Identitäten einer jüdischen Anarchistin

Emma Goldman dürfte auch heute noch die bekannteste Anarchistin der Welt sein. Der Historiker Frank Jacob widmet ihr eine besondere Studie, wobei nicht die Entwicklungsetappen ihres Lebens, sondern ihre Identitäten im Wirken im Zentrum stehen. Dazu gehört auch „Die Jüdin“ ebenso wie „Die Anarchistin“, aber auch „Die Antibolschewistin“ und „Die Publizistin“.

Von Armin Pfahl-Traughber

Emma Goldman (1869-1940) dürfte die bedeutendste Aktivisten und Theoretikerin des Anarchismus gewesen sein. Aufgrund ihrer Kontakte zu gewaltgeneigten Akteuren dieses politischen Lagers soll der spätere FBI-Chef J. Edgar Hoover sie als „eine der gefährlichsten Anarchisten in Amerika“ bezeichnet haben. Goldmans öffentliches Wirken bestand seinerzeit aber insbesondere in öffentlichen Reden, womit sie vor allem Arbeiter für ihr Modell einer Gesellschaft ohne Staat gewinnen wollte. Sie warb auch für Frauenrechte und Geburtenkontrolle, womit sie heute als eine frühe Feministin gilt. Und dann gehörte ebenso der Antibolschewismus wie der Antifaschismus wie der Antimilitarismus zu ihren primären Handlungsfeldern. Insofern handelte es sich um eine Frau mit unterschiedlichen Identitäten. Der Blick darauf hat den Historiker Frank Jacob, der als Professor für Globalgeschichte an der Nord Universitet in Norwegen lehrt, zu einer ungewöhnlichen Lebensbeschreibung motiviert. Sie ist nicht an der Chronologie, sondern an diesen Identitäten orientiert.

Dazu gehört zunächst „Die Jüdin“, denn Goldman wurde in eine jüdische Familie in Kowno im russischen Zarenreich hinein geboren. Indessen brach sie mit deren orthodoxer Lebenswelt, bewegte sich dafür aber dann in den anarchistisch-jüdischen Kontexten in den USA. „Die Anarchistin“ und „Die Anarcha-Feministin“ sind für Goldman die nächsten Identitäten, wobei es etwa um ihre Absolutsetzung individueller Freiheit, aber auch ihre Ablehnung der Ehe als Zwangsgemeinschaft geht. „Die Antiimperialistin“ und „Die Pazifistin“ folgen als weitere Identitäten, hier bezogen auch auf die Ablehnung der US-Kriegsbeteiligung am Weltkrieg. Als Ausländerin galt Goldman so ihrer neuen Heimat gegenüber als illoyal. Bedeutsamer war für sie aber die Identität als „Die Revolutionärin“, denn in aller Deutlichkeit trat Goldman für einen Umsturz zugunsten einer staatenlosen Zukunft ein. Jacob macht in den Kapiteln anhand vieler Primärquellen deutlich, wie sich die auch heute noch bekannteste Anarchistin der Welt in diesen Zeiten entwickelte.

Das ausführlichste Kapitel ist dann mit „Die Antibolschewistin“ als Identitätsform überschrieben. Auf den ersten Blick mag diese große Aufmerksamkeit verwundern, indessen ist sie aus mehreren Gründen wichtig. So wird für Goldman deutlich, dass sie individuelle Freiheit konsequent verstand und schon früh Lenins Repressionspolitik kritisierte. Denn die Anarchisten standen vor einem Dilemma, lehnten sie doch das diktatorische Zarenregime ab und waren über dessen Ende erfreut, während sie gleichzeitig aber auch die neue Diktatur unter Lenin verwarfen. Jacob gibt sich genügend Raum, um eben diese Auseinandersetzung auch von anderen Anarchisten mit dem Bolschewismus ausführlich darzustellen. Deutlich wird dabei bezogen auf die dortige Entwicklung, dass bereits früh die Entstehung eines neuen Repressionssystems absehbar war. Die meisten anderen linken Intellektuellen wollten dies nicht sehen und schlossen sich so auch Goldmans kritischen Stellungnahmen nicht an.

Danach geht es um „Die Amerika-Kritikerin“ als Identität, hatte doch Goldman eine Hassliebe zu ihrer neuen Heimat entwickelt. Bei aller Ablehnung von Kapitalismus und Staat konnte sie dort meist frei wirken, wovon als Identität eben „Die Publizistin“ zeugt. Goldman arbeitete für anarchistische Zeitungen und reiste als Vortragende durch die USA. Und schließlich steht noch „Die Antifaschistin“ als ihre Identität im Mittelpunkt. Dabei wird erneut der kritische Blick auf Lenins Herrschaft deutlich, verglich Goldman diese doch mit dem Faschismus  – und wirkt so wie eine frühe Totalitarismustheoretikerin. Jacob erweist sich in seinen Identitätsstudien als guter Kenner der Materie. Indessen machen einzelne Formulierungen immer wieder deutlich, dass ihm ein wenig die kritische Distanz zu seinem Forschungsgegenstand fehlt. Darüber hinaus ignoriert oder relativiert er kritikwürdige Aspekte. Dazu gehören etwa ein Avantgardeanspruch gegenüber den Massen oder die ambivalente Einstellung zur Gewalt bei Goldman.

Frank Jacob, Emma Goldman. Identitäten einer Anarchistin, Leipzig 2022 (Hentrich & Hentrich-Verlag), 275 S., Bestellen?

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