Mathematik als Sprache

0
117

David Seldner entwickelte Programme für den geplanten schnellsten Rechner der Welt

Ein Porträt aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg
Zuerst erschienen in: Jüdische Allgemeine v. 18.09.2023

Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, dann fällt mir auf, dass es geprägt ist von einer ständigen Suche nach der jüdischen Identität. Das war aber sicher noch nicht der Fall, als ich in Ohio meine ersten Lebensjahre verbracht habe. Im Alter von fünf Jahren kam ich mit meiner Mutter und deren neuem deutschen Lebenspartner nach Bayreuth.

Nach der Einschulung bekam ich dann mit anderen Kindern von einem Lehrer Unterricht in jüdischer Religion. Dafür kam er jede Woche aus dem 85 Kilometer entfernten Nürnberg zu uns nach Bayreuth. Zu den Feiertagen fuhr ich oft mit meiner Mutter in die umgekehrte Richtung. Mit 13 Jahren machte ich in jener Stadt, in der einst die Nazis ihre Parteitage abhielten, meine Barmizwa.

Irgendwann erfuhr ich, dass mein Großonkel väterlicherseits Leo Katzenberger war, der letzte Nürnberger Gemeindevorsteher vor der Schoa. Das weckte mein Interesse für unsere Familiengeschichte. Ich begann zu recherchieren, und was sich da im Laufe der Zeit vor mir auftat, entwickelte sich zu einer unglaublichen Kolossalität an Geschichte und Geschichten.

In Krautheim, einem kleinen Ort im Hohenlohekreis, war mein Vater geboren worden. Von hier aus war dessen Vater, mein Großvater, noch für Kaiser und Vaterland gen Frankreich in den Krieg gezogen und schwer verletzt zurückgekehrt. So etwas fanden die Nazis später nur bei jenen respektabel, die keine Juden waren. Jahrzehnte später entdeckte ich in seiner Wiedergutmachungsakte Unterlagen, die bewiesen, dass die Nazis seine einst nicht unvermögende Familie durch die sogenannte Judenvermögensabgabe systematisch ausgeraubt hatten.

Nach der Pogromnacht 1938 war ihm klar, dass es besser sei, die Heimat zu verlassen. Hätte er nicht zwei Schwestern in den USA gehabt, die den größten Teil der Schiffspassage bezahlten, wäre das Schicksal der insgesamt fünfköpfigen Familie des Großvaters ganz anders verlaufen. So aber bestiegen sie im Frühjahr 1940 in Genua das Schiff mit dem Zielhafen New York.

Die Eltern meiner Großmutter väterlicherseits kamen aus Künzelsau und hatten weniger Glück. Mein Urgroßvater war in der Kreisstadt im fränkischen Teil des Hohenlohekreises der Vorsitzende einer jüdischen Gemeinde. Bereits im März 1933 war er von SA-Leuten überfallen und auf offener Straße so sehr misshandelt worden, dass er an den Folgen starb. Seine Frau wurde neun Jahre später nach Polen deportiert und ist dort »verschollen«.

Meine Mutter überlebte mit falschen Papieren als katholisches Kind in der Ukraine. Ihr Glück war es, blonde Haare und blaue Augen gehabt zu haben. An der Hand ihrer Tante war sie unkontrolliert aus dem Lodzer Ghetto gelaufen – einen Tag, bevor dessen Tore zugesperrt wurden. Ihr Vater und fast die gesamte Familie kamen in den KZs um. Sie aber erreichte nach dem Krieg auf Umwegen auch die USA, lernte dort einen jungen Mann kennen und heiratete. 19 Jahre, nachdem sie das Ghetto verlassen hatte, kam ich in Cleveland im Bundesstaat Ohio zur Welt.

Schon in der Oberstufe meines Bayreuther Gymnasiums hat mich die Mathematik interessiert. Insbesondere von deren Struktur und Denkweise bin ich sehr angetan gewesen. Mir hat ein Freund einmal gesagt, er glaube, ich habe deshalb Mathematik studiert, weil das einfach sehr logisch ist und nicht mystisch – was ich übrigens nicht sagen würde.

Mathematik ist letztendlich Philosophie. Ich sehe sehr viele Parallelen zwischen Mathematik und Religion, zumindest zum Judentum. Das ist es, was mich fasziniert hat, und das tut es bis heute. Mathematik ist ja eine Sprache und die einzige Wissenschaft, die ohne Hilfswissenschaften auskommt. Man setzt sich Axiome (Grundregeln), die möglichst etwas mit der Realität beziehungsweise dem zu behandelnden Phänomen zu tun haben sollten, und zieht daraus Schlussfolgerungen. Und so ist es auch mit dem jüdischen Recht.

