Ein Leben im Widerspruch: Marie Langer

Marie Langer, 1910 in Wien geboren und aufgewachsen, Ärztin, Psychoanalytikerin und jüdische Emigrantin, wurde wegen ihres linken politischen Engagements vielfach idealisiert. Der österreichische Psychoanalysehistoriker Karl Fallend, der eine Doppelbiografie zu Langer und deren Jugendfreundin Else Pappenheim (vgl. Kaufhold 2009) veröffentlicht hat, fand in den 1980er Jahren so zu ihr. Als Marie Langer 1981 in das „revolutionäre“ Nicaragua ging, luden er und Freunde vor allem aus dem Umfeld von medico international sie mehrfach zu Vorträgen über Nicaragua und dessen Gesundheitssystem ein. Der Schmerz der gewaltsamen Vertreibung wurde hierdurch wohl etwas gelindert…

Von Roland Kaufhold

In ihrer Biographie Von Wien bis Managua. Wege einer Psychoanalytikerin, 1981 auf spanisch und dann auch 1986 – ein Jahr vor ihrem Tod – auf deutsch beim Freiburger Kore Verlag erschienen (der Verlag existiert schon lange nicht mehr), zeichnete Marie Langer ihr Wiener Leben, ihren Zugang zur Psychoanalyse und ihr politisches Engagement nach. 1987, ein Jahr nach Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe ihrer Autobiografie, verstarb sie in Argentinien.

Posthum erschienen beim Kore-Verlag und in einigen Fachzeitschriften und Büchern einige weitere ihrer psychoanalytischen und feministisch orientierten Studien, darunter Das gebratene Kind und andere Mythen. Die Macht unbewusster Phantasien (1987), Mutterschaft und Sexus. Körper und Psyche der Frau (1988) sowie Salud Mental in Nicaragua (1988) (vgl. die Liste ihrer Publikationen in Fallend (2019), S. 323-325.).

Der österreichische Historiker Raimund Bahr stand bereits in den 1980er Jahren in Kontakt mit Langer. Er publizierte mehrere kleine Bände mit Schriften von und über Langer, darunter Marie Langer – Biografie (2004) sowie Leben im Widerspruch. Marie Langer. Texte. Briefe. Begegnungen (2007). Dieses Buch sei hier kurz vorgestellt:

Marie Langer wächst in Wien in einer privilegierten bürgerlich-jüdischen Familie auf, engagiert sich antifaschistisch und macht eine Analyse beim Wiener Analytiker Richard Sterba. Ihre Verhaftung im Jahr 1935 für zwei Tage durch die Gestapo führt zu dem vieldiskutierten „Unvereinbarkeitsbeschluss“ zwischen psychoanalytischer Ausbildung und antifaschistischem Engagement.

Sterba ermöglich es ihr pragmatisch, ihre Lehranalyse nach nur etwa sechs Monaten abzuschließen, damit sie mit einem offiziellen Abschluss – neben ihrem Medizinstudium –  emigrieren kann.

Sie geht 1936 von Wien nach Spanien, kämpft als Ärztin bei den Internationalen Brigaden. Danach emigriert sie über Uruguay nach Argentinien, ihrer neuen Heimat. Sie bekommt vier Kinder, der Schmerz über mehrere Fehlgeburten mag hierdurch etwas gelindert worden sein. Es folgt, Dank ihrer psychoanalytischen Erfahrungen in Freuds Wien, eine steile Karriere als Psychoanalytikerin in Argentinien. 1959 wird sie  Präsidentin der Ascciación Psicoanalitica Argentina. Nichts erweist sich auf Dauer als sicher für die überzeugte Linke: 1974 steht sie auf Todeslisten der argentinischen Diktatoren – zeitgleich findet in Argentinien die Weltmeisterschaft statt. Paul Breitner, seinerzeit mit längeren Haaren und rebellischer Attitüde, empfiehlt „seinen ehemaligen Teamkollegen, dem argentinischen Präsidenten Jorge Videla als Zeichen des Protestes den Handschlag zu verweigern.“  Berti Vogts,  in politischen Themen konsequent naiv und sehr rechts, „ wollte dagegen energisch wissen, ob der Reporter vom WDR die gleiche Frage gestellt hätte, wenn die WM in der Sowjetunion stattfände“, schrieb die ZEIT acht Jahre später. Paul Breitner, Weltmeister von 1974 und bis heute einer der angesehensten Fußballer und danach Sportkommentator, ist sich übrigens gleich geblieben: Seit 2006 arbeitet der Münchner gemeinsam mit seiner Ehefrau ehrenamtlich für die „Münchner Tafel“, die sich für benachteiligte Familien und Kinder einsetzt. In einem BR-Fernsehbeitrag sprach er erstmals über ihr gemeinsames Engagement und verwies auf seine Kindheitserfahrungen: Er wisse, was Armut sei. Engagement für Benachteiligte sei für ihn eine Selbstverständlichkeit

