Wer, zum Teufel, ist Hauptmann Berthold?

Eine kritische Anfrage an Nils Wegner, angetrieben von dem Verdacht, er leiste in einem AfD-nahen Handbuch dem Rechtsterrorismus vom Typ „Mord an Walter Lübcke“ Vorschub…

Rechtsextreme Argumentationsfiguren – so die These dieses Aufsatzes – liegen nicht immer offen zutage, sondern werden häufig verschlüsselt vorgetragen, bedürfen also einer aufwändigen Entschlüsselung. Im vorliegenden Fall dient als Exempel für diese These ein zwei Druckseiten umfassender Handbuchartikel von Nils Wegner, unter dem Titel 1920. Am 15. März wird Hauptmann Berthold in Harburg ermordet erschienen 2017 in Band 5 des Staatspolitischen Handbuchs. Dessen Erarbeitung und Drucklegung wurde durch das neu-rechte Institut für Staatspolitik (IfS) gefördert. Der Aufsatz stellt den Verfasser vor und ordnet diesen Handbuchartikel in die Theoriepolitik des unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehenden IfS ein. Schließlich wird die angegebene, vor allem aber die zum Verständnis dieses Handbuchartikels wichtige Forschungsliteratur gesichtet – mit bestürzendem Ergebnis: Was Wegner auf diesen zwei Druckseiten vorlegt, ist eine extrem klandestin gebaute Apologie einer NS-Ikone. Wegners Handbuchartikel ist also als Teil der von Björn Höcke (AfD) ausgerufenen „erinnerungspolitischen Wende um 180°“ zu deuten – und lässt für die Zukunft befürchten, dass nicht länger der Opfer (etwa Walter Lübcke) des Rechtsterrorismus in Deutschland gedacht wird, sondern der Täter.

Von Christian Niemeyer

Um gleich zu Anfang meinen Hut zu lüpfen ob aufmüpfiger, sorry: aufmerksamer Leser*innen: Ja, Sie haben recht, allererst ist natürlich zu fragen: Wer, zum Teufel, ist Nils Wegner? Okay, also:

Wer, zum Teufel, ist Nils Wegner?

Sie kennen vielleicht die neu-rechte Debatte in Deutschland ob einer angeblich dringend erforderlichen „erinnerungspolitischen Wende um 180°“, initialisiert von Björn Höcke von der AfD? Die allein dieser Äußerung ihres Thüringer Teilchefs wegen, so jedenfalls meine Meinung, als „Verdachtsfall“ des Verfassungsschutzes eingeordnet gehört – womit wir bei Nils Wegner sind und damit bei Bd. 5, Deutsche Orte (2017) des Staatspolitischen Handbuchs, herausgegeben von Erik Lehnert, wohl in seiner Eigenschaft als Chef des Instituts für Staatspolitik (IfS) in Schnellroda / Thüringen, das die Erarbeitung und den Druck dieses Handbuchs fördert und insgesamt wohl als die neu-rechte Kaderschmiede Deutschlands gelten darf. Wegner, Jg. 1987, ist Kultur- und Geschichtswissenschaftler und, als Lektor bei Antaios (bis 2018), Teil dieser Szene, ist in diesem Bd. 5 präsent etwa mit einem Eintrag zur Gründung des Steglitzer Wandervogels (Wegner 2017), den ich – gemeint ist der Beitrag – ad acta legen würde mit dem Vermerk: Bagatellisierung der Vorkriegsjugendbewegung. Gleichfalls eher zum Lachen: Wegners Beitrag zum Erstflug des ‚Düsenjägers‘ Me 262 am 18. Juli 1942 (Wegner 2017a), den ich allenfalls einem technikbegeisterten Dreizehnjährigen durchgehen lassen würde, dem man den Namen Hitler erst noch buchstabieren muss, ebenso wie das Wort Zwangsarbeit. Und der offenbar noch nichts davon gehört hat, dass man nicht abschreiben darf, zumal nichts von Wikipedia, und dies zumal nicht unter Zeitdruck, heißt: Lieber Herr Wegner, wenn schon, denn schon, also: Bitte beim nächsten Mal auch notieren, wer denn diese ‚Wunderwaffe‘, oft für den Preis des Lebens, zusammenschrauben musste: mehrheitlich KZ-Häftlinge nämlich, stammend aus auf Wikipedia säuberlich aufgelisteten KZ-Außenlagern.

Mehr Ballaststoff gegen Wegner wirft der im Folgenden im Zentrum stehende dritte Artikel dieses damals Dreißigjährigen aus diesem Handbuch ab, eben jener zu Hauptmann Berthold. Mein Befund: Wegner weiß nichts, kennt nichts, will offenbar nichts wissen und kennen – und riskiert gleichwohl ein großes Wort im Sinne von Höckes Auftrag. Tröstend vielleicht das Alter des so Redenden, mittels des Vergleichs mit einem Promi geredet: Nietzsche hat eigentlich alles, was er bis 1874, also bis zu seinem dreißigsten Geburtstag, schrieb, vier Jahre später zur Disposition gestellt, inklusive seines frühen Antisemitismus, den er Wagner abgelauscht hatte. Insofern besteht für das Jahr 2017 plus 4, also für 2021, noch, was Wegner angeht, Hoffnung. Welcher dieser Artikel Auftrieb geben will als Flügel (gemeint ist hier selbstredend nicht jener Höckes, sondern derjenige, den ein bekanntes Kaltgetränk verleihen soll, zumal den Spielern des RB Leipzig, gleichsam nach Art einer Wunderwaffe). Bis dato gilt, den Fall Wegner ins Allgemeine gewendet, die beruhigende Botschaft: Vor derlei völkischer Wissenschaft muss einem nicht bange sein. Aber eben leider gilt auch die beunruhigende Botschaft: Vor derlei völkischer Wissenschaft muss einem bange sein. Zumal Wegner nicht alleine dasteht. Ihm zur Seite, verschmitzt lächelnd: Gleichgesinnte Doktoranden, Doktorväter, Rezensenten sowie sonstige Claqueure (in diesem Fall ist die männliche Sprachform der Sache nach berechtigt).

Damit kann es losgehen, ziemlich flott, denn die unter der Hand eben angesprochene Me 262, eine der „Wunderwaffen“ des Führers, bahnt uns den Weg zum nächsten Flieger und damit zurück zu Hauptfrage:

Rudolf Berthold, (c) SDASM Archives

Wer, zum Teufel, ist Hauptmann Berthold?

