Liberales Judentum in Deutschland

Der vorliegende Beitrag erschien im Juni 1930 in der von Julius Goldstein herausgegebenen Zeitschrift „Der Morgen“, die ein breites Themenspektrum aus aufgeklärt-orthodoxer Sicht bediente. Autor ist einer der führenden liberalen Rabbiner Deutschlands jener Zeit, Max Dienemann, der hier die Grundlagen des liberalen Judentum erklärte.

Max Dienemann wurde in Posen geboren und studierte in Breslau. Auch wenn er sich selbst als deutschen Patrioten verstand, stand er dem Zionismus offen gegenüber. Dienemann wurde 1919 in Offenbach a.M. zum Rabbiner berufen, wo er bis 1938 blieb. Gemeinsam mit Leo Baeck leitete er den Allgemeinen Rabbinerverein Deutschland. 1935 ordinierte er als erste Frau im Judentum überhaupt Regina Jonas zur Rabbinerin.

Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ wurde Dienemann zweimal in Konzentrationslager interniert, konnte jedoch mit seiner Familie nach dem Novemberprogrom 1938 emigrieren. Max Dienemann starb im April 1939 in Tel Aviv.

Liberales Judentum in Deutschland

Max Dienemann
Der Morgen, Heft 2, Juni 1930

Liberales Judentum ist eine bestimmte Seelenhaltung, von der aus man das Gesamtphänomen Judentum begreift und in die Wirklichkeit zu übertragen versucht. Daraus folgt, daß es eine jüdische Frömmigkeit eigner Art und Prägung ist, die sich nicht als orthodoxes Judentum minus einzelner Glaubenssätze und Handlungen darstellt. Es folgt ferner daraus, daß er sich selbst nicht als eine Partei im Judentum erfaßt, sondern von dem Bewußtsein getragen ist, Judentum in der Fülle seiner Idee und Aufgabe zu verwirklichen. Wesentliches von dem, was in einer Darstellung des orthodoxen Judentums über Grundlage, Träger, Zukunftsziel des Judentums und über die Stellung seiner Bekenner in der Welt zu sagen ist, müßte in einem Selbstzeugnis des liberalen Judentums wiederkehren. Beide Richtungen erfassen Israel als von Gott gesandt, um von ihm Zeugnis abzulegen. Sie nehmen Israels Minderheitsstellung in der Welt als Aufgabe hin, erkennen in den Formen der Religion Mittel zur Erziehung und Ausbildung der Persönlichkeit, fordern zielbewußte Erziehung zur Kenntnis der jüdischen Lehre, ihres Wertes und ihrer Geltung, Vertiefung in die heiligen Schriften und Anleitung zur Kenntnis des Herbäischen, verlangen ferner praktische Religiösität, und sehen den Aufbau des Gottesreiches auf Erden als die Aufgabe der Menschheit an; für beide ist die Lehre des Judentums und seine Art der Welterfassung derart in sich begründet, daß sie sich nicht den wechselnden Denkströmungen der Zeiten anzupassen haben, sondern daß umgekehrt das Denken der Zeit an ihnen zu messen und zu beurteilen ist. Man kann Judentum nur als Ewigkeitswert erfassen und nur von solcher Wertung aus verwirklichen.

Was aber ist das Besondere und Charakteristische des liberalen Judentums? Es läßt sich nicht von einer Motivierung aus bestimmen. Den Ausgangspunkt bildet zunächst die Haltung gegenüber der Offenbarung, der Thora und den Schriften der religionsgesetzlichen Kodifikation. Das liberale Judentum erachtet die Wahrheiten und Forderungen der Religion nicht in der mündlichen Mitteilung von Gott zu Menschen begründet, sondern in ihrem inneren Wahrheitsgehalt und in ihrer Kraft, die Seele mit der Ahnung des Göttlichen und dem sicheren Gefühl der Nähe Gottes zu erfüllen, den Mitmenschen finden, das Gute entdecken und in der Tat verwirklichen zu können. Es faßt Offenbarung nicht als einen einmaligen geschichtlichen Vorgang in dem Gott auf wunderbare Weise sich in festem Gesetz abschließend mitgeteilt habe. Offenbarung ist dem liberalen Juden des jedesmalige Durchbruch eines Neuen, Durchbruch zur Erkenntnis von Gott und seinem Wege, seinem Willen und seiner Forderung.

