Jaffa – die ältere Schwester

Der Prophet Jona, jener, der vor G’tt zu fliehen versuchte, bestieg das Schiff, das ihn nach Tarsis bringen sollte, in Joppe. Jonas Schiff geriet bekanntlich in einen gewaltigen Sturm, woraufhin die Seeleute ihn, Jona, auf seine Bitten hin ins Meer warfen, um dieses wieder ruhig zu stimmen. Ein großer Fisch verschluckte Jona und der überlebte drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches, der ihn schließlich auf Befehl G’ttes wieder ausspie…

Von Wolfgang Frindte
Aus meinem israelischen Tagebuch

In der Lutherbibel steht für Joppe das Wort Jafo. Buber und Rosenzweig übersetzen Joppe als Jaffa (Buber & Rosenzweig, 1978, S. 663). Die Besiedlung von Joppe, Jafo, Yafo, oder Jaffa begann wohl schon 3.500 Jahre vor Chr. In Jaffa luden die Phönizier das Zypressen-, Zedern- und Sandelholz vom Libanon für den Bau des Ersten und wohl auch des Zweiten Tempels aus (2. Chronik, 2, 15).

Jaffa, die ältere Schwester Tel Avivs liegt im Süden der Großstadt. Während des Unabhängigkeitskrieges, am 18. Mai, wurde Jaffa nach schweren Kämpfen von der Hagana und von Etzel erobert. Der Großteil der arabischen Bevölkerung Jaffas floh oder wurde aus der Stadt vertrieben.

Heute ist Jaffa ein Ortsteil von Tel Aviv mit teuren Wohnungen, nicht weniger teuren Galerien, schönen Restaurants und einer römisch-katholischen Kirche, die zur „Kustodie des Heiligen Landes“, der Ordensorganisation der Franziskaner, gehört. Auch ein altes Minarett steht noch. Eine seit dem Unabhängigkeitskrieg als Warenlager genutzte Moschee dient den Muslimen heute wieder als Gebetshaus. Und es leben inzwischen wieder 17.000 Araber in Jaffa (Livnat, 2015, S. 220).

An der Uferpromenade zwischen den Hochhäusern Tel Avivs und der Altstadt von Jaffa, südlich vom berühmten Banana Beach, steht das ehemalige Dolphinarium, lange Zeit eine angesagte Diskothek. Am 1. Juni 2001 verübten Hamas-Terroristen in der Diskothek ein Massaker, bei dem 21 junge Israelis getötet wurden. Die meisten der ermordeten Teenager waren junge Jüdinnen und Juden, deren Familien aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel ausgewandert waren. Heute ist das Dolphinarium eine Gedenkstätte. Und ich erinnere mich wieder an das Gespräch mit Miriam Rieck und korrigiere mich: Die Ziele dieses Terrors, der von der Hamas, von der Hisbollah oder von anderen fanatischen Islamisten verübt wird, liegen schon jetzt auf der Hand. Es geht nicht nur darum, Angst und Schrecken zu verbreiten oder durch die Ermordung unschuldiger Terroristen den Weg für einen freien, zukunftsträchtigen palästinensischen Staat zu ebnen. Nein, diese Terroristen und ihre Führer wollen den jüdischen von der Landkarte tilgen und alle Jüdinnen und Juden ins Meer treiben.

Im gewissen Sinne ist auch Jaffa, so wie Tel Aviv, eine weiße oder zumindest helle Stadt. Es gibt zwar keine klassische Moderne im Bauhaus-Stil, aber die meisten Häuser in Alt-Jaffa sind aus hellem Sandstein gebaut.

In Alt-Jaffa (aufgenommen 2003)

Alt-Jaffa hat den Flair einer arabisch-orientalischen Stadt – für Touristen. Mir ist sie zu schön, zu sauber, zu hipp. In einem der nicht billigen Restaurants, die mittlerweile in den ehemaligen Lagerhallen am alten Hafen eröffnet wurden, war ich aber doch. Ich habe zwar keinen Fisch gegessen, dafür leckere mexikanische Zimmes.

