Chanukkahlichter

Diese beiden Gedichte von Morris Rosenfeld erschienen zu Chanukka 1901 in der Zeitschrift „Ost und West“…

Rosenfeld, der 1862 im damals russischen Teil Polens geboren wurde, gehört zu den bekanntesten jiddischen Dichtern. Er ging 1886 nach New York und arbeitete dort in einem der sog. Sweatshops als Schneider. Gleichzeitig begann er seine ersten Gedichte zu veröffentlichen, die ihm den Ruhm als „Poet of the Sweatshops“ einbrachten. Sein vielleicht bekanntestes Werk ist „Lieder des Ghetto“, übersetzt aus dem Jiddischen von Berthold Feiwel, mit Zeichnungen von E.M.Lilien. Rosenfeld starb 1923 in New York.

Die Zeitschrift „Ost und West“ verstand sich als „Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum“ und wollte im Kontext der „Jüdischen Renaissance“ dem westjüdischen Publikum die kulturellen Leistungen der sog. „Ostjuden“ vorstellen. Auch hier stammt die Übersetzung von Feiwel, die Zeichnung von E.M.Lilien.

Chanukkahlichter

O, Ihr lieben Licherlein,
Euer freundlich-stiller Schein
Spricht gar mancherlei,
Spricht von kühnem Heldenmut,
Kampf und Tod und Heldenblut, –
Wunder, längst vorbei!

Sich! Bei Eurem flimmernden Schein
Tritt ein Traum, ein schimmernder, ein,
Und der Traum erzählt:
Jude, warst ein Krieger einst,
Juden, warst ein Sieger einst,
Stolz und kraftgestählt!

Hattest Deinen Staat, Dein Recht,
Und Dein Volk war wahr und echt,
Gross und fromm und frei,
Hattest einst ein eigen Land,
Herschtest drin mit starker Hand, –
Wunder, längst vorbei!

O, Ihr lieben Licherlein,
Euer freundlich-stiller Schein
Weckt den alten Schmerz:
Einst und jetzt! So klage ich,
Einst und jetzt? So frag‘ ich mich,
Und es weint mein Herz.

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Wir waren nicht immer das Volk, das weint,
Das Volk der Thränen, der Seufzer und Klagen,
Wir haben einstmals den stärksten Feind
Gelehrt: Auch Juden können schlagen.

Wir haben der wütendsten Hasser gelacht,
Und für den Glauben grosser Ahnen
Wir gingen mutvoll in die Schlacht,
Und siegreich wehten unsere Fahnen.

Geschlechter schwanden im Zeitengewühl,
Geschlechter wurden neu geboren,
Wir aber haben das Heldengefühl
Im Drang der Golusnot verloren.

Veloren den alten Riesenmut
Und wurden zager, stiller, schwerer,
Und doch, noch brennt in unserm Blut
Das alte Hasmonäerfeuer.

Man hat uns gehetzt in Not und Tod,
Mit groben Flegeln den Leib uns zerdroschen,
Und doch, das alte Feuer loht
Und ist im Blutmeer nicht erloschen.

Wir duldeten Martern wohl sonder Zahl,
– Die schwachen Körper mussten erliegen, –
Doch in uns ein Ideal,
Das, Völker, könnt Ihr nie besiegen.

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