Der kleine Ahasverus

Der folgende Text über den kleinen Leo, der „zeitig ein Fremder in seiner eigenen Kindheit“ wurde, „ein Flüchtling, bevor er noch gehen konnte, ein Ewigkeitssucher wie der heimatlose Wind“, erschien 1930 in der Zeitschrift Menorah – Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur. Autor war der dänische Schriftsteller und spätere Literaturnobelpreisträger Johannes V. Jensen. Die Geschichte erschien ursprünglich in seinen „Exotischen Novellen“.

Der kleine Ahasverus

Von Johannes V. Jensen
Menorah – Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur, Januar 1930

Auf der Ostseite von Manhattan, in den Armenvierteln von New York, wimmelt es von Kindern aller Nationen, einer Unmenge kleinen Würmer, die entweder in der Neuen Welt geboren oder von auswandernden Eltern hinübergeschleppt wurden. Und nun sollten sie Amerikaner werden, ohne Rücksicht auf Sprache, Abstammung und Vergangenheit.

Kinder nehmen eine ganz besondere Stellung in Amerika ein, indem sie von klein auf eine begründete Achtung als Amerikaner der Zukunft genießen. Wer kann wissen, ob es nicht der zukünftige Präsident war, der einen soeben mit einem Schneeball im Nacken beehrte? Nirgends haben Kinder so viel Freiheit wie in Amerika, alles ist ihnen erlaubt, die Republik gehört ihnen. Alle wachen über sie, aber sie können hingehen, wo sie wollen. Sie können in der Straßenbahn sitzen und ein Lied krähen, dagegen läßt sich nichts machen. Sie werden nicht geduckt und sind deshalb ziemlich beschwerlich, aber der Amerikaner kann sich auch das leisten. In Amerika kennt man nicht das genierte Kind mit dem Finger im Munde und der beginnenden Lähmung am ganzen Körper. Ihre Lungen sind ihnen freigegeben; sobald sie nur gehen können, sind sie in voller Funktion. Darum sieht man auch in New York so viele Kinder, die sich zeitig und freiwillig eine Arbeit verschaffen.

Sie fangen ihre Karriere meistens als Zeitungsjungen an; kaum haben sie richtig sprechen gelernt, so kann man sie mit zerfransten Halstüchern im Zugwind unter den Aufgängen zur Brooklynbrücke stehen sehen, dort, wo die Straßenbahnen die großen Kurven machen und ohrenbetäubend in den Schienen kreischen, während die L-Züge einem überm Kopf donnern. Hier, wo man sein eigenes Wort nicht verstehen kann, wo Menschen geschäftig eilen, aber wo jeder eine Zeitung haben muß, hier schwimmt der schreiende Knirps von fünf oder sechs Sommern im Strom, mit Zeitungen, die noch abfärben unter dem Arm, und er schweigt nicht, er wartet nicht, bis jemand tiefgerührt dem süßen kleinen Kerl etwas zu verdienen gibt, nein, er geht mit der Energie eines Zulukriegers darauf los, er stößt mit den Hörnern wie ein Widderlamm, während ihm ein zackiges Gebrüll aus der Kehle dringt… D j ö r n l ! . . . W a a j l d… (Anm.: Journal World) all about horrible murder!

Mit der einen Hand, die von Druckerschwärze wie zum Leichenbegängnis gefärbt ist, reißt er eine Nummer aus dem Haufen und reicht sie einem Herrn auf der vorbeifahrenden Straßenbahn, während er mit der anderen kleinen Kinderfaust, die von New Yorks Kupfer bereits gehärtet ist, den Cent auffängt, und im nächsten Augenblick ist er weg, schießt auf eine neue Chance quer über die Straße los, kommt mit genauer Not an der Schutzvorrichtung einer Straßenbahn vorbei, kreuzt zwischen den Beinen zweier Pferde, manöveriert an einem erwachsenen Konkurrenten vorbei, schneidet einem gleichaltrigen Kollegen den Weg ab und stellt, ganz blau und hart im Gesicht, einem „Freund“, mit dem er sonst Marmel spielt, ein Bein . . .

Djörnl!… Waajld! Das Babyhafte sitzt ihm noch in den Gliedern, er hat noch alle Milchzähne, und trotzdem ist er schon so weit, daß er mit seiner kleinen Person nicht allein an dem Fieber der Großstadt teilnimmt, sondern es noch erhöht, er verstärkt das Tempo, überbietet die Geschäftigen, er knistert, übrigens ganz kaltblütig, denn sonst würde er kein langes Leben vor sich haben, er weiß, daß er funkeln muß, um gesehen zu werden, die Zeitung in seiner Hand, die Neuigkeit, muß zittern . .. horrible, horrible . . . und auf diese Weise wird der kleine Zukunftsamerikaner von früher Jugend an daran gewöhnt, eine Spannung auszuhalten, die einen Durchschnittseuropäer umbringen würde. Er gleicht einem kerngesunden Stück Wahnsinn, also einem Teufel, wenn er auf dem Rande des Trottoirs steht, und, ohne daß ein einziger Käufer im Fahrwasser ist, den Kriegsruf durch die Luft schleudert… Waajld! Er ist besessen. Das aber ist just der Mensch der Zukunft: einer, der verrückt ist und es ertragen kann. Es kommt vor, daß ihm ein Bein abgefahren und er in früher Jugend zum Invaliden wird, solange aber noch Leben in dem anderen ist, kann man sehen, wie er seine sieben oder acht Jahre mit einer Krücke festigt und die Konkurrenz auf dem City Hall Place aufnimmt, immer gleich ungebrochen, solange niemand ihn bedauert.

Edison hat als Zeitungsjunge begonnen.