Übrigens:

Ein koscheres Restaurant. Im Schaufenster hängt ein Bild von Moses. Ein orthodoxer Jude tritt ein – was sieht er? Der Kellner ist glattrasiert, was nach jüdischem Ritual normalerweise nicht erlaubt ist. Der Orthodoxe fragt misstrauisch: „Ist das hier wirklich koscher?“
Darauf der Kellner: „Natürlich, sehen Sie nicht das Bild von Moses im Fenster hängen?“
Der Orthodoxe: „Das schon. Aber offen gestanden: Wenn Sie im Fenster hängen und Moses servieren würde, dann hätte ich mehr Vertrauen.“

Der Flohmarkt von Jaffa allerdings hat etwas ganz Besonderes. Man findet ihn in östlicher Richtung vom alten Hafen in der Olei Zion Straße. 2003, bei einem dreimonatigen Aufenthalt in Israel, verbringe ich hier manche Stunde. Ich schlendere durch die Gassen, sehe mir die Angebote an, höre auf das Stimmengewirr und feilsche auch hin und wieder. Eine alte oder auf alt gemachte hölzerne Eule, mit Messing beschlagen, ist nicht billig. Schließlich bekomme ich sie für ein Drittel des ursprünglich geforderten Preises. Ich bin glücklich, mein Verkäufer ist es auch. War ich zu großzügig?

Der Vater fragt seinen Sohn: „Mosche, wie weit seit’s in der Schule gekommen im Rechnen?“

„Bis zum Einmaleins“. „Und was is zwei mal zwei?“ Mosche antwortet: „Sechs“. „Falsch“, sagt der Vater, „Zwei mal zwei macht vier“. „Hab‘ ich gewusst, Dade, aber hätt‘ ich gesagt vier, hättest mich runter gehandelt auf zwei“.

Und dann höre ich hinter mir ein lautes Gespräch zwischen zwei Männern. Ich drehe mich um. Sie scheinen sich zu streiten. Offenbar geht es um den Preis eines Stuhls, den der eine verkaufen und der andere erwerben will. Habe ich da gerade „meschugge“ gehört? Reden die beiden jiddisch miteinander? Nein, wohl kaum. Der eine, der Verkäufer, spricht hebräisch, der andere arabisch.

Am Flohmarkt in Java (2003)

Das Erstaunliche an den beiden Streithähnen ist, dass der hebräisch Sprechende eine Takke, eine Kopfbedeckung der Muslime, trägt, während der andere, der arabisch Sprechende, der offenbar den Stuhl kaufen aber den vorgeschlagenen Preis nicht bereit ist zu bezahlen, eine Kippa, also die Kopfbedeckung eines gläubigen Juden, auf hat. Was passiert da gerade? Wer ist wer und warum?

Mir fällt die Kommunikations-Akkomodations-Theorie des Soziolinguisten und Kommunikationswissenschaftlers Howard Giles ein (Giles, Coupland & Coupland, 1991).

Die Kommunikations-Akkomodations-Theorie besagt, dass Gesprächspartner diverse Kommunikationsstrategien nutzen können, um die Distanz zwischen sich und anderen Gesprächspartnern zu regulieren, um sich – mit anderen Worten – den jeweiligen Kommunikationssituationen anzupassen, zu akkommodieren. Wichtige, von Giles untersuchte Kommunikationsstrategien sind die Sprachkonvergenz und die Sprachdivergenz. Mittels Sprachkonvergenz können die Personen die Gemeinsamkeiten zwischen sich und den anderen Kommunikationsteilnehmern betonen, indem sie gemeinsame Sprachcodes benutzen, also mit den gleichen Zungen reden. Strategien der Sprachdivergenz (z.B. wenn ein Gesprächspartner bewusst eine Sprache oder Begriffe benutzt, die sein Gegenüber nicht versteht oder nicht zu interpretieren vermag) hingegen werden eingesetzt, um sich von den Kommunikationsteilnehmern abzugrenzen. Ein Beispiel: Wenn Ostdeutsche kurz nach der Wende vom „Polylux“ sprachen, um den besagten Lichtprojektor zu bezeichnen und Westdeutsche auf den „Overhead-Projektor“ verwiesen, so war das ein Beispiel für Sprachdivergenz.  Bemühten sich Ostdeutsche dagegen zunehmend in Anwesenheit von Westdeutschen den Lichtprojektor „Overhead-Projektor“ zu nennen, so zeigte das ihre Versuche, Sprachkonvergenz herzustellen. Nicht selten war dann allerdings zu beobachten, dass Westdeutsche nun ihrerseits den besagten Lichtwerfer „Polylux“ nannten, um selbst ihre Bereitschaft zur Sprachkonvergenz zu signalisieren.