So wird die Bibel nicht zum Diktat Gottes, sondern zur Darstellung des Ringens überragender Menschen um Gott, in der die Menschen, die sich von Gott ergriffen fühlen, sagen, was in ihrer Seele vorging, als Gott ihnen begegnete in der Einmaligkeit, die jede Begegnung Gottes mit den Menschen ist, auch wenn sie sich alltäglich und in jedem Augenblick, sogar in demselben Menschen, wiederholt. Die Bibel ist ihm das Buch, in dem Menschen aus der Gnade der Begegnung mitzuteilen vermögen, was die Forderung Gottes, das Glück und die Beseligung des Wissens um diese Forderung, die Trostlosigkeit und das Elend des Nichtwissens ist. In diesem Sinne findet er in der Bibel eine wahrhaftere und tiefer begründete Göttlichkeit als jene des Diktats und der Festlegung des Wortes. In dieser Göttlichkeit erscheint ihm die ewige Jugendkraft der Bibel begründet, ihre Kraft, Geschlecht um Geschlecht Israels zum Bewußtsein seiner Sendung zu führen, Volk um Volk, unabhängig von seiner Sprache seiner Herkunft, seinem Lande und seiner politischen Geschichte so zu ergreifen, daß ihm dieses Buch Ausdruck seines Sehens und seiner Aufgabe werde.

Damit wird freilich die Bibel in ihrem äußeren Gewande zu einem Menschenwerke; sie stellt sich unserem Blicj und unsrem Urteil als ein Buch dar, das in Form und Wortgefüge den Gesetzen menschlichen Ausdrucks unterliegt. Dieses Buch hat seine Geschichte und sein Text hat sie. Der Mensch hat das Recht und die Pflicht, mit den ihm eigenen Methoden der Geschichte dieses Buches und seines Textes nachzuspüren. Und wenn die Bibelwissenschaft imstande ist, mit der heute anerkannten Methode nachzuweisen, daß die Mose zugeschriebenen Bücher verschiedenen Zeiten entstammen und später ineinandergearbeitet wurden, so vermag der liberale Jude, ohne schon jede Behauptung als erwiesen zu betrachten, dieses Ergebnis im ganzen und grundsätzlich anzuerkennen. Für ihn liegt die Göttlichkeit der Bibel nicht in dem aus dem Munde Gottes stammenden Wort und in der Person des Mitteilenden, sondern in der Gottbeseelung der in ihr redenden Menschen.

Und wie der Bibel, so steht das liberale Judentum auch der mündlichen Lehre, dem Talmud, frei gegenüber. Es erblickt nicht – gleich der Orthodoxie – im Talmud das Buch, in dem die einzelnen Geschlechter um die Wiedererfindung dessen ringen, was schon bei dem einmaligen Akt der Uroffenbarung an Mose ihm von Gott als Erläuterung des Bibelwortes übergeben ward. Ihm ist der Talmud der Niederschlag eines geschichtliches Vorganges, der folgendermaßen zu umreißen ist:

Mit Esra wurde die Thora von jenen, die – aus der babylonischen Gefangenschaft heimgekehrt – ein jüdisches Gemeinwesen errichteten, dem gesamten Lebens als Gesetzbuch zugrunde gelegt. Die geistigen Führer des Volkes hatten nunmehr die Aufgabe, aus der Thora durch Deutung und Auslegung ihrer Worte die Lebensregeln für die Gemeinschaft und für den Einzelnen zu finden. Anders als es heute – sehr zum Schaden der Geschlossenheit des Kulturempfindens – selbstverständlich geworden ist, waren die einzelnen Bezirke des Lebens, und damit auch der Seele, wie Religion, Wirtschaft, Recht, Politik, Erziehung nicht selbständig, sondern einheitlich miteinander verbunden, dem Religiösen ein- und untergeordnet. Aus den Worten der Bibel die religiöse Idee für das gesamte Leben und ihre Ausprägung in der einzelnen Handlung zu gewinnen, war Aufgabe. Sie wurde in Angriff genommen und fortgeführt von den Instanzen, die je nach den wechselnden Geschicken des Volkes die Führung hatten. Den „Männern der Großen Versammlung“ folgte die Körperschaft des Synhedrions; es fand mit dem durch die Römer zerbrochenen Staat seinen Untergang und wurde durch das von Jochanan ben Sakkai in Jabne begründete Lehrhaus abgelöst. Dieses wiederum fand seine Nachfolge in anderen Lehrhäusern in Erez Israel und dann später in Babylonien. In ihnan allen setzte sich der Prozeß der Auslegung der Thora zum Zwecke der Ordnung des Lebens fort. Die Formen des Lebens, seine Grundverhältnisse wandelten sich, und sie mußten in jedem Geschlecht neu geordnet werden. Der Niederschlag dieser immer wieder notwendig werdenden Neuordnung des Lebens ist der Talmud. Die Autorität der in ihm zu Worte Kommenden beruhte auf dem Bewußtsein der Zeitgenossen, daß das gesamte Leben von der Thora aus einheitlich geordnet werden müsse, und auf der Überzeugung, daß in jenen im Lehrhaus Versammelten und Beschließenden der Geist Gottes lebendig sei und sein Wille sich kund tue.