Substantiell erfahren wir aus Wegners zweiseitigem (bezieht sich leider nicht auf die Zahl der Perspektiven, sondern auf jene der Druckseiten) Artikel eigentlich nur, dass es sich bei jenem Flieger um einen Doppeldecker gehandelt haben muss, um jenen des Hauptmanns Rudolf Berthold, der am 15. April 1920, „schwerst kriegsversehrt und hochdekoriert mit dem Pour le mérite für 44 bestätigte Luftsiege“, aus Bayern kommend in – so der Titel – Harburg ermordet [wird]. (Wegner 2017b, S. 155) Warum ermordet? Sowie: Warum ein Gedenkartikel zu diesem Jagdfliegerass des Ersten Weltkrieges in einem neu-rechten Handbuch? Man erfährt es nicht wirklich – und bedauert an dieser Stelle beinahe, dass es dem Abschreiberass Wegner offenbar des Mutes gebrach, einfach nur wiederzugeben, was der „Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches“ Hermann Göring, verantwortlich u.a. für die Arisierung und die Shoa und sich 1946 wenige Stunden vor seiner Hinrichtung als „Nazi number one“ mit Zyankali ins Jenseits befördernd (vgl. Knopp 2006, S. 232), 1934 zu Papier brachte in Sachen seines „Fliegerkameraden Berthold“, auf dessen Namen im Dritten Reich zahlreiche Straßen und Gedenksteine (in Wittenberg, Harburg, Schweinfurt, Würzburg und Nürnberg) plus Flugzeuge – nichts dazu bei Wegner – benannt worden waren. Göring über Berthold:

„Sein Kriegsruhm kündet für alle Zeiten deutschen Sieg über feindliche Übermacht und das hohe Lied äußerster Pflichterfüllung trotz Blut und Wunden. Sein Opfertod unter den Rotmordbanditen bleibt eine ewige Schande für ein System, das dem Verbrechen feigen Untermenschentums freie Bahn gab und erst vom Freiheitssturm der Volksbewegung Adolf Hitlers hinweggefegt wurde. Auch Rudolf Berthold starb, auf dass das neue nationale Deutschland erstehen konnte […]. Möge das Berthold-Buch in dieser Richtung eine Geisteswaffe jedes Deutschen werden.“ (Göring 1934, S. 5)

Starker Tobak eines der – um diesen Sprachwitz zu riskieren – Oberteufels des Dritten Reichs in Sachen eines der Unterteufel, also Berthold. Wohl zu starker Tobak für die Neue Rechte, deren Absicht zwar, wie einleitend betont, auf eine „erinnerungspolitischen Wende um 180°“ geht und also auch, sei es als Option, sei es als Gefahr, die Rehabilitierung von vormaligen Nazi-Heroen einschließen muss. Die Leidenschaft der Neuen Rechten, etwa jene ihres Sprechers Timo Chrupalla, geht aber ansonsten, des bösen Verfassungsschutzes wegen, auf Kreidefressen, wie des Letzteren Empörung von Anfang März 2021 über die Ausrufung der AfD als „Verdachtsfall“ des Bundesamtes für Verfassungsschutz geht – und die eben deswegen nicht gerne daran erinnert wird, dass es sich bei einzelnen Neu-Rechts-Heroen um solche zum Vergessen handelt. Und mit der Folge, dass Nils Wegner jetzt vermutlich, am Schreibtisch sitzend und dies lesend, laut ausrufen dürfte: Hermann Göring? Nie gehört, diesen Namen, nie gelesen, diesen Text, aus dem der Niemeyer gerade zitiert!

Einverstanden, man hilft doch gerne: Ich habe soeben aus dem Buch Rudolf Berthold. Sieger in 44 Luftschlachten. Erschlagen im Bruderkampfe für Deutschlands Freiheit zitiert, 1934 im Berliner Schlieffen-Verlag erschienen und der Feder des Referenten in Goebbels Propagandaministerium, Ludwig Frank Gengler, entstammend. Über den vergleichsweise wenig bekannt ist, abgesehen von der Übernahme der Schriftleitung des Handbuch der Judenfrage nach Theodor Fritsch‘ Tod (1933) sowie der Zuarbeit für Julius Streichers Stürmer.[1]

Und über den auf Seiten der Neuen Rechten offenbar gar nichts bekannt ist, Nils Wegners hier in Rede stehenden Artikel von 2017 zum Maßstab genommen. Kurz: Ein Fall wie geschaffen zwecks Erläuterung des Rechtsgrundsatzes, wonach Unkenntnis nicht vor Strafe schützt.

Bitteschön. Und eingerechnet dabei, dass jene Unkenntnis taktischer Natur sein dürfte nach dem Motto: Besser kein großes Aufhebens machen um Bertholds NS-Image, damit nicht etwa ein Böswilliger der These nachgeht, zwischen die Pärchen Wegner & Höcke sowie Gengler & Göring passe nicht ein einziges Blatt Papier! Ganz klar: Wäre dem so, stünde neu-rechte Erinnerungspolitik für eine Art Glücksspiel und diejenigen, die es betreiben, für Hasardeure, für die Lizenzentzug die einzig richtige Antwort wäre. Versuchen wir also einfach einmal, die von Wegner gespielte Partie, als Glücksspiel betrachtet, auf weitere Hasardeursaspekte hin zu prüfen, die angedeutete Strafe nicht außer Acht lassen und ausgehend etwa von der Frage:

Was passierte eigentlich zwischen 1920 (Ermordung Rudolf Bertholds) und 1934 (Röhm-Putsch)? Nichts? Auch nicht am 24. Juni 1922?

Der Titel soll es andeuten: In diesem hier in Rede stehenden trefflichen Handbuch mit der Überschrift Deutsche Daten passierte, die Artikelfolge zum Maßstab genommen, zwischen 1920 und 1934 nichts. Noch nicht einmal des 24. Juni 1922 wird gedacht, also des  rechtsterroristischen Attentats auf Walther Rathenau. Und dies, wo, von diesem Datum ab rückwärts gezählt und Zeitzeugen wie Harry Graf Kessler zufolge, „die Rechtsradikalen bisher fünfhundert Morde an Linksstehenden seit der Revolution“ (Kessler 1961: 344) vollführten. Einverstanden: Kein wirklich attraktives Thema für neu-rechte Propaganda heute! Aber eben durch das so motivierte Schweigen auch wiederum gefährlich für deren Glaubwürdigkeit, zumal der Fall Rathenau auf ein gesondertes Risiko neu-rechter Erinnerungspolitik hinweist. Denn die naheliegende Antwort, wer einer „erinnerungspolitischen Wende um 180°“ das Wort rede, könne nicht eines Juden wie Rathenau als Opfer der Alten Rechten gedenken, trägt nicht wirklich, deutlicher: Rathenau ist ein Fall für sich – und hätte ein Fall für Wegner sein müssen, jedenfalls wenn Redlichkeit und Wissenschaftlichkeit sein Anliegen gewesen wäre.