Nach der Theorie von Howard Giles müssten sich die beiden Streithähne auf dem Flohmarkt in Jaffa eigentlich ganz anders verhalten. Sollten sie die Absicht haben, sich zu verständigen, um sich auf einen beiderseits annehmbaren Preis des besagten Stuhls zu einigen, wäre es angebracht, eine gemeinsame, von beiden beherrschbare und verständliche Sprache zu sprechen. Falls sie diese Absicht aber nicht verfolgen und eher auf Streit um des Streits willen aus sind, müsste eigentlich – nach der Theorie – jeder seine eigene Sprache sprechen, um die Unterschiede zum anderen, zu dessen Sprache und Sprachgemeinschaft zu betonen. Was aber machen die beiden Streitenden? Sie verhalten sich nicht theoriekonform, würde der Wissenschaftler sagen. Jeder redet nämlich jeweils in der Sprache des anderen, des Kontrahenten. Das ist eine Variante, die in Giles Theorie nicht vorkommt. Am Ende einigen sich die Streitenden auch noch, besiegeln das mit einem Handschlag und – ich glaub es nicht – küssen sich auf die Wangen. Der eine bekommt das Geld. Ich sehe nicht wieviel. Der andere erhält den Stuhl. Ist das vielleicht die orientalische Version von Giles Theorie? Und ließe sich diese Variante verallgemeinern und auch auf Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Palästinenser übertragen? Wechselseitig Empathie herstellen, indem man die Sprache des anderen spricht? The proof of the pudding is in the eating. Aber bis jetzt hat noch niemand einen entsprechenden und für beide Seiten genießbaren Pudding zubereitet und vom Essen kann noch lange nicht die Rede sein. Das scheint nur auf dem Flohmarkt und beim alltäglichen Feilschen zu klappen.

Eine Empfehlung von Andrea Livnat

Tel Aviv ist eine Weltstadt und nach Jerusalem die zweitgrößte Stadt Israels, aber ganz anders als die Stadt Davids in den Bergen. In Tel Aviv befindet sich das israelische Bankenzentrum und das Hauptquartier des israelischen Auslandsgeheimdiensts Mossad. Hier stehen die weißen Bauhäuser; hier gibt es den schönsten Strand des Landes, darunter den Hilton Beach, der von der Tourismus Webseite GayCities zu einem der zehn besten Schwulen-Strände auserkoren wurde. Hier findet man die besten Clubs und Diskotheken, die häufig auch in der Shabbatruhe geöffnet sind. Tel Aviv ist bunt, lustig, aber auch widersprüchlich. Die Stadt hat vielleicht weniger klassische Sehenswürdigkeiten. Dafür gibt es mindestens so viel schöne Plätze zu entdecken. Ich habe bisher nur wenige davon gesehen und über noch weniger berichtet. Deshalb empfehle ich ein Buch, das so liebevoll in Text und Bild über die Weiße Stadt am Meer berichtet, dass man daran seine Freude hat und neugierig wird. Andrea Livnat hat das Buch geschrieben, die vielen Fotos stammen von Angelika Baumgartner. „111 Orte in Tel Aviv, die man gesehen haben muss“, so der Titel des Buches. Im Vorwort schreibt Andrea Livnat u.a.: „Heute lebt die Stadt von ihrem Image als Ort, der niemals schläft. Hightech, Nachtleben und Bauhaus dominieren das Bild. Auch wenn alle Klischees der Wahrheit entsprechen, gibt es aber doch so viel mehr zu entdecken. Gerne als Big Orange bezeichnet, ist die Weiße Stadt am Meer in vielem der Inbegriff von Innovation und Pluralität, aber sie ist auch oft erstaunlich provinziell, aufgeräumt und familienfreundlich“.

Zu den Einhundertelf Orten, die Andrea Livnat in ihrem Buch vorstellt, gehört die American Colony, ein beschauliches Viertel aus dem 19. Jahrhundert, das von Christen aus Maine in den USA gegründet wurde. Wer von oben auf Tel Aviv schauen möchte, der sollte in den 49. Stock des runden Turms im Azrieli Center fahren und von der dortigen Aussichtsplattform die Aussicht genießen. Ausruhen kann man, wie im Buch zu lesen und zu sehen ist, auch im Basel-Viertel. Eine, wie Andrea Livnat schreibt, hippe Location mit angenehm ruhiger Atmosphäre. Jazz, Rock, Pop, Weltmusik kann man im Beit haJozer fast täglich genießen. In Tel Aviv gibt es 60 Hundespielplätze; auch darüber kann man im Buch von Andrea Livnat lesen. Eine besondere Buchhandlung, eine arabische, gibt es in Jaffa und die heißt Yafa. Nicht nur Bücher werden hier verkauft, auch Sprachkurse und Workshops werden angeboten. Und so weiter, und sofort. Wer also Tel Aviv ausführlicher kennenlernen möchte und nicht nur die üblichen Touristenwege gehen möchte, dem sei das Buch empfohlen. (Für diese Empfehlung werde ich nicht bezahlt.)

