Gegenwartsbewältigung

Max Czolleks zweites politisches Essay erscheint mitten in der Corona-Pandemie. Weil er Zeit hat, weil es nötig ist. Wie, so fragt er, werden wir die AfD los? Wie kommen wir zu ‚Social Justice and Radical Diversity‘? – einem von Leah Carola Czollek, Gudrun Perko und Heike Weinbach erdachten Ansatz, an dem diese mit einer Gruppe, in der auch Czollek mitwirkt, aktuell arbeiten…

Von Ruth Zeifert

Wir leben in einer postmigrantischen Gesellschaft. Vielfalt und Diversität sind Realität, die deutsche Gesellschaft aber positioniert sich noch immer als Leitkultur, deren Dominanz sie konsistent mit gemeinsamer (völkischer) Herkunft begründet. ‚Der Fremde‘ kann (und soll) sich der Leitkultur fügen, sein Beitrag als gleichwertiger Akteur ist größtenteils ungewünscht.

Czolleks Kritik am gegenwärtigen Deutschland leitet er zunächst aus dem ‚Gedächtnistheater‘ (‚Desintegriert euch!‘ Max Czollek 2018) und der deutschen NS-Bewältigung ab, die missglückter Weise darin münde, unsere urälteste Kultur als gute Doktrin jedem Eindringen überzustülpen zu wollen. Selbst gelänge dem Fremden eine Annahme der Leitkultur, scheitere er doch an der ethnischen Differenz.

Völkische und nationalverliebte Tendenzen wären heute -wieder und noch- positiv konnotiert, was sich z.B. in Kunst und Kultur nachweisen ließe. Detailliert beschreibt Czollek dieses Phänomen anhand von Sprache, die nach, wie auch vor dem NS unverändert sei. Nötig wäre es gewesen, wie Viktor Klemperer es beschrieben hatte, Begriffe und Verwendung etwa bewusst zu vergraben. Die deutsche Sprache habe den Holocaust bebildert. Der Begriff ‚Heimat‘, führt Czollek an, war beispielsweise Sinnbild eines Konzepts, das vor wenigen Jahren noch undenkbar-, heute mit seinem wenig justierten Konzept wieder ausgebuddelt wurde. Es wurde nahezu kritiklos angenommen, beinahe als habe man darauf gewartet. Nun, wen wundert es? Der ‚Gefahr von rechts‘ jedenfalls würde mit solch mehrheitsgesellschaftlich akzeptierten Geschichtsvergessenheiten auch noch in die Hände gespielt. Wünschenswert, so konkludiert Czollek in wiederständischer Höchstform, wäre es ja wohl eher, so zu schreiben „dass die Nazis dich verbieten würden“!

Soweit das Problem. Es gelte eine diverse Gesellschaft ärmer an Diskriminierung zu gestalten. Identitätspolitik müsse dabei erst einmal evulotioniert werden. Das heißt, wichtig wäre, das ist nicht neu, dass der Bauer nicht nur in die Pötte kommt, wenn es um Bauern geht, sondern ein moralisch begründeter Altruismus verankert würde. Hinzu kommen müsse nun nach Czollek ein Verständnis für Intersektionalität. In seiner Grundform beschreibt Intersektionalität das Zusammenspiel mehrerer Eigenschaften. Beispielsweise betrifft manche Diskriminierung nicht alle Farbigen oder alle Frauen, sondern lediglich farbige Frauen. Czollek nun -und das ist nun wirklich bemerkenswert- schreibt, es müsse im Sinne einer weiter gedachten Intersektionalität beachtet werden, dass Mensch immer zugleich privilegiert, wie auch diskriminiert sei. Also etwa aufgrund der Hautfarbe diskriminiert, aufgrund des Geschlechts gleichzeitig privilegiert sein kann. Aus diesen Überlegungen heraus ruft Czollek dazu auf, in der Vielfalt aufmerksam zuzuhören und gleichsam seine eigene Position zu begreifen. Es gilt aus einer möglicherweise privilegierten Position heraus für den/die Diskriminierte/n einzutreten, was jedem wiederum in seiner diskriminierten Zugehörigkeit gleichfalls zum Schutze (oder Akzeptanz) gedeihen könne. Czollek zeigt so, wie unsere Gesellschaft aktiv zu einer werden könnte, die Diversität wahrnimmt und durch ein demokratisch begründetes Einstehen für den/die andere/n ein gleicheres, gerechteres Miteinander mit sich brächte – fern völkischer Erhabenheit. Schöner Gedanke.

In einigen Kapiteln der ‚Gegenwartsbewältigung‘ liest man den bekannten, schnellen und scharfsinnigen Czollek. Leider nicht in allen. Dieses Werk ist nicht ganz so stringent, hat Redundanzen und wirkt manchmal etwas unausgereift. Es sind mehrere Kleinigkeiten. So fehlt seine ausgesprochene Überlegung, ob die ‚immer falschen Nachkriegsdeutschen‘ zwangsläufig eine privilegierte Position inne haben. Es stört, dass ‚die anderen‘, im Sinne diskriminierter Gruppen oder Kulturen, zu sehr als homogen gedacht werden, obschon diese ja auch in sich divers sind. Es fehlt eine Kritik von Individualisierung oder das Aufzeigen, wie Vielfalt in anderen Gesellschaften versucht und gelebt wird. An vielen Stellen greifen Czolleks Ausführungen diesmal für mein Empfinden kürzer, als es möglich, eventuell nötig wäre.

Gleichzeitig ist Czolleks Vorschlag gesellschaftspolitisch überfällig und unbedingt zu testen. Natürlich eine Utopie, aber sie könnte es ermöglichen, den braunen Grundwassergedankensatz der Deutschen etwas mehr zu überwinden und hin zu einem bevölkerungsweit akzeptierten diversen Neben- und Miteinander geleiten. 

Max Czollek, Gegenwartsbewältigung, Carl Hanser Verlag 2020, 208 S., Euro 20,00, Bestellen?

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