Was in dem nachbiblischen Schrifttum sich uns darbietet, beruht also nicht auf einem von vornherein festliegenden Diktat unmittelbarer und abschließender göttlicher Mitteilung, sondern es war ein langsam und stetig sich verzweigendes Fortschreiten menschlichen Willens, das Göttliche zu erfassen. Der consensus omnium, die nachträgliche Zustimmung der Zeitgenossen, verlieh den von einzelnen Lehrern oder Lehrervereinigungen entwickelten Gedanken oder erlassenen Vorschriften, die in der Mischnah und dem Talmud zusammengefaßt sind, Autorität und bindende Kraft Und in all dem lag nichts Willkürliches, vielmehr ein Notwendiges; anders war es gar nicht möglich, mit der Thora alle Einzelfälle des Lebens zu regeln, denn das Wort der Thora genügte in seiner Knappheit nicht, um alle Einzelheiten der Lebensführung zu bestimmen. So erhaben z. B. das Bibelwort über die Sabbatheiligung klingt: „Der siebente Tag ist Feier IHM Deinem Gott, nicht mach irgend Arbeit“, so notwendig ist es, ihm Erklärung und Deutung zu geben, da ja die Frage entstehen muß, wie der Sabbat zu feiern ist, was Arbeit ist, die getan und nicht getan werden darf. Diese Ausdeutungen waren innerlich notwendig, sie sind, wenn auch ganz Menschenwerk, doch mit der Göttlichkeit des in der Thora waltenden Geistes verbunden. In ihnen setzt sich die in der Thora wirkende göttliche Idee fort. So erfaßt das liberale Judentum den Werdegang des nachbiblischen Schrifttums. Es verleugnet nicht etwa den Talmud, verwirft ihn nicht, wie es einst die Karäer taten, sondern es nimmt seine Idee auf, und zwar seine Idee im Ganzen. Es muß jedoch auch das Recht haben, diesen Prozeß fortzusetzen und die Thora für die Ordnung unsres Lebens immer wieder neu aufzunehmen. Der Liberalismus kann nicht, gleich der Orthodoxie, zugeben, daß mit der Kodifizierung des im nachbiblischen Schrifttum Erarbeiteten, im „Schulachan Aruch“ im 16. Jahrhundert nun ein für allemal die Form der jüdischen Tat abgeschlossen sein soll und das Judentum in seiner Formenwelt nun ein Fertiges, nicht mehr Abänderliches ist.

So steht denn am Anfang dessen, was sich liberales Judentum nennt, ein anderer Glaube. Dem Glauben an die Übernatürlichkeit der Offenbarung steht jener an die natürliche Offenbarung Gottes gegenüber; dem Glauben an die Göttlichkeit des Wortes der Thora jener an die Göttlichkeit des aus der Bibel uns anwehenden Geistes; dem Glauben an die Göttlichkeit des Talmuds jener an den in ihm sich äußernden menschlichen Willen, das Leben unter der Anleitung der Thora zu ordnen. Dem Glauben an den endgültigen Abschluß in den Werken der Kodifizierung setzt es den Glauben entgegen an den stetig fortströmenden Fluß der Erneuerung und an Recht und Pflicht jedes Geschlechtes, Wort und Sinn der Bibel, Sinn und Inhalt der Begegnung mit Gott in der Ordnung seines eignen gewandelten Lebens zum Ausdruck zu bringen.

