Kreuzritter der weißen Utopie

Am Sonntag, den 16. Februar, just in der Stunde, in der Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán seine Rede zur Lage der Nation 2020 hielt und in der er wieder einmal seiner antiziganistischen und antisemitischen Hetze freien Lauf ließ, hielt die rechte Partei „Unsere Heimat“ (Mi Hazank) im Dorf Sály in Ostungarn einen antiziganistisch-rassistischen Aufmarsch ab. Sie marschiert immer wieder überall im Lande gegen den „Zigeunerterror“ und für ein „weißes Ungarn“ auf…

Von Magdalena Marsovszky

Es muss gleich vorangestellt werden, dass beim Aufmarsch in Sály zum Glück niemand zu Schaden kam, doch die Lage war äußerst angespannt. Vorausgegangen war der Mord eines dorfansässigen Rom an einer Nicht-Romni, doch für die Tat wurde in antiziganistischer Manier gleich die gesamte Roma-Community des Dorfes verantwortlich gemacht.

Eine Solidaritätskundgebung von Roma-Bürgerrechtsorganisationen wurde von den Behörden nicht genehmigt, um „nicht zu provozieren“, was zeigt, dass gerade die Behörden den Diskriminierten die Teilhabe im Sinne eines umfassenden Rechts auf Partizipation verwehren.

So gingen nur die dorfansässigen Romnja und Roma vor ihre Häuser und standen über fünf Stunden in der Kälte, um sich und ihre Familien notfalls zu verteidigen, während sie aus unmittelbarer Nähe tatenlos zuschauen mussten, wie die Menschfeinde gegen die „Zigeunerkriminalität“ aufmarschieren.

Die Bilder des Pogroms in der Kleinstadt Devecser waren ihnen allen noch im Gedächtnis, und sie befürchteten, dass sie auch diesmal keinen Polizeischutz bekommen. Ihre Befürchtung ist begründet, denn die antiziganistische Menschenfeindlichkeit ist in Ungarn zu 86% in der Bevölkerung verbreitet. Das Dorf wurde weitgehend abgeriegelt, nur die fünfhundert Mitglieder des Freikorps von „Mi Hazank“ durften hinein.

Menschenrechtsorganisationen warnen immer wieder vor offener Gewalt, doch die Situation bleibt permanent angespannt, vor allem auch deshalb, weil sie von der Regierung mit ihrer Hetze immer wieder aufs Neue angefeuert wird. Mitglieder der Regierung, oder regierungsnahe Medien sind hierbei die geistigen Brandstifter, und weil den Rechten die Konsequenzen aus der Hetze nicht schnell genug in die Tat umgesetzt werden, rufen sie zur Selbstjustiz auf.

Die Hintergrundideologie ist dabei sowohl bei der Regierung als auch bei den oppositionellen Gruppen „am rechten Rand“ die gleiche Verschwörungstheorie.

Hinzugefügt werden muss, dass Menschenfeindlichkeit und Verschwörungstheorien auch bei der sich als demokratisch einschätzenden Opposition äußerst verbreitet sind, deshalb ist eine Menschenrechts orientierte Gegenbewegung nicht wirklich möglich. Die Regierung wird sowohl von links als auch von rechts mit Korruptionsvorwürfen opponiert und nicht mit der Forderung nach den universalen Menschenrechten. Ihre Ideologie wird als Manipulation von breiten Volksmassen mit dem Ziel der des Machterhalts und der eigenen Bereicherung verstanden und der Rassismus als Mittel zu diesem Zweck. Wohl deshalb ist es möglich, dass auf lokaler Ebene immer öfters Wahlbündnisse gegen die „Fidesz-Oligarchen“, Marionetten des „raffenden Kapitals“ geschlossen werden, um diese „Maffiaregierung“, versehen mit dem dehumanisierenden Metapher der „Krake“, zu verjagen. Die materialistisch fundierte Theorie, ein Erbe aus dem Realsozialismus, blendet die Tendenz des Rückfalls der Aufklärung in Mythologie als Triebkraft der gegenmodernen Fundamentalismen aus.

Nimmt man aber gerade diese Dialektik der Aufklärung als Grundlage der Analyse, ergeben sich nicht nur ideologische Gemeinsamkeiten zwischen der Regierung Ungarns und den Gruppen am rechten Rand, sondern auch ideologische Gemeinsamkeiten zwischen den ungarischen und den anderen gegenmodernen Demokratiegegnern.

