lauterbach-weist-philosophen-precht-zurecht-wir sind-im-krieg-mit-putin/)
[14] S. mein oben beiläufig erwähntes Buch Die AfD und ihr Think Tank…, S. 100 ff.
[15] Angaben nach meinem (Vorsicht: Gantenbein spricht!) oben erwähnten Schwarzbuch von 2021, S. 83 ff.
[16] Vgl. mein brandneues Buch Nietzsches Also sprach Zarathustra – ein Werkkommentar der New School. Alles, was man von den Hintergründen dieser genialen Dichtung wissen muss, um ob ihrer Komplexität nicht zu verzweifeln. Verlag Karl Alber: Baden-Baden 2024, Prolog B.