Von Teenagern ermordet

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Die aktuelle Serie von Anschlägen auf Israelis verweist auf eine bedrohliche Entwicklung. Diejenigen, die sie verüben, werden immer jünger. Eine neue Generation von Terroristen scheint herangewachsen zu sein. Und sie unterscheidet sich von den anderen in mancherlei Form.

Von Ralf Balke

Hillel und Yagel Yaniv waren erst 22 beziehungsweise 20 Jahre alt, als sie vor wenigen Tagen beim Passieren der Stadt Huwara im Westjordanland von einem palästinensischen Terroristen erschossen wurden. Sie sind zwei der seit Jahresbeginn vierzehn bei Anschlägen getöteten Israelis, unter denen sich mehrere Kinder befanden – beispielsweise die beiden sechs und acht Jahre alten Brüder Yaakov Yisrael und Asher Menachem Paley, die im Februar ums Leben kamen, als der israelische Araber Hussein Qaraqa mit seinem Fahrzeug in Jerusalem in eine Bushaltestelle gerast war und dabei insgesamt drei Menschen ermordete. Dass die Opfer solcher Terroranschläge oftmals Kinder oder Heranwachsende sind, ist seit langem traurige Realität. Doch eine andere Entwicklung ist in den vergangenen Monaten ebenfalls zu beobachten: Die Personen, die als Terroristen in Erscheinung treten, sind auffällig oft selbst sehr jung.

So wie der erst dreizehn Jahre alte Muhammad Aliwar aus Ost-Jerusalem, der im Januar 2023 nahe der Altstadt auf einen Israeli und seinen Sohn schoss. Und am 13. Februar stach ein 14-jähriger Palästinenser auf einen israelischen Teenager in der Altstadt ein und verletzte ihn schwer, nur wenige Stunden später war es ein 13-Jähriger, der an einem Checkpoint nahe des Dorfes Shuafat urplötzlich einen israelischen Polizeioffizier mit einem Messer attackierte. Alle drei juvenilen Täter konnten verhaftet werden und müssen sich demnächst vor israelischen Gerichten verantworten. Und nicht nur in Israel fragt man sich, warum die Terroristen immer jünger werden und was sie dazu motiviert, auf andere Menschen loszugehen. Zwar handelt es sich bei ihnen wie auch bei vielen Älteren, die zum Messer greifen oder das Auto zu einer mörderischen Waffe umfunktionieren, zumeist um Einzeltäter, die keiner der ansonsten in Frage kommenden Organisationen wie der Hamas oder dem Islamischen Dschihad angehören. Sie agieren spontan und auf eigene Initiative. Für die Sicherheitskräfte ist dies eine weitere Herausforderung – schließlich hat niemand diese Teenager-Terroristen wirklich auf dem Radar.

Im Fall des 13-jährigen Muhammad Aliwar gibt es einige schriftliche Hinweise. Denn bevor er loszog, um seine Tat zu verüben, hinterließ er in seinem Klassenheft eine Notiz, in der er seinen Wunsch äußerte, bei einem Anschlag auf Juden zu sterben. Zugleich entschuldigte sich der Junge darin bei seiner Mutter im voraus für den Schmerz, den er ihr wohl verursachen würde, schrieb aber ebenfalls, dass sie gewiss stolz auf ihn sein werde. „Gott, Sieg oder Märtyrertod“, lautete seine Botschaft. Experten sehen nicht nur deshalb einen deutlichen Zusammenhang zwischen solchen Taten und den an palästinensischen Schulen zum Einsatz kommenden Lehrbüchern. So hatten Mitarbeiter des Institute for Monitoring Peace and Cultural Tolerance in School Education (IMPACT-SE) sich die Unterrichtsmaterialien der al-Furqan-Schule in Shuafat im Osten Jerusalems, also dort wo Muhammad Aliwar zur Schule gegangen war, einmal näher unter die Lupe genommen und Beunruhigendes festgestellt. Einige der Schulbücher, die dort gemäß eines von der Palästinensischen Autonomiebehörde genehmigten Lehrplan benutzt werden, würden Gewalt explizit glorifizieren und die Schüler dazu auffordern, sich selbst zu opfern.

So fanden sich in diesen die Verherrlichung von Selbstmordattentäter. Palästinenser sollten möglichst zahlreich „feindlichen Soldaten die Kehle durchschneiden“ und bitteschön „Sprengstoffgürtel anlegen“. Textpassagen dieser Art wurden mit Abbildungen israelischer Soldaten begleitet, die von einem palästinensischen Bewaffneten erschossen wurden. Und in einem Buch über die korrekte islamische Erziehung, das erst im vergangenen September vom palästinensischen Bildungsministerium in Ramallah in Umlauf gebracht wurde, ist ein ganzes Kapitel dem sogenannten „Märtyrertod“ gewidmet, der Ehre und Ruhm bringen würde sowie den Eintritt ins Paradies garantiert. Zudem bezeichnet das Buch diejenigen, die nicht bereit sind, sich zu opfern, als Schwächlinge. Last but not leat enthält es eine Übungsaufgabe, in der die Schüler dazu aufgefordert werden, einen Aufsatz über von Palästinensern verübte Terroranschläge zu schreiben.

Und ganz so neu ist das Phänomen der Teenager-Terroristen nicht, wie das Jerusalem Center for Public Affairs betont. „Palästinensische Terrororganisationen bildeten bereits 1970 Kinder aus“, heißt es dort. „Tiger-Babys“ wurden sie genannt, das Life Magazine widmete ihnen 1972 sogar eine Titelgeschichte. Auch während des ersten Libanonkrieges 1982 berichteten israelische Soldaten mehrfach davon, dass sie mit palästinensischen Jugendlichen konfrontiert wurden, denen die PLO Panzerfäuste in die Hand gedrückt hatte. Sie erhielten später den Spitznamen „RPG-Kids“, wo bei das RPG für Rocket Propelled Grenade steht. Die aktuelle Generation der Attentäter würde bereits ebenfalls einen Spitznamen haben, und zwar  Ashbal al-Quds, was so wie die „Jungen von Jerusalem“ heißt und sich auf die Herkunft und das Alter der meisten dieser bei Angriffen auf Israelis auffällig gewordenen Jugendlichen bezieht.