So die These, nun einige sie stärkende Aspekte. Der erste: Einer der Rathenau-Attentäter war nur zwei Jahre zuvor als Kampfgefährte Rudolf Bertholds Augenzeuge – wie er später behauptete – von dessen Tod, und er gilt, gleich diesem, aktuell als Neu-Rechts-Ikone: Ernst von Salomon. Hat also Wegner vom Rathenau-Attentat geschwiegen resp. sein Herausgeber Erik Lehnert keinen Artikel zu diesem Datum in Auftrag gegeben, weil Salomon dann in schiefes Licht hätte geraten können, zusammen mit Berthold? Vermutlich schon, wobei es vielleicht hilfreich ist, allererst einige Guidelines eines derartigen Artikels zu fixieren, gleichsam in Vorbereitung auf die gleich nachfolgend erprobte Rolle des gänzlich humorfreien Spielverderbers neu-rechter Erinnerungshasardeure.

Walther Rathenau, (c) Library of Congress

Zunächst und allererst: Kein Ereignis hat  die Weimarer Republik und halb Europa derart aufgerüttelt wie das unfassbar brutale Attentat auf diesen eleganten jüdischen Industriellen (AEG) und Außenminister mit profunder Bildung und einigem Charisma am Ende systematischer Hetze. Man lese nur, um einen authentischen Eindruck zu bekommen vom Schock ob dieses Attentats im Bürgertum, den Tagebucheintrag „Berlin, 24. Juni 1922, Sonnabend“ von Harry Graf Kessler, aber auch jenen vom nächsten Tag, der da lautet:

„Vormittags Massendemonstration im Lustgarten. Über zweihunderttausend Menschen […]. Die Erbitterung gegen die Mörder Rathenaus ist tief und echt, ebenso der feste Wille zur Republik, der viel tiefer sitzt als der ‚vorkriegsmonarchische‘ Patriotismus.“ (Kessler 1961, S. 337)

Vier Wochen später dann die Ernüchterung. Kessler, noch unter dem Schock eines Krankenhausbesuchs bei jenem eben erwähnten Maximilian Harden[2] stehend, der am 3. Juli von zwei Rechtsradikalen halb totgeschlagen worden war:

„Nachmittags bei Frau Förster-Nietzsche. Sehr unerquickliches politisches Gespräch, das sie herbeiführte, indem sie sagte, sie fürchte für mein Leben von seiten der Bolschewiki, ‚die ja auch Rathenau hätten ermorden lassen.‘ Dieser absurde Unsinn […] ist für sie eine nicht anzuzweifelnde Tatsache, denn ‚der Meuchelmord sei keine deutsche Sache‘. / Also wird diese abgeschmackte Lüge jetzt bei alten deutsch-nationalen Damen propagandistisch verbreitet, um die Mordschuld abzuwälzen! Ich sagte ihr meine Meinung, was zu einer ziemlich erregten Auseinandersetzung führte, ohne sie im geringsten in ihrem Glauben an die Reinheit der deutschnationalen Seele und die kommunistische Urheberschaft des Rathenaumordes zu erschüttern. […]. Die gute alte Dame spricht von den Rechtsradikalen nur als ‚Wir‘! Zum Schluß bat sie mich aber doch, Harden (den ich vorigen Mittwoch in der Klinik besucht habe) zu grüßen[3]; es kam allerdings ziemlich kühl und gezwungen heraus.“ (ebd., S. 344 f.)

Die Sache so zu sehen, entsprach ganz dem Ungeist der damals dominant rechten Zeit, zum Ausdruck gelangend auch bei den Deutschen Burschenschaften, die ihr Schweigen zum Mord an Rathenau in den Burschenschaftlichen Blättern, August/September 1922, mit dem Argument begründeten:

„Ein Völkischer erkennt von vornherein gefühls- und gewissensmäßig in einem Juden eben den Angehörigen des jüdischen Volkes, nicht aber des deutschen Volkes.“ (zit. n. Bleuel / Linnert 1967, S. 164)

Man muss vermuten, dass sowohl Lehnert als auch Wegner diesen Satz Wort für Wort unterschreiben würden – und kann insoweit beinahe froh sein, dass Lehnert als Herausgeber des Bandes Deutsche Daten davor zurückschreckte, dieses Datums nicht unter seinem „deutschen“ Aspekt gedenken zu lassen, also etwa mit Artikeln zu Salomons Kumpeln  Hermann Fischer und Erwin Kern, die am 18. Juni 1922 auf der Flucht entdeckt wurden, wobei Kern von der Polizei erschossen wurde, wohingegen Fischer Selbstmord beging. Vier Jahre später, am 9. November 1926, wurden beide durch Goebbels als „vaterländisch gesinnte Vorbilder“ (Longerich 2010, S. 89) rehabilitiert. Und nach 1933 suchte sie ‚Reichsarbeitsführer‘ Konstantin Hierl zu Ehren, indem er je eine Abteilung des Reichsarbeitsdienstes (RAD) auf die Namen dieser ruchlosen Mörder taufte. (vgl. Klee 2003, S. 254 f.) Und 2032 oder 2042? Wird man dann, korsettierend zu Wegners Gedenkartikel über Rudolf Berthold, Artikel über Kern und Fischer finden in der Neuauflage von Deutsche Daten? Des Inhalts, dass sie keineswegs ‚gemeine‘ Verbrecher gewesen seien? Einen Vorschein auf diese Entwicklung gibt jedenfalls ein am 11.11.2020 auf „Kanal Schnellroda“ als Video eingestelltes Gespräch zwischen Erik Lehnert und Götz Kubitschek über Ernst von Salomon, mit dem Höhepunkt gänzlich unangebrachter Witzeleien über die vormalige Kern / Fischer-Grabstätte. Nicht ganz so schockierend, aber immerhin inspirierend, ist eine andere Frage, die Sie, liebe Leserin, lieber Leser, doch hoffentlich auch die ganze Zeit auf der Zunge nämlicht:

Welches, liebe Elisabeth, war eigentlich beim Nachdenken über das Rathenau-Attentat von 1922 Deine Red Pill? Etwa eine analog jener Caroline Sommerfeld-Lethens im Sommer 2015?