Man hat gewisse Axiome, sprich Gesetze, und versucht, durch logische Anwendung dieser Gesetze zu Schlussfolgerungen zu kommen. Mit Physik hatte ich teilweise meine Probleme, weil mir in der Physik oft nicht klar war, woher die Grundannahme kam, aus der dann die Aussage hergeleitet wird. Wenn man in der Mathematik zum Beispiel die Axiome verändert oder ergänzt, nur ein bisschen am Grundgerüst rüttelt, dann sieht man, was sich am Zustand im gesamten Gedankengebäude ändert.

Man erkennt, wie relativ die Dinge sind und wie sie oft nur von Kleinigkeiten abhängen. Was Physik angeht, haben mich die moderne Physik, also die Quantenmechanik, aber auch die Makrophysik, sprich Relativitätstheorie, Gravitationstheorie und Kosmologie, sehr fasziniert.

Es ist fast eine Art Hobby von mir, zu versuchen, gewisse Phänomene aus verschiedenen Perspektiven zu erklären. Zum Beispiel die Erschaffung der Welt. Für den Schöpfungsakt gibt es durchaus naturwissenschaftliche Erklärungsmodelle. Es ist ja eine sehr wahrscheinliche Theorie, dass es einen Urknall gab, und für mich ist eigentlich auch klar, dass es jenseits all dessen eine höhere Macht geben muss. Denn was war vor dem Urknall?

Einerseits bin ich Wissenschaftler und suche nach Erklärungen, andererseits, oder vielleicht auch deswegen, erkenne ich Grenzen. In diesem Fall ist es beispielsweise unmöglich, hinter diesen Zeitpunkt des Urknalls zu schauen. Das ist wie bei einer Asymptote, also einem Bruch mit einem Nenner, der gegen null geht – der Wert steigt bis ins Unendliche. Das kann man sich als Wand vorstellen, die unendlich hoch wird und über die man deshalb nicht steigen kann. Es gibt keine Möglichkeit zu sehen, was hinter der Mauer liegt.

In diesem Fall ist dies der Zeitpunkt des Urknalls. Man kann sich diesem Punkt zwar immer weiter annähern, ihn aber nie erreichen oder eben gar dahinterschauen – ich meine das zeitlich. In der Physik zum Beispiel, die mehrere Dimensionen hat, können wir Menschen gerade einmal vier Dimensionen begreifen: drei räumliche und die Zeit. Die Zeit – das ist schon mal ein ganz großer Punkt, dass wir das überhaupt begreifen können.

Aber wenn es eine fünfte Dimension gibt, und die Physiker sprechen ja inzwischen von acht oder zehn Dimensionen, dann liegt dies einfach jenseits unseres Vorstellungsvermögens. Und ich weiß, dass es keine Möglichkeit gibt, mich als Mensch, sozusagen als vierdimensionales Wesen, in die fünfte Dimension zu versetzen.

Ab einem gewissen Komplexitätsgrad kann nur noch die Mathematik als Sprache zur Beschreibung der Phänomene verwendet werden. Ob wir daraus ein Bild entwickeln, mit dem wir uns die Phänomene vorstellen können, ist eine interessante Frage. Für die Welt, in der wir leben, reichen viele Bilder aus – für mehr sind wir nicht geschaffen. Und dann sehe ich natürlich auch, wie klein ich im Vergleich zu – nennen wir es – Gott oder einem höheren Wesen bin.

Dann wird mir die Unmöglichkeit bewusst, überhaupt eine Aussage zu treffen, denn ich kann sie weder beweisen noch widerlegen. Diese Erkenntnis kann man aber durchaus als eine mathematische, physikalische, psychologische und auch vielleicht religiöse Erfahrung sehen. Man kann es nicht beweisen, und man kann es nicht widerlegen. Im Übrigen glaube ich, dass verschiedene Meinungen und eine Kultur des konstruktiven Austauschs dazugehören, um weiterzulernen und sich weiterzuentwickeln.

Diese quasi naturwissenschaftlich-philosophischen Überlegungen begannen bei mir schon während des Studiums der Mathematik und der Physik an der Bayreuther Uni. Erst recht setzten sie sich später während der wissenschaftlichen Arbeit am Kernforschungszentrum in Karlsruhe fort. Heute heißt dieses Institut »Karlsruher Institut für Technologie«.

Viele Jahre entwickelte ich hier Programme für den geplanten schnellsten Rechner der Welt; zunächst in Plasmaphysik und später auch in Gebieten wie Elementarteilchen- und Astroteilchenphysik. Andererseits begab ich mich durchaus auch in die »Niederungen« der Arbeit der Gemeinde, deren Vorsitzender ich in Karlsruhe viele Jahre gewesen bin. Nach wie vor bin ich im Vorstand des »Bundes traditioneller Juden in Deutschland«, den ich 2012 mitgegründet habe, um mitzuhelfen, in diesem Land traditionelles jüdisches Leben aufzubauen.

Foto: Melanie Maul

Weitere Porträts von Gerhard Haase-Hindenberg: 
„Ich bin noch nie einem Juden begegnet …“: Lebensgeschichten aus Deutschland