Zu einem Teil ist damit schon die Frage beantwortet, was denn nun dem liberalen Juden der Verpflichtungsgrund für die Formen des religiösen Lebens ist. Der größte Teil dessen, was einstens jüdisches Gesetz war, ist ja heute seinem Geltungsbereich entrückt. Die einzelnen Bezirke des Lebens sind — ob zum Vorteil, ob zum Nachteil der Seele und der Gesamtkultur bleibe dahingestellt — selbständig geworden; übriggeblieben ist nur der Bezirk dessen, was wir heute das religiöse Leben nennen, der engere Bezirk des Lebens in Gotteshaus und Familie. Wo liegt nun hier der Verpflichtungsgrund für die Form? Glaubt man an eine übernatürliche Offenbarung und an ihren Niederschlag in dem gesamten religiösen Schrifttum bis hin zum Schulchan Aruch, so ergibt er sich ohne weiteres. Aber wo dieser Glaube nicht mehr vorhanden ist? — und sein Vorhanden- oder Nichtvorhandensein ist ja nicht Sache des Willens, sondern ein Nicht-anders-können, ein So-denken-müssen, ein Auswirken der inneren Überzeugung.

Hier setzt nun im liberalen Judentum der Wandel des Verpflichtungsgrundes ein: An Stelle des unbedingten zwingenden Gehorsams gegenüber einem als göttlich empfundenen Gebot tritt die eigene Einsicht in die Notwendigkeit einer Form überhaupt, einer bestimmten Form im besonderen, und ihrer Erfassung als Ausdruck des Gemeinschaftsbewußtseins und des Gemeinschaftswillens. Denn in der religiösen Form prägt sich nicht nur das Sehnen des Einzelnen nach der Verbindung mit Gott aus, sondern zugleich der Wille zur Gemeinschaft, um in ihr eine gemeinsame Aufgabe an der Welt und an der Menschheit zu erfüllen. Hier liegen für den liberalen Juden die Wurzeln seiner Verpflichtung zur jüdisch-religiösen Form. Dieser Wille begründet nicht eine neue, heute erst an uns herantretende Arbeit, sondern er setzt eine von den Vorfahren bereits geleistete und von ihnen überkommene fort; das gibt zugleich den Grund dafür, warum sich die Geschichte der Gemeinschaft in dieser Form widerspiegeln muß, warum deshalb die Form auch geschichtlich gewachsen sein muß.

Dieser Verpflichtungsgrund ist nicht autoritativ, von außen her kommend oder zwingend, sondern frei, aus den Einzelnen, ihrer Erkenntnis und ihrem Willen fließend, und er bindet eben darum den Einzelnen um so fester.

Das schon erwähnte Recht des Einzelnen auf seine persönliche Stellungnahme, seine Überzeugung gehört zu den bestimmenden Elementen unseres Geisteslebens. Es kam in das Bewußtsein der Menschen mit dem Aufklärungszeitalter hinein und ist aus dem Seelenleben des heutigen Menschen nicht wegzudenken. Mag inzwischen auch gegenüber der Anerkennung des Vernünftigen, des Vernunftgemäßen und Vernunftbegründeten, gegenüber dem Rationalen die Macht und das Recht des Irrationalen wieder entdeckt sein, — das Recht des Einzelnen auf seine persönliche Stellungnahme, auf seine Überzeugung und Erkenntnis ist damit nicht ausgeschaltet und läßt sich nicht unterdrücken. Aus ihm folgt das Recht, Lehre und Form daraufhin zu prüfen, ob sie Ausdruck der Überzeugung sind, geeignet, den Willen des Einzelnen zur Betätigung seines Judentums zur Geltung zu bringen. Wo eine Lehre nicht mehr von wirklicher Überzeugung getragen ist, darf man sie nicht mehr anerkennen. Darum ist z. B. die einstmals vorhandene Lehre von der Wiederauferstehung verlassen worden. Aber die Lehren, die Ideen des Judentums haben durch allen Wandel der Zeiten hindurch an ihrer Kraft nichts verloren, sie blieben mit ganz geringen Ausnahmen von der Überzeugung der Juden getragen. Die Wandlungen der Überzeugung richten sich im wesentlichen auf die Formenwelt der Religion.

