Quer durch Amerika – Eindrücke einer Reise

Der nächste Teil der Reiseeindrücke des jiddischen Schriftsteller Schalom Asch, die ab November 1931 in Fortsetzung in der Zeitschrift Menorah erschienen. Sie sind eine Momentaufnahme des jüdischen Lebens in den USA, aber auch die wortgewaltige Begegnung eines Schriftstellers mit den Landschaften des Landes…

Schalom Asch wurde 1880 in Kutno geboren und traditionell jüdisch erzogen. 1899 zog er nach Warschau und begann dort als Schriftsteller in Hebräisch und Jiddisch zu arbeiten. Nach einem Aufenthalt in den USA und der Rückkehr nach Russland, verbrachte Asch die Zeit des Ersten Weltkriegs in New York, wo er für jüdische Zeitschriften arbeitete und seine Theaterstücke erfolgreich aufgenommen wurden. 1923 kehrte er nach Polen zurück, musste jedoch 1938 erneut in die USA emigrieren. 1956 zog er nach Bat Jam nahe Tel Aviv. Schalom Asch starb am 10. Juli 1957 in London.

Quer durch Amerika
Eindrücke einer Reise

Von Schalom Asch
Autorisierte Übersetzung von Siegfried Schmitz
Erschienen in: Menorah, X. Jahrgang, März 1932, Nummer 3/4

V.
Von Chicago nach Kalifornien

Ich verließ Chicago am Abend. Als ich zum Bahnhof fuhr, fiel dichter Schnee auf den Schmutz der Chicagoer Gassen und versank sofort
darin. Feucht waren die Straßen, feucht die Luft, feucht alle Glieder. In Missouri erwachte ich. Eine große Sonne beleuchtete heimatlich anmutende Felder, deren feuchte Ackerstreifen sich von den erfrischenden Strahlen trocknen ließen. Von Schnee und Winter keine Spur. Hauch des Frühlings weht von den Ackern. Da und dort schwarze frischgepflügte Furchen, an einigen Stellen sogar Grün. Vereinzelte Schafe irren
nahrungsuchend umher und beknabbern die vom Vorjahr übriggebliebenen Stoppeln. Füllen hüpfen wiehernd über die Wiesen.

Eine Zeitlang fahren wir den Missourisee entlang. Er begleitet uns bis Kansas City. Seine beiden Ufer sind mit frischgeackerter Erde gepolstert. Gepflügter Acker ist das erfrischendste, was ich kenne. Der Hauch des Frühling, der ihm entströmt, scheint auf dich loszustürmen und nicht nur die Erde ist voll quellenden Wachstums, sondern auch in deinem Herzen, in deinem Blut, in deinem ganzen Wesen drängt Jugend, Liebe, neues Leben quellend ans Licht.

Von allen Unionstaaten, durch die ich reiste, hat Missouri den kindlichsten, primitivsten Boden. Auch die Häuschen sind primitiv¬bäurisch. Neben jedem ein umzäunter Hof voll Ochsen, Rindern, Schafen und besonders Pferden. Auf den weidereichen Ebenen von Missouri wachsen die Pferde für ganz Amerika auf. Frei und ungezähmt stürmen ganze Rudel Pferde über die Felder. Die ganze Welt gehört ihnen. Sie sind noch nicht in die Ställe verbannt und ihr wilder freier Galopp ist noch nicht von Zaum und Joch gebrochen — ein herrlicher Anblick.

Momentan aber interessieren mich die Geschöpfe meiner Gattung mehr als die, welche auf den Wiesen weiden. Ich blicke rings um mich, um meine Mitreisenden ein wenig zu betrachten: Einige Frauen mit Kindern, die nach dem Westen reisen, wahrscheinlich zu ihren Männern, die sie haben nachkommen lassen. Zwei Judenmädchen aus Polen, die ihr Oheim zu sich nach Los-Angeles nimmt. Ein junger Mann, der für seine kranke Lunge in den warmen Landstrichen Heilung sucht. In Gedanken versunken wende ich mich wieder der Landschaft zu. Da tritt plötzlich ein Herr auf mich zu, blickt sich vorsichtig um, ob kein Lauscher in der Nähe ist, und sagt ein wenig ängstlich:

„Jehudi?“
„Jehudi“ — antworte ich.