Was ist also die Partei „Unsere Heimat“ (Mi Hazánk) und was will sie? „Unsere Heimat“ (Mi Hazánk) ist eine neue Partei, hervorgegangen aus der gleichnamigen Bewegung und gegründet 2018 mit dem Versprechen, aus Ungarn eine „weiße Insel“ zu machen. Sie entstand aus dem militanten Rechtsflügel der eh schon rechtsradikalen Partei Jobbik (gegründet 2003 auf Initiative der Fidesz-Partei). Parteivorsitzender ist László Toroczkai, zugleich Bürgermeister der südungarischen Gemeinde Ásotthalom, die nur einige Hundert Meter von der serbischen Grenze entfernt liegt. Ásotthalom wurde berühmt, als 2015 Tausende von Flüchtenden von Serbien her Ungarn betraten, um dann über Ásotthalom in Richtung Budapest weiterzuziehen.

Toroczkai ist mit seiner Xenophobie, seinem Antisemitismus und Antiziganismus den Kennern der Szene schon lange bekannt. Seinen Erfolg als Bürgermeister verdankt er nicht nur den Wählerinnen und Wählern, sondern auch der Regierung, die in den „öffentlich-rechtlich“ genannten national gesinnten Medien ähnlich xenophobe, antisemitische und antiziganistische  Propaganda schalten lässt. Das wahnhafte Phantasma mit seiner entstellten Wirklichkeit ist in Ungarn längst zur Norm geworden, so dass der Einzelne seine Devianz nicht nur durch die Regierung, sondern auch durch das völkische Kollektiv rückbestätigt bekommen kann.

Das Ziel der bis jetzt kleinen Partei ist ein „weißes“ Ungarn und eine völkisch-ethnische Homogenität. Diese Zielvorstellung deckt sich mit der von Jobbik und der Regierung. Auch Ministerpräsident Orbán spricht immer wieder von einem homogenen Volkstum und von einer Blutsgemeinschaft, („Egy vérböl valók vagyunk“/ „Wir sind aus dem gleichen Blut“). Der Glaube an den „blutmäßigen Zusammenhalt“ der Magyaren ist auch allgemein so verbreitet, dass ein Song mit dem Refrain „Wir sind aus dem gleichen Blut“ allmählich zur neuen alternativen Nationalhymne mutiert, inzwischen zur schulischen Ausbildung gehört,  auf der Neujahrsgala aufgeführt wird oder, wie neulich, in einem Stadion von fast siebzig Tausend begeisterten Gästen, den Ministerpräsidenten inbegriffen, stehend mitgesungen wird.

Wenn wir uns also den Hintergrund der kleinen Partei „Unsere Heimat“ anschauen, müssen wir vor Augen halten, dass es sich bei ihr nicht um den rechten Rand der Gesellschaft handelt, sondern, dass sie die Manifestation einer weit verbreiteten Ideologie ist, deren Grundlagen sogar im gegenwärtigen Grundgesetz, seit 01.01.2012 in Kraft, niedergelegt sind.

Selbstverständlicher Teil der vorgestellten völkischen Homogenität ist die permanente Schikane von Romnja und Roma, des vermeintlichen Störfaktors der weißen Utopie. Dazu werden die Roma-Communities bedroht und terrorisiert, und deren Leben wird zur Hölle gemacht, in der Hoffnung dass sie so oder so verschwinden. Angefeuert wird der antiziganistische Rassismus auch hierbei durch die Orbán-Regierung, die selbst eine vom Obersten Gericht (Kúria) beschlossene Entschädigung wegen der Segregation von Grundschüler_innen in Gyöngyöspata vor einigen Jahren anfechten will.

Andererseits vermittelt die Partei „Unsere Heimat“ seit 2017 – anfänglich noch als Bewegung – im Kreise von „weißen“ Ausländern billige Immobilien in der Gegend um Ásotthalom, und auch Ministerpräsident Orbán erwähnt immer wieder, dass  Ungarn für „wahre Flüchtlinge“, also für Bürger_innen westlicher Länder, die vor Liberalismus und Gottlosigkeit fliehen müssen, immer offen sei.

Dieses paranoide System von Wahnvorstellungen, in dem Geflüchtete als „organisierte Invasion“ im Interesse eines „großen Austausches“, herbeigeführt von der „globalen Soros-Weltmacht“ halluziniert werden, vor dem auch Viktor Orbán warnt, führt zum Versuch, mit der Zielutopie „Roma raus, Weiße rein“ vorsorglich schon mal selbst einem Bevölkerungsaustausch auf die Sprünge zu helfen.

Die Methode dabei erfolgt nach einem alten Muster, das zeigt, dass die Praxis der Idee der „weißen Utopie“ der Terror selbst ist.

