„Ihre Geschichte ist der Grund, aus dem ich mich mit dem Thema Antisemitismus beschäftige“

Ende August hat die Bundeszentrale für politische Bildung die zweite, erweiterte Auflage des Buches „In Europa nichts Neues? – Israelische Blicke auf Antisemitismus heute“ von Anita Haviv-Horiner veröffentlicht. Das Buch enthält 23 von der Autorin geführte Interviews mit Israelinnen und Israelis, die aus Europa stammen oder dort gelebt haben. Acht der Interviews wurden für die zweite Auflage geführt. Sie ergänzen die 15 Gespräche, die bereits in der ersten, 2019 erschienen Ausgabe zu lesen waren.

Die israelischen Gesprächspartnerinnen und -partner berichten über ihre Familiengeschichte und ihr eigenes Leben, inklusive der Erfahrungen, die sie mit der Judenfeindschaft in Europa gemacht haben, und erläutern ihre Sicht auf den Antisemitismus und dessen Bekämpfung. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Thema des israelbezogenen Antisemitismus. Ergänzt und abgerundet werden die Interviews durch die Einleitung der Autorin und vier wissenschaftliche Aufsätze, die von namhaften Expertinnen und Experten für die Neuauflage verfasst wurden.

haGalil sprach mit Anita Haviv-Horiner über das Buch und die Ziele, die sie mit seiner Veröffentlichung zu erreichen sucht.

haGalil: Über den Antisemitismus wird in Deutschland heutzutage nicht gerade wenig geschrieben. Was hat Dich dazu bewogen, ein eigenes Buch zu diesem Thema beizutragen?

Anita Haviv-Horiner: Ich denke, dass jede Autorin und jeder Autor, der über Antisemitismus schreibt, sich mit den für sie beziehungsweise ihn besonders relevanten Gesichtspunkten beschäftigt. Insofern will ich mein Buch nicht anderen Veröffentlichungen gegenüberstellen oder mit ihnen vergleichen.

Ich persönlich bin seit vielen Jahren im Bereich der politischen Bildung tätig. Zu den Schwerpunkten meiner Arbeit gehören die deutsch-israelischen Beziehungen, die israelische Gesellschaft, das Holocaust-Gedenken und verwandte Themen. Dabei konzentriere ich mich bei meinen Begegnungsprogrammen, Seminaren und eben auch Büchern auf den didaktischen Aspekt. So ist auch diese Publikation als ein Beitrag zur didaktischen Arbeit konzipiert, und zwar zu faktenbezogener ebenso wie emotionaler Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus.

Unter dem didaktischen Aspekt sind alle Gespräche in dem Buch nach demselben Muster strukturiert. Die Interviewgebenden beantworten dieselben Fragen in derselben Reihenfolge. Das gibt den Lesenden oder Multiplikatoren, die das Buch im Rahmen ihrer Arbeit nutzen, die Möglichkeit, die Erfahrungen und Meinungen der 23 Interviewten zu vergleichen, sei es in der Gesamtheit der Gespräche, sei es auf bestimmte Punkte bezogen wie etwa persönliche Erfahrungen mit dem Antisemitismus, dessen Einschätzung als gesellschaftliches Problem und die Beziehung zwischen Antisemitismus und anderen Formen von Rassismus.

Wobei eine Auswahl von 23 Personen nicht wirklich repräsentativ ist.

Das war auch gar nicht beabsichtigt. Es handelt sich um keine Meinungsumfrage, sondern um eine Sammlung persönlicher Geschichten und Erfahrungen, wobei sich in der Wahl der Gesprächspartnerinnen und -partner große Vielfalt widerspiegelt. Es kommen drei Generationen zu Wort, Linke und Rechte, Religiöse und Säkulare, Aschkenasim und Misrachim. Obwohl der Schwerpunkt des Buches auf Deutschland liegt, wird die Problematik des Antisemitismus auch in anderen europäischen Ländern beleuchtet: von Großbritannien im Westen über Frankreich, Belgien, Italien, die Niederlande, die Schweiz und Österreich bis hin nach Ungarn und Polen.

In den Gesprächen werden die große Vielfalt der israelischen Gesellschaft und das breite Erfahrungs- und Meinungsspektrum der Interviewten deutlich. Das ist für eine didaktische, multiperspektivische Arbeit mit dem Buch ganz wesentlich. Gleichzeitig wird deutlich, dass der Holocaust für meine Gesprächspartnerinnen und -partner bis heute ein aktuelles Thema ist und nicht bloß Geschichte. Auch das ist eine Erkenntnis, die zum besseren Verständnis der israelischen Position – oder genauer: Positionen – gegenüber dem Antisemitismus beiträgt.