Er reicht mir die Hand und setzt sich neben mich.

Ich betrachte ihn näher. Das Gesicht könnte einem Italiener oder Armenier gehören, aber er hat weder Bart noch Schnurrbart. Die Bartlosigkeit paßt eigentlich nur zu den kalten Mienen der Angelsachsen. Wenn ein Jude glattrasiert ist, bekommt sein Gesicht etwas Unmenschliches. So auch hier: Eine dicke fleischige Nase, große, wulstige Lippen, die der fehlende Schnurrbart noch stärker hervortreten läßt, hohe Stirn, schütteres Haar mit kahlen Stellen. Offenbar war der, zu dem es gehörte, in seiner Kindheit von einer der zehn ägyptischen Plagen heimgesucht (seine Mutter möge mir diese respektlose Bemerkung verzeihen!), über die Weste spannt sich eine schwere goldene Kette, an der zwei Hirschzähne, in Gold gefaßt, baumeln. Das macht den Eindruck, als sei etwa der Vater ein großer Jäger vor dem Herrn gewesen und der Sohn trage die Zähne der Hirsche, die der Vater erlegt hat, als Andenken an der Uhrkette. Im Knopfloch links glänzt das brillantene Abzeichen einer Freimaurerloge, als Pendant steckt rechts das Sternenbanner, aus blauen, weißen und roten Steinen gebildet. Die Krawattennadel hat die Form eines großen Fragezeichens und ist selbstverständlich auch mit Brillanten besetzt. Mit einem Wort — der richtige Amerikaner.

„In what game are you?“ — beginnt er das Gespräch.

Ich blicke ihn erstaunt an, denn ich weiß nicht, was die Frage, in welchem Spiel ich sei, bedeuten soll.

„I am in the clock-game, also, in the jewellery-game. In what game are you?“

Jetzt erst begriff ich, was er meinte.

„I am in the writer-game“ — antwortete ich.

Die Fortsetzung des Gesprächs, das wir englisch führten, im Einzelnen wiederzugeben unterlasse ich, obwohl unser beider Englisch interessantes Material für einen Sprachforscher oder einen Vaudeville-Komiker geliefert hätte. Im Verlaufe unserer Unterhaltung erfuhr ich, daß mein Nachbar aus Bialystok stammte, „operator“, also Arbeiter in New York, auch Mitglied der jüdisch-sozialistischen Arbeiterorganisation und „all the games“ gewesen war. Dann betrieb er eine Wäscherei in Chicago, später eine Delikatessenhandlung in Kansas-City. Jetzt wohnt er irgendwo in den Südstaaten, besitzt dort eine Kleidererzeugung und einen Juwelenladen. Soweit ich seinen Worten entnehmen kann, betreibt er auch einen „loan-shop“, ein Kreditinstitut für Farmer.

Dagegen brachte er mich zum Bekenntnis, daß ich jüdischer Schriftsteller sei und für jiddische Zeitungen schreibe.

„I don’t read it“ — sagte mein neuer Bekannter naserümpfend, als er hörte, welchen Beruf ich habe. — „I don’t like to read the Jewish papers, they are trouble makers. I am not an antisemit“ — beteuerte er und setzte, wohl um seinen letzten Worten mehr Nachdruck zu geben, jiddisch fort: „Ich bin kein Antisemit, ich gehöre einer Synagoge an, aber die jüdischen Zeitungen kann ich nicht leiden. Sie stiften bloß Unruhe unter den Arbeitern. No good, no good“ — dabei trommelte er mit seinen behaarten Fingern auf das fette Bäuchlein — „I am not an antisemit“, — wiederholte er — „aber das, the Jewish papers, no, no!“

„Aber ich bin einer“ — entgegnete ich jiddisch.

„Was?“

„Ein Antisemit“ — schrie ich ihm ins Gesicht und wandte mich zum Fenster …

Da mein Mitmensch mich müde gemacht hat, suche ich ein wenig Ruhe im Anblick der Natur, die sich vor meinem Coupefenster ausbreitet. Allmählich ändert sich die Landschaft. Die von Menschenhand bearbeiteten anheimelnden Felder verschwinden und versinken in einem ungeheuren, unermeßlichen Meer wilder, unberührter, menschenloser Erde. Man hat das Gefühl, über ein ausgetrocknetes Meer zu fahren. Die Häuser werden immer kleiner, immer seltener. Bald ist kein lebendes Wesen mehr zu sehen, die Erde ist trocken und mit Staub bedeckt. Einsam spielt der Wind in dieser nackten, verdorrten Welt, indem er den Staub durch die Luft wirbelt. Immer heißer brennt die Sonne. Alles ringsum ist öde, unheimliche Wildnis …

Als ich am nächsten Tag erwachte, befand ich mich in einer ganz anderen Welt.