Einverstanden: Diese Überschrift kam jetzt vielleicht etwas überraschend. Bestimmen wir also erst einmal das Thema des Folgenden: Es geht um den Versuch der Übersetzung des eben referierten unheimlichen Talks zwischen Harry Graf Kessler und Elisabeth Förster-Nietzsche vom 20. Juli 1922 in die Gegenwart. Vergleichsszenario: Der Ende 2020 öffentlich ausgetragene Wiener Ehekonflikt zwischen einer vor Jahren noch als aufstrebend beschriebenen, 2015 allerdings nach Neu-Rechts abgedrifteten Philosophin (Caroline Sommerfeld-Lethen) mit ihrem Gatten, dem bekannten Germanisten Helmut Lethen, einem 38 Jahre älteren Alt-68er, der in einem der von Sommerfeld (mit-) verfassten Texte als „feinsinniger Professor“ beschrieben wird, „mit dem man sich glänzend über Ernst Jünger und Gottfried Benn unterhalten kann.“ (Lichtmesz / Sommerfeld 2017, S. 286) Mit Blick auf die für Lethen, aber auch für Sommerfeld weit weniger schmeichelhaften Partien dieses Buches[4] mit dem aufschlussreichen Titel Mit Linken leben liegt es nahe, diesen Ehestreit, über den Lethen in seiner Ende 2020 erschienen Autobiographie selbst unterrichtete[5], nicht nur zu nutzen für ein Nachdenken darüber, ob Rechtssein, mindestens auch, betrachtet werden darf im Blick die dabei in Anschlag gebrachte Beziehungsbotschaft. (vgl. Niemeyer 2021) Sondern es bietet sich an, ihn als Bericht über das Redpilling der Gattin zu lesen. Die hierzu passende Mustererzählung stammt aus dem  S/F-Film The Matrix (1999). Dessen Held Neo, gespielt von Keanu Reeves, erkennt nach Schlucken der Red Pill, „dass er in einer von mit künstlicher Intelligenz erschaffenen Computersimulation lebt, die darauf ausgelegt ist, die Menschheit zu versklaven und ihre Körper zur Energiegewinnung zu nutzen“ – eine Verschwörungstheorie also, die, wie Julia Ebner so schön schreibt, „für die Neue Rechte zu einer Quelle der Hoffnung und Selbstkasteiung geworden ist.“ (Ebner 2019, 29 f.) Dies vor allem, weil sie die in ihre Richtung Konvertierenden überzeugen soll, ihr Leben fortan „im Widerstand“ zu führen, gegen jene, die, noch der Blue Pill unterworfen sind und folgerichtig nicht wissen, wie sie der „Scheinwelt des Establishment“ (Stegemann / Musyal 2020, S. 49) entkommen können. Nicht wichtig, aber lustig ist die Komplementärhandlung, die man sich zu diesem Film, ausgehend vom jenem Buch Mit Linken leben, als dessen Co-Autor Sommerfelds Wiener Neu-Rechts-Schmusi Martin Lichtmesz (vormals Filmemacher-Azubi in Berlin!) fungiert, einfallen lassen könnte.[6]

Jenseits derartiger Fantasien könnte man, über das Szenario in The Matrix hinausgehend, zu Gunsten Sommerfelds annehmen, sie trüge seit jener Flüchtlingskrise 2015 ein kafkaeskes Geburtstrauma im Gepäck nach Art des folgenden, vom neu-rechts orientierten Filmregisseur und Autor Oskar Roehler in seinem Roman Selbstverfickung (2017) beschriebenen und vom neu-rechten Psychiater Hans-Joachim Maaz wohl nicht ganz grundlos referierten:

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, stellte er fest, dass er nicht mehr linksliberal war. Und das war in dieser Gesellschaft schlimmer, als sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt zu haben.“ (zit. n. Maaz 2020, S. 7)

Um ehrlich zu sein: Mein Mitleid hält sich ob solcher Leidensbekundungen in Grenzen. Schließlich wird niemand gezwungen, seine Red Pill zu schlucken. Deren Wirkung ja offenbar mehrheitlich diejenige ist, den Anderen, zumal jenen als ‚Flüchtling‘ rubrizierten Anderen, als Teil einer Gruppe von Invasoren – „keine Abwertung, sondern eine Feststellung“, so der neu-rechte Ideologe Thorsten Hinz (2016: 21) per Junge Freiheit –  und insofern als Teil eines ‚ungeheuren Ungeziefers‘ zu sehen.

Nun aber endlich die Pointe im Rückblick auf die Ausgangsfrage: Zurückübersetzt in Kesslers eben wiedergegebenes Streitgespräch mit Nietzsches Schwester vom 20. Juli 1922, zwei Tage, nachdem die Rathenau-Mörder Kern und Fischer in Burg Saaleck bei Kösen gestellt wurden, könnte man dieses Gespräch analog stellen jenen, über die Sommerfeld in dem Buch Mit Linken leben unter der Headline Gespräche mit H. berichtet, deutlicher: Mein Vorschlag wäre, die Rolle Elisabeth Förster-Nietzsches in jenem Gespräch mit unserer Wiener Gattin zu besetzen und jene Graf Kesslers mit Helmut Lethen. Um dann das Gespräch so zu deuten, als gäbe Sommerfeld alias Förster-Nietzsche von ihren Redpilling Kunde, also von dem Ereignis, das sie zur Rechten werden ließ, mit dem, was Nietzsche Schwester angeht, als „undeutsche“, sprich „bolschewistische“, sprich: „jüdische“ Tat gelesenen Rathenau-Mord als Initial, das, wie anhand von Kesslers Protokoll erkennbar, von Förster-Nietzsche qua Fake News resp. Verschwörungstheorien den Linken zugeschrieben wird nach der Methode Erich Ludendorff[7] – fertig, so will es dann scheinen, ist die neue Neue Rechte, mit einem Gatten an Ihrer Seite, dem Scham à la Graf Kessler gut anstünde.

„D‘ accord!“ – ich zitiere hier, wie Sie sich denken können, erneut aus der aufmerksamen Leserschaft heraus – „eine Frage allerdings bleibt.“ „Welche?“ Nach einigem Zögern kommt, als fürchte die Fragerin (ich bin mir jetzt sicher, dass die weibliche Form die Sache trifft), mir einen Gefallen zu tun:

„Und was hat das Ganze mit Nietzsche zu tun?“

Nun, nichts leichter als das: Die ‚alte Dame‘, Nietzsches Schwester, vollzieht, von jenem Juli-1922er Gespräch mit Kessler ausgehend und ihren Nietzsche im Schlepptau, jeweils vor Kesslers Augen den Übergang zur Alten Rechten, wie dieser selbst vier Jahre später (1926) bei einem weiteren Besuch in Weimar konstatieren muss:

„Sie platzte mir ins Gesicht, ob ich wüßte von ihrer neuen großen Freundschaft, Mussolini? Ich sagte, allerdings, ich hätte davon gehört und es bedauert; denn Mussolini kompromittiere ihren Bruder. Er sei eine Gefahr für Europa, für das Europa, das gerade ihr Bruder ersehnt habe, das Europa der guten Europäer. Die arme alte Dame war ziemlich ‚agitated‘, lenkte aber dann ab, und das weitere Gespräch verlief friedlich.“ (Kessler 1961, S. 478)

Nochmals vier Jahre später dann der Schock:

„Im [Nietzsche-] Archiv ist alles vom Diener bis zum Major[8] hinauf Nazi. Nur sie [Nietzsches Schwester] selbst ist noch, wie sie selbst sagt, deutschnational.“ (ebd., S. 722)

Es liegt nahe zu ergänzen: Deutschnational nicht trotz, sondern wegen des Rathenau-Attentats zehn Jahre zuvor, das Nietzsches Schwester nach wie vor den Linken resp. Juden in die Schuhe schiebt. So wie – um unser Wiener Ehepaar nicht zu vergessen – Caroline Sommerfeld den Mord an Walther Lübcke ihrem Gatten gegenüber mutmaßlich als nicht der neu-rechten Ideologie korrespondierend auslegen würde.

