Über eine Welt unter dem Vorzeichen falsch verstandener Normalität

Nachruf auf Gertrud Seehaus (1934-2021)

Von Nadine Englhart

Ich werde Gertrud nie wieder sehen. Ich nannte sie manchmal „Kleine Madame“. Sie strahlte immer so viel Würde aus, selbst wenn etwas ganz gewaltig schiefgelaufen war. Und viel zu häufig hatte das mit Büchern zu tun. Dabei war Gertrud erst spät zur Schriftstellerei gekommen. Zunächst hatte sie eine Ausbildung zur Schauspielerin absolviert, Theaterwissenschaften studiert und den sechziger Jahren zunächst als Dramaturgin und Sprecherin im Radio gearbeitet. In den späten sechziger Jahren sattelte sie nochmal um, absolvierte ein Pädagogik-Studium und arbeitete zehn Jahre lang als Lehrerin.

Als Gertrud nach einem längeren Israel-Aufenthalt ihren ersten Roman „Lisa und Anatol“ veröffentlichte, war sie 50 Jahre alt. Keine normale Literatur-Debütantin, also, und entsprechend waren Gertruds Erzählungen über Verlage, die Autorinnen nach Inhaberwechseln aus dem Programm schassten, Autorinnen bei der Umschlaggestaltung übergingen oder ihren Autorinnen schlichtweg zu viel versprachen und dann im Regen stehen ließen. Sie klangen für mich wie Gutenacht-Geschichten, die man kleinen Mädchen erzählt, damit sie später mal im Controlling arbeiten. Doch Gertrud war keine „normale“ Schriftstellerin, die einfach ihr Geld mit Büchern und Lesungen verdiente.

Als ich Gertrud 2006 beim Internationalen PEN-Kongress in Berlin kennenlernte hatte sie immerhin schon fünf größere Romane und Erzählbände in ihrer Publikationsliste, mit zum Teil wirklich hervorragenden Kritiken. Auch ihre Hörspiele und Theaterstücke durften Aufführungen erleben. Trotzdem bestand sie 2007 darauf, dass wir eines ihrer Bücher, ein Kinderbuch, für den Selbstverlag vorbereiteten. Dieses Buch war kein normales Kinderbuch. Es handelte von zwei ganz unterschiedlichen Kindheiten im zweiten Weltkrieg und ich war nicht vorbereitet auf das, was da auf mich zukam.

Das Buch handelte von dem deutschen Mädchen Gertrud, das 1934 im Saarland zur Welt kam, und dem jüdischen Jungen Peter, der 1942 in Shanghai geboren wurde und recht bald in das Ghetto übersiedeln musste, in das die Japaner auf Wunsch der Deutschen die jüdischen Flüchtlinge zwangen. „Opa und Oma hatten kein Fahrrad“ handelte aber auch von dem jüdischen Mädchen Anna Toczinsky, geboren am 2. Dezember 1934 – Gertruds Geburtsdatum – das Gertruds Schüler 1979 auf den Deportationslisten von Drancy nach Auschwitz entdeckten, die Serge Klarsfeld gesammelt hatte, und die kurz vor dem Lischka-Hagen-Heinrichsohn-Prozess in Köln ausgestellt wurden. Anna Toczinsky wurde 8 Jahre alt:

„Am 14. September 1942
als ich mit meiner Puppe spielte, die Katja hieß
ist sie im Konvoi Nummer 32
vom Bahnhof Le Bourget / Drancy
nach Auschwitz gefahren.“

Gertrud war während der Prozesstage gegen die Täter Lischka, Hagen und Heinrichssohn durchgehend anwesend und hat unter anderem in dem Artikel „Die Abblocker“ vom 5. Januar 1980 in der Freien Jüdischen Stimme ausführlich darüber berichtet. Der deutsche Staat hatte die Täter Lischka, Hagen und Heinrichssohn, die Deportationen von Drancy nach Auschwitz verantwortet hatten, noch lange nach dem Krieg in Ruhe gelassen. Was Gertrud selbst als Kind, als Mädchen, als Frau, als Zeugin gesehen und erlebt hatte, hat sie mit ihrer Arbeit als Lehrerin, Aktivistin und Schriftstellerin ein Leben lang in aller Aufrichtigkeit versucht zu begreifen, zu beschreiben und zu vermitteln. Es war ein beständiges Aufbäumen gegen eine falsche Normalität, die nach dem zweiten Weltkrieg wieder viel zu schnell eingekehrt war:

„Am 23. Mai 1949 stand die vierzehnjährige Lydia eingekeilt in eine Menschenmenge auf dem Marktplatz in Bonn und hörte feierliche Reden. Deutschland war eine neue Republik und Bonn ihre Hauptstadt. Auf der Treppe zum alten Rathaus standen ein neuer Kanzler und ein neuer Präsident. Lydia ging im Gymnasium der Schwestern unserer Lieben Frau in eine Klasse mit vielen vaterlosen Kindern. Bald kamen neue Kinder hinzu, die nicht vaterlos waren. Die Väter waren die Diplomaten, Journalisten, Parlamentarier, Stenografen und Regierungsräte der neuen Republik.

Vom Krieg wurde in Lydias Schule nicht gesprochen. Lydia traute den Erwachsenen nicht. Sie war eine aufsässige Jugendliche. Sie hatte einen Film im Kopf: einen eisigen Wintertag und einen Treck von Menschen. Eine junge Ukrainerin, die ihr Kind säugte in der Küche der Verwandten. Eine weinende Mutter, weinende Tanten, die Kleider und Lebensmittel brachten. Soldaten in Stiefeln. Und am Abend im Dunkeln die Worte der Erwachsenen: Sie sind alle erschossen worden.“ (Katzengesang und Eselsschrei, 1985)

Gertrud Seehaus und ihr Mann Peter Finkelgruen  bei der Verleihung des Rheinlandtalers des LVR 2020, © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Ab 2007 setzte sie zusammen mit Peter einige Jahre lang ihre Arbeit in den Schulklassen fort. Sie hat vielen Kindern ermöglicht, zumindest ein wenig zu begreifen, in welchem Land sie da eigentlich leben. Sie erzählte ihnen, was dieses Deutschland in den Jahren 1933 bis 1945 mit der Welt und ihren Menschen darin angestellt hatte und was daran nicht normal war.

Zehn Jahre später haben wir noch zwei weitere Bücher aus ihrem Werk publiziert, nämlich „Vatersprache„, das alle Texte aus der Zeit des Lischka-Hagen-Heinrichsohn-Prozess enthält. „Wo denn und wie?„, der andere Band, beschreibt Gertruds Jahre in Israel in Gedichten:

„So ist das
wo das Gras brennt
und Eisen auf Fleisch trifft
und der eine nicht weiß
was den anderen vor seine Füße wirft…“
(„Wo denn und wie?“, 2017)

Gertruds Werke sind nichts, was man einfach so nebenher liest, sie sind keine leichte Kost. Sie sind eine schmerzhafte Aufforderung, verdammt nochmal hinzusehen und sich einzugestehen, dass in dieser Welt rein gar nichts normal ist. Sie beinhalten die Aufforderung, sich mit dem, was in der Welt unter dem Vorzeichen einer falsch verstandenen Normalität geschehen ist, was aktuell geschieht und was noch geschehen könnte, auseinanderzusetzen, denn:

„Als ich von einem Prozesstag zur U-Bahn-Haltestelle Neumarkt gehe, ist der Fahrplan durcheinandergeraten. Die Leute drängeln sich dicht an dicht. Plötzlich habe ich Berührungsangst. Ich will nicht auf der Wartebank neben dem älteren Herrn sitzen, der bereitwillig seine Tasche wegzieht. Er sieht so normal aus.

Ich habe eine schreckliche Vorstellung: Wenn jetzt die Kölner Polizei käme und die dort wartenden Türken wegzöge – wer von den dort wartenden Deutschen würde überhaupt die Frage an die Polizisten stellen, wieso das eigentlich geschähe?“
(Freie Jüdische Stimme, 5. Januar 1980)

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