„Und die Erde war wüst und leer und der Geist Gottes schwebte über der Oberfläche der Erde“ — die Erde, die der erste Mensch ersah, glich sicher der Wüste von Neu-Mexiko.

Wie der Sturmwind rast unser Zug durch die unendliche Wüste. Kein Baum, kein Grün, bloß die von Sonne und Sand zerfressene Flüche des verdorrten Bodens. Wildabenteuerliche Mißgeburten in Pflanzengestalt, Pilzen mit angeschwollenen Bäuchen ähnlich, bedecken die kleinen Hügel. Und wenn der Zug durchführt, erhoben sie sich und schweben in der Luft. Von Zeit zu Zeit ballt der Wind eine Wolke aus Staub und Sand zusammen, hebt sie empor, spielt mit ihr in der Luft und trägt sie weit, weit fort. Kein Haus, kein Wasser, kein Zeichen von Leben — bloß einsame, wüste Erde und darüber Himmel.

Nur hie und da ist wie durch ein Wunder eine Spur von Leben zu merken: Eine Rauchwolke dringt aus einem Schornstein! Dort haben Menschen dem Geheimnis der Erde nachgespürt und gefunden, daß sie in ihrem Innern Ölquellen birgt oder Schätze von Silber und in der Tiefe behütete Kupferlager. Wie hungrige Wölfe stürzen sie sich nun auf die verborgenen Kostbarkeiten im Innern der Erde, reißen ihr den Leib auf und berauben die Wüste ihrer versteckten Schätze, pumpen ihre Ölquellen aus, stehlen ihr Gold, Silber und Kupfer. Einsam zieht der Rauch der Minen-Schornsteine durch die Luft und vergeht in der Unendlichkeit der Wüste. Es ist, als wären die Minen neue unterirdische Zauberschlösser in der amerikanischen Wüste, und die sie suchen, neue Aladins aus Tausendundeiner Nacht.

Manchmal jagt wie ein Sturmwind ein Rudel rauhfelliger wilder Pferde durch die Wüste und ein Cowboy galoppiert ihm auf schäumendem Rosse nach, — doch sie gleichen Tropfen im Meere, Sandkörnchen im Kosmos und bald ist alles wieder versunken und vergessen in dem unendlichen Meer der Wüste.

Und Einsamkeit und Trauer ist über die Wüste ausgegossen. Du hörst geradezu das Weinen der Erde, ihre Sehnsucht nach Befruchtung, ihr Lechzen nach Wasser.

Und dann geht die Sonne unter. O, diese Sonnenuntergänge in der Wüste, da das Geheimnis der Unendlichkeit sich zu enthüllen scheint! Zaghaft sinkt der Riesenball, wird ganz, ganz langsam von der Erde verschlungen, die wie ein ungeheures Tier in riesenhaftem Rachen Himmel, Sonne und Wolken verschwinden läßt. Langsam, voll trauriger Sehnsucht sinkt die Sonne in den tiefen Abgrund der Erde. Doch noch lange geistern verirrte Strahlen über den Himmel und entzünden an den Rändern der Wolken ein violettes Feuer, das auf der Erdoberfläche widerscheint. Ein sandgelber Schimmer beleuchtet die Erde. Dann hast du das Gefühl, den Geist Gottes zu sehen, der über der Oberfläche der Erde schwebt … Und Furcht überfällt dich, denn du hast Gottes Angesicht erschaut…

Bedrückten Herzens, doch auf Gottes Gnade bauend, ergab ich mich den Armen der Nacht. Ich fühlte mich als ein Teilchen der Unendlichkeit, die mich umgab, als ein Sandkorn in der Wüste, als ein Teil Gottes. Und während ich auf meinem Bett im Abteil liegend dem schweren Atem des Zuges und dem Kreischen der Räder auf den Schienen lauschte, schien es mir. als hörte ich die Bewegung der Erde, während sie sich um ihre Achse dreht, als hörte ich den Herzschlag der Welt — ja, die Welt lebt, wir bewegen uns mit ihr und ich bin in ihr, ein Teil von ihr — Schöpfer, sei gelobt!