Was mich fast zwingend zu der empört vorgetragenen Pointe führt: Und da wagt es die Neue Rechte von heute, den Rathenau-Mord ignorierend und sich mit einem der Täter, Ernst von Salomon, gemein machend, mit Nietzsches „monumentalischer“ Geschichtsschreibung vom Typ Der Wille zur Macht, also mit Förster-Nietzsches Nietzsche, eine erinnerungspolitische Wende pro Salomons Mitkämpfer Rudolf Berthold zu betreiben! Unfassbar – aber wahr, wie im Vorhergehenden angedeutet und im Folgenden weiter erläutert, unter der Headline:

Was eigentlich war genau der Anteil der Neu-Rechts-Ikone Ernst von Salomon, Kumpel der Neu-Rechts-Ikone Rudolf Berthold, an der Ermordung Walther Rathenaus? Und wie zuverlässig ist das von ihm über Bertholds Tod Berichtete?

Zentrale Auskunftsquelle in Sachen beider Fragen ist Ernst von Salomons Buch Die Geächteten (1930). Ihm zufolge hatte Salomon, damals blutjung und ein echter Beau, einen Tag vor dem Mord das Haus Rathenaus im Grunewald ausbaldowert und wurde Wochen nach dem Attentat schließlich in Frankfurt/M. gefasst und wg. Beihilfe zum Mord zu 5 Jahren Gefängnis und 5 Jahren Ehrverlust verurteilt, Letzteres zu seiner Empörung, weil das Gericht die Tat nicht als politische Straftat wertete, sondern „als ‚gemeines Verbrechen‘, das allein dem ‚Juden Rathenau‘ gegolten habe.“ (Klein 2002, S. 118) Weit weniger larmoyant und wohl eben deswegen vom eben zitierten Ernst-von-Salomon-Hagiographen Klein, aber auch von Gregor Fröhlich dem Vergessen überantwortet: Die Salomon-Rezension dessen, der Kessler 1922 telefonisch vom Rathenau-Attentat in Kenntnis gesetzt hatte: Carl von Ossietzky. Der, kurz geredet, entsetzt war, ähnlich übrigens wie der von den Neu-Rechten gleichfalls abgefeierte, aber offenbar nur unzureichend gelesene Erfolgsschriftsteller Hans Fallada.[9] Ossietzky:

„Er [Salomon] ist als dummer Junge in ein tragisches Komplott hineingestolpert. Jetzt, Jahre später, belästigt er uns mit hysterischen Bekenntnissen, mit waschlappigen Paraphrasen einer herzlich eindeutigen Tat, anstatt den einzigen männlichen Weg zur Sühne zu suchen: zu schweigen, um an sich zu arbeiten, um der Welt, der er einen bedeutenden Mann geraubt hat, wenigstens einen brauchbaren und tüchtigen wiederzugeben.“ (Ossietzky 1930, S. 410)

Wie die Sache weiterging, weiß man, wenn auch nicht – wenig überraschend, by the way – von Wegner, so jedenfalls doch von „kritischer Historie“ à la Nietzsche: Der – in Ossietzkys Worten geredet – nächste „bedeutende Mann“, den, wenn schon nicht Salomon, so jedenfalls doch die Nazis der Welt raubten, war Ossietzky selbst, der 1937 nach Jahren der Folter eines grausamen Todes im KZ starb. Während der von ihm Kritisierte sich im Dritten Reich, schlussendlich jedenfalls, als so brauchbar und tüchtig erwies, dass ein von Goebbels ersehnter Film erschien. Thema: Die ebenso sadistische wie rassistische NS-Kolonialismus-Ikone Carl Peters, gespielt von Hans Albers nach dem regimekonformen Drehbuch von Ernst von Salomon. Der Erfolg dieses Streifens trug Salomon glatt die Bekanntschaft Eva Brauns ein und verschaffte ihm 1944 die Aufnahme in eine Goebbels-Liste mit den 77 wichtigsten Autoren für politisch zentrale Drehbücher. (vgl. Fröhlich 2017, S. 320)[10]

Kaum überraschend, so betrachtet, dass der so Gefeierte, seines Zeichens aktuell anerkannter „Vordenker“ der Neuen Rechten und Verfasser von zwei von deren „Schlüsselwerken“, nämlich Der Fragebogen (1951) sowie Nahe Geschichte (1936), auch in Fragen des Todes von Rudolf Berthold in Die Geächteten sich als mitspracheberechtigt auszuweisen sucht. Wegner ist zwar klug genug, Salomons Name nicht expressis verbis zu erwähnen bei seiner Erklärung zu Bertholds Tod:

„Augenzeugenberichte über die genauen Umstände seines Todes variieren von Erschießung über eine durchschnittene Kehle bis hin zur Strangulation mit dem Ordensband seines Pour le mérite, während der offizielle Totenschein Schußverletzungen als unmittelbare Todesursache angibt.“ (Wegner 2017b, S. 156)

Quellentexte werden nicht genannt, aber „Augenzeugenberichte“ gab es nicht gar so viele, und solche mit dem Hinweis „durchschnittene Kehle“ nur einen: Salomons, enthalten in Die Geächteten, ein Buch, das Wegner noch nicht einmal in seiner Literaturverzeichnis listet. Hier lesen wir:

„Da liegt der Hauptmann. Da liegt Berthold. Im Rinnstein. In der Gosse. Was haben sie mit dem Hauptmann gemacht – er ist ja nicht ganz, wo ist denn der Kopf? Ein blutiger, zertretener […], die Kehle durchschnitten, der Arm vom Rumpfe getrennt, der Körper voller roter Striemen, und Narbe an Narbe an diesem Körper.“ (Salomon 1930, S. 157)

Salomons allerneuester Biograph mit dem lustigen Namen Gregor Fröhlich (2017, S. 187) ist wie in Bann gezogen von derlei Sprachwucht und ohne weiteres bereit zu folgern, Berthold sei „erschlagen“ worden – aber weiß er auch, was er tut? Hat er Carl von Ossietzkys Kritik von 1930 gelesen? Weiß er wenigstens, wie der Krimi- und Drehbuchautor Uwe Ruprecht (1978, S. 185), um die immerhin 16 Bände Gerichtsakten zu diesem Fall, auch als „Harburger Blutmontag“ im Gedächtnis, in leicht erkennbarer Anspielung auf den „Bromberger Blutsonntag“, mit welchem die Nazis 1939 den Polenfeldzug unter Beihilfe eines skrupellosen Ex-Wandervogels namens Edwin Erich Dwinger als Notwehrmaßnahme zu rechtfertigen suchten (vgl. Niemeyer 2013, S. 156 ff.)? Oder weiß Fröhlich wenigstens doch um die vorerwähnte Berthold-Biographie (Gengler 1934)? Nein? All dies nicht, korrespondierend zum diesbezüglichen Schweigen Nils Wegners. Wie also nennt man derlei?