Und als Zeitungsjunge steht der kleine Ahasverus auf dem Rande der Trottoirs vor der City Hall, mitten in dem Wirbel von Menschen und Wagen am Fuße von W o r l d s Turmgebäude. Er sieht aus wie ein gewöhnlicher news-boy, aber er ist eine so winzige Ausgabe, daß er für Geld gezeigt werden könnte, der kleinste Zeitungsjunge der Welt; der ganze Kerl ist vielleicht vier Jahre alt. Sein kleiner Arm kann kaum den Packen halbzusammengelegter Zeitungen umspannen, während seine freie Hand eine einzelne zum Verkauf bereithält. Fast sollte man glauben, daß der Knirps Zeitungsjunge spielt und sich nach allen Regeln der Kunst aufgestellt hat, um das Gefühl des Dabeiseins zu genießen, während der große Bruder richtig in der Brandung arbeitet; aber er ist selbst der große Bruder und es ist bitterer Ernst. Hin und wieder, wenn der Verkehr auf dem Fahrweg besonders gewaltig wird und der Lärm sich selbst über den Kopf wächst, findet er, daß er sich auch bemerkbar machen muß, und dann geht er bis zum äußersten Rande des Fußsteiges, reicht eine Zeitung aufs Geratewohl in den Auflauf hinein, und Waajld, sagt er, ja, er strengt sich an, um wie ein alter, geübter Zeitungsjunge zu bellen, die kleine Brust zieht sich bis in den Magen hinunter zusammen, so daß er nach vorn zusammenschrumpft; Waajld! Das kleine Stimmchen erstickt natürlich im Donnern des Straßenlärms, aber er hat doch verkündet, was verkündet werden soll, worauf er wieder einen Schritt zurücktritt, auf seinem Posten steht und jeder Nachfrage beflissen entspricht. Es kommt vor, daß Leute bei ihm kaufen, weil er so klein ist, und dann gilt es in rasender Geschwindigkeit eine Nummer in die Höhe zu reichen, den Cent aufzufangen und sofort eine neue aus dem Haufen zu reißen, um auf neue Nachfrage gefaßt zu sein, wie er es bei den anderen sieht: Waajld! Hat er seinen Haufen ausverkauft, so weiß er, daß er sich in der Nähe an eine bestimmte Stelle wenden muß, wo ein Mann hinter einem Gitter, der nie etwas sagt, hastig einen kleineren Stapel abzählt und ihm herausreicht. Und so vergeht der Tag, bis Vater oder Mutter kommen und mit dem Mann abrechnen und den Kleinen holen.

Im übrigen wird er New York ganz und gar überlassen. Er kann einen Satz auf Englisch auswendig, den er herplappern soll, wenn er sich verirrt hat, und aus dem hervorgeht, daß er Leo heißt mit einem slawischen Nachnamen und in Bowery wohnt, und eine Nummer muß er nennen, die furchtbar schwer auszusprechen ist. Was Leo sonst denkt, wenn er seinen kleinen Kindergedanken nachhängt, formt sich auf Jiddisch, der Sprache, die er von seiner Mutter gelernt hat und die er in einem noch privateren Dialekt zu Hause mit seinem Schwesterchen spricht, der noch jüngeren Marya. Nach ihr sehnt Leo sich beständig, sie ist ihm so lieb wie die Muttermilch, die er einst getrunken und inzwischen vergessen hat. Die Sehnsucht nach der Schwester sitzt wie ein Schmerz in seinem kleinen Körper, in dem es so heiß ist wie in einer Blütenknospe, weil er sich gar zu sehr auf seinem schweren Posten nach Schwesterchen sehnt. Und alles andere was Leo denkt, erhöht dieses inwendige Schwellen und Nagen wie in einem wachsenden Keim, der unten in der Erde glüht, sein Wesen ist eine einzige dunkle Sehnsucht, sein Herz klopft neu und groß mit einer bereits alten Entsagung.

Denn Leos Heimat ist ja nicht hier; er ist unendlich weit fort, in einer Stadt, die Lodz heißt, geboren worden, und die Welt, zu der er gehört, fängt mit einem Hinterhof an und mit einer Mauer, über die ein Schornstein ragt, durch dessen Rauch der Tag drunten im Hof stetig verändert wird, bald sind es unruhig ziehende Wolken und ein wenig blauer Himmel, bald Dunkelheit. Hier in dieser Wanderbeleuchtung erwacht Leo in einer Fensterecke zum Bewußtsein, ein Fenster, an dem Regenwasser hinabläuft, in das Leo mit dem Finger Figuren malt und das er mit der Zunge schmeckt, sein erster Vorgeschmack von der Nässe des Himmels und dem Staub dieser Erde, bitter, aber unvergeßlich wie das Urmeer der Schöpfung, das im Anfang war. Später wird er zu einer Nachbarschaft mit nassen Fliesen und einer Abflußrinne befördert, aus der hin und wieder Kartoffelschalen in einen Rost stürzen, ein Mysterium in der Höhe und Tiefe, das er nie begreifen und das ihn zeitlebens beschäftigen wird. Und dann ist da Marya, mit der er unermüdlich Puff-Puff-Eisenbahnen auf der Erde aus Holzstücken baut.

Dann erinnert er sich eines Tores, das zur Straße führt, zur Straße, von wo alles kommt, und eines Tages ist es voll von Menschen und Reitern mit gezogenen Säbeln, Schüsse und Gestampf, daß die Erde bebt, das ist das Ende der Welt mit Herein und Heraus und Jammergeschrei, Fensterscheiben krachen und Menschen stürzen mit blutigen Köpfen durchs Tor. Und dann ist Leo in einem wirklichen großen Puff-Puff-Zug und weiß nichts weiter, als daß es schwere Zeiten für Vater und Mutter sind, immer auf Reisen, immer weiter, bis sie auf einem Dampfschiff sind und nichts als Wasser sehen, jeden einzigen Tag. Sie fahren und fahren und diese Meerfahrt wird für Leo nie ein Ende nehmen, er wird ihr stets treu bleiben, weil das Leben damit für ihn begonnen hat, sein Kinderherz hängt an dem Schiff und an dem schweren Wogengang wie an einem Heim, von dem er ausgegangen ist und das er niemals wiedersehen wird.