Im nächsten Teil: In den Norden

Wolfgang Frindte ist Sozialpsychologe und war Professor für Kommunikationspsychologie am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Jena. Von 1998 bis 2005 war er Gastprofessur für Kommunikations- und Medienpsychologie am Institut für Psychologie der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und 2004 Fellow am Bucerius Institut der Universität Haifa. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören u.a. „Inszenierter Antisemitismus“ (2006), „Inszenierter Terrorismus“ (2010, mit Nicole Haußecker), „Der Islam und der Westen“ (2013), „Muslime, Flüchtlinge und Pegida“ (2017, mit Nico Dietrich) und „Halt in haltlosen Zeiten“ (2020, mit Ina Frindte).

Bild oben: In Alt-Jaffa (aufgenommen 2003)

Literatur
Avnery, Uri (2014). Meine ruhmreichen Brüder. Quelle: http://www.uri-avnery.de/news/314/17/Meine-ruhmreichen-Brueder; aufgerufen: 15.09.2017.
Buber, Martin & Rosenzweig, Franz (1987). Die Bücher der Kündigung (Verdeutschung). Heidelberg: Lambert Schneider.
Bugod, Peter (2011). Die weiße Stadt. Quelle: https://dieweissestadt.wordpress.com/; aufgerufen: 23.09.2017.
Flavius Josephus (1978). Geschichte des Jüdischen Krieges. Leipzig: Reclam.
Förg, Günther (2002). Photographs. Bauhaus Tel Aviv – Jerusalem. Berlin: Hatje Cantz Verlag.
Frindte, Wolfgang & Haußecker, Nicole (Hrsg.). (2010). Inszenierter Terrorismus. Mediale Konstruktionen und individuelle Interpretationen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Giles, H., Coupland, N., & Coupland, J. (1991). Accommodation theory: communication, context, and consequence. In H. Giles, J. Coupland, & N. Coupland (Hrsg.), Contexts of accommodation. Development in applied sociolinguistics, Cambridge, MA: Cambridge University Press, 1–68.
Hagalil.com (2016). Der Dizengoff Platz kommt wieder auf den Boden. Quelle: https://www.hagalil.com/2016/11/dizengoff-platz/; aufgerufen: 1.12.2016.
Herzl, Theodor (2015). Altneuland. Berlin: Omnium Verlag.
Laqueur, W. (2001). Die globale Bedrohung. Neue Gefahren des Terrorismus. München: Econ Ullstein List Verlag.
Livnat, Andrea (2015). 111 Orte in Tel Aviv, die man gesehen haben muss. Köln: Emons Verlag.
Lorch, Catrin (2017). Frei wie ein Kind. Süddeutsche Zeitung, 25. August 2017, Seite 19.
Meinel, Maud (o.J.). Mein geliebtes Tel Aviv. Quelle: http://geliebtestelaviv.com/index.php?option=com_content&view=article&id=90&Itemid=120; aufgerufen: 10.10.2017.
The Washington Post (2011). Reconsidering the Goldstone Report on Israel and war crimes. Quelle: https://www.washingtonpost.com/opinions/reconsidering-the-goldstone-report-on-israel-and-war-crimes/2011/04/01/AFg111JC_story.html; aufgerufen: 18.09.2017.
Welt Online (2008). Die größte Bauhaus-Siedlung der Welt. Quelle: https://www.welt.de/welt_print/article1992527/Die-groesste-Bauhaus-Siedlung-der-Welt.html; aufgerufen: 23.07.2017.
Wikipedia (o.J.). Hagana. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hagana; aufgerufen: 12.08.2017.
Zisling, Yael (o.J.). Tel Aviv: Bauhaus Architecture. Quelle: https://www.jewishvirtuallibrary.org/bauhaus-architecture; aufgerufen: 10.10.2017.

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