Nun, unser obiger Vorschlag lautete auf: völkische Wissenschaft – eine Sache, vor der einem, wie bei dieser Gelegenheit gleichfalls gesagt, bange werden muss, weil nur noch Glaube verlangt und der Diskurs über Genese und Geltung verunmöglicht wird.

Versuchen wir es trotzdem, und zwar ausgehend von Fröhlichs Dissertation, die vom Neurechts-Ideologen Benedikt Kaiser auf Sezession (vom 3. Februar 2018) zu einem „großen Wurf“ sowie von seinem Gesinnungsgenossen Till Kinzel auf IFB zu einem „Standardwerk“ erklärt wurde.[11] Und zwar trotz kompletter Unkenntnis des so Gelobten in Sachen der vorgenannten Aspekte oder auch nur des sehr aufschlussreichen Salomon-Urteils des NS-Literaturgeschichtsschreiber Josef Nadler – auch er also, wie Ossietzky, ein Noname für Fröhlich. „Dieser Knabe“, so leitete Nadler seine Darlegungen zu Salomon gemütlich ein, als gelte es, allererst die Verdienste des zu Rezensierenden in Betracht zu ziehen, „war bei denen, die Rathenau getötet haben“, und er gäbe in Die Geächteten „das Tagebuch einer ganzen Altersgruppe“, der legendären 1902er Generation, zu jung, um noch eingezogen zu werden zum ‚Großen Krieg‘, aber nicht zu jung, um einfach weiterzukämpfen, als Freischärler, für „ein neues Deutschland“. „Was heißt hier Dichtung und Wahrheit!“, fragt Nadler mitten hinein, ist sich auch sicher: „Es ist nichts gedichtet!“ – um schließlich aber einzuräumen:

„Die Bücher Salomons sind also freilich ‚Urkunden‘ über ‚geschichtliche‘ Vorgänge. Aber es ist die Geschichte eines grausam erzwungenen Lebenswillens, der noch lange nicht Heilung, aber Hilfe für den Arzt bedeutete.“ (Nadler 1941, S. 259 f.)

Heißt: Bloß nicht allzu ernst nehmen, auch auf das Selbsttherapeutische hin bedenken – und als, wenn auch nicht klassisches, Lehrstück „monumentalischer“ Geschichtsschreibung gelten lassen, die nicht primär auf Wahrheit, sondern auf Wirkung geht, also auf Gläubige setzt, die nichts Dringlicheres antreibt als Nachahmung der Taten der zur Verehrung Bereitgestellten unter dem von den Nazis via Nietzsche gepflegten Ideal der Heroischen.

Ein Zeugnis dafür, dass dies im Fall Berthold in der NS-Zeit prima funktionierte, gibt das folgende Zitat des Schauspielers Mathias Wieman (1902-1969). Für mich legendär wg. der sonoren Stimme, mit welcher er für Asbach Uralt Reklame machte („Wenn einem wirklich Gutes widerfährt….“) und also dafür – so dachte ich als Halbwüchsiger –, dass es sich lohne, erwachsen zu werden:

„Es waren Namen wie Boelcke, Richthofen und Hauptmann Berthold und die namenlosen Regimenter von Langemarck. Die Haltung dieser toten Soldaten begleitet uns als Vorbild von Jugend an immer noch, immer noch, auch durch das Tagewerk unserer unheldischen Arbeit.“ (zit. n. Wulf 1964, S. 370)

Wer heutzutage, wie das trio infernale Lehnert, Wegner & Kubitschek in kollektiver Anstrengung an einer „monumentalischen“ Historie pro Salomon / Berthold arbeitet, muss also wissen, was er tut. Und sollte beachten, wie lächerlich sein Streben wirkt angesichts der Fakten, insbesondere jene des – vorerwähnten, von keinem der vorgenannten Sekundärliteraten beachteten – Berthold-Biographen Ludwig Frank Gengler, der derart unbekannt ist, dass das Ganze schon fast Züge einer Groteske gewinnt. Das Neu-Rechts-Idol Armin Mohler beispielsweise, von 1972 bis kurz vor seinem Tod (2003) unermüdlich beim Versuch der Zusammenstellung der Dokumente einer (angeblich zu Hitler im Widerspruch stehenden) Konservativen Revolution, listete einen Ludwig Franz Gengler mit dem Vermerk „Katholische Aktion“ unter Die Ludendorffianer (Mohler 1994, S. 395) sowie, immerhin dies doch, Genglers Diss. von 1932. (ebd., S. 275) Der neu-rechte Cheftheoretiker Karlheinz Weißmann hingegen, Mohlers Nachfolger, übernahm zwar beide Angaben, verbesserte den Nachnamen Gengler aber unverständlicherweise in Gengier (Mohler / Weißmann 2005, S. 326, 449), gab damit also zu verstehen, dass er, noch über Mohler hinausgehend, nicht wirklich wusste noch wissen wollte, um wen es sich bei diesem Ernst-Salomon-Widersacher handelt.

Pech gehabt, mit Verlaub gesprochen. Denn vordergründig kommt Genglers Schilderung vom Tod Bertholds zwar jener Salomons recht nahe. So meinte Gengler, als sei er dabei gewesen:

„Dutzende von Gewehrkolben splitterten auf dem Haupte des Unglücklichen, Schüsse krachten, aus nächster Nähe abgefeuert, Dolche und Messer wurden in den erkalteten Leib des Helden gewühlt. Seine Uniform riß man ihm vom Leibe, seine Orden, sein kleines Armband, seine durchbohrte Brieftasche wurden sofort gestohlen. Vertierte Weiber rissen ihm den gelähmten rechten Arm aus dem Gelenk…“ (Gengler 1934, S. 161)

Sicherlich: Gemessen an Salomons vier Jahre älterer Darlegung fehlt hier doch einiges, besser vielleicht: fehlt hier nichts, vor allem nicht der Kopf – schlecht abgesprochen, möchte man meinen, zumal im Blick auf die Akten.[12] Kaum weniger verdächtig: Dass Salomon, den Gregor Fröhlich den Status eines Mit-Kombatanden problemlos zuweist, bei Gengler nur in der Literaturliste existiert, nicht aber im vierseitigen Personenregister.