Grundvoraussetzung des Liberalismus aber in seiner Stellung zur Form ist, daß sie sich nicht auf einer Ebene mit dem sittlichen Gebot bewegt, das für ihn im Vordergrund steht. Die zeremoniale Form ist ihm wichtig als Bekundung des Gemeinschaftswillens, als Weg des Gottsuchens; aber der liberale Jude kann nur die Form anerkennen und an ihr teilhaben, in der er sein religiöses Gefühl und seinen jüdischen Willen auch wirklich ausdrücken kann. Sonst wird sie zu einem leeren Gehäuse, also nicht nur zu etwas Wertlosem, sondern sogar zu etwas dem Religiösen Abträglichen und Hinderlichen. Der Liberalismus geht zum großen Teil davon aus, daß wesentlich schuld an der Verkümmerung des religiösen Lebens die Forderung sei, Formen als verpflichtend anzuerkennen, in denen man keinen Ausdruck einer religiösen Idee mehr zu finden vermag, die die Seele nicht mehr bewegen. Das Judentum ist nach seiner Anschauung als Religion nur zu erhalten, wenn keine Form gefordert und geübt wird, die nicht Spiegel wahrhaft machtvoller, innerlich erfühlter Überzeugung und heiligen Willens ist. Folglich aber muß die vom Willen und der Überzeugung bejahte Form auch tatsächlich geübt werden. Man könnte den Sinn des Liberalismus an dieser Stelle in die Worte kleiden: Tu nur das, was Du nach Deiner Überzeugung tun kannst; das aber tue auch! Denn die Ausprägung des Gedankens in Form und Tat ist unabhängig von der Differenz Orthodoxie-Liberalismus; sie ist dem Judentum im Ganzen zu eigen und von ihm unabtrennbar.

Man darf Schwächen nicht verschweigen: Den Trägern des Liberalismus ist in der Breite ihrer Front nicht die Geschlossenheit und der einmütige Wille zu eigen wie den Vertretern der Orthodoxie nach deren innerem Gesetz. Überzeugungen vieler Menschen sind nicht immer auf einen Nenner zu bringen; sie unterscheiden sich voneinander, und die Unterschiede prägen sich in dem Willen zur Form besonders aus. Das zeigte sich in der Geschichte des Liberalismus während des ganzen Jahrhunderts und ist heute noch vorhanden. So besteht z. B. die einheitliche Überzeugung, daß der Gottesdienst gemischt sein müsse aus hebräischen Gebeten und aus solchen in der Muttersprache; hebräisch, um der geschichtlichen Kontinuität, der Gemeinsamkeit, der über alle Länder und Sprachen Zerstreuten willen, um des mit dem Hebräischen verbundenen Irrationalen willen; aus Gebeten in der Muttersprache, damit der des Hebräischen nicht Kundige lebendigen Ausdruck seines Gefühles finde. Aber wie die Mischung des Hebräischen und des Deutschen sei, darüber bestand und besteht keine Einheitlichkeit, und die Riten der einzelnen Gemeinden bezeugen diesen Mangel deutlich. Daß einzelne Gebete einer bestimmten Zeitlage und Denkweise entsprechen, die nicht mehr die unsre ist, daß eine gewisse Straffung und Kürzung des Gottesdienstes notwendig ist, steht fest; aber über den Weg zur Erreichung dieses Zieles, über den Umfang der notwendigen Veränderungen, besteht keine Einmütigkeit. Selbst das neue liberale Einheitsgebetbuch will nur den Menschen einer bestimmten Richtung innerhalb des Gesamtliberalismus dienen. Daher umfaßt auch die zur Zusammenfassung aller Liberalen gegründete Organisation, die „Vereinigung für das Liberale Judentum“, nicht alle Liberalen; es stehen ihr Menschen fern, ja aus bestimmten politischen Gründen sogar feindlich gegenüber, die nach ihrer unorthodoxen Seelenhaltung, nach ihren Grundsätzen innerlich dem religiösen Liberalismus durchaus angehören. Es gibt, um ein Beispiel anzuführen, Liberale, die die Speisegesetze ihrer Idee nach bejahen, und andre, die sie ihrer Idee nach verneinen. Unterschiede sind da und sind nicht abzustreiten. Sie schwächen die Gesamtwirkung. Und doch sind sie nicht nur ein Element der Schwäche, sondern zugleich auch der Stärke. Denn in ihnen regt sich, wenn sie nur Spiegel eines Willens, einer Überzeugung und der Kraft des Könnens sind, ein Suchen und Sehnen, ein Kämpfen und Ringen um den Weg zu Gott und um den Besitz Gottes, ein Langen und Bangen um die Gemeinschaft Und es zeigt sich, daß der Liberale — in scharfem Gegensatz zu dem Gleichgiltigen — ein Mensch zwar von anderer Frömmigkeit sein muß als der Orthodoxe, aber von der gleichen, ja, wegen der Freiheit seiner Wahl, mitunter sogar von gesteigerter Stärke und Kraft der inneren Frömmigkeit.