Die Nacht verschlang fünfhundert Meilen Wüste und brachte mich nach den Tälern und Bergen von Arizona.

Der Roden von Arizona scheint mit Elektrizität geladen zu sein. Er ist noch wüst und wild, doch nicht mehr die glatte meerähnliche Ebene der Wüste von Neu-Mcxiko. Die Erde spaltet sich, klafft in abgrundtiefen Einschnitten und erhebt sich zu Bergen. Es sieht aus, als seien diese Berge und Einschnitte eben erst entstanden. Das ganze Land scheint eben erst geschaffen worden zu sein, nein — noch nicht geschaffen, erst im Geschaffenwerden. Du siehst den Rohstoff, aus dem Gott die Welt geknetet, in brodelnder Bewegung wie in einem Schmelztiegel. Kein Quadratmeter gleicht dem anderen. Hier formt der Wind einen Berg, dort verschiebt er ihn an einen anderen Ort. Hier öffnet sich, dort schließt sich ein Tal. Die Luft ist so klar, daß der Blick viele Dutzend Meilen reicht. Ein Berg scheint unmittelbar vor dir zu stehen und doch dauert es stundenlang, bis du ihn erreichst. Und war in Neu-Mexiko noch hie und da ein Zeichen von Leben, ein Pferd oder der Rauch eines Schornsteins zu merken — hier in Arizona gibt es gar nichts zu sehen, was an Leben erinnert, bloß wilde, frischgeformte Berge und tief eingeschnittene Täler. Und alles schimmert in dem sandgelben sammetartigen Licht, das die herrlich strahlende Sonne über die Berge und Täler ergießt.

Und doch ist zu merken, daß die Erde in Arizona die ersten Versuche macht, Leben hervorzubringen. Verkrüppelte wilde Palmen versuchen, in der Wüste von Arizona zu wachsen, doch die jungen Triebe verdorren, kommen vor Durst um, werden von der Sonne verbrannt. Da und dort recken sich wilde Kakteenbäume empor und nehmen verschiedene abenteuerliche Formen an, die jedoch gar nichts mit der Form von Menschenbäumen zu tun haben; sie erinnern an groteske Mißgeburten, an die grauenerregenden Gestalten von Dämonen und bösen Geistern, kopflos mit unförmigen Leibern. In solchen Bäumen wohnte wohl der erste Mensch.

Auch die Berge von Arizona sind keine Menschenberge, sondern erinnern irgendwie an Ruinen uralter Schlösser, eingestürzter Türme, zerstörter Städte der Vorzeit, in denen Riesen wohnten, zerfallener Tempel längst verstorbener Götter, über die eine wilde Sonne ihr schimmerndes Licht ergießt. So stehen sie da wie die Grabsteine einer zertrümmerten Welt.

Hier in der Wüste zwischen den gleißenden Bergen und Tälern von Arizona begreift man die amerikanischen Pioniere, die von der Gier nach Gold getrieben, in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts durch Berg und Tal drangen. Wenn sie in die Wüste von Arizona kamen, sahen sie, vor Durst vergehend, vom Sandsturm verschüttet in ihren Fieberphantasien mitten in der Wüste die Fata Morgana eines Paradieses. Sie sahen frische Wasserquellen zwischen den Bergen und fruchtbares Land, sahen Städte sich in die Luft erheben, von Menschen bevölkerte Plätze, orientalische Paläste mit buntbekleideten Bewohnern. Jetzt verstehe ich sie, empfinde mit ihnen — denn ich selbst sehe solche Luftspiegelungen in der Wüste von Arizona.

VI.
Durch die Wüste

In Arizona befindet sich das achte Weltwunder — der „Gran canyon“. Ich opferte eine Nacht und machte einen Umweg, um den wunderbaren Ort zu sehen, der noch die Spuren der Erschaffung der Welt trägt.