Die Sonne grinst durch die Abendwolken, und auf dem Vorderdeck, wo die Emigranten sich geschart haben und zu dem leeren Horizont des Ozeans hinüberstarren, schaut ein Kinderkopf aus einer groben Decke hervor, er scheint hoch am Himmel zu stehen, weil der Stewen des Dampfers sich aus den Wellen hebt: das ist Leo auf dem Arm der Mutter, der jüngste Ausguck auf dem Schiff, das Märchen an Bord. Der Dampfer arbeitet sich langsam stampfend vorwärts und die Sturzseen klettern wie nackte Krieger, die das Schwert zwischen den Zähnen halten, am Rumpf hinauf, sie werden zerschmettert und verflüchtigen sich zu Schaum, der sich einen einzigen Augenblick in der Luft hält, während das Ewigkeitssymbol des Regenbogens in dem salzigen Staub glitzert, bis er dahinfährt. In diesem Spiel bleibt etwas von Leos Seele hängen, hier ist er zu Hause.

Leo wurde zeitig ein Fremder in seiner eigenen Kindheit, ein Flüchtling, bevor er noch gehen konnte, ein Ewigkeitssucher wie der heimatlose Wind. Nun ist der Hof mit der Abflußrinne und den wandernden Wolken nicht mehr, und die Wogen sind nicht mehr, jetzt ist es Bowery, viele schwarze Treppen und eine Unendlichkeit von farbiger Wäsche, die vor dem Fenster auf Schnüren zum Trocknen aufgehängt ist, eine Schlacht von Farben in Wind und Wetter. Und hier, wo man Leo an die Arbeit gesetzt hat, stehen die schwindelnd hohen Häuser und schicken flatternde Dampfbahnen von ihren Gipfeln in den Sonnenschein hinaus, sie glotzen mit tausend Fenstern, während Schattensäulen sich wie Himmelsleitern von den Dächern bis in die Straßen hinunterlehnen. Und Leo verkauft Zeitungen und sehnt sich, sehnt sich — nach einer Vergangenheit, die nie recht da war.

Das Leben hatte ihn nur Sehnsucht gelehrt. Wenn aber persönliche Prüfungen den kleinen Mann gezeichnet hatten, so saß ihm ein anderes Schicksal noch tiefer im Blute, nämlich die Unsicherheit und Wanderung seiner Vorfahren. Der kleine Kopf mit den orientalischen Zügen ist wie eine Maske geformt, in der aller Wechsel, durch den das Volk Israel gebeugt und abgehärtet wurde, sich spiegelt und schlummert. Die geisterhaft großen Augen leuchten von Asiens mystischer Urzeit, viele Jahrtausende bevor Abraham sein Zelt im Lande zwischen den Flüssen abbrach und in Kanaan einzog, wo die Diebslaterne der Geschichte ihr Licht auf ihn warf; sie sind noch von der Süße und Zeitlosigkeit eines Hirtenlebens betaut. Gewisse weiche Züge an den Nasenflügeln erinnern an ägyptische Kunstwerke und erzählen von Zeiten, in denen Israel am Nil Steine klopfte und des Abends im Schilf mit den sonnigen Osiristöchtern zusammentraf; das krause Negerhaar und hin und wieder ein Schimmer in den Zügen berichten von einer wunderbaren nubischen Sklavin, deren Blut einst in das Geschlecht kam, und der viereckige assyrische Mund weist auf die weinenden Jahre an Babylons Flüssen hin, die doch vielleicht nicht jeder Zerstreuung bar waren. Er gleicht den Porträts von Faijum, halb griechisch, halb afrikanisch und doch jüdisch, und nun steht er also in New York, wie ein kleiner polnischer Emigrant, der kaum seine Nase allein ausschnupfen kann und The World feilbietet.

Er kann noch nicht lesen und weiß gar nicht, was er sagt, darum klingt es wie eine unfreiwilige Symbolik in seinem Mund, wie eine tapfere und schmerzlich komische Herausforderung gegen die unsanfte Welt, in der er ein Heimatloser geworden ist, wenn er hin und wieder seinen ganzen Atem zusammenrafft und ein Waajld über den Lärm der Straße hinausschleudert. Das ist der kleine Ahasverus.

Eines Tages kehrt der Vater nicht zu der kleinen elenden Stube in Bowery zurück, wo das Fenster jede dritte Minute von dem L-Zuge verdunkelt wird, der draußen vorüberdonnert und der das ganze Haus zum Beben bringt. Tag nach Tag vergeht, ohne daß der Vater erscheint, und die Mutter weint sich seiner die Augen aus dem Kopf über die beiden Kleinen, die fragen und sich selbst antworten und so weise aussehen und doch nichts verstehen.

Das Verschwinden des Mannes hing auf irgend eine niemals aufgeklärte Weise mit einem Ereignis in New Yorks jüdischer Welt zusammen, dem großen Demonstrationszug, der am Jahrestag eines russischen Blutbades veranstaltet wurde. Hundertfünfzigtausend landflüchtige Juden gingen an jenem Tage in einer Prozession durch die Straßen von New York, ein historisches Schauspiel, das die Welt versteinern sollte und das nichts weiter als einen Wirbel mehr in dem Strombrausen von Menschen in Manhattan verursachte. Sie versammelten sich in den elendsten Vierteln von Brooklyn und gingen über die Williamsbourg Bridge nach Ost-New York; unterwegs schlossen sich immer mehr Teilnehmer aus dem
Ghetto an, bis sie wie ein unübersehbarer Strom in den Broadway einbogen und in geschlossenem Marsch nordwärts durch die Stadt zogen.

In Zwischenräumen gingen Blasorchester im Zuge und spielten Trauerchoräle, sie waren nicht weiter auseinander, als daß der eine dumpfe Psalm seinen Jammer in schneidender Disharmonie mit dem andern vermischte. Altjüdische, seltsam düstere und schwangere Hymnen schleppten sich in einem Mißklang ohne Gnade mit Chopins unvermeidlichen Begräbnistönen dahin.