Warum, wird rasch klar: Die Nazis waren damals, auf dem Höhepunkt der Aufregung über den Röhm-Putsch, in den auch der SA-Sympathisant Salomon qua Opferhilfe involviert war (vgl. Klein 2002, S. 207 ff.; Hermand 2019, S. 122), ausgesprochen schlecht auf Salomon zu sprechen. Zumal dieser zu eben jener Zeit infolge eines lautstark geführten regimekritischen Gesprächs mit Hans Fallada zusammen mit diesem denunziert wurde, unter Umständen, die Fallada sehr anschaulich in seinen Gefängnistagebuch 1944 schildert. (vgl. Fallada 2019, S. 30 ff.) Für Fallada hatte diese Denunziation, wohl auch aus Besitzgier motiviert, erhebliche Folgen (vgl. Manthey 1963, S. 99 ff.; Liersch 1981, S. 252 ff.), auch für Salomon. Zehn Jahre später freilich, nach dem Erfolg von Salomons Carl-Peters-Film, sah dies, wie angedeutet, schon wieder ganz anders aus. Damals allerdings, 1934, gönnte ihm Gengler noch nicht einmal die Nebenrolle, also gleichsam das Schwarze unter Bertholds Fingernagel. Und dass Gengler in Fragen wie diesen wusste, woher der Partei-Wind wehte, mithin keine großen Umstände machte und also jene gänzlich von Salomon absehende „monumentalische“ Historie ad Berthold liefern würde, die Göring & Goebbels zu hören wünschten, bringt sein auf Kompromisslosigkeit hindeutender Jahrgang – 1902, wie Salomon – zur Anzeige. Ist damit aber auch über den Fanatismus der Firma Lehnert, Wegner & Kubitschek schon alles gesagt? Ich meine: Nein! – und frage also:

Theodor Lessing, ca. 1930, Fotografie von Will Burgdorf, Private Sammlung, ausgestellt im Theatermuseum Hannover

Was, werter Nils Wegner, ist eigentlich mit Theodor Lessing?

Rathenau ist das eine, das andere die Nacht vom 30. zum 31. August 1933 – von welcher in Bd. 5, Deutsche Daten, komplett geschwiegen wird. Von jener Nacht also, als die offenbar von der SA gedungenen und von ihr hinterher mit neuer Identität ausgestatteten Täter Max Rudolf Eckert (ein Wilddieb, wie es heißt) sowie Rudolf Zischka (1978 unbehelligt in der DDR verstorben) den jüdischen Philosophen Theodor Lessing durch das offenstehende Fenster seines Arbeitszimmers im Marienbader Exil erschossen. (vgl. Schoeps 1986, S. 200) Welche Headline verdient dieser geradezu pervers brutale Mord am einem, der sich in Sicherheit, im Exil, wähnte?

Nun, vielleicht variieren wir einfach den Schlüsselsatz aus Lessings sechs Jahre zuvor erschienenem Vorwort zu einer Neuauflage seines in einiger Nähe zu Nietzsches Historienschrift anzusiedelnden Hauptwerks (Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen [1919]): „Gedankengänge […], welche […] Geschichte als windschaffenden Wahn zu enthüllen schienen“ (zit. n. Schoeps 1986, S. 207), waren empörend für an „monumentalischer“ Geschichtsschreibung interessierte Nazis (die an sich auch Nietzsche, hätten sie ihn nicht falsch verstehen wollen und, wäre er in Lessings Alter sowie gleichfalls Jude gewesen, hätten erschießen müssen). Und, so darf man nun vielleicht noch ergänzen: Sie, Philosophen wie Lessing, sind wie Sand im Getriebe AfD-naher Geschichtsschreibung, die deswegen auch ganz gut auf die Rückerinnerung an den 30./31. August 1933 als „deutschem Datum“ verzichten kann.

Fazit

Damit kommen wir zur Pointe: Rudolf Berthold hat, allen heutzutage verfügbaren Dokumenten zufolge, als fanatischer Bellizist und Nationalist zu gelten, dem es gar nicht rasch genug aus dem Lazarett zurück in die Pilotenkanzel ging. O-Ton Göring, wie gesehen: „äußerste Pflichterfüllung trotz Blut und Wunden“. Am Ende des Krieges war der solcherart Gefeierte mit seinem von gegnerischen Maschinengewehrfeuer zerfetzten rechten Arm, der gelähmt blieb, „körperlich gänzlich verbraucht, daher oft unter Morphium stehend“, wie ihn ein Untergebener beschrieb, dazu aber „ein glühender Patriot und Idealist“ (zit. n. Ruprecht 2009, S. 188), kurz: ein Typ, der, ins Filmformat übersetzt, sich in einem Blockbuster Quentin Tarantinos prächtig machen würde und an die von Martin Lichtmesz gefeierte resp. ins Deutsche übersetzte neu-russische Kampfmaschine namens „Raskolnikow“ erinnert. Selbstredend erinnern – aber da bin ich mir, was Lichtmesz angeht, nicht so sicher – zum Zwecke der Warnung der Jugend heute, die wissen muss, wie es zum Einmarsch in den Dombass („Raskonikows“ Spezialität) kommen konnte oder zum Kapp- resp. Hitler-Putsch. Wo viele Typen à la Berthold mitmischten inklusive zahlreicher Alt-Rechter aus Jugendbewegung oder – um Bertholds sozialisatorisches Spezifikum zu erwähnen (vgl. Gengler 1934, S. 23) – Jungdeutschlandbund.

Nils Wegners Artikel 1920. Am 15. März wird Hauptmann Berthold in Harburg ermordet steht insoweit, zumal angesichts des gleichzeitigen Schweigens über den Rathenau-Mord, für ein Zeichen, das, recht gelesen, mit der Vokabel „NS-Geschichtsschreibung reloaded“ belegt werden darf und für geradezu jugendgefährdende Geschichtsklitterung schlimmster Sorte steht. Wegners Absicht geht, wie im Vorhergehenden ausführlich gezeigt, dahin, die schon von der durch den NS-Literaturgeschichtsschreiber Josef Nadler monumentalisierte Alt-Rechts-Ikone Ernst von Salomon, in Die Geächteten (1930) mittels allerlei Lügen skizziert, in Richtung einer Rathenau-Gegen-Ikone zu entwickeln. Die Wiederbelebung dieser von Carl von Ossietzky verachteten Erzählweise im Jahre 2017 durch Nils Wegner bei gleichzeitiger, vom Neu-Rechts-Ideologen Erik Lehnert als Herausgeber zu verantwortenden Beiseitesetzung aller weiteren potentieller Gegen-Ikonen neben Rathenau – wie, zuletzt erwähnt, Theodor Lessing – steht für eine kaum zu steigernde Provokation in geschichtsrevisionistischer Absicht. Sie kann, auf ihre Wirkung hin bedacht, im wohlmeinenden Leserkreis des fünfbändigen Staatspolitischen Handbuchs ein fatales Übereinkommen mit Nazi-Tätern bewirken, besonders gefährlich wegen des gleichzeitig vorangetriebenen gänzlichen Unwissens über deren dunkle Seite und die helle Seite ihrer Opfer, zumeist Juden. Kurz: Geschichtsschreibung wie diese begünstigt, ob willentlich oder nicht, Rechtsterrorismus nach Art des Stephan E., Mörder von Walter Lübcke.

Angesichts dessen gilt es, den Kampf gegen rechts mit neuer Kraft anzugehen – selbstredend, wie hier, mit der Kraft des besseren Arguments, zumal Bücherverbrennungen oder –verbote der Klugheit entbehren. Man müsste sich dann nämlich das Wissen über die Beweggründe der Gegenseite („Verdachtsfall“ AfD) mit geheimdienstlichen Mitteln beschaffen – und das kann, wie man inzwischen weiß, dauern, im Zweifel bis zum vielbeschworenen Sankt-Nimmerleinstag.