Ich weiß, daß dasselbe Prinzip, welches das kleinste Sandkorn, den zartesten Grashalm, das winzigste Würmchen erschaffen hat, auch das Meer, die Berge und den „Gran canyon“, das „Große Tal“ von Arizona schuf und daß in dieser seltsamen Bildung nichts Ungewöhnliches steckt. Das alles ist Naturphänomen, und genau genommen, birgt die kleinste Ameise viel komplizierteres Wesen, mehr Wunder und mehr Größe als das „Große Tal“. Die Biene oder die Ameise, die in einem wohlgeordneten Staat mit einer Verfassung, mit Arbeitern und Melkkühen lebt, ist ein tausendfach gewaltigeres Naturphänomen als der mächtige, furchtbare und — tote „Gran canyon“.

Und doch — warum bebt mein Herz? Ist es darum, weil mein Auge das Ungewöhnliche sieht?

Man stelle sich vor, New York, das riesige New York mit seinen Wolkenkratzern wäre in eine Tiefe von sechstausend Fuß versunken — doch nein, nicht New York, sondern eine Stadt, die fünfzigmal so groß ist wie New York, liegt in einem sechstausend Fuß tiefen Tal, auf dessen Grund das Wolworth-Gebäude und die übrigen Wolkenkratzer stehen. Sie sehen wie Kinderspielzeug aus, eines hockt auf dem anderen — und zwischen ihnen fließt der Hudson. Ihr aber blickt aus einer Höhe von sechstausend Fuß auf die Spielzeugstadt nieder und habt infolge der klaren Luft den Eindruck, als sei sie so nahe, daß sie mit einem kurzen Sprung zu erreichen ist.

Doch weit mehr als dieses große Wunder zieht mich das Spiel der Sonne auf den lehmfarbenen riesigen Sandsteinwänden des Canyon an. Es ist, als werde die Sonne vom Talgrund gefangen gehalten — von dort auf fallen ihre Strahlen auf die Wände und verwandeln jedes Sandkorn in einen farbigen Edelstein; und aus diesen funkelnden und blitzenden Diamanten bildet sich eine strahlende Lichtwolke, die an den Talwänden lagert, so daß sie mit phantastischen, in allen Regenbogenfarben schimmernden Seidenvorhängen bekleidet erscheinen. Und nun ist kein Tal zu sehen, keine Sandsteinwände und keine steil abfallenden Felswände — der riesige „Gran canyon“ ist mit Seide bespannt.

Ich kenne einen einzigen Ort, wo das Licht in ähnlicher Weise auf Sandsteinwänden spielt — das ist die Wüste Juda in Erez-Israel. Wenn man von Jerusalem nach Jericho die Jordansenke hinabfährt und in jähem Gefälle um einige tausend Fuß sinkt, dann erscheinen plötzlich, sobald die Sonne auf die Berghänge fällt, die Felswände in schimmernde Seide gekleidet. Dieses eigenartige Licht, das die Augen blendet, hat etwas seltsam Beängstigendes. Ringsum in der Weite ist alles still. Eine drückende Stille. Überall stumme Berge, nicht irdischen Gipfeln gleichend, sondern Himmelsbergen. Wie herniedergefallene Himmelstrümmer liegen sie übereinander. Mit einem ähnlichen Himmelslicht ist auch der „Gran canyon“ übergossen — es verleiht ihm etwas seltsam Fremdes und zugleich eine wunderbare, überirdische Schönheit.

Die Nacht brachte mich zum „Gran canyon“ und sie führte mich wieder aus dem Tal heraus. Letztes Sonnenlicht auf den Sandsteinwänden — mein letzter Blick heftete sich auf dieses himmlische Licht, das mich so ganz und gar der Erde entrückte — so mag wohl die Welt aussehen, die wir uns als Wohnsitz Gottes und der Engel vorstellen! Und dann führte mich die Eisenbahn wieder zur Erde, in die Welt der Menschen zurück.
Während der Nacht schleppte mich das stählerne Tier, in dessen Leib ich bequem schlief, durch ungeheure Wüstenflächen. Als ich am Morgen durchs Fenster blickte, merkte ich, daß ich einige tausend Fuß hohe schneebedeckte Berge hinaufkletterte.