So kamen sie dahergezogen, durch New Yorks moderne Straßen, wo die Klagemusik wie ein Zug von Altertumsgespenstern wirkte, unter diesem zerrissenen Himmel kamen sie zu sechsen in der Reihe daher, das eine schweigsame Glied immer hinter dem anderen, wandernd, wandernd, alle mit dem rundköpfigen steifen Hut, der tief im Nacken getragen wird und dem Juden folgt, wohin er auch verschlagen werden mag, mit alten Mänteln, die ihnen um die Hacken schlotterten und mit Anzügen, die für größere Leute gearbeitet waren, alle mit langen, ausgetretenen Füßen. So, mit gebeugten Rücken und vorgestreckten Gesichtern, in denen die Züge verschiedenartig sein mochten, gleichsam von allen Völkern der Welt entliehen, in denen der Blick aber immer jüdisch blieb, dumpf und lodernd, so kamen sie angewandert, ohne Takt, jeder einsam für sich, aber dennoch heute scheinbar zu einem gemeinsamen Ziel vereinigt — auf wie lange?

Im unteren Broadway verliert sich die Prozession auf dem Grunde der Kluft zwischen den Wolkenkratzern und dem gewöhnlichen Verkehr des Alltagslebens. Die Menschenmenge wird auf beiden Seiten des Fußsteiges etwas zusammengedrängt und die Wagen müssen von der Polizei zur Seite dirigiert werden, sonst aber erweckt der Zug keine größere Aufmerksamkeit, man ist an „Paraden“, wie es heißt, auf der Broadway gewöhnt, und läßt deswegen seine Arbeit nicht im Stich. Oben, längs der weitläufigen Fassaden, sieht man einzelne Leute auf die breiten Gesimse unter die Fenster treten und auf die Straße hinabsehen. Fußgänger bleiben einen Augenblick stehen und erkundigen sich nach dem Auflauf. Ach so, die Juden gehen in Parade.

Hier, zwischen den turmhohen, geschlossenen Fassaden klingt die Musik schrecklich grell, mit verdoppeltem Mißklang in der Nähe und schallend hohl etwas weiter fort, wie ein unterirdischer, trüber Weltuntergangslaut, jetzt kommen die Toten! Und wie immer, wenn Musik zusammengemengt wird, bildeten sich freie und wilde Töne von selbst in der Luft, Schreie wie von Unsichtbaren aus dem Raum, hohe Flötenstimmen, die nicht von den Instrumenten herrührten, sondern durch Interferenz entstanden, seltsames, nacktes Gekreisch, das Leichen in der Nähe ahnen ließ und die Luft mit weinenden Seelen erfüllte.

Die Prozession erreichte nicht ihren Zweck, Massenversammlung mit Reden, Resolutionen usw.- Nachdem sie ihren lebenden Protest zur Begleitung der vorzeitlichen Musik in guter Ordnung durch die Broadway geschleppt hatte, wo die kolossalen Schilder mit den Mammutbuchstaben in Gold — Stern Bros, Haurowitz & Co. — von den Wolkenkratzern der Handelsfürsten auf den Zug der gebeugten Häupter herabschauen, klumpte er sich auf dem Union Square zusammen und wurde durch eine Panik gesprengt, die in wenigen Minuten die Legionen wie die Stäubchen eines Löwenzahns verwehte.

Wie die Panik entstand und was sie veranlaßt hatte, ist nie aufgeklärt worden, sie schien überhaupt keinen Grund zu haben, war wohl nur ein Ausbruch dessen gewesen, was man „den jüdischen Schrecken“ nennen kann, ein Wahnwitz bei dem Gefühl, so viele auf einem Fleck zu sein. Ein Haufe Feilspäne mit derselben Art Elektrizität geladen, konnte nicht gründlicher auseinanderstieben als dieser Auflauf. Es fing mit einer Schraubung der Teilnehmer der Prozession auf dem freien Platze an, wo eine Angst entstand, die sich wie eine explosive Ansteckung fortpflanzte, die Masse preßte sich zusammen und andere drängten nach, alle wollten zum Zentrum, und dann brach es wie ein Wirbelsturm über die zusammengestallten, panisch verstörten Köpfe herein, der sie in einer Sekunde auseinanderfegte.

Vereinzelte Todesschreie waren zu hören, sonst aber blieb der Auflauf unheimlich stumm, verlief ziellos wie Ebbe und Flut und mit der Kraft eines Erdbebens. Auf dem Platze stand irgendwo ein ziemlich großer Holzschuppen, der umgerissen und von seinem Platz verschoben wurde, er wackelte wie in einem Orkan umher, bald eine Ecke hoch, bald eine andere; ein Mann, der mit einem Kinematographenapparat oben gestanden hatte, fiel mitsamt seinem Apparat und Holzstativ herab und schwamm eine Weile auf den wogenden Köpfen der Leute, bis er auf den Grund sank. Laternen und Gitter gaben wie Strohhalme nach, Schutzleute wurden totgetreten. Die Masse, die sich zuerst unbestimmt um sich selbst gedreht hatte, machte eine Schwenkung zum nördlichen Ende der Broadway hinüber und zwar so, daß viele Menschen buchstäblich die Häusermauern hinaufgespritzt wurden, andere Wogen verteilten sich nach allen vier Himmelsrichtungen, und bald löste die Masse sich in kopfloser Flucht nach allen Seiten auf. Es war, als ob eine schwarze Woge von Menschen gegen die Mauer von Manhattan schlug, zu Schaum gepeitscht wurde und das Tageslicht mit allen sieben Blitzfarben des Entsetzens erfüllte. Niemand, der bei dieser neuen Zerstörung von Jerusalem zugegen war, wird jemals vergessen, daß er den Regenbogen der Hölle gesehen hat.