Marie Langer hingegen ist sich der existentiellen Gefahr sehr bewusst. Erneut muss sie fliehen, diesmal nach Mexiko. Es folgt ein weiterer Brückenschlag in ihre frühere Heimat, die Vertreibungen möchte sie nicht wehrlos als Kränkung ertragen. In ihrem letzten Lebensjahrzehnt intensiviert Marie Langer ihre Besuche nach Europa und arbeitet therapeutisch sowie als psychoanalytische Ausbilderin und Ärztin im seinerzeit revolutionären Nicaragua. Dieses Engagement stellte für sie – wie es auch Fallend in seiner Doppelbiografie (s.o.) beschrieben hat – eine emotionale Rückkehr zu ihrem antifaschistischem Engagement in Spanien dar.

Anlässlich Langers 20. Todestages legte Raimund Bahr einen schmalen Band mit einigen ihrer politischen und psychoanalytischen Studien vor. Ihre Form der Verbindung zwischen Psychoanalyse und Gesellschaftskritik wird hierin von ihr beschrieben. Dem Band werden – „Statt eines Vorwortes“ – knappe, persönlich gehaltene Erinnerungen von Schweizer Freunden Langers vorangestellt, darunter von Valk, Rothschild und Paul Parin.

Komplettiert werden diese im Band durch vier „Begegnungen“, verfasst von E. Danneberg, N. C. Hollander, J. C. Volnov und U. Walter. Der persönlich gehaltene, erinnernde und Langers lebenslanges Engagement würdigende Charakter steht also im Vordergrund dieses schmalen Bandes. Erika Danneberg, die sich als WPV-Mitglied als Kommunistin verstand, zeichnet die wichtigsten Lebensstationen Marie Langers nach. Ihre gemeinsame Leidenschaft für das „linke“ Nicaragua verband sie.

Es folgen sieben theoretischen Beiträge: Der Beitrag „Psychoanalyse und / oder soziale Revolution“ ist die Übersetzung ihres 1971 auf dem Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Wien gehaltenen Vortrages. Es folgte Langers gemeinsam mit 17 Kollegen vollzogener Austritt aus der IPV sowie die Gründung der Gruppe Plataforma; die Beweggründe hierfür schildert sie in ihrem 1972 verfassten Beitrag Psychoanalyse zwecks Sozialismus. Eine psychoanalytische Tätigkeit sei immer von den sozialen und ökonomischen Verhältnissen geprägt. Im Vordergrund für sie steht die Notwendigkeit von „ konkreten Aktionen“ (S. 40).

Dem Band sind Langers Studien Psychoanalytische Gesellschaften sowie in Der Widerspruch in der Lehranalyse angehängt, in denen der einengende, geistige und seelische Abhängigkeit erzeugende Charakter einer hierarchischen psychoanalytischen Ausbildung hervorgehoben und beklagt wird.

Es folgen die auf ihre Arbeit in Nicaragua und Chile bezogenen Beiträge Souveranität und Salud Mental sowie ihr Brief an einen jungen Sandinisten. Abgeschlossen wird Bahrs Buch durch Langers – fiktiven – Brief an Einstein sowie durch die Publikation ihrer – offenkundig durch Otto Fenichel inspirierten Rundbriefe. Diese hatte Langer in den 1980er Jahren zur Unterstützung der Reformbewegungen in Nicaragua für europäische Freunde verfasst. Alle Beiträge werden ohne weitere Ergänzungen abgedruckt.

Raimund Bahr (Hg.) (2007): Leben im Widerspruch. Marie Langer. Texte. Briefe. Begegnungen. Edition Art Science, 144 Seiten. 15 €

Eine andere Version dieses Beitrages hatte der Autor in der Zeitschrift Luzifer-Amor Heft 42, Herbst 2008, S. 178f. publiziert

Literatur:
Kaufhold, R. (2009): Zum Tode von Else Pappenheim (22.5.1911-11.1.2009), Kinderanalyse 2/2009, 17. Jg., S. 205-207.

Bild oben: Marie Langer, 1979, (c) Julio Ortega B.

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