Und es gibt auch in der Gegenwart ein Korrektiv gegenüber dem Recht und der Uneingeschränktheit des Einzelnen und den Schäden, die diese Überbetonung der Einzelpersönlichkeit mit sich brachte. Der Liberalismus fand seine äußerliche Prägung in der Epoche des Individualismus, der geschichtlich notwendig war, um das Recht des Individuums im Staat zu begründen; und aus dem politischen Denken fand er auch Eingang in das religiöse Denken. Aber von Tag zu Tag wird es deutlicher, daß die Epoche des unbedingten Individualismus zu Ende geht; der Mensch von heute wird wieder mehr und mehr — vielleicht schon in zu hohem Maße — Kollektivwesen. Den Ausgleich zwischen individuellem und kollektivem Sein zu finden, ist die heute zu lösende Aufgabe. Wie immer sie erfüllt werde: Der Mensch der Gegenwart wächst neu in ein kollektives Denken hinein. In dieser Tatsache liegt eine besonders starke Hoffnung auf die Überwindung der Zersplitterung und Atomisierung, in die der Jude der Gegenwart geraten ist, für die Begründung eines neuen Einheitswillens. Im Grunde kennt das Judentum in seiner religiösen Idee überhaupt nicht den Menschen als Einzelwesen, sondern nur in seiner Beziehung zu anderen: in seiner Beziehung zu Gott und in seiner Beziehung zum Menschen. Es ist nicht von ungefähr, daß am Eingang des Segens über die Ehe, dem Urbilde aller menschlichen Beziehungen, die Worte stehen: „Gelobt seist Du, Gott, der den Menschen erschaffen“. Die geistige Schöpfung des Menschen hat sich im jüdischen Bewußtsein immer in seiner Beziehung zum Menschen und zur Menschheit vollzogen, und das heutige allgemeine neue Denken kehrt nur zur jüdischen Denkweise zurück, wenn es den Menschen in seinen Menschheitsbeziehungen wieder entdeckt.

Man würde die Ideologie des Liberalismus nur unvollkommen verstehen, würde man nicht noch einen entscheidenden Begriff in den Kreis der Betrachtung ziehen: den Begriff der Entwicklung. Auch er hat seine Geschichte. Er kam aus dem Bereich der Naturwissenschaften, die erkannt und gelehrt hatten, daß die Welt und ihre Formen aus Einfachem zu Mannigfaltigem, aus niederen zu höheren Formen emporgestiegen seien. Er wurde auf die Geschichte des Geisteslebens übertragen und damit auch auf die Erkenntnis der Vorgänge des religiösen Bewußtseins. Hier bedeutet er neben der Erkenntnis von dem Fortschreiten von niederen zu höheren Stufen auch die von dem tatsächlichen Wandel der Form. In ihm kommt zum Ausdruck, daß die Religion Leben ist und also dem Gesetz des Lebens unterworfen ist, daß daher die religiöse Idee die Form finden muß, die dem Bedürfnis der Zeit entspricht und ihm Erfüllung gibt. Tatsächlich ist das immer geschehen. Die Formen des religiösen Lebens wurden immer so ausgeprägt, daß sie den inneren Notwendigkeiten der jeweiligen Lebensformen entsprachen. Wir haben in dem überlieferten Schrifttum genügend Zeugnisse, daß man bestehende Formen preisgab und umwandelte, wenn das Bedürfnis vorhanden war. Das jüdische Recht, bis hinauf zum Eherecht, bietet viele Beispiele. Von dem neu erkannten Gesetz der Entwicklung gewann und gewinnt der Wille des liberalen Judentums seine dem Zeitbewußtsein entsprechende innere Legitimierung. Und gerade in der Gegenwart gibt er zugleich Schranke und Verpflichtung.

