Gedanken an Aharon Appelfeld aus der Bukowina

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Aharon Appelfeld hätte gerade seinen einundneunzigsten Geburtstag. 1932 wird er als Erwin Appelfeld in Jadova/Zadowa am Sereth im Buchenland in eine assimilierte jüdische Familie geboren. Zu Czernowitz/Tscherniwzi gehörte und gehört der vierzig Kilometer entfernt liegende Ort, später wohnt die Familie Appelfeld in Czernowitz.

Von Christel Wollmann-Fiedler

In Erwins Geburtsjahr 1932 ist die Bukowina bereits Rumänisch, die Donaumonarchie endet nach dem 1. Weltkrieg, die deutsche Sprache wird in der Öffentlichkeit von heute auf morgen von der rumänischen abgelöst. Mit Vater und Mutter wird Erwin Deutsch sprechen, doch auch Polnisch und Ukrainisch oder Rumänisch sind die Sprachen der Eltern mit anderen, hin und wieder hört der Sohn Französisch, Jiddisch ist die Sprache bei den Großeltern im Gebirge, in der Karpatenregion. In dem Karpatendorf werden die Mutter und andere Juden von auftauchenden rumänischen Nazis auf freier Strecke ermordet. Zusammen mit dem Vater wird Erwin als Neunjähriger 1941 ins Czernowitzer Ghetto getrieben und anschließend nach Transnistrien in die Arbeitslager deportiert.

Das Kind Erwin, kann aus dem Lager fliehen, sich im Wald verstecken, überlebt bei Bauern und einer Prostituierten und schließt sich 1944 der Roten Armee an und kommt 1946 als bald Vierzehnjähriger über längeren Aufenthalt in Italien, alleine in Palästina an. Der Name Aharon wird geboren. Deutsch spricht er sein Leben lang, die hebräische Sprache lernt er. Im neugegründeten Staat Israel arbeitet er von 1948 bis 1950 in der Landwirtschaft, besucht Lehrkurse,  studiert  an der Hebräischen Universität in Jerusalem, hebräische Literatur lehrt er in der Hauptstadt des Negev, an der Universität in Be’er Scheva. Der Vater hat überlebt und Aharon kann ihn nach Jahren in Israel umarmen. Aus Argentinien kommt Judith nach Israel und heiratet Aharon. Das Paar bekommt drei Kinder.

Bereits Ende der 1950er Jahre beginnt Appelfeld zu schreiben, schreibt Geschichten und Romane, wird einer der erfolgreichsten und führenden israelischen Schriftsteller. Nationale und internationale Ehrenzeichen und hohe literarische Ehrungen bekommt er viele. Die längst vergangene Donaumonarchie mit ihren damaligen Höhen und Tiefen beschäftigen ihn, das  osteuropäische jüdische Leben, das es so nicht mehr gibt und das dortige Judentum lassen ihn nicht los und werden eingeflochten in die  Gedankenwelt seiner fast fünfzig Romane, die in 35 Sprachen übersetzt werden. Seine Kurzgeschichten sind kaum zu zählen.

2018 verlässt Aharon Appelfeld diese Welt, verlässt Israel und die längst vergangene Bukowiner Welt.

Meine kleine Geschichte möchte ich erzählen, die ich damals 2018 schrieb.

Meine Gedanken an Aharon Appelfeld aus der Bukowina

Von Christel Wollmann-Fiedler, Berlin, 4. Januar 2018

Wieder einmal wohnte ich vor zwei Jahren bei meiner Freundin Hedwig Brenner einige Wochen in Haifa. Um mein Wohl war sie immer bemüht, auch ließ sie nicht locker, dass ich den einen oder die andere aus Czernowitz um ein Gespräch bitte. Aharon Appelfeld hatte sie für mich ausgesucht, wollte, dass ich zum ihm fahre, nahm das Telefon und rief seine Nummer an. „Hallo Herr Appelfeld, hier ist Hedy Brenner aus Czermnowitz, Sie kennen mich?“ „Ja, ja, Frau Brenner habe von Ihnen und ihren Büchern gehört“.“ Weiter jubelte Hedy Brenner ins Telefon: „Bei mir zu Besuch ist meine Freundin aus Berlin, die mit Ihnen sprechen möchte“. Ein Ausweichen war nicht mehr möglich. Ich sprach mit Aharon Appelfeld, sprach über dies und das und meinen Wunsch, mit ihm ein Gespräch zu führen. Sofort fiel er darauf rein und bat mich nach Jerusalem zu kommen, was ich auch wollte, doch schaffte ich es zeitlich nicht mehr. Zuvor war ich einige Tage in Jerusalem, schöne Tage mit interessanten Begegnungen hatte ich hinter mir, nun nochmal von Haifa nach dort ging nicht mehr, das Flugzeug nach Berlin wartete nicht.

So verpasste ich es, ihn, den israelischen Schriftsteller aus der Bukowina persönlich zu treffen. Es blieb bei dem Telefongespräch. In diesem Frühjahr wollte ich zu ihm, auf jeden Fall. Aharon Appelfeld lebt nicht mehr, ist heute gestorben, und ich kann seiner Familie nur noch aus vollem Herzen meine Grüße des Gedenkens schicken.

-> Aharon Appelfeld: Kindheit im Holocaust

–> Aharon Appelfeld ist tot

–> Geschichte eines Lebens