Übernahme eines geliehenen Selbst

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31Ein Deutscher im Identität-Raub-Zirkus, der vorgab, ein Jude zu sein

Von Nea Weissberg

In seinem Essay[1] schreibt Fabian Wolff, der sich in einer larmoyanten, ausgewalzten Abhandlung voller Selbstmitleid und garniert mit erlernten jiddischen Vokabeln als Beiwerk, als Hochstapler enttarnt: „Was meine Mutter sich bei dieser Prägung konkret gedacht hat, weiß ich nicht, aber im größeren Kontext deutscher Geschichte gibt es hier mit Sicherheit auch eine Schuldabwehr: Die Familie meiner Großmutter war klar links, kommunistisch und anarchistisch, aber ich weiß nicht genau, was sie genau zwischen 1933 und 1945 getan hat. Meine Mutter hat die Familie meines Großvaters immer als brutal und deutschnational beschrieben. Sein Weg vom Wehrmachtssoldaten zum Kommunisten nach 1945 wurde in der DDR ohne Weiteres begrüßt.“

Dabei scheut er sich nicht, die Schuld für seine Selbstermächtigung, ein „Jude“ zu sein, seiner Mutter zuzuschreiben, die sich — da 2017 verstorben — nicht erwehren kann:

Übernahme eines geliehenen Selbst

Immer mal wieder gibt es NS-Nachkommen, Nachkriegs- und Enkelkinder, die sich auf die Shoah-Seite mogeln. Sie phantasieren sich eine vermeintlich jüdische biographische Identität. Einigen gelingt eine Zeit lang ein scheinbar überzeugendes Konstrukt ihrer selbst gestalteten Fassade, andere verstricken sich in durchschaubare Widersprüche und „riskieren“ ungewollt (?) die Aufdeckung ihrer Lebenslüge.

Wie lässt sich ein so ungeniertes Agieren hinterfragen? Woher rührt jene Selbstermächtigung? Vielleicht weil diese (von ihrer wirklichen Herkunft abgewichenen) Menschen es auf der Shoah-Familienseite „gemütlicher“ finden, sich durch ihr neues Selbst „attraktiver“ wahrgenommen fühlen, sie dadurch an einem sozialen und / oder gesellschaftspolitischen Netzwerk partizipieren und des Öfteren schamlos ihr frei erfundenes Leid in lukrativ klingende Münzen umsetzen[2].

Einige hoffen, dank ihres „geliehenen Selbst“, ihre eigentlichen Aggressionen gegenüber Juden, Jüdinnen und Israel, als beißenden ironischen Spott getarnt, ausdrücken zu können? Die frei erfundenen Inszenierungen jener „Möchte-gern-Juden-Jüdinnen“, die sich durch eine Übernahme einer Opferidentität „belebt“ und „aufgewertet“ fühlen, werden als sogenannte „Wilkomirskis“[3]betitelt.[4]

Das Lügen-Roulette dreht sich weiter

Der Hallenser Historiker Frank Hirschinger[5] enthüllte 2006, dass Karin Mylius, die von 1968 bis 1986 Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle (Saale) war, keine Jüdin und keine Überlebende des Mordes am jüdischen Volk war. Da sie für ihre systemkonforme SED-Politik bekannt war und wohl als zuverlässige Zuträgerin galt, ließ das Ministerium für Staatssicherheit sie gewähren.

2018[6] kam ans Licht, dass sich der langjährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Pinneberg in Schleswig-Holstein, Wolfgang Seibert, seine angeblich jüdische Herkunft maßgeschneidert hat.

Und jetzt 2023 — nach der Historikerin Sophie Hingst, die sich 2019 nach der Enttarnung durch den SPIEGEL[7], das Leben nahm — Fabian Wolff, evangelischer Herkunft wie Hingst und gebürtig aus einer in der DDR sozialisierten Familie. 

Die Vorgenannten haben die deutsche, jüdische, israelische und internationale Öffentlichkeit sowie ihren Freundeskreis dreist getäuscht. Warum? Um politischen Einfluss und Macht über Juden und Jüdinnen zu gewinnen? Um der Übernahme einer politisch-historischen und psychosozialen Verantwortung auszuweichen?

Was haben jene Urgroßeltern, Großeltern und Eltern transgenerationell von ihrem Juden- und Menschenhass – trotz Schweigegeboten aus Angst vor Enthüllung – bewusst oder unbewusst an die Nachkriegsgenerationen nonverbal weitergegeben und wie viel davon ist ein ahnungsloser, doppelbödiger Teil der eigenen Identität?

