Die erste jüdische Universität in Berlin

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Das Buch von Karl Erich Grözinger ist eine auf detaillierten Archivrecherchen gegründete Studie über die erste jüdische akademische Institution mit säkularer Ausrichtung, die im Jahre 1856 in Berlin unter dem Namen Veitel Heine Ephraimsche Lehranstalt – Bet-Ha-Midrasch errichtet wurde.

Von Avidov Lipsker

Die Lehranstalt wurde von Beginn an als Hochschule für die Forschung und Lehre der Wissenschaft des Judentums nach den Vorstellungen von Leopold Zunz und Moritz Steinschneider gegründet, die den Charakter und Geist der akademischen Bildung im deutschen Judentum zur Mitte des 19. Jahrhunderts prägten – entgegen der theologischen Ausrichtung von Abraham Geiger, welche dieser mehr in der 1870 gegründeten Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zu finden glaubte. Das Buch beschreibt die Umstände der Gründung der Einrichtung bis zu ihrem schrittweisen Ende nach dem Ersten Weltkrieg und deren Ausraubung zur Zeit des Nationalsozialismus.

Die von Grözinger vorgelegte Studie ist in erster Linie eine Darstellung von höchster historiographischer Bedeutung für alle, welche die intellektuelle und organisatorische Landkarte der akademischen und wissenschaftlichen jüdischen Republik, der formalen wie der informellen, jener Tage zeichnen wollen, in denen die Berliner Aufklärer ein besonderes intellektuelles und kulturelles Klima schufen, das einen mächtigen Einfluss auf die jüdischen Gemeinschaften Europas im neunzehnten und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ausübte. Dieses geistige Klima entstand bekanntlich in einem stürmischen politischen Umfeld von Kämpfen um das Wesen der jüdischen Bildung, welche in verschiedenen Bereichen, insbesondere im akademischen, kulturelle, politische und religiöse Werte zu verwirklichen und zu begründen suchten, um so weit wie möglich der europäischen Bildung im allgemeinen und der deutschen im Besonderen nahezukommen und sich in sie zu integrieren.

Die von diesem Buch aufgerollten Forschungen beruhen allesamt auf den ehemaligen preußischen Staats-Archiven sowie den verbliebenen Materialien dieses Bet Midrasch für höhere Studien, das von der Familie Ephraim, ihres Begründers Veitel Heine Ephraim und dessen Sohn Ephraim Veitel Ephraim, gestiftet und finanziert wurde. Es liegt in der Natur der Sache, dass die betreffenden Dokumente zahlreiche
Rechnungsabschlüsse sowie formelle wie informelle Berichte bezüglich der Vollstreckung der beiden Testamente enthalten, welche die Finanzierung der Einrichtung ermöglichten.

Ich möchte angesichts dessen ein besondere Augenmerk auf die Gestalt dieser Forschungsarbeit lenken, welcher es gelingt die scheinbar „trockenen“ Archivmaterialien als eindrucksvolle Zeugen einer historischen und kulturellen Wirklichkeit voll tatsächlich gelebten Lebens der wissenschaftlichen Gemeinschaft Berlins darzustellen. Die Rechnungsberichte (wie die auf den Seiten 37-39) lassen die tatsächlichen Aktivitäten der Gelehrten dieser Anstalt hinsichtlich des Umfangs ihrer Arbeit, oder der Zeit ihrer Tätigkeit am Institut erkennen. Ihre finanzielle Entlohnung war zum Beispiel Ausdruck ihrer Führerschaft im täglichen Arbeitsleben der Gelehrten am Institut, wie im Fall von Professor Moses Moritz Steinschneider, Eugen Mittwoch, Friedrich Kern und Gotthold Weil. Zum einen spiegelt die Vollstreckung der Testamente der Familie Veitel Ephraim zur Finanzierung der Institution die Prozesse der rechtlichen wie kulturellen Legitimierung wider, die sich einer solchen „jüdischen Akademie“ stellten. Der historische Rückblick der Durchführung und Einrichtung in den verschiedenen Institutslokalen, – zunächst im Wohnhaus von Veitel Heine, Spandauerstraße 30, dann Nr. 76, später in der Heidereutergasse 3, in der Rosmarienstraße 4 und zuletzt in der Oranienburgerstr 27 (1) – umreißt die rechtlichen und bürgerlichen Grenzen der Befugnisse der preußischen Juden jener Tage in ihrer Stellung gegenüber den bürgerlichen deutschen Einrichtungen in Preußen. (S. 42-66, 70-71)