Von dieser Prozession aber kam Leos Vater nicht zurück. Ein Platz neben einem Laternenpfahl in der 23. Straße, gegen den er sich zu lehnen pflegte, mit einem Bund Schnürlitzen um den Hals, die er zum Verkauf feilbot, stand leer und konnte von einem anderen peddler besetzt werden. Ein Stuhl in der Astor Library blieb einige Tage unbesetzt und der Bibliothekar wunderte sich darüber, daß der Russe, der jeden Abend zu kommen und über amerikanische Staatswissenschaft zu lesen pflegte, sich nicht mehr blicken ließ. Im übrigen aber wurde er nur in dem kleinen Heim in Bowery vermißt. Hier wurde er vermißt, wie nur Juden, die es von dem harten Gott gelernt haben, entbehren können.

Die Mutter brach dadurch zusammen. Sie war schon vorher sehr krank gewesen, hatte lange an einem häßlichen Husten und an Schwere in den Beinen gelitten, als ob etwas sie in die Erde hinabziehen wollte. Jetzt vereinigte der Husten sich mit nie versiegenden Tränen und brach bald ihr Herz. Es war, als ob ein fremdes, unmenschliches Wesen aus ihrem Körper herausbellte, wenn sie mit ihrem rauhen, keuchenden Husten kämpfte, bis Blut kam, und Tränen das arme, verzweifelte Gesicht furchten. Mutter war so hübsch gewesen, und noch umstand ihr rabenschwarzes Mädchenhaar ihren Kopf wie einen Tornado, aber die wundervollen Augen waren irr geworden, und es brannte ein Todesfeuer unter jedem der spitzen Backenknochen. Sie ging jetzt ganz vornübergebeugt, hatte eine tiefe Grube unter der Brust bekommen, als ob ihr das Ende eines schweren Balkens ins Herz gerannt worden sei. Die Beine hielten sie am Fußboden fest, sie konnte nicht mehr gehen. Wenn der Abend kam und des Nachts verlor sie die Besinnung und phantasierte, und jedesmal, wenn am Tage der Zug vorbeiraste und das Fenster verdunkelte, blitzte ein Wahnsinnsfunke in ihren Augen auf. Sie hatte angefangen zu sterben, und jedesmal, wenn die Dunkelheit ihr auf den Leib rückte, fühlte sie es.

Noch aber bewahrte sie das unverwüstliche Lächeln, mit dem sie allem Unglück begegnet war, eine gewisse spöttische Laune, die sie über die Zufälligkeiten des Lebens emporhob, als sei alles, was sich ereignete, gar nicht ihr Schicksal. Sie gehörte zu denen, die lachten, wenn es am allerschlimmsten war. Und wenn die Dämmerung die Unzurechnungsfähigkeit in den tiefen Gnuaugen mit breiten, schattenden Wimpern entzündete – die Fayumaugen, die Leo geerbt hatte – kämpfte das Entsetzen mit einem geheimnisvollen, hartnäckigen Lächeln, einer Reserve von Lustigkeit allem zum Trotz. Selbst wenn sie weinte, und sie weinte unausgesetzt nach dem Verschwinden des Mannes, mischten sich Lachen und unartikulierter Spott in ihren Schmerz. Sie war vom Blute Hiobs, ihre Seele nährte sich von Elend, sie selbst konnte zugrunde gehen, ihr Wesen aber konnte nicht sterben.

Geht nach Hause, flüstert sie dann am letzten Tage, ein kaum hörbares Zischen, und sie sieht die Kinder mit großen Totenaugen an. Sie röchelt ohnmächtig, aber sie kann nicht verscheiden solange die beiden Kleinen bei ihr sind, die Qual sie zu sehen, hält sie am Leben. Der Irrsinn ist vorüber, sie denkt brennend klar und weint nicht mehr, jetzt muß es ein Ende haben.

Geht nach Hause, geht, bittet sie wieder überirdisch eindringlich und lächelt Leo und Marya zu, die unschlüssig Hand in Hand an der Tür stehen. Sie kann nur mit den Augen lächeln, Mund und Nase sind erstarrt, aber sie erkennen sie an den wunderbaren Mutteraugen, die wie Sterne lächeln und sie in eine Welt von Licht und Liebe einhüllen. Sonst aber wissen sie nicht recht was sie glauben sollen, das ist ja fast nicht mehr Mutter, sie hat sich so verändert, als ob das bellende Untier, das sie ihnen in der letzten Zeit so entfremdet hat, ganz an ihre Stelle getreten wäre; aber es sind ja noch Mutters Augen. Und schließlich fühlen sie, daß sie Mutter gehorchen müssen und wenden sich zum Gehen. Sie fassen es nicht, aber da sie so gut ist, können sie ihr nicht zuwiderhandeln. Mutters Augen hängen an ihnen, wie sie dort verzagt und gehorsam stehen und mit den runden Händchen an der Tür tasten und sich auf den Zehen recken; noch zögern sie und sehen sich um ….

Geht, stöhnt sie. Und sie gehen, trippeln artig, indem sie einander Platz machen, Hand in Hand über die Schwelle und ziehen die Tür leise hinter sich zu. Da lacht es stumm in ihrer Brust, weil sie so lieb sind, ein einsam flatterndes Glücksschluchzen, das in den letzten bewußtlosen Kampf mit der Dunkelheit übergeht.

Leo und Schwesterchen gingen langsam Hand in Hand die Straße entlang, an Bowerys feinen Pfandverleihergeschäften vorbei, mit Revolvern und Plattenringen in den Fenstern, vorbei an den vielen düsteren Wirtschaften, deren Drehtüren mit Spiegelscheiben jedesmal wenn sie in Schwung gesetzt wurden, die halbe Straße, die Häuserreihe, den Himmel und die Sonne bunt durcheinanderwarfen. Überhaupt erschien die Umgebung den beiden Obdachlosen, die sie durch Tränen sahen, ziemlich gebrochen und geblendet.