Fabian Wolff nutzte zynisch in Deutschland das „Judenticket“, um sich als angeblicher „jüdischer Experte“ Israel kritisch-despektierlich äußern zu können.

„Hochmut kommt vor dem Fall“. Wann grüßt uns die nächste Fake-Juden-Figur?

 

[1] „Mein Leben als Sohn Was geschieht, wenn die Identität auf einer erschütternden Unwahrheit beruht? Ein Leben stürzt ein, jede Gewissheit wird brüchig, und die Angst hört vielleicht nie auf.“ Ein Essay von Fabian Wolff /16. Juli 2023/ ZEIT Online

[2] Misha Defonseca, am 12. Mai 1937 im belgischen Etterbeek als Monique Ernestine de Wael geboren und im US-Bundesstaat Massachusetts ansässig, hat gestanden, dass ihre 1997 veröffentlichten Memoiren «Misha: A Memoire of the Holocaust Years» („Überleben unter Wölfen“) eine Fälschung ist. Die Romanschreiberin und verurteilte Betrügerin musste Schadensersatz an ihren Verleger zahlen. Siehe: tachles. Das Jüdische Wochenmagazin vom 12. Mai 2014.

[3] Mächler, Stefan: Der Fall Wilkomirski. Über die Wahrheit einer Biographie. Zürich, 2000. S. 209: „Wilkomirski potenziert mit der Gestaltung seiner Erzählung einen Mechanismus, der bei jeder Lektüre eine Rolle spielt: Ein Text weist Unbestimmtheiten und Lücken auf, die der Leser selbst füllt… Wie stark der Text von diesen projektiv zu füllenden Leerstellen lebt, zeigt sich erst nach Ganzfrieds Enthüllung, dass der Autor nie im KZ war.“

[4] Die Stadt Zürich distanzierte sich von einer Ehrung Binjamin Wilkomirskis alias Bruno Doessekkers im Jahre 1995. Die Stadt Zürich hatte zuvor das Buch «Bruchstücke» von Binjamin Wilkomirski mit einer Ehrengabe von 6000 Franken prämiert. Vgl.: Binjamin Wilkomirski: Literaturpreis aberkannt. Neue Zürcher Zeitung, 12. Juli 2000. „Die radikalsten Vertreter der Spezies Opfer sind so begierig auf den Status, dass sie nicht davor zurückschrecken, sich eine Leidensgeschichte aus den Fingern zu saugen. Allen voran der Schweizer Bruno Doessekker alias Binjamin Wilkomirski, der sich als Überlebender des Holocaust ausgab und seine vermeintlichen Schreckenserinnerungen im Buch «Bruchstücke» niederlegte. Oder Laura Grabowski, eine Amerikanerin, die von Wilkomirskis Buch derart angetan war, dass sie sich prompt als Schicksalsgenossin ausgab und sich eine Identität als Auschwitz-Überlebende konstruierte.“ In: Schicksalsmelodie auf singender Säge von Barbara Lukesch in: Die Weltwoche, 9. Dezember 2004. Siehe auch: Die Holocaust-Travestie: „Wilkomirski kennt Auschwitz und Majdanek nur als Tourist“ in: haGalil, 28.04.2003.

[5] Frank Hirschinger: Fälschung und Instrumentalisierung antifaschistischer Biographien: Das Beispiel Halle / Saale 1945–2005 (Berichte und Studien, Band 53) Paperback – Dezember 2006.

[6] Der gefühlte Jude Seit 15 Jahren steht ein vorbestrafter Betrüger und Hochstapler an der Spitze einer jüdischen Gemeinde Schleswig-Holsteins – hofiert von Pastoren, Journalisten und der linken Szene. Von Martin Doerry und Moritz Gerlach, 19.10.2018 aus DER SPIEGEL 43/2018

[7] Bloggerin Marie Sophie Hingst Die Historikerin, die 22 Holocaust-Opfer erfunden hat. Marie Sophie Hingst verbreitet eine fiktive jüdische Familiengeschichte – im Netz und in Yad Vashem, wo sie falsche Opferdokumente eingereicht hat. Ihr Großvater war kein Auschwitz-Häftling, sondern evangelischer Pfarrer. Von Martin Doerry / 31.05.2019 aus DER SPIEGEL 23/2019