„Zahor – Erinnere Dich“

Ein Film über eine jüdische Familiengeschichte, erzählt von dem Hoffenheimer Bundesligafußballer und israelischen Nationalspieler Ilay Elmkies…

Von Roland Kaufhold
Zuerst erschienen in: DIG Magazin 2/2020

„Mein Name ist Ilay Elmkies und ich erzähle die Geschichte von Menachem und seinem Bruder Fred. Ich bin 17 Jahre alt.“ Mit dieser Szene beginnt der bemerkenswerte Centropa-Kurzfilm „Zahor – Erinnere Dich“. In ihm wird die Überlebensgeschichte der Brüder Menachem und Fred, geborene Mayer, nacherzählt. Beide wurden 1929 bzw. 1932 im baden-württembergischen Hoffenheim bei Sinsheim geboren. Ihre Eltern wurden von den Deutschen in Auschwitz ermordet. Der eine emigrierte nach dem Krieg nach Israel, der andere in die USA. Erst ihre Erinnerung an ihre verbindende Familiengeschichte brachte sie wieder zusammen. Ilay Elmkies, in Israel geboren und aufgewachsen, ist bereits als Jugendlicher in Israel bei Maccabi Haifa ein talentierter Fußballspieler.

Als er 14 ist, kommt er nach Hoffenheim. Die Gemeinde mit gut 3000 Einwohnern erlangte durch ihren Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim bundesweite und internationale Bekanntheit.

Ilay, der als in Deutschland spielender israelischer Fußball-Nationalspieler eine große Zukunft vor sich haben dürfte, wird mit 18 Jahren Stammspieler in der U 19 bei der TSG. Im Film, der von seiner jugendlichen Erzählkunst und dem Einarbeiten zahlreicher biografischer Fotos lebt, erzählt der Israeli Ilay über das durch die Shoah Verlorengegangene: „Als ich nach Hoffenheim kam merkte ich: Hier gibt es keine Juden.“ Für ihn, den israelischen Jugendlichen, eine schmerzhafte Erkenntnis: Für ihn war es in Israel eine Selbstverständlichkeit, unter Juden zu leben. Dabei ist jüdisches Leben in Hoffenheim seit 300 Jahren nachgewiesen: 1705 lebten dort zwei jüdische Familien, 1782 waren es schon 121. Es gab eine Synagoge und ein lebendiges Gemeindeleben.

Heinz (Menachem) und Manfred (Fred) Mayer gehörten anfangs als Juden dazu, jedoch nicht lange: Wegen des Antisemitismus müssen die Brüder ab 1937 die jüdische Schule im 25 Kilometer entfernt gelegenen Heidelberg besuchen. Jedoch bereits im August 1935, berichtet Ilay als Protagonist der Geschichte, schrieb der „Heidelberger Beobachter“: „Juden in Hoffenheim unerwünscht“.

Ilay erzählt auch von seinen Freunden und Lehrern der Sinsheimer Albert-Schweitzer-Schule, die ihm helfen, in dem ihm anfangs fremden Deutschland zurecht zu kommen. Und die ihm von der in Vergessenheit geratenen jüdischen Geschichte des Kraichgaus berichten. Dies ist für ihn vor allem sein Lehrer Michael Heitz, der zusammen mit Ed Serotta von Centropa die Idee zu diesem Film hatte und dessen Realisierung unermüdlich voran trieb. „Mein Lehrer erzählte mir auch, was aus den Juden in Hoffenheim geworden ist.“

Die Geschichte der Familie Mayer

Ilay erzählt, untermalt durch Fotos der Protagonisten, die Geschichte der Familie Mayer: Ihr Vater Karl, ein Viehhändler, war im Ersten Weltkrieg mit dem „Eisernen Kreuz“ für seine Erfolge für „das Vaterland“ ausgezeichnet worden. Geholfen hat es ihm nicht. Das Vertrauen auf die Deutschen erweist sich als eine tödliche Illusion. Karl wird zuerst nach Dachau verschleppt. Die Bilder der brennenden Synagoge, vom November 1938, brennen sich unauslöschlich in die Seelen von Heinz und Manfred ein.

Im Oktober 1940 wird die Familie Mayer mit dem Zug ins südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert. Die Eltern trennen sich nach drei Monaten, voller Ängste und Schmerzen, von ihren beiden Kindern Heinz und Manfred, um zumindest diese zu retten. Sie geben sie in ein Waisenhaus. Beide überleben, bald getrennt voneinander, mit sehr viel Glück in Frankreich sowie in der Schweiz.

Am 10. August 1942 schickt die Mutter aus dem Lager Rivesaltes den letzten Brief, der so endet: „Bleibt brav und gesund. Eure Euch liebende Mutter.“ Dann werden sie nach Auschwitz verschleppt, wo sich ihre Spur verliert.