Aber sie waren Kinder, und sie weinten nicht länger als die Tränen anhielten. Schwesterchen tröstete sich und begann ihre Zwiebel zu verzehren, die letzte Gabe, die Mutter ihr in die Hand gesteckt hatte. Leo, der voraussehender war, bewahrte seine auf. Nachdem er sich aber sattgeweint hatte, begann er ernsthaft über seine Aufgabe nachzudenken. Sie sollten nach Hause gehen, hatte Mutter gesagt, und da Marya so klein und dumm war, mußte er die Verantwortung auf seine Schultern nehmen.

Was mit nach Hause gemeint war, darüber war Leo sich nicht ganz klar. Er hatte eine etwas schwindelnde Vorstellung vom Meere, das im Kreise wogte, und von einer Unendlichkeit von Ländern und Reichen, die vorm Kupeefenster einen Rundtanz aufführten. Er sah im Geiste ungastliche 4. Klasse-Wartesäle in Deutschland, die vorübergehend sein Heim gewesen waren, öde und hoch, stets von herumziehendem Volk durchwandert, das mit Zugluft hereinkam und die Türen weit offen stehen ließ; er versuchte seinen Gedanken in Ellis Islands Auswandererhallen einen Ruhepunkt zu geben, wo eine Menge Menschen auf dem Boden über ihren Bündeln brüteten und wo sein Zufluchtsort ein ganz bestimmtes Bündel in einer Ecke gewesen war, wo Mutter saß und brennende Augen bekam, wenn er zu weit fortschwankte. Eine Vorstellung stand fest, die von der alten Fensterbank, wo der Tag stets unter einem wandernden Zug von Fabriksrauch wechselte, und dann die liebe Abflußrinne und der Rost unten im Hof, dieses Bild aber, das gleichsam in der Mitte lag, war eingeschrumpft und so fern, daß er es nur wie eine dunkle Zugehörigkeit zu etwas Unbestimmtem, weit, weit draußen in der Welt empfand. Und von diesem Instinkt geleitet, begab Leo sich auf den Weg, faßte Marya mit einem festen Griff bei der Hand und marschierte drauf los. Die Hauptsache war, daß er sich nicht von Marya zu trennen brauchte, der größte Teil seines Heimwehs war ja mit Schwesterchen verknüpft. Jetzt aber galt es also Mutter zu gehorchen und Schwesterchen und sich selbst nach Hause und in Sicherheit zu bringen.

Marya hatte es leicht, sie nagte an ihrer Zwiebel und war vorläufig nur beglückt, weil sie mit Leo auf der Straße spazieren durfte. Sie zählte keine drei Jahre und lebte noch in dem glücklichen Traumzustand, den man von vor der Geburt mitbringt, sie sah so blühend aus, hatte die rosenroten Polster unter beiden Augen, die ein guter Schlaf verleiht, und die Tränen hatten den Mund nur röter gesalzen und Appetit gegeben. Schwesterchen war nicht dunkel wie Leo, sondern sie hatte brausendes rotes Haar, wie eine eisenhaltige Quelle. Ihre Augen waren hell, mit einem weißlichen Ring und mit schwarzen Augenwimpern, Medusenaugen, und sie hatte eine Haut wie Ziegenmilch, grauweiß und klar. Das kleine verschlafene Gesicht lächelte durch sich selbst, sonst war sie ziemlich in sich gekehrt und würdig. So trollte Schwesterchen sich an Leos Hand vorwärts, mit vorgeschobenem Leib wie eine kleine Salome, herzlich befriedigt und ganz schweigsam vor lauter Gesundheit.

Und sie wanderten immer weiter. Es war ein sonniger Tag, aber mit Kälte in der Luft, und die Kleinen bekamen jene starre Geschwollenheit im Gesicht, die von einer inneren Betäubung gefolgt wird, wenn man friert. Leo hatte schon längst jegliche Orientierung verloren und hielt sich nur an das alte Gesetz, daß er nicht vom Fußsteig gehen durfte. Wenn sie zu einem Fahrweg kamen, der ihren Weg kreuzte, schlüpften sie hinüber und gingen auf der anderen Seite weiter, und so kamen sie tief in die Stadt hinein. Mehr als einmal passierte es, daß ein großer Kutscher hoch oben auf einem Lastwagen laut fluchte und ein ungeheures Paar Pferde gerade vor den Köpfen der Kinder zurückriß wenn Leo trotz aller Strategie von einer Gefahr in die andere fiel, aber sie kamen immer mit dem Schrecken davon, es war stets jemand da, der für sie sah, wenn ihre eigene Aufmerksamkeit sie im Stich ließ. So vergingen einige Stunden, die in Leos kindlicher Phantasie bereits zu einer Ewigkeit geworden waren, und der Beschluß nach Hause zu gehen, nahm mehr und mehr den Charakter einer Flucht an, eines Wettlaufs ums Leben. Nach und nach aber, als sie müde wurden, ging die Aufregung in stillen Gram über.

Und schließlich machten sie Halt, verkommen und schlaff. Dort war ein kleines Gebäude, ganz aus Metall mit grünen Verzierungen, das freundlich aussah, und hier suchten sie Schutz. Nachdem sie sich etwas ausgeruht hatten, nahm Leo das Haus näher in Augenschein und entdeckte, daß die eine Seite ganz offen war, wie ein Tor, und daß eine Steintreppe von dort in die Tiefe führte, viel tiefer als man sehen konnte. Viele Leute stiegen die Treppe hinab, die gewiß zu einem schönen Ort führte. Warme Luft kam von unten herauf, eine Luft, die seltsam angebrannt roch, und Leo stellte sich vor, daß dort unten eine große Küche oder Bäckerei sei, der Ort, von wo alles Esten käme. Ohne sich lange zu bedenken, bedeutete Leo Schwesterchen ihm zu folgen und begann die Treppe hinabzusteigen, dies war offenbar der Weg nach Hause. Schwesterchen drehte sich um und begann den Abstieg rückwärts auf allen Vieren. Um nicht im Wege zu sein, hielten sie sich an der glasierten Mauer und überließen den geschäftigen Leuten die Mitte der Treppe. Nach einem langen Krabbeln, das besonders für Schwesterchen ermüdend war, weil sie immerwährend ihre eigenen Hände auf ihren Rock legte und sich selbst im Wege war, landeten sie unten in der unterirdischen Bahn. Und hiermit begann die abenteuerliche Reise, die am nächsten Tage in den Zeitungen stand und die die beiden Kinder während einer Minute in Newyork, der neugierigsten und vergeßlichsten Stadt der Welt, berühmt machte.