Gott hat das Paradies von Kalifornien mit zwei riesigen Bergketten umgeben, zwischen die er einige tausend Meilen Wüste und tief eingeschnittene „Totentäler“, das Reich des ewigen Sandes, gelegt hat. Und dennoch haben die Menschen einen Weg in dieses Paradies auf Erden gebohrt. Der einen Bergkette, den Rocky mountains, wich unser Zug geschickt aus, indem er sich an ihren Füßen entlangschlängelte und durch die schmälsten Zugänge von einem Berg zum andern schlüpfte. Es gelang ihm. Die Wüste und die Totentäler durchschnitt er in rasendem Tempo mit wütendem Pfeifen, nachdem alle Türen und Fenster geschlossen worden waren und das stählerne Tier eine Unmenge Wasser geschluckt hatte, um frische Kräfte zu sammeln. Es stieß dicke Rauchwolken aus, seine Nüstern sprühten heißen Wasserdampf, während es durch die Wüste raste und die Totentäler entlang flog. So erreichte es die andere Bergkette, die Schneegipfel von Alaska. Hier blieb dem stählernen Tier nichts anderes übrig — es mußte sich durch die Berge bohren und von einem zum anderen über eiserne Brücken balancieren, die sich über tiefe Taleinschnitte spannten, Händen gleich, welche die Berge einander entgegenstreckten.

Nach dem Sandgrau der Totentäler war der Anblick des blendendweißen Schnees auf den Höhen eine Erquickung für das Auge, und die Lungen atmeten in vollen Zügen die feuchte Kühle, die von den Bergen hinüberwehte. Doch keine Pflanzung von Menschenhand, keine Spur von Grün war zu sehen. Bloß da und dort ragten vertrocknete, rostbraune Kiefernfragmente aus einem Gewirr von schwammig aufgequollenen, mißfarbenen Wüstengewächsen. Einen ganzen Tag lang wanden wir uns, wie von Zauberhand im Kreis umhergeführt, zwischen den Bergen hin und her. Es schien unmöglich ihnen zu entkommen. Dann aber lief der Zug plötzlich blitzschnell bergab und bald waren wir wieder in der öden Wüste mit ihrem Flugsand und der unnatürlich grotesken Flora, die so gar nichts irdisch menschliches an sich hat. Wenn man stundenlang diese Landschaft vor sich sieht, empfindet man eine geradezu quälende Sehnsucht nach natürlichen Formen, an die das Auge gewöhnt ist. Der einzige tröstliche Gedanke ist, daß diese Fahrt bald ein Ende nehmen muß. Wie aber muß wohl jenen ersten Wanderern zumute gewesen sein, die auf trägen Ochsengespannen wochenlang diese Wüsten durchquerten? Auf den mit ihrem Hab und Gut beladenen Wagen saßen ihre Frauen und Kinder und hinten trotteten die Kühe nach, die Milch für die Kleinen lieferten.

Wer die Geschichte dieser romantischen Helden kennt und sich die Leiden der ruhelosen Geister vergegenwärtigt, die vom Sturm und Drang des Lebens getrieben den gefahrvollen Weg über die Berge und durch die Wüste nach dem Goldland von Kalifornien einschlugen — den erfaßt respektvolle Ehrfurcht vor diesen Pionieren, die für uns den Weg gebahnt haben. Es ist unfaßbar, daß sie die Kraft hatten, die grauenvolle Wüste zu durchqueren, in steter Gefahr zu verdursten, im Sandsturm verschüttet oder von Indianern überfallen zu werden. Es kann nicht bloß der Glanz des Goldes gewesen sein, der ihre Augen blendete und sie auf die unwegsamen Gebirgspfade und in die Todestäler lockte, hinter denen das wasser- und goldreiche Kalifornien lag. Das mystische Geheimnis des Schaffens, das in der Menschenseele tief verborgen liegt, die Unruhe und die neugierige Sehnsucht nach Neuem, Unbekanntem — sie trieben die kalifornischen Pioniere dazu, durch die Wüste den Weg nach dem Goldland zu bahnen! . ..