Ein Kapitel für sich selbst ist natürlich die neue säkulare Bedeutung, welche das Institut dem traditionellen Begriff „Bet ha-Midrasch“ gegeben hat. Es mag sein dass dieses Kapitel (S. 75-90) für einen Historiker der europäisch-jüdischen Kultur eine Selbstverständlichkeit ist, nicht so aber für den europäischen Intellektuellen unserer Tage. Die Wurzeln der Profanisierung, welche dieser Begriff im 19. Jahrhundert erfuhr, liegen in dem großen Kommentar (Bi’ur) zur Bibel von Moses Mendelssohn, und im literarischen Werk des Rabbiners Naftali Herz Weisel, nämlich der poetischen Bearbeitung der Bibel, welche die Moderne der hebräischen Literatur einläutete.

Demgegenüber wird im vorliegenden Buch das tatsächliche historische Handeln dargestellt, das diesen Prozessen eine bürgerliche, rechtliche und insbesondere akademische Gültigkeit verlieh. Zum ersten Mal blicken wir hier auf die Weise der Neugründung jüdischer Berufe, und wie sie vor einer Betrachtung von außen standhalten. Das war die Zeit der Schaffung einer Bibliographie der jüdischen Literatur, der Philologie des Hebräischen und seiner verschiedenen historischen Schichten, der Errichtung von Fundamenten einer neuen theologischen Disziplin, die das Zeug zur Grundlegung vergleichender Religionswissenschaft hatte. Das war tatsächlich eine grundstürzende Revolution im Vergleich zur psychischen wie kulturellen Bedeutung des „Bet Midrasch“ der jüdischen Tradition, jedoch außer dem Willen, eine beträchtliche Revolution zu inszenieren zugleich aber auch das Bestreben das traditionelle Weiterleben des „Bet ha-Midrasch“ als jüdisches Studien-Heterotop zu bewahren, in welchem das Judentum der Hauptgegenstand der Betrachtung ist. Dieses Bestreben wurde insbesondere daran sichtbar, wie die Absolventen der Bate ha-Midrasch aus Osteuropa am Ende des 19. Jahrhunderts von dem Studium an dieser Institution angezogen wurden als einer Art Bewältigung der Trauer über den Verlust der Welt des „Bet ha-Midrasch“ ihrer Herkunftsorte und des Trostes an einem Ort völliger wissenschaftlicher Moderne, der sich auch weiterhin „Bet Midrasch“ nannte.

Auch in diesem Teil seines Buches, das gewöhnlich einen interpretativideengeschichtlichen Charakter trägt, wählte der Autor den Weg, die sich verändernden Zielsetzungen hinter den Mauern dieser Einrichtung anhand der „wirtschaftlichen“ Daten seiner Archivquellen nachzuzeichnen – zum Beispiel an der ab 1834 eingeführten Politik, evangelisch-theologische Studien mittels Stipendien zu fördern, und zehn Jahre später die ersten Schritte zur neuerlichen Rejudaisierung der Studien am Institut (S. 105 ff.), bis hin zum Abschluss dieses Prozesses ab 1854 ( S. 112 ff).

Als Erforscher der modernen hebräischen Literatur mit einer großen Nähe zu den Jüdischen Studien an den Universitäten in Israel halte ich dieses Buch von entscheidender Bedeutung für eine präzise und faktenbasierte Erkenntnis der revolutionären Abläufe zur Geburt der modernen jüdischen Kultur und ihrer hebräischen Literatur am Ende des 19. Jahrhunderts. Diese Entwicklungen geschahen zugleich mit der Begründung zionistischer Vereinigungen in Osteuropa und deren positiven Antwort auf die Zielsetzungen der Lehranstalt seit 1856, nämlich in seine Mauern einzelne sich spezialisierende Studenten zu bringen, die dort einige Semester, oft mit Hilfe von Stipendien, studieren konnten.

Am Rande dieser Entwicklung trat gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein grundlegendes Ereignis hinsichtlich der Historiographie der modernen hebräischen Literatur ein, nämlich die Ankunft des Schriftstellers Micha Josef Berdyczewski in Berlin im Jahre 1892 und der Beginn seines Studiums zunächst an der Hochschule für jüdische Studien, deren wichtigste, ihn aber enttäuschende Lehrer in jenen Tagen Moritz Lazarus und Hermann Steinthal waren, der deshalb bevorzugt als freier Zuhörer bei Moritz Steinschneider am Veitelschen Bet ha-Midrasch studierte, dem seine ungeteilte Begeisterung galt (S. 179-185.252).

