Moses Mendelssohn und seine Nachwelt

Der jüdische Philosoph und Aufklärer Moses Mendelssohn polarisierte weit über seinen Tod hinaus: Den einen galt er als Wegbereiter einer besseren Zukunft, für die anderen verursachte er den Niedergang des Judentums. Eine Kulturgeschichte der jüdischen Erinnerung…

Moses Mendelssohn, verschollenes Gemälde von Christian Bernhard Rode, (c) Gleimhaus – Museum der deutschen Aufklärung, Creative Commons Lizenz 3.0, by-nc-sa

Die Historikerin Martina Steer liefert die erste umfassende Studie über die kollektiven Erinnerungen an Mendelssohn von seinem Tod 1786 bis zum Aufstieg des Nationalsozialismus. Anhand der Jubiläumsfeiern zu seinen Ehren kann sie zeigen, dass Mendelssohn zu dem Symbol einer jüdischen Moderne stilisiert wurde. Vom aufgeklärten Berlin Friedrichs II. bis in das dreigeteilte Polen und in die USA verfolgt das Buch den Aufstieg Mendelssohns zu einem der wirkmächtigsten jüdischen Erinnerungsorte.

Dass Mendelssohn auch heute noch spaltet zeigt Martina Steer gleich zu Beginn mit dem Hinweis auf eine aktuelle Studie über Schulbücher der israelischen Ultraorthodoxen, die Mendelssohn die Rolle „als Inkarnation des Bösen, das in ihren Augen für alle Übel des modernen Judentums verantwortlich war“, zuschreibt. Aber auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands ist Mendelssohn nicht unumstritten. So gab es in der Berliner jüdischen Gemeinde eine Debatte, ob die jüdische Oberschule nach ihm benannt werden könne mit dem Verweis, dass jemand, dessen Kinder konvertiert seien, sich nicht als Namensgeber für eine jüdische Schule eigne. Letztlich setzten sich die Befürworter durch, so dass die Schule heute seinen Namen trägt.

Martina Steer analysiert, wie deutsch-jüdische Reformer, osteuropäische Chassidim, Zionisten und amerikanische Jiddischisten ihre Werte, Hoffnungen und Ängste auf Mendelssohn projizierten und wie diese Erinnerungsnarrative nationale und kulturelle Grenzen überschritten. Neben der faszinierenden Geschichte dieser Obsession erzählt Mendelssohns Nachwelt daher auch von den Verflechtungen der modernen jüdischen Kulturgeschichte.

Die Untersuchung vergleicht das Gedenken an Mendelssohn in drei Ländern, Deutschland, Polen und den USA, die durch Migration und Transfer miteinander verbunden sind, aber jeweils eigene Erinnerungsformen ausgebildet haben. Mit dieser „Entgrenzung“ des kollektiven Gedächtnisses wird Neuland betreten, wird doch der Themenbereich Erinnerung meist in nationalstaatlichem Rahmen verortet.

Eine kluge und gut lesbare Studie, die die Erinnerung an Mendelssohn als Spiegel der jeweiligen Lebenserfahrungen der Menschen sieht. Gerade der Fokus auf die Jubiläen als gemeinschaftlich ausgeübte Erinnerungspraxis mache deutlich, so Martina Steer, „dass die Menschen, Juden wie Nichtjuden, mit dem Feiern und dem Erinnern an Mendelssohn – oder dessen Verweigern – nicht nur ihre Bedürfnisse, Wünsche, Enttäuschungen und Ängste formulierten, sondern darüber hinaus aktiv ihr Zusammenleben in der Realität gestalteten.“ 

Martina Steer, Moses Mendelssohn und seine Nachwelt. Eine Kulturgeschichte der jüdischen Erinnerung, Wallstein Verlag 2020, 440 S., 16 Abb., geb., Bestellen?

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