Yoni Ben Menachem, Researcher beim Jerusalem Center for Public Affairs und der erste israelische Journalist, der Yassir Arafat offiziell 1993 in Tunis interviewt hatte, nennt als eigentliche Gründe für das Wiederaufleben des Aufkommens juveniler Attentäter die in den sozialen Netwerken zu beobachtende Agitation der Palästinensischen Autonomiebehörde sowie der terroristischen Organisationen gegen Israel und Juden gleichermaßen, insbesondere auf Tik Tok und Instagram. „Im Sicherheitsapparat werden die hetzerischen Videos auf diesen Plattformen als >Terroristenporno< bezeichnet. Zumeist handelt es sich um Bilder von palästinensischen Toten in Jenin und Nablus oder von israelischen Bombenangriffen in Gaza, die eine Schockwirkung auslösen sollen. Oder es werden Aufnahmen von betenden Israelis auf dem Tempelberg gezeigt und Videos mit heroischen  palästinensischen Terroristen.“ Der Experte sieht ebenfalls ein Problem im Bildungssystem. „Im Osten von Jerusalem gibt es rund 200 Schulen. Die allermeisten von ihnen folgen dem Lehrplan der Palästinensischen Autonomiebehörde, der das palästinensische Narrativ der Nakba betont, die Existenz des Staates Israel oder das Abkommen von Oslo komplett ausblendet, aber die Bedeutung von Jerusalem und der Al-Aqsa-Moschee sowie den bewaffneten Kampf gegen Israel ständig hervorhebt.“

Die islamischen Autoritäten sowohl im Osten von Jerusalem als auch im Westjordanland haben ebenfalls ihren Anteil daran, weil sie Kinder und Jugendliche oftmals beeinflussen und den Kampf als religiöse Pflicht propagandistisch schmackhaft machen und dabei die Hemmungen oder die Angst vor dem Tod durch absurde Versprechungen von einem paradiesischen Jenseits neutralisieren. Die Autonomiebehörde wiederum gibt Israel die Schuld daran, dass Heranwachsende zum Messer oder zur Pistole greifen. Man spricht von ständigen Provokationen an der Al-Aqsa-Moschee, der gezielten Vernachlässigung der arabischen Viertel Jerusalems und der Wut, die der Abriss illegal errichteter Häuser oder israelische Militäroperationen erzeugen würden. Die israelische Regierung jedenfalls blickt sorgenvoll auf die kommenden Wochen und befürchtet, dass zum Fastenmonat Ramadan, der am 22. März beginnt und in der Vergangenheit immer wieder von Spannungen begleitet war, die ohnehin angespannte Stimmung weiter eskaliert.

Aber nicht nur juvenile Einzelkämpfer können dabei ein Problem sein. In den vergangenen Monaten sind im Westjordanland einzelne Gruppen entstanden, die oftmals nur aus einer Handvoll Personen bestehen und die keine oder nur sehr lockere Verbindungen zu den etablierten Terrororganisationen wie der Hamas oder den Islamischen Jihad haben. Auch untereinander sind sie kaum vernetzt. So wie die jungen Palästinenser, die im Januar in einem bei Israelis beliebten Restaurant in Jericho zuschlugen. Sie erklärten, im Namen der Hamas ihre Tat verübt zu haben – was nicht nur ihre Angehörigen überraschte, sondern ebenfalls die im Gazastreifen regierenden Islamisten. „Bis zu diesem Zeitpunkt waren sie keine Mitglieder der al-Qassam-Brigaden“, so Wael Awdat, Vater von Ibrahim und Rafat, zwei Mitgliedern der Gruppe, die den Namen des bewaffneten Flügels der Hamas verwendete. „Sie hatten ein normales Leben. Das war etwas Persönliches.“ Die Erklärung: Diese junge Generation ist entfremdet von der korrupten und als ohnmächtig wahrgenommenen palästinensischen Führung in Ramallah aufgewachsen und hat sich zu einem gewissen Grade über die sozialen Medien radikalisiert. Beispiele dafür seien die Gruppen wie die „Jenin-Brigade“ oder die „Höhle des Löwen“ in Nablus.

Die Hamas selbst steckt nicht hinter ihrer Gründung und kann sie aufgrund der strikten israelischen Kontrolle des Westjordanlandes auch kaum mit Waffen versorgen. Gleichzeitig aber würde man sich auf diese flexibleren und informellen Netzwerke stützen, zumal sie nicht so schnell entdeckt würden. Und weil es keine zentrale Führung gibt, verbreiten diese Akteure ihre Botschaften mit Liedern, TikTok-Videos und Postern von Kämpfern an den Wänden, die anderen jungen Männern dann als Vorbild dienen. Ein Hamas-Kader aus Jericho, eigentlich einer ruhigen Stadt, die als Wochenendausflugsziel in der Nähe des Toten Meeres beliebt ist, bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, dass die Bewegung nichts von der Zelle gewusst hätte, die hinter dem Angriff auf das Restaurant im Januar steckte. „Aber jede Organisation würde sich freuen, sie als Mitglieder zu gewinnen.“

Bild oben: Die Brüder Hillel und Yagel Yaniv und die Brüder Yaakov Yisrael und Asher Menachem Paley