Nach einem zweijährigen Promotionsstudium in Bern kehrte Berdyczewski im April 1896 nach Berlin zurück. In diesem Jahr verbündete er sich mit einer Gruppe osteuropäischer jüdischer Studenten, zu denen unter anderen Mordechai Ehrenpreis, Jesaja Thon, Zwi Malter, David Neumark und Mordechai Ze’ev Broda gehörten – dies gilt gemeinhin als das Gründungsjahr der Gruppe der Junghebräer (Ze’irim). Dies war laut dem historiographischen Narrativ gewissermaßen das Jahr der Entstehung der hebräischen Moderne, die sich gleichsam als Opposition gegen das Hebräische Zentrum des bekannten autoritativen Schriftstellers Ascher Ginzburg (Achad Ha-Am) aus Odessa formierte.

Die Historiographen der hebräischen Literatur kennen die Umstände der Entstehung dieser Gruppe aus den Arbeiten von Avner Holzmann, Josef Oren, Gerschon Schaked und Dan Miron. Jedoch diese Arbeiten leuchteten nicht alle Gebiete dieser Berliner Republik Jüdischer Studien im Veitel Heine Ephraimschen Bet ha-Midrasch zum Ende des 19. Jahrhunderts aus. Und es war gerade dieser „abseitige“ und relativ wenig bekannte Ort Jüdischer Studien, an welchem Micha Josef Berdyczewski sich mehr aufhielt als an jeder anderen akademischen Institution, und mit dessen Aktivitäten die hebräische Literaturwissenschaft die „Revolution“ der „Junghebräer“ in jenen Tagen verband.

In dem vorliegenden Buch wird zum ersten Mal eine überaus detaillierte Landkarte von den Aktivitäten der Protagonisten der Gelehrtenrepublik im kulturellen jüdischen Umfeld jener Jahre gezeichnet, und damit kann der Leser sich von neuem sehr genau das wirkliche akademische Leben an dieser Institution vor Augen führen, wie es durch die Archive, welche die Grundlage dieses Buches bilden, bestätigt wurde. Dieses Buch offenbart, dass der herausragende Gelehrte aus dem Kreis der „Junghebräer“ David Neumark war, der gerade in des selben Tagen vor Ort erschien wie Berdyczewski, und der schon während ihrer früheren Freundschaft in Lvov (Lemberg) als scharfsinnig und Spezialist anerkannt war. Seine Aktivität als „widerspenstiger“ Genosse und Revolutionär war indessen vorübergehend, denn er widmete sich alsbald einer Professur für jüdische Philosophie des Mittelalters (S. 217. 233-234), zunächst an der Veitelschen Anstalt und kurz danach am Hebrew Union College in Cincinnati.

Berdyczewski selbst hat, wie in dem Buch beschrieben (S. 252-253. 179-185), sich selbst nicht formell als Student an der Veitelschen Anstalt immatrikuliert. Laut den ebenda zu ihm und seinem engsten Freund, Mordechai Ehrenpreis, vorgelegten Zeugnissen hat sie dort am meisten die Gestalt von Moses Moritz Steinschneider, des Begründers der modernen Bibliographie jüdischer Wissenschaften, beeindruckt (S.
262f., 182-183, 179-185). Diese Zeugnisse vermitteln eine spezifische Perspektive für die späteren Arbeiten von Berdyczewski im Bereich der historischen und literarischen Kartographie der frühen hebräischen Prosa, wie in seiner besonderen Bearbeitung in Zefunot we-Aggadot und in deren thematischen Darstellung in Mi-Mekor Jisrael.

Für die Erforschung der neueren hebräischen Literatur ist das Buch von Karl Grözinger eine notwendige Rekonstruktion eines fehlenden Gliedes zwischen der traditionellen Berliner Aufklärung (Haskala) des 18. Jahrhunderts und der aufklärerischen Moderne vom Ende des 19. Jahrhunderts in der Mitte Europas. Dies ist ein notwendiges Detail für jeden Historiker der neuen hebräischen Literatur.

Avidov Lipsker ist Professor für hebräische Literatur an der Bar Ilan Universität, Ramat Gan.

Karl Erich Grözinger, Die erste Jüdische Universität in Berlin. Das Ringen um jüdische Bildung vom 18.-20. Jahrhundert, Campus Verlag, Frankfurt a. M / New York 2023, 374 S., Bestellen?

LESEPROBE

Anmerkung:
(1) Das von Veitel Heine Ephraim ab 1762 errichtete prächtige Ephraim Palais diente der Firma Ephraim & Söhne bis zum Jahr 1823 als Geschäftsstammsitz.