Die Hydra des Dschihadismus

Der deutsch-äpytische Politologe Asiem El Difraoui legt mit „Die Hydra des Dschihadismus. Entstehung, Ausbreitung und Abwehr einer globalen Gefahr“ eine interessante Monographie zum Thema vor. Auch wenn sie keine grundlegend neuen Erkenntnisse enthält, hat man es doch mit einer gut geschriebenen und problemorientierten Einführung ins Thema zu tun.

Von Armin Pfahl-Traughber

Das erschreckende Bild von einer ungeheuerlichen Hydra kennt man aus der griechischen Sage. Schlug ihr Herkules einzelne Köpfe ab, wuchsen der Hydra gleich mehrere Köpfe nach. Genau auf diesen Effekt spielt „Die Hydra des Dschihadismus“ an, ein Buch von Asiem El Difraoui über dessen „Entstehung, Ausbreitung und Abwehr einer globalen Gefahr“. Der bekannte Autor von Dokumentarfilmen und Reportagen thematisiert darin ähnliche Wirkungen. Ein erfolgreicher Angriff auf den gewalttätigen Dschihadismus führt nicht zu dessen politischem Ende, vielmehr entstehen gleich neue Gruppen mit gewaltsamem Vorgehen. Doch wie vollzog sich bezogen auf den Dschihadismus deren Entstehung und Entwicklung? Wie erklärt sich dessen Attraktivität für die Verführten? Welche gesellschaftlichen und individuellen Ursachen gibt es dafür? Wie sollten die Gesellschaft und die Politik in der westlichen Welt reagieren? Der Autor will all diese Fragen erörtern, wobei er ein komplexes Bild aus journalistischer Erfahrung zeichnet.

Sein Buch gliedert sich in drei Teile: Zunächst geht es um das Aufkommen und die Entwicklung des gemeinten Phänomens. Behandelt werden die „Ahnen und Wegbereiter“, wozu etwa die Muslimbruderschaft und Sayyid Qutb als deren Vordenker zählen. Dann macht der Autor aber schon schnell deutlich, dass der Dschihad auch nach Europa kam und einen Globalisierungsprozess vollzog. Anhand des Blicks auf unterschiedliche Länder wird deutlich, dass das Gewaltpotential sich schon lange internationalisierte. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Autor danach dem „Islamischen Staat“ (IS), der weiterhin eine Gefahr trotz seiner militärischen Niederlage verkörpere. Bei den jeweiligen Darstellungen werden immer Einschätzungen formuliert. So heißt es etwa: „Der Dschihadismus konnte das Vakuum mit seinen Heilsversprechen füllen …“ (S. 100). Indessen werden derartige Erklärungsfaktoren nicht systematisch erörtert, sondern meist nur in die Faktenpräsentation integriert. Gleichwohl will der Autor auch analytische Deutungen vornehmen.

Dies beabsichtigt er im zweiten Teil, worin es um die Bedingungsfaktoren für den Dschihadismus geht. Bereits einleitend werden fünf Faktorengruppen genannt: geopolitische, ideologische, lokale, psychologische und sozioökonomische. Indessen nutzt der Autor dann selbst gar nicht dieses beachtenswerte Untersuchungsraster, folgen doch primär Fallstudien zu einzelnen Personen oder Wirkungsfaktoren. Es gibt aber auch bedeutsame Einschätzungen, so heißt es etwa: „Die Propaganda hat den Dschhadismus erst zu dem gemacht, was er heute ist: eine weltweite Bedrohung. Ohne ihre einigende, identitätsbildende Wirkung bestünde er heute vermutlich nicht mehr“ (S. 162). Und dann geht es im dritten Teil noch darum, wie mit den Herausforderungen umgegangen werden sollte. Nach Blicken in alte und neue Gefahrenherde wird davor gewarnt, eine politische Lösung in autoritären Versuchungen zu sehen. Der Autor plädiert demgegenüber für Europas internationale Verantwortung. Abschließend steht noch eine Debatte mit Kommentaren zur Ursachenanalyse im Zentrum.

Bilanzierend betrachtet enthält das Buch keine grundlegenden neuen Erkenntnisse, es kann eher als eine gut lesbare Darstellung zum Dschihadismus gelten. Darin liefert der Autor aber neben den erwähnten Beschreibungen auch klare Definitionen und interessante Reflexionen. Hierzu gehören etwa die Anmerkungen zu den gesamtgesellschaftlichen Folgen, heißt es doch etwa: „Der Dschihadismus trägt zur Spaltung der Gesellschaft bei und nährt den Populismus. … Dschihadismus, Populismus und Rechtsextremismus befeuern sich gegenseitig“ (S. 13). Indessen finden sich zu dieser Aussage und vielen anderen Kommentaren dann doch keine ausführlicheren und systematischeren Überlegungen. Eine Ausnahme stellen die Betrachtungen zu den Deutungen in einer Forschungskontroverse dar, worin sich die Auffassungen „Islamisierung der Radikalität“ (Olivier Roy) und „Radikalisierung des Islam“ (Gilles Kepel) gegenübersteht. Dabei muss aber kein zwingender Gegensatz bestehen. Bilanzierend liegt eine gut lesbare und sehr informative Einführung ins Thema vor.

Asiem El Difraoui, Die Hydra des Dschihadismus. Entstehung, Ausbreitung und Abwehr einer globalen Gefahr, Berlin 2021 (Suhrkamp), 367 S., 24 Euro, Bestellen?

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