Eine Sommerlandschaft zwischen Hessen und Thüringen

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In der thüringischen Rhön ist Sommerzeit, einladend schön die Landschaft. Hügelig ist sie, Wälder, Felder sind von hier oben, von 400 Meter Höhe, recht gut zu erkennen, die kleine Ortschaft Geisa liegt wie ein Nest unten im Tal. Die Geschichte Deutschlands um mich herum.

Von Christel Wollmann-Fiedler

Deutschland erinnert am 13. August 2023 an den Mauerbau 1961, zweiundsechzig Jahre ist das her. Schon wieder sind vierunddreißig Jahre vergangen und die Erinnerung an das Wegreißen der unsäglichen Mauer in Berlin und das Öffnen der Grenztore und unterschiedlichster Metallverhaue und das Wegräumen der Minengräben im gesamten Deutschland von Nord nach Süd sind noch sehr in Erinnerung. Man konnte die Mauer nicht mehr gebrauchen, sie war alt und gebrechlich und passte keineswegs in die moderne Zeit!

Ein großer Jubelschrei drang durch Deutschland und große Zukunftspläne in Ost und West flogen durch unser Land.

Schnurstracks führt mich heute der Weg nach Osthessen in die oben genannte thüringische Rhön, an die thüringisch-hessische Grenze. Eine umwerfend schöne sommerliche Landschaft. Hier das hessische Fuldagebiet mit der Ortschaft Rasdorf und da drüben Geisa in Thüringen, das zum Wartburgkreis gehört und die berühmte Wartburg als Nachbarin hat. Die Ulster, der kleine Bach, schlängelt sich durch die Wiesen, weiter weg die Werra. Getrennt waren diese beiden Orte, hier hüben, dort drüben durch die genannte unsägliche Grenzanlage mit Todesstreifen und Stacheldraht. Die eine Ortschaft Geisa lag im DDR-Grenzgebiet und Rasdorf, die andere, im westlichen Zonengrenzgebiet, in der amerikanischen Zone, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten, wo sich Menschen von hier und dort über achtundzwanzig Jahre nicht sehen und besuchen konnten. Viel Leid durchzog so manche Familie.

Oberhalb der damaligen Grenzanlage liegt Point Alpha mit Wohn- und Schlafbaracken, dem Casino, der Kantine, den Büros und Hallen mit Munition und Jeeps, Panzer und Lastwagen und dem erwähnten größeren Beobachtungsturm der US-Armee und auf der gegenüberliegenden Seite der übriggebliebene Wachturm der russischen Zone, der DDR. Eine Konfrontation zwischen Nato und Warschauer Pakt.

„Der ehemalige „Observation Post Alpha“ (kurz: Point Alpha) war einer der wichtigsten Beobachtungsstützpunkte der US-Streitkräfte in Europa und einer der heißesten Punkte im Kalten Krieg“

Sonntäglich geruhsam ist heute die Stimmung, kein Leid, keine politische Not, keine Grenze. Doch die Vergangenheit holt die Menschen ein. Theoretisch wird dem Besucher mit Fotos und vielen Texten der Grenzstreifen von damals erklärt. Im Westen die amerikanische Armee und der Bundesgrenzschutz, auf der anderen Seite des undurchlässigen Grenzzaunes standen die Scharfschützen der NVA. Sie wurden angehalten Menschen, die in den Westen flohen zu fangen oder gar zu erschießen. Es gab Menschen in der DDR, die das Leben und die Diktatur nicht ertrugen, in die Freiheit, nach Westdeutschland, hier in die amerikanische Zone, türmen wollten. Riskant waren diese Fluchten, wurden lange vorbereitet, endeten mit Festnahme oder Tod, doch einigen gelang die Flucht in die ersehnte Freiheit. Ein politisches Szenario über 28 Jahre.

Der Eiserne Vorhang fällt 1989, heute ist Sonntag der 13. August 2023.

Alle Fotos: C. Wollmann-Fiedler