Die Partei „Unsere Heimat“ ist nämlich international vernetzt und steht in regem Kontakt mit den so genannten „Kreuzrittern“, auf die sich schon die Attentäter Andreas Breivik in Norwegen, oder auch der Christchurch-Attentäter, Brenton Tarrant beriefen. Und der Attentäter von Halle berief sich wiederum auf Breivik.

Unter „Kreuzrittern“ gemeint ist die „Knights Templar International“ (https://www.knightstemplarorder.com/), die „weiß-internationale“ Organisation, deren Logo das bekannte „Templerkreuz“ ist.

Auch bei einer anderen rechtsextremen Gruppe aus dem unmittelbaren Umfeld von „Mi Hazánk“ können wir eine etwas abgewandelte Form dieses Kreuzes finden, nämlich bei der HVIM (Hatvannégy Vármegye Ifjúsági Mozgalom/ Jugendbewegung Vierundsechzig Landesbezirke), gegründet 2001, die eng mit der Bewegung und Partei Jobbik und „Unsere Heimat“ zusammenarbeitet. Mitten auf dem Kreuz sehen wir das Zeichen „Ohm“ für Widerstand und darin das so genannte Stephanskreuz, mit den zwei Querbalken eine magyarisierte Form des christlichen Kreuzes.

(c) Szabi237, Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Die Zusammenarbeit zwischen den ungarischen Rechten und dem Tempelorden begann 2015. So war z.B. der ehemalige EU Parlamentarier, Nick Griffin, Anführer des Tempelordens, auch in Ásotthalom, und der Tempelorden bietet auch eine wichtige Plattform den ungarischen Rechten. Umgekehrt meldet sich Bürgermeister Toroczkai gerne mit dem Logo des Tempelordens zurück.

Fahnen, die ein solches Kreuz der „weißen Utopie“ darstellen, tauchen des Öfteren bei Demonstrationen auf, so in Dresden am 08.12.2019, bei einer Pegida-Demostration, oder bei selbsternannten „Grenzschützern“ nahe der bulgarischen Grenze (zusammen mit Nick Griffin und James Dowson von „Knight Templar“).

Auch der Ordensmantel trägt das Kreuz. Auf dem Bild sieht man neben Griffin das ungarische Mitglied des Ordens, den Literaturhistoriker Dr. Imre Téglásy:

Quelle: https://youtu.be/Lax9RP4JRQM

Mitglieder der Bewegung „Unsere Heimat“ (links: Elöd Novák, am Mikrofon Imre Téglásy, am Kreuztransparent rechts die Schwester des rechten Anführers der Krawallen 2006, György Budaházy, Edda, links deren Mutter) demonstrierten am 04. 03. 2016 in Wien gegen Merkels Einwanderungspolitik ebenfalls mit einem Transparent, auf dem das „Templerkreuz“ steht.

Quelle: https://megegymagyart.com/magyarok-eletvedo-tuntetese-becsben/ (Screenshot, Film inzwischen von Youtube gelöscht).

Bezug zur Rassentheorie

In Reportagen wird vielfach die Frage gestellt, wie dieses Kreuz und die permanente Betonung von christlichen Werten mit Gewalt und Terror zu verknüpfen seien. Meistens wird auf die Geschichte des Templerordens im Mittelalter, gegründet im 12. Jahrhundert, verwiesen, dabei aber betont, dass der heutige Orden keinen Bezug zu einer christlichen Kirche hätte.

Nicht beachtet wird in den Beiträgen, dass es nach dem Vorbild des mittelalterlichen Ordens auch einen so genannten Neutempler-Orden (Ordo Novi Templi, ONT) als Restauration des alten Ordens der „Tempelritter“ gab, 1900 vom Rassenmystiker Jörg Lanz von Liebenfels in Wien für einen neuen Kreuzzug ins Leben gerufen.

Wegen seiner jüdischen Vorfahren mütterlicherseits „arisierte“ sich Lanz selbst 1902, indem er sich eine neue Identität zulegte, deshalb trug er fortan den Titel eines angeblich alten schwäbischen Adelsgeschlechts.

In seinen Publikationen vermischten sich der arische Rassismus, die christliche Gnostik und die Theosophie miteinander. Stark beeinflusst von früheren Rassenmystikern ging er ebenfalls von der Existenz der höherwertigen „Arier“ und der minderwertigen „Entarteten“ aus (letztere nannte er Tschandala [aus ind. Chandala – Rasse der Ausgestoßenen, diejenigen, die außerhalb der Kasten stehen]), und meinte, dass der Mensch zwar ursprünglich eine „arisch“-göttliche Natur gehabt hätte, durch die Rassenmischung seien aber Niederrassige entstanden. Daher strebte er die „Rassen-Entmischung“ an.