Doch — o Wunder! Plötzlich hüpft zwischen den Bergen ein lustig plätscherndes Bächlein hervor, läuft hurtig über Steine und Felsen, stürzt eilig talwärts! Nach langer Zeit das erste lebendige Wasser — es entzückt das Auge. Wie angenehm klingt sein Rauschen zwischen den Felsen! Es gibt frischen Lebensmut! Wieder steigt die Erinnerung an die Wanderer in der Wüste auf, die ersten Vorposten der Zivilisation, die sich Monate, sogar Jahre lang dürstend durch die Wüste nach Kalifornien durchkämpften, immer von neuem ihr Leben aufs Spiel setzten und gar oft ihre Angehörigen in den Totentälern begraben mußten. Welch ein Anblick mochte für sie dieses kleine Bächlein gewesen sein! Wie Musik klang wohl ihren Ohren sein Rauschen, denn jetzt wußten sie es — ihr Weg durch die Wüste war nicht fruchtlos gewesen: am Rande der Wüste lag das Paradies! Denn immer führt der Weg zum Paradies durch die Wüste.

Und wahrlich — das Wasser wirkt Wunder. Noch sind wir mitten in der toten Wüste, wo der Sand herrscht. Doch auf einmal ist es, als hätten die Füße eines Engels der» Roden berührt: dort, wo das Bächlein sich durch die Ebene schlängelt, breitet sich weithin zu beiden Seiten seiner Ufer eine grüne Flur aus. Wie herrlich satt, feucht und fett ist dieses Grün! Kühe und Schafe weiden auf der farbigen Fläche. Große Kühe mit milchstrotzenden Eutern und dicke Schafe mit undurchdringlich dicker Wolle. Alle Tiere sind ungewöhnlich groß. Es ist, als wären die Kühe und Schafe Hausgenossen einer anderen Menschenrasse als wir es sind, etwa einer Welt von Riesen. Am Ufer des Bächleins spielen Kinder und Füllen. Und im Widerschein der Sonne blinkt lustig ein weißgetünchtes Häuschen mit feuerrotem Dach. Davor blühende Bäume. Ihre schneeweißen Blütenzweige winken von den dunklen Stämmen her. Es ist, als schneite es weiße Blumen von den Ästen. Zwischendurch schimmert es rosa an dünnen Ästchen. Das sind blühende Aprikosenbäumchen. Das zarte Rot der Blüten hat im zitternden Luft- und Sonnenglanz einen bläuliehen Hauch — es sieht aus, als süßen winzige Flämmchen auf den Zweigen.

Die Landschaft ähnelt der auf chinesischen Bildern. Die blühenden Bäumchen verleihen dem grünen Feld etwas Feierlich-stilisiertes. Man hat den Eindruck, in eine fremde Welt geraten zu sein, in ein Phantasieland, das es in der Wirklichkeit nicht gibt, sondern nur im Traum, in der Dichtung oder auf den Zeichnungen in Kinderbüchern …

Die grüne Flur mit ihrer Märchenlandschaft huscht wie eine Erscheinung vorüber. Wieder versinkt die Welt im Wüstensand. Aber bald taucht von neuem eine grüne Flur mit Baumblüte und grasendem Vieh auf. Und nun setzt ein Kampf zwischen Wüste und Kultur ein. Wo der Boden die ihm gehörige Wassernahrung erhält, verwandelt er sich in ein Paradies. Wo er dürsten muß, wird er zur Wüste.

Schließlich verschwindet der Sand völlig und es gibt unabsehbare Flächen, die mit blühenden Bäumen bestanden sind. Ihre weißen und rosa Blüten, die auf den blätterlosen Zweigen balancieren, werfen in der Luft einen blaßlila Widerschein. Da und dort leuchtet das satte Gelb einer blühenden Mimose. Dann tauchen riesige Beete mit blauen Schwertlilien auf. Zu beiden Seiten der Strecke begleiten uns zwei unendliche Palmenalleen. Ihre langen niederhängenden Blattfächer bewegen sich, als wollten sie uns ein Willkommen zuwinken. Bei unserem Eintritt in das Goldland begrüßen uns ihre langen Zweige mit linder Kühlung.

Plötzlich wehte mir durch das Fenster ein starker Dufthauch entgegen, der mir merkwürdig bekannt schien. Er hatte etwas heimatlich Vertrautes. Erst konnte ich es nicht deuten, dann aber wußte ich, woher ich diesen herrlichen Duft kannte:

Es war der Duft von Orangenblüten.

Ich meinte, in eine jüdische Kolonie im Südpalästina einzufahren.

Wir waren im Goldland Kalifornien.

–> Fortsetzung folgt

Kommentar verfassen