Aus der Bukowina stammt der Totsch

1918 wurde die Schriftstellerin und Lexikographin Hedwig Brenner in Czernowitz geboren und starb 2017 in Haifa, ihrer 3. Heimat. Wenn ich alljährlich im Frühjahr einige Wochen zu ihr nach Israel kam oder auch im September zu ihrem Geburtstag auftauchte, wurden die Czernowitzer Freunde zum Erzählen und zum Essen eingeladen. Ganz egal zu welcher Tageszeit die Gäste kamen, sie freuten sich auf Hedys Schmettentorte und auf den Totsch. In diesem September würde sie einhundertvier Jahre alt und erinnere mich wie damals an die Köstlichkeit.

Von Christel Wollmann-Fiedler

Symbiotisch ist Czernowitz und Essen. Das Kochen nach handgeschriebenen Rezepten der Großmutter aus dem 19. Jahrhundert wird täglich bei Hedwig der Czernowitzerin in Haifa zelebriert. Ob Speisen aus Deutschland, der Bukowina, verfälschte aus Wien, dem alten Österreich. Arabische Speisen sind hinzugekommen, russische sowieso, die nun israelisch sind. Ja, die Völker, die Ethnien haben die Speisen in Israel vereint. Sie werden zusammengeworfen, zusammengerührt und niemand kennt so richtig die Herkunft. Auch Herkunft wird verfälscht, in einen Topf wird alles geworfen, umgerührt und heraus kommt etwas Fades oder Gutschmeckendes, ganz so, wie gewünscht.

Aus der Bukowina stammt der Totsch, wir sagen schlicht und einfach Kartoffelpuffer. In verschiedenen deutschsprachigen Landschaften gibt es den Reibekuchen, den Reiberdatschi, klingt ein wenig heiterer, die Plinsen aus Ostpreußen nicht zu vergessen, die Erdäpfelkrapferl im Österreichischen, im Schwäbischen sogar die Kartoffelküchle.

Ach, wo liegt denn nur die Bukowina? Hinter den Bergen erkannte ich sie im Atlas, nur der Totsch war nicht eingezeichnet. Ich muss ihn nicht sehen, nur kosten. Nein, international ist der Totsch nicht, doch schmecken tut er köstlich!

Hedwig, meine uralte Czernowitzer Freundin, weiß um die Köstlichkeit. Czernowitzer und andere versorgt sie mit dem Totsch im Land an der Levante unter Palmen. Mutter und Großmutter aßen ihn unter Apfel- und Pflaumenbäumen in und um Czernowitz. Verschoben hat sich das Weltbild, verschoben hat sich der Geschmack. Für alle Totschesser hat sich das Weltbild und auch die Heimat des Totsches verschoben.

Der Überfall Hitlers, die Besetzung fremder Landschaften hat den berühmten Totsch, den platten Kartoffelpuffer, in die eigentlich fremde Landschaft, ins sonnige Wüstenland verlegt.

Auch in Utah oder in New York hat der Totsch seine Heimat gefunden, sicherlich auch in Australien oder Sibirien? Er ist aus Czernowitz ausgewandert und mitgewandert in fünf Kontinente. Wird er aussterben, der Totsch? Nein, ich glaube nicht! Hedwig backt ihn für uns, 60 Grad haben wir in der Kochecke, das Wüstenland hält durch. In Nevada oder Alaska wird der Totsch ebenfalls weiterleben, das Rezept ist um die Welt gegangen.

Fotos: Christel Wollmann-Fiedler

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