Entwicklung ist kein ununterbrochen dahinströmender Fluß. Neben der Entwicklung steht oft ein unerklärbar Neues, ein in völliger Umkehrung Neu-Gerichtetes. Die Naturwissenschaft hat die Erkenntnis von dem Durchbruch neuer Art gewonnen; die Geschichte des menschlichen Geistes führt uns zu ihr, unsere Prägung des Begriffs „Offenbarung“ setzt sie voraus. Das besagt, daß die Lebensform einer Zeit niemals letzter Ausdruck des Geschehens, niemals Endgültiges ist. Darum muß auch die Ausbildung der Form mit diesem Fließen und Werden rechnen. Die Form des religiösen Lebens darf sich nicht von der Lebensform der Zeit beherrschen und zwingen lassen, sie muß, auch bei aller Anpassung, die Lebensform der Zeit beherrschen und regeln. Die religiöse Idee muß auch in der Form mit der Zeit, in Wirtschaft, Recht und der gesamten Lebensgestaltung sich messen. Gerade im religiösen Leben der Gegenwart sehen wir das in dem Ringen des Liberalismus um die Erhaltung des Sabbats und der Sabbatidee. Der Sabbat soll in einer dem Jüdischen angemessenen Form aufrecht erhalten werden, inmitten der alles nivellierenden und zertrümmernden Form des heutigen Wirtschaftslebens, das nun eben auch nicht letzte Phase menschlicher Lebens- und Gesellschaftsform ist.

Und zugleich ist hier die Pflicht des Liberalismus angedeutet, daß er nicht bei einer — der heute verbreiteten — Form stehen bleiben darf, daß er immer wach sein muß und sich mit allen Äußerungen des Einzel- und Gesellschaftslebens, der Denkformen wandeln muß, wenn er nur sein Grundgesetz wahrt, wie es hier dargestellt ward.

Zu all diesen Motivierungen des liberalen Judentums tritt noch eine hinzu, die man mit dem Worte „Wille zu persönlicher Religiosität“ bezeichnen kann. Darunter ist das Bestreben zu verstehen, sich in der Betätigung seines religiösen Empfindens nicht gängeln zu lassen, sich nicht vorschreiben zu lassen, wie das religiöse Sehnen in Tat umzusetzen sei, damit nicht eine Form der religiösen Betätigung zum konventionellen und darum leblosen Schema hinabsinke. Diese Haltung will dem Menschen nicht stets den Weg ebnen und bahnen; sie empfindet als religiös beseelt und sittlich begründet nur, was, selbst auf die Gefahr einer gelegentlichen Verirrung hin, aus der Kraft und der Sehnsucht der Seele geschöpft ist. In gewisser Weise hängt das innerlich zusammen mit dem, was oben als das Recht zu eigener Überzeugung bezeichnet ward; aber es ist nicht dasselbe, es ist mehr. Was hierbei an Gefahren der Vereinzelung und somit der Loslösung verbunden sein kann, wird ausgeglichen und kann nur ausgeglichen werden durch den Willen zur Gemeinschaft, durch das Bewußtsein, daß die Gemeinschaft in der Ausbildung der Persönlichkeit bestimmend wirksam und darum auch nie ausschaltbar ist.

Nicht außerhalb der Menschengemeinschaft spielt sich das religiöse Leben des Einzelnen und der religiösen Gemeinschaft ab. Das Hineingestelltsein des Juden in das politische, staatliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Zeit als Teil jenes Volksganzen, dem die Vorsehung ihn durch den Lauf der Geschichte zugeführt hat, ist getragen von der Tatsache der politischen Emanzipation. Auf die Einzelform der Betätigung jüdischer Religiosität darf diese Tatsache keinen Einfluß haben. Die religiöse Betätigung muß frei sein von politischer Begründung und Zielsetzung; sie trägt ihren Wert und ihr Ziel in sich selbst, beide ewigkeitsbestimmt. Diese Tatsache der Emanzipation, des Lebens in der Welt, des Durchdrungenseins von einer bestimmten Geistigkeit, kann aber zugleich nicht ohne Einfluß sein. Bildung ist nicht nur eine Angelegenheit des Wissens, sie prägt den Menschen in seinem ganzen Lebensstil. Die einzelnen Bildungs- und Kulturwerte liegen nicht nur nebeneinander, voneinander getrennt, sie müssen sich zu einem Neuen, tiefer und vielfach Begründeteren vereinen. Einbezogen sein in die Weltbildung der Gegenwart, in die Kultur der Zeit, bedeutet zugleich die Aufgabe, eine Verschmelzung herzustellen, die jüdischen und die allgemeinmenschlichen Elemente neuzeitlicher Bildung ineinanderzuleiten, sie gegenseitig sich durchdringen zu lassen, aus ihnen eine Einheit zu weben. Das liberale Judentum bejaht darum die Emanzipation in ihrem Grunde und ihrem Ziel, sie ist ihm Voraussetzung aller jüdischen Arbeit und Erziehung.

