Grenzerfahrungen

Die Bilder von ertrinkenden Flüchtlingen auf Booten, von im Elend vegetierenden Flüchtlingen auf griechischen Inseln, wirken verstörend. Sie wecken Ängste, aber auch Empörung. Betroffen hiervon sind Andere, die „Fremden“, nicht die mehrheitlich Privilegierten in Deutschland…

Von Roland Kaufhold 

Sie lösen – wie die Herausgeber Haubl & Wirth eines im Psychosozial Verlag erschienenen Bandes über „Migration, Flucht, Vertreibung und die deutschen Verhältnisse“ beschreiben – sehr konträre Reaktionen hervor: Gefühle von Solidarität, von Hilfsbereitschaft, aber auch „Mechanismen der Angstbewältigung“ (S. 10), die keineswegs „prosozial“ sind: Flüchtlings- und fremdenfeindliche Parteien wie die antisemitische AfD nutzen diese Ängste für ihre Propaganda. Autoritarismus bedient sich der Ängste, um antidemokratisch-völkische Kategorien wie „Volk“ und „Nation“ wieder zu erneuern.

Rolf Haubl und Hans-Jürgen Wirth  haben einen umfangreichen Sammelband zusammengestellt, in dem 17 Autoren  vor allem aus psychoanalytischer und politikwissenschaftlicher Perspektive über Grenzerfahrungen reflektieren.

Im Kapitel „Die deutschen Verhältnisse: Zwischen Rechtspopulismus und Willkommenskultur“ schreiben der Soziologe und Gruppenanalytiker Rolf Haubl sowie der Psychoanalytiker Rolf-Peter Warsitz über den Umgang mit Feindbildern sowie über „Fremde sind wir uns selbst“.

Haubl analysiert den Umgang mit Fremdheit. Spaltungsprozesse können aus „dem Fremden“ den zu vernichtenden Feind machen. Facebook als virtueller Raum erweist sich für einen Teil der Gesellschaft als wirkmächtige Hassmaschine, in der man sich seine eigene Welt zusammen setzt. „Hass-Sprache“ sei „arm an kognitivem Gehalt.“ (S. 24) Dem müsse der Prozess des wechselseitigen Vertrauens entgegengesetzt werden.

Lesenswert ist Heinz Budes Beitrag „Pegida, die Gesellschaft der Angst und der Protestbegriff des Volkes.“ Er erinnert an die von SPD-Kanzler Schröder in Gang gesetzte Steigerung der Konkurrenzfähigkeit, die zu massiven ökonomischen Gewinnen, aber auch zu noch massiveren Ausgrenzungs- und Entwertungsprozessen geführt habe. „Das ist ein fast existentieller Neid auf andere, die zu Fremden gemacht werden.“ (S. 65). Hieraus erwachse das Programm der autoritären Rebellion: „Sich gemeinsam stark machen gegen die Mächtigen, um eine neue Macht zu schaffen.“ (S. 65). Bude empfiehlt Solidarität und die Bereitschaft, Ängste auszuhalten.

Lesenswert ist der Beitrag des Literaturwissenschaftlers Heinrich Detering, u.a. Herausgeber der Werke Hans Keilsons. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht analysiert er das Vokabular der Rechten, etwa Gaulands geschichtsrevisionistisches Gerede vom „Vogelschiss“ – also die faktische Leugnung des fabrikmäßig organisierten Massenmordes an den Juden durch Deutsche sowie rechtsradikal-völkische Begriffe wie „Umvolkung“, „Systempresse“ und „Systemparteien“. Das Vokabular sei  bereits in der Nazizeit ein Kampfbegriff gewesen.

Detering erinnert an Thomas Manns antifaschistischen Brief, als Reaktion auf die Aberkennung seiner Doktorwürde durch die Universität Bonn im Jahr 1936: „Sie haben die unglaubwürdige Kühnheit, sich mit Deutschland zu verwechseln! Wo doch vielleicht der Augenblick nicht fern ist, da dem deutschen Volk alles daran gelegen sein wird, nicht mit ihnen verwechselt zu werden.“ (S. 96) Thomas Manns hellsichtiges Verdikt könne vollumfänglich auf Gauland, Weidel, Höcke und Storch angewendet werden. Er zitiert weitere AfD-Statements und stellt fest, dies sei „der schlecht verkleidete Jargon von Gangstern.“ (S. 98)

Wirth schlägt in seinem Beitrag einen Bogen von Mitscherlichs „Unfähigkeit zu trauern“ hin zur gegenwärtigen „Willkommenskultur“. Diese habe sowohl Bewunderung und Anerkennung ausgelöst als auch „Spott, Verachtung und Vorwürfe“ (S. 127). Wirth erinnert an das Trauma des 2. Weltkrieges als auch an die verschiedenen Stationen der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit: Horst-Eberhard Richters Studien über die NS-Verstrickung der Medizin, die Diskurse über „lebensunwertes Leben“ und das Wieder-Erinnern an Kriegskindheiten während des 2. Weltkrieges. Scham und Schuld seien notwendige Affekte, die die Chance einer kulturellen Weiterentwicklung böten.

Ein Verständnis des Antisemitismus ermöglicht der autobiografisch getönte Beitrag der Psychoanalytikerin Anna Leszcynska-Koenen. Der islamistische Anschlag auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt habe ihre inneren Überzeugungen und Hoffnungen zutiefst erschüttert. Danach sei ihr ihr eigener Fortschrittsoptimismus naiv erschienen. Ausstoßung erlebte sie als Jüdin immer wieder. Psychoanalytiker wie Sandor Ferenczi, mit ungarischem Hintergrund, schrieb 1919 an Freud: „Aus der Illusion, in der wir erzogen wurden, dass wir nämlich Ungarn „jüdischer Konfession“ sind, wird man uns, glaube ich, in kürzester Zeit kuriert haben.“ (S. 170) Das Vertrauen auf die „Toleranz“ der christlichen Mehrheitsgesellschaft ist für Juden immer problematisch, von Misstrauen geprägt. Die Suche nach „Inseln der Vertrautheit in der Fremde“ (S. 175) bleibe für Juden wie Migranten ein wichtiger Schritt des Ankommens und des „neu Beheimatens“.

Rolf Haubl, Hans-Jürgen Wirth (Hg.) (2019): Grenzerfahrungen. Migration, Flucht, Vertreibung und die deutschen Verhältnisse. Gießen: Psychosozial Verlag, 338 S., 32,90 Euro, Bestellen?

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