Drunten in der Tiefe, wo die Treppe ein Ende hatte, war es wie in einem feinen Schloß mit getäfeltem Fußboden und weißen Tellern an den Wänden. Von Essen aber keine Spur, es schien nur ein großes Vorzimmer zu sein, wo die Leute warteten, Leo war es, als sei er schon früher mal an einem Ort gewesen, wo man wartete. Auch hier waren Säulen mit Glühlampen, aber sonst gab es keine Bequemlichkeiten, und die Leute standen neben der Bude mit Zeitungen und Bilderbüchern oder gingen unruhig hin und her, als seien sie hungrig, und betrachteten sich gegenseitig mit feindlichen Blicken. Jetzt fehlte nur noch, daß ein Puff-Puff-Zug käme … und wahrhaftig, da kam einer, plötzlich pustete es durch die Luft, ein eigener starker Hauch, den Leo kannte, und aus der dunklen Erde hervor kam eine Eisenbahn mit vielen Wagen, die kreischten und dann so plötzlich still hielten, daß die Leute, die hinter den Fenstern standen, wackelten und sich an den Strippen festhalten mußten. Eine Menge Menschen wühlten heraus, und andere stiegen unter hetzenden Zurufen des Kondukteurs ein, die Eisentüren wurden zugeknallt, und einen Augenblick danach setzte der Zug sich in Bewegung und verschwand aus der anderen Seite in der Erde. Ein ganzer Haufe war mitgekommen und Leo beneidete sie darum. Er und Schwesterchen sahen lange zu, ohne Hoffnung einen Platz zu bekommen, während ein Zug nach dem anderen kam und ging. Sie wagten sich nicht in das Gedränge bei den Wagen hinein, und außerdem mußte man ein Billett haben, das wußte Leo, und sie hatten ja keines.

Leo wollte aber nicht immer dort sein, wo man wartete, er wollte vorwärts, und hier war zweifellos der richtige Weg. Und nachdem sie schließlich ganz dorthin gedrängt worden waren, wo das schwarze Loch in die Erde hineinführte und wo der Zug verschwand, beschloß er, sich und Schwesterchen Zutritt zu sichern, und sei es auch zu Fuß, worauf er sich ohne weiteres von dem niedrigen Perron auf die Schienen herabgleiten ließ. Schwesterchen drehte sich um, legte sich auf den Magen und glitt nach. Kein Mensch hatte es gesehen, nicht einer blickte in eine andere Richtung als in die, von wo der nächste Zug kommen sollte. Und ohne zu zögern, wanderten sie darauf in die Tiefe der Erde hinein, Leo voran, Schwesterchen hinterdrein.

Zwischen den Schienen und der Wand war ein knapper halber Meter, wo man auf dem öligen Kies gehen konnte. Die Wanderung ging gemächlich vor sich, es war nicht ganz dunkel, etwas weiter fort saßen zwei Lichtbirnen an der Wand. Plötzlich aber begann die Luft zu sausen und einen Druck auszuüben; das Singen und Schwirren, das in der Erde war, stieg zu einem starken Getöse, das sich näherte, und sie sahen ein grünes Auge aus dem Erdinnern herauswachsen …. Leo und Schwesterchen drückten sich an die Wand, begriffen nichts, bevor es vorbei war. Der Zug hatte sie passiert, nur wenige Zoll von ihnen entfernt, die Luft hatte an ihren Kleidern gezerrt, und sie waren in einem schneidenden Laut untergegangen, einem Rütteln und Kreischen von Eisen gegen Eisen. Jetzt aber war es vorbei, sie hatten nur einen häßlichen Geschmack von Staub auf den Lippen und waren wie versengt, sonst aber war alles gut und schön. Sie wanderten getrost weiter, und als sie das grüne Auge von neuem auftauchen sahen, hatten sie ja schon Übung und stellten sich mit dem Rücken gegen die Wand, bis alles vorbei war. Sie gingen und gingen und kamen schließlich zur nächsten Station. Da diese sie aber nicht als Ziel ihrer Wanderung befriedigte, passierten sie sie, ohne gesehen zu werden – Gott mag wissen wie – und setzten die Reise fort. Nicht einen Meter von ihnen entfernt, lag „the third rail“, die Leitungsschiene, durch die ein so starker Strom ging, daß sie pulverisiert worden wären, wenn sie sie auch nur mit einem Finger berührt hätten. Das Schicksal aber, das damit beschäftigt gewesen sein mag, irgendwo in einer vierten Etage, wo Kinder allein zu Hause waren, die Haspe eines Fensters zu lösen, ließ die kleinen Füße wo sie sicher gingen. Sie trotzten noch größeren Gefahren; sie kamen unbeschädigt durch das unterirdische Zug-Labyrinth auf der Grand Central Station, wo Newyorks Subway durchfährt, und dann ein großes Stück weiter durch den Eisenbahntunnel auf der anderen Seite, bis sie schließlich gefunden wurden.