Wer ist das Zielpublikum des Buches?

Wie ich schon sagte: Es können interessierte Einzelpersonen ebenso wie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sein. Nicht zuletzt ist zu wünschen, dass das Buch im Schulunterricht genutzt wird. Es ist aber genauso wichtig, dass es für außerschulische Jugendarbeit herangezogen wird sowie in kirchlichen, gewerkschaftlichen und anderen gesellschaftlich relevanten Kreisen zur Sprache kommt. Wie wir bei der ersten Ausgabe gesehen haben, ist das Interesse an dem Buch und seinem Thema recht vielfältig und rege. Das war auch einer der Gründe, aus dem eine zweite, erweiterte und aktualisierte Auflage realisiert wurde.

Worin besteht diese Aktualisierung?

In den neuen Interviews wird beispielsweise stärker als in der ersten Auflage auf die antiisraelische Boykottbewegung BDS eingegangen. In den wissenschaftlichen Aufsätzen liefert der heutige Antisemitismusbeauftragte des Landes Berlin und langjährige Antisemitismusexperte Samuel Salzborn eine hochinteressante Analyse des Berliner Modells zur Antisemitismusbekämpfung, in dessen Rahmen wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis umgesetzt werden.

Julia Bernstein und Florian Diddens wiederum stellen in ihrem Beitrag kenntnisreich Tatsachen und Erkenntnisse über den Antisemitismus an deutschen Schulen vor. Das ist nicht nur sehr informativ, sondern kann auch als wichtige Grundlage zur Bekämpfung des Antisemitismus im deutschen Schulwesen dienen.

Gisela Dachs geht ausführlich auf die Rolle der Medien und der sozialen Netzwerke bei der Verbreitung antiisraelischer und offen antijüdischer Ressentiments. Dabei leuchtet sie auch die während der Corona-Pandemie aufgekommenen antijüdischen Verschwörungstheorien aus – ein sicherlich erschreckendes Phänomen, vor dem wir aber nicht die Augen verschließen dürfen. Der ehemalige Direktor des Richard-Koebner-Zentrums für Deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem, Moshe Zimmermann, führt den Leser detailreich durch die Geschichte des Antisemitismus und bietet zugleich eine Analyse heutiger Trends.

Dabei vertreten auch die Wissenschaftler zum Teil konträre Ansichten. In meinen Augen ist das positiv, weil die Lesenden dadurch dazu bewogen werden, sich mit den unterschiedlichen Aussagen auseinanderzusetzen.

Du stellst dem Buch Deine eigene Einleitung voran, in der Du Dich nicht nur mit Tatsachen aus Geschichte und Gegenwart beschäftigst, sondern auch Deine persönliche Geschichte, nicht zuletzt als Tochter von Holocaustüberlebenden, stark in den Mittelpunkt stellst. Warum?

Weil es mir wichtig ist zu vermitteln, dass ich nicht nur Autorin, sondern auch als Mensch beim Thema des Buches engagiert bin. Das Verfolgungsschicksal meiner Eltern während der Schoa und der Verlust von Familienangehörigen hat meine Persönlichkeit und meinen Lebensweg wesentlich mitgeprägt.

Mein Vater ging durch die Hölle von Auschwitz und Mauthausen. Bei seiner Befreiung wog er 35 Kilogramm und war todkrank. Meine Mutter überlebte den Holocaust im Ghetto von Budapest. Meine Großeltern väterlicherseits wurden in den Gaskammern von Auschwitz ermordet. Mein Großvater mütterlicherseits wurde in den letzten Kriegstagen bei einem Fluchtversuch aus einem ungarischen Zwangsarbeitslager erschossen.

Meine Arbeit an diesem Buch habe ich meinen Eltern und Großeltern gewidmet. Ihre Geschichte ist der Grund, aus dem ich mich mit dem Thema Antisemitismus beschäftige. Ich finde, dass die Leserinnen und Leser des Buches das wissen sollten.

Anita Haviv-Horiner, In Europa nichts Neues? – Israelische Blicke auf Antisemitismus heute, 2. erweiterte Auflage, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2022, Bestellnummer 10775, 318 Seiten, ISBN: 978-3-7425-0775-4, BESTELLEN?

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