Manfred und Heinz finden sich 1946 in der Schweiz wieder. Heinz wird sehr religiös, auch um den inneren Schmerz über den Verlust der Eltern zu ertragen. Manfred hingegen sagt: „Gott ist tot“, erzählt Ilay im Film. Manfred geht in die USA, amerikanisiert seinen Namen in Fred Raymes, arbeitet in der amerikanischen Raumfahrtindustrie. Das Grausame hofft er durch Vergessen und Verdrängen los zu werden. Als Heinz von der Gründung Israels hört, geht er 16-jährig in den gerade gegründeten jungen jüdischen Staat. Dort nimmt er den hebräischen Namen Menachem an, geht zur Armee, lebt in einem Kibbuz.

Er lernt die aus Köln stammende Chava van Cleef kennen. 1939 war ihr die Flucht nach England gelungen. Als überzeugte Zionisten leben sie in dem jungen jüdischen Staat. Menachem spezialisiert sich zunächst auf die Schafzucht, studiert später und arbeitet dann als promovierter Biologe im israelischen Erziehungsministerium.

1972 kommt es zum ersten Wiedertreffen der Brüder, die so unterschiedlich mit ihren schrecklichen Erfahrungen umgegangen sind. 1985 wird Menachem für einige Jahre Gesandter der Jewish Agency für jüdische Erziehung in Frankreich, entwickelt dort Schulbücher für jüdische Kinder. Voller Ambivalenzen besucht er irgendwann doch seine frühere Heimat.

In dem Kapitel „Es führt kein Weg zurück“ erzählt der junge israelische Fußballer den schmerzhaften Prozess der Wiederbegegnung der beiden Brüder mit Hoffenheim. 2002 verfassen sie auf englisch eine Doppelbiografi e, 2009 erscheint dann der Kinofilm „Menachem & Fred“ über ihren jüdischen deutschamerikanisch-israelischen Lebensweg. Nun stellen sie ihre Erinnerungen auch Schülern in Sinsheim vor. Auch die Jugendmannschaften der TSG Hoffenheim hören die Geschichte der ehemaligen Hoffenheimer Brüder und gestalten gemeinsam den Menachem & Fred Wanderweg. Bei dessen Einweihung 2012 sind beide dabei. „Ich habe das Gefühl, dass ich die Geschichte von Menachem und Fred weitertragen muss“, erzählt Ilay am Ende der beeindruckenden, sich insbesondere an Jugendliche richtenden Films. Dies sei zugleich die eigentliche Bedeutung des Begriffs „Zahor“. Am Ende sehen wir Ilay, wie er bei einem Besuch in Israel Dr. Menachem Mayer besucht.

Mehrere Auszeichnungen

Im September wurden das Centropa Filmprojekt Zahor – der Film wurde sowohl auf Deutsch, Englisch und Hebräisch erstellt – und die TSG Akademie vom Deutschen Fußballbund mit dem diesjährigen Julius-Hirsch-Preis des Deutschen Fußball-Bundes ausgezeichnet. Für sein Engagement in dem Filmprojekt wurde Ilay bereits im Januar 2020 mit dem Preis „Jugend zeigt Zivilcourage“ ausgezeichnet. Und Ilay Elmkies erzielte am 7. September 2020 beim Länderspiel der israelischen Nationalmannschaft gegen die Slowakei in der Nations League unmittelbar vor dem Schlusspfiff das Ausgleichstor zum 1:1 Endstand.

Bild oben: Ilay Elmkies spielt seit dem Jahr 2015 für die TSG Hoffenheim. Er durchlief zunächst alle Jugendmannschaften, ehe er im Januar 2020 mit einem Profivertrag ausgestattet wurde. Im Sommer wechselte er auf Leihbasis bis 30. Juni 2021 zum niederländischen Erstligisten ADO Den Haag. Außerdem läuft er seit Oktober 2019 für die israelische A-Nationalmannschaft auf, für die er in der UEFA Nations League gegen die Slowakei sein erstes Tor erzielte. Der 20 Jahre alte Mittelfeldspieler hat bei der TSG Hoffenheim noch einen Vertrag bis Sommer 2023. Foto: Uwe Grün / TSG Hoffenheim

Ein Kommentar zu “„Zahor – Erinnere Dich“

  1. Ilay Elmkies als Sprecher einzusetzen ist ein absolutes Highlight und er zeigt, dass er wesentlich mehr als nur Fußball kann. Auch Hopp wirkt so gut in der Szene, in der er freimütig über den Einsatz seines Vaters bei der Inbrandsetzung der Synagoge berichtet. Er ist bemüht und setzt sich nun genau an der richtigen Stelle ein; ein toller Mensch. Respekt Herr Hopp, das vermögen nur wenige. Bitternis kam in mir auf, als Elmkies aus dem Off berichtet, dass er in Hoffenheim der einzige Jude zusammen mit seinem Vater ist. Sollte sich tatsächlich jemand Geistesschwaches unter den gegnerischen Fans befinden und Elmkies beeidigen, dann soll es so sein wie damals bei mir in England
    https://www.facebook.com/AlexDellowk/posts/196045372214972 Lasst es uns ihnen einmal zeigen, dass wir es auch anders können.

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