Wenn man den Zeitungen Glauben schenken darf, die tags darauf die Geschichte brachten, so hatten die Kinder den ganzen Weg von der 33. bis zur 47. Straße unter der Erde zurückgelegt. Wie sie unbeschädigt durch die Zentralstation gekommen waren, das vermag kein erwachsener Mensch zu erklären. Ein Eisenbahnarbeiter aber sah sie durch den Tunnel bei der 47. Straße angeschwankt kommen und brach in ein Entsetzensgeheul aus. Das wäre fast der Tod der Kinder geworden. Es näherten sich Züge von verschiedenen Seiten, und als Leo hörte, daß er entdeckt war, und daß das schrecklich sei, verlor er den Kopf und fing an zu weinen. Es mußte ja Gefahr im Anzuge sein, wenn ein erwachsener Mensch so furchtbar schrie. Die beiden Kleinen hielten einander um den Hals gefaßt, als der Eisenbahnarbeiter in wahnwitzigen Sprüngen herbeikam und sie gerade vor der Laterne einer Lokomotive fortriß. Er rettete sich auf einer Laternenplattform, einer kleinen Insel mitten im Schienenmeer, und hier gab er jedem der Kinder eine Ohrfeige, worauf er vor überstandener Spannung in Ohnmacht fiel. Großes Drama, ein Mann umgefallen und zwei Kinder heulend, teils aus Schreck, teils wegen der Prügel, die sie bekommen hatten! Die kleine, stramme Marya verfügte über eine wahre Himmelsskala, wenn sie erst einmal anfing. Davon war aber zwischen den vielen Zügen im Tunnel nicht ein Laut zu hören, und für diesen oder jenen Lokomotivführer, der die Gruppe unter der Laterne beobachtet haben mochte, sah es aus, wie eine mystische aber durch sich selbst beredte Pantomime.

Die Katastrophe aber machte der Wanderung der beiden kleinen Heimatlosen ein Ende. Das Ungeheuer, das sie aufgegriffen hatte und das gleichzeitig lachte und weinte, als es wieder zu sich gekommen war, das die Sünder knuffte und ihnen Schillinge gab, ein Mann mit groben Widersprüchen in seinem Wesen, überlieferte sie nämlich einem herrlich großen Schutzmann oben auf der Straße, der Schwesterchen turmhoch über allem Verkehr und Lärm auf dem Arm trug und Leo das Ende seines Knüppels zu halten gab, damit er mitfolgen konnte.

Es fing an dunkel zu werden, und die kürzlich angezündeten Laternen vermischten ihr schwaches Licht mit dem Glanz des Abendhimmels. Die Stadt lag in ihrer ganzen feenhaften Beleuchtung da, unwirklich wie ein Traum, ein herrliches Luftgebilde und doch reeller als irgend eine andere Stadt der Welt. An einer Stelle sah Leo einen hohen schmalen Palast, der die anderen Hauser überragte, mit tausend leuchtenden Fenstern, die sich oben in dem klaren, grünlichen Himmel verloren. Er wölbte sich zur Straße wie der hohe Bug eines Schiffes, und weit oben, wo er einen Absatz bildete, ging er in eine noch höhere, turmartige Fortsetzung über. Dieses Wunder, daß er nie wieder vergaß, war New-York Times Building. Und so wie Leo an jenem Abend Newyork sah, mit erwachendem Zutrauen in seinem Herzen, wurde der erste Grund zu einer Abenteuerstimmung gelegt, die nicht mehr aus der Ferne winkte; der kleine Ahasverus war im Begriff Heimzukommen.

Es ging im Triumph zum nächsten Kinderasyl, wo die beiden „baby tramps“ mit größter Festlichkeit als lang erwartete Bekannte in Empfang genommen und anderen Kindern aller möglichen Nationalitäten zugesellt wurden, die sich auch verirrt hatten. Leo zog sich mit Schwesterchen in eine Ecke zurück und teilte seine Zwiebel mit ihr, die noch unberührt war. Er fühlte, daß Aufbewahrung von Vorrat jetzt nicht mehr nötig sei.

Ach nein, es wurde herrlich für sie gesorgt, mit Speisen und allem möglichen. Doch soll auch nicht verschwiegen werden, daß die Leute, zu denen sie gekommen waren, sich recht bedauerlich reinlich zeigten, indem sie sich die Mühe machten, sie von einer Balje Wasser in die andere zu schleppen. Aber das Gute und das Böse sind in dieser Welt nun einmal eng vereinigt.

Als sie bis abends neun Uhr nicht abgeholt worden waren, wurden sie in einem herrschaftlichen Wagen zur Hauptstation für heimatlose Kinder gefahren und jedes in einem weißen Bettchen mit Stäben einquartiert. Jetzt, da sie schlafen sollten, forderte die Natur ihr Recht, aber darin bildeten sie keine Ausnahme, denn rings umher ertönten in allen zarten Sprachen Babels Wehklagen von anderen Kindern, die auch unaufhörlich nach ihrer Mutter riefen, bis die Klagen hinstarben, bald hier, bald dort, und der Schlaf sich aller erbarmte.

Leo und Schwesterchen wurden jetzt Kinder von Newyork. Dort sollen sie Wurzel schlagen und dort sollen sie blühen. In diesem Urwald, wo nur die Gesetze für Wachstum und Wärme gelten, sollen sie frei in die Höhe schießen, wie makellose Palmen. Aus Leo, der seine ersten Gehversuche in der neuen Welt als vielversprechender Zeitungsmann machte, wird gewiß einst ein großer Editor werden, der einen Zeitungspalast errichtet, der noch um einen Absatz, noch um einen leuchtenden, tausendäugigen Turm höher als die anderen in Newyorks durchsichtige Atmosphäre hineinragt.

Aus Marya aber mit den Medusenaugen und dem kleinen schwellenden Leib, wird – die Zeit vergeht, es ist jetzt schon fast so weit – ein weltberühmter tragischer Stern werden, der auf der Bühne durch ihres Wesens unermeßliche Schmerzfülle leuchten wird, in einer Glorie von blutigen Locken, eine gewaltige Darstellerin alles dessen, was auf Erden gelitten werden kann.

Und wenn es sie gelüstet, ihr Genie in den Regenbogenfarben der Komödie zu sonnen, wird man sie mit üppig vorgeschobenem Salomeleib, gesund lächelnd über die Bühne schreiten sehen, den abgehauenen Kopf eines Theaterkritikers auf einer Schüssel.

Aus: Johannes V. Jensen „Exotische Novellen“

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