Prof. Dr. Christian Niemeyer, Erziehungswissenschaftler und Psychologe, Jg. 1952, geb. in Hameln, Prof. (i.R.; seit 2017) f. Sozialpädagogik an der TU Dresden (ab 1992), davor FU Berlin (1988-92), geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Sozialpädagogik (seit 2002), in Berlin lebend mit Familie (und Hund), div. Bücher insbesondere zu Nietzsche, für September 2021 ist angekündigt: Schwarzbuch Neue / Alte Rechte. Essays, Glossen, Lexikon (= Erziehung nach Auschwitz, Bd. 1). Ca. 550 S., 29,95 Euro, Weinheim Basel.

Bild oben: V.l. Rudolf Berthold, Walther Rathenau, Theodor Lessing

Literatur:

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Wulf, J. (1964): Theater und Film im Dritten Reich. Eine Dokumentation. Gütersloh.

Anmerkungen:

[1] Genglers Spuren verlieren sich 1946 in Nürnberg, mutmaßlich wurde er gehenkt. (vgl. Wulf 1966, S. 258; Klee 2007, S. 159)

[2] „Vermummelt. Erzählt von der unglaublichen Roheit des Mörders, der ihn am Boden liegend immer wieder mit der Eisenstange schlug.“ (Kessler 1961, S. 344)

[3] Harden hatte um 1900 seine Zukunft bereitwillig für Förster-Nietzsches Lügen über die Krankheit ihres Bruders – tatsächlich eher Syphilis denn, wie die Schwester suggerierte, Schlaganfall resp. Schlafmittelabusus – zur Verfügung gestellt. (vgl. Niemeyer 2020, S. 51 ff.)

[4] Darunter, als Highlight und als Zitat aus einem Streitgespräch ausgewiesen: „Was du sagst, ist doch krank, Caroline, das glaubt doch niemand außer dir, ich mach mir echt Sorgen, warum du so abrutschen konntest?“ (zit. n. Lichtmesz / Sommerfeld 2017, S. 210)

[5] Etwa wenn er hier erzählt von der unvermuteten Rechtswende seiner jungen Frau, die er als „mit 17 auf dem besten Weg zur Marxistin“ (Lethen 2020, S. 345) befindlich kennen und lieben gelernt habe und deren 2015 sich vollziehende Rechtswende er als „einen Bannfluch, der direkt gegen mich gerichtet war“ (ebd., S. 346), wahrnimmt.

[6] Die Schlussszene, gesetzt, ich wäre das, was Licthmesz gerne geworden wäre, nämlich Filmemacher, spielt in einem der Lieblingslokale Arthur Schnitzlers unweit des Praters bei einem Heurigen. Auftritt Carrie-Anne Moss, von ihrem nach dem Pseudonym „Martin Lichtmesz“ genannten Partner Keanu Reeves aus unverständlichen Gründen „Caroline“ geheißen, beim Zungenkuss mit Vorgenanntem, ihm damit neues Leben einhauchend und von ihr, als Begründung für ihr Tun, wechselweise mit „Du Auserwählter“ oder „Mein Auserwählter“ angehimmelt. Im Background, vage zu erkennen und die ganze Szene misstrauisch beäugend: ein etwas in die Jahre gekommener Alt-68er mit langen grauen Haaren…

[7] Dieser, übrigens seinerseits in das Attentat involviert, war es, der, wie Kessler zu jenem Gespräch notierte, erstmals die von Förster-Nietzsche aufgegriffene Verschwörungstheorie in einem Interview mit dem Daily Express in Umlauf gebracht hatte. (vgl. Kessler 1961, S. 344) Gut ein Jahr später machte er, dieser Kapp-Putschist, mit Hitler gemeinsame Sache beim Marsch auf die Feldherrenhalle am 9. November 1923, entging seiner Kriegsverdienste wegen aber der Landsberg-Haft (vgl. Krockow 2001, S. 63 ff.) und überwarf sich seiner Verschwörungspsychose wegen zunehmend mit Hitler. 

[8] Mit Major ist hier der damals im Weimarer Nietzsche-Archiv arbeitende Nietzsche-Verwandte Oehler gemeint.

[9] Salomon habe hier „den Rathenaumord zu glorifizieren versucht“, monierte er, auch, dass er die Zeit im Gefängnis übertrieben dramatisch dargestellt habe. Vielmehr habe Salomon „bei der damaligen streng nationalen Einstellung der Beamten den großen Herrn […] spielen können“, beispielsweise, begleitet vom Gefängnisdirektor, „in der Stadt einer bewundernden Stammtischrunde seine Abenteuer zum Besten gegeben, wobei es ihm im Feuer des Erzählens leicht vorkommen konnte, daß er fremde Abenteuer mit seinen eigenen verwechselte.“ (Fallada 2009, S. 30)

[10] Fallada, der ihn zu dieser Zeit zufällig am Kudamm wiedertraf, war entsetzt, konstatierte, dass Salomon fett geworden sei, „und die Bekanntschaft mit einem kleinen Schriftsteller bedeutete ihm, der ständig mit den Sternen der Filmhimmels umging, entschieden nur wenig.“ (Fallada 2009, S. 30)

[11] Erstaunlich positiv äußerte sich auch Max Bloch (2018). Brillant und tiefschürfend hingegen: Jens Krumeich (2018).

[12] Falsch, so notierte Uwe Ruprecht unter Bezug auf die Akten, dass ihm „sein verkrüppelter Arm ausgerissen wurde“, falsch auch, „was ein erster Zeitungsbericht beschrieb: ‚Frauen schnitten ihm die Kehle durch.‘“ Richtig allein „das Obduktionsprotokoll […]: zwei Kopfsteckschüsse mit Bruch der Schädelbasis, vier Bruststeckschüsse und ein Bauchsteckschuss mit Zertrümmerung des Rückenmarks, zudem schwere Quetschungen am ganzen Körper, scheinbar durch schwere Mißhandlungen hervorgerufen, Fußtritte etc.“ (Ruprecht 2009, S. 199) Falsch muss schließlich der von Salomon kolportierte Bericht eines Bayern sein, Bertholds Tod betreffend: „Berthold entriß einem Matrosen die Pistole, schoß ihn nieder, sie stürzten sich auf ihn, ein Messer gleißte, zerschnitt ihm die Kehle. Langsam verröchelte er, einsam, kämpfend, in den Tod getrampelt. Seine Mörder teilten sein Geld. Der Bayer lag in einem Hausflur, verwundet, bewacht.“ (Salomon 1930, S.163) Unser Drehbuchautor kommentierte hierzu in Kenntnis der Akten der Staatsanwaltschaft lakonisch: „Berthold starb nicht vor der Schule, sondern einige Hundert Meter weiter.“ (Ruprecht 2009, S. 200)

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