Religiöses Leben ist nicht nur Sache des Individuums. Alle Religiosität verlangt nach Gemeinschaft, deren Bildung und Formung im Großen wie in ihren Einzelzellen eine Aufgabe ist, die sich nicht unabhängig von der Art der Religiosität vollzieht. Die Einzelzelle des jüdischen Gemeinschaftslebens bildet die Gemeinde. Wie steht das liberale Judentum zu ihr? Hier ist auszugehen von den gegebenen Verhältnissen des deutschen Judentums. Im Gegensatz zu der Gemeindebildung anderer Länder, etwa Amerikas, wo die Gemeinde aus dem freiwilligen Zusammenschluß Gleichgerichteter entsteht, vollzieht sich die Gemeindebildung in Deutschland unter der staatlichen Form, die alle in einem politischen Bezirk wohnenden Juden zu einer Gemeinde zusammenfaßt. Das liberale Judentum in Deutschland sieht in der durch das Staatsgesetz begründeten Form der Einheitsgemeinde eine Förderung des Einheitsgedankens, eine Stärkung des religiösen Einheitsgefühls aller Juden jenseits der Verschiedenheit ihrer Richtungen, und bejaht sie grundsätzlich.

In ihr wird — soweit die Größe der Gemeinde es gestattet — allen Richtungen nach ihren Forderungen und ihrer Art Genüge getan und niemand unterdrückt; wo die Gemeinde für zwei Gotteshäuser und Trennung der Institutionen zu klein ist, treffen sich alle auf einer mittleren Linie. Auch an jener einen Stelle, an der es in Deutschland zu einer Sondergemeindebildung auf Grund einer liberalen Gesinnung gekommen ist, — bei der Jüdischen Reformgemeinde in Berlin, — erforderte es der Wille zur Einheit, daß die Mitglieder dieser Gemeinde zugleich Mitglieder der Berliner Gesamtgemeinde sind. Voraussetzung ist die Gegenseitigkeit der Anerkennung und der Wille, einander nach Kräften Genüge zu tun. Es ist jedoch eine der großen Sorgen der Gegenwart, dieser Einheitsgedanke könnte durch eine Überspannung der Forderungen so gesprengt werden, daß das Gewissen eine Gemeindebildung auf Grundlage der gleichen religiösen Richtung erzwinge.

Wenn liberales Judentum, wie wir eingangs sagten, eine bestimmte Seelenhaltung ist, von der aus man das Gesamtphänomen des Judentums begreift und verwirklicht, dann darf es sich nicht in Kultus, Ritus und Zeremonie erschöpfen, worauf sich sein erstes Auftreten, um einer geschichtlich notwendig gewordenen Aufgabe zu gehorchen, wesentlich beschränken mußte. Sich nur darauf beschränken, hieße das Judentum verengen. Aus seiner Seelenhaltung heraus muß der liberale Jude nach den Grundsätzen, die wir als bestimmend darlegten, das Judentum in der Gesamtheit seiner Geschichte, seiner Gegenwart und seiner Zukunftsziele erfassen und verwirklichen, und er muß versuchen, jüdische Lebensgestaltung in der ihr zugehörigen Freiheit zu erarbeiten und die Isolierung der einzelnen Lehensbezirke, wie Recht, Wirtschaft, Politik, Erziehung zu überwinden. Aus dieser Isolierung erwuchs die Kulturkrise, die wir durchlebten und noch durchleben. Gerade das dem Leben und dem Wandel seiner Formen so stark zugewandte liberale Judentum muß diese Aufgabe, die gesamte Lebensführung der religiösen Idee zu unterstellen, aufgreifen und lösen, weil ihm die religiöse Idee und ihre Auswirkung nicht ein Erstarrtes und Festliegendes ist.

Dafür gibt es aber kein fertiges Rezept und keine Formel! Hier kann nur die Pflicht erschaut und, fern aller Verflachung, im Wissen um die Tiefe aller Fragen der Lebensgestaltung um ihre Erfüllung gerungen werden. Indem das liberale Judentum sich nicht als Partei fühlt, sondern in sich das Judentum zu verwirklichen glaubt, reicht es jedem die Hand, der als Jude die Aufgabe der Judenheit erfüllen will, verbündet es sich mit den religiös Bewegten aller Bekenntnisse, damit gemeinsam die Menschheitsaufgabe gelöst werde, — soweit Menschen sie lösen können: Aufbau des Gottesreiches auf Erden!

Bild oben: Max Dienemann, ca. 1910

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