Während das passive „Aussterben-Lassen“ der Tschandala – also ohne aktives Zutun – schon früher von anderen vorgeschlagen worden war, erschien bei Lanz das erste Mal die Eugenik als aktives menschliches Eingreifen in die Evolution zur „Rassenhygiene“ als Option. Er hatte die Idee, die „Entarteten“ als Gottesopfer zu verbrennen.

Dieser „heiligen Vernichtung“ stand bei Lanz der Wunsch nach einer „sakralen Vermehrung“ gegenüber. Sein Hauptziel war dabei die Reinhaltung der Rasse, um das „göttliche Erbe“ zu bewahren, weshalb er eine gezielte „Menschenhochzüchtung“, d.h. die „Rückzüchtung“ der europäischen Helden- und Edelrasse propagierte.

Dieses vermeintlich göttliche Erbe wurde durch seine völkisch-religiöse Rassenkultgemeinschaft ONT vertreten, in deren Praxis Elemente der mittelalterlichen Mystik, mit mythischen, esoterischen und okkulten Elementen, mit der völkischen Rassenlehre miteinander verbunden waren.

Lanz gründete – als Dependenzen des Neutemplerordens – so genannte Rassenveredelungs-Klöster. Mit deren Hilfe wollte er die Rassenurreligion wieder beleben und eine „sakrale Menschen-Reinzucht“ betreiben, um der „blonden Rasse“ der „Arioheroiker“ zum Sieg über das „Tschandalentum“ genannten „dunklen“ Rassen,  zu verhelfen. Von Ordensmitgliedern wurde erwartet, sich um die Anwerbung geeigneter Novizen zu kümmern und nur rassenreine Ehen zu schließen. Wohlhabende Brüder wurden ermutigt, neue Häuser für den Neutempler-Orden an ausgewählten Orten zu gründen, die dann als „ario-christliche“ Zentren und rassische Idealanstalten fungieren sollten. In diesen Zentren sollten sich unter der Aufsicht von besonders „reinblütigen“ Priestern arische Frauen mit arischen Männern vereinen können. Nach der Vorstellung der so genannten „Blutleuchte“ wurde angenommen, dass die kosmische, (arisch-)metaphysische Seelensubstanz eines Menschen am besonders leuchtenden Blut messbar und erkennbar sei.

Illustration aus der Ostara. Quelle: GOODRICK-CLARKE: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, a.a.O., 56.

Lanz gab seit 1906 in Wien das ario-germanische Esoterik-Blatt namens „Ostara“ heraus, das auch den jungen Hitler inspirierte. Im „Manifest“ der Zeitschrift stand, dass „Ostara“ die europäische „Edelrasse“ durch „Reinzucht“ vor dem Untergang bewahren möchte. Diese „Edelrasse“ war für ihn blond, er betrachtete das Christentum als Religion der Arier, das heißt, als die der Blonden. Er forderte eine vom Vatikan unabhängige „einige, ungeteilte, romfreie Volkskirche“ als „arische Rassenbewegung“. 

Die neuen Tempelritter oder Kreuzritter wurden diejenigen, die für das „reine arische Blut“  der „heldischen Rasse“ und gegen die „Entarteten“, die „tschandalischen Mischlingen und die Niederrassen“ kämpften.

Vor und während des Ersten Weltkriegs, wurde Lanz Einfluss allmählich größer. Nach dem Ersten Weltkrieg weitete er seinen Wirkungskreis über die Grenzen Österreichs aus, einerseits in Richtung Deutschland. So stand er in den 1920er Jahren im engen Kontakt mit Karl Maria Wiligut, dem wichtigsten Berater des Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, dessen Ansichten hinsichtlich der „Rassenhygiene“ stark von Lanz beeinflusst wurden.

Andererseits gehörte auch Ungarn zu Lanz’ Wirkungskreis. 1918 zog er für die nächsten fünfzehn Jahre von Österreich nach Ungarn, das ihm wegen seiner politischen Ansichten in jenen Jahren als sicheres Domizil erschien und fand in völkischen Kreisen Anschluss. Er trat in die radikale Organisation „Ébredö Magyarok“ (Erwachende Magyaren) ein, die sich als die Hauptvollstreckerin des Weißen Terrors gegen die „judäobolschewistische“ Revolution 1919 betrachtete.

Typisch für Lanzens Antisemitismus war es, dass er einerseits die jüdische Glaubensgemeinschaft in Schutz nahm, andererseits zählte er die vielen Millionen assimilierten Jüdinnen und Juden, die sich taufen ließen, zur Tschandala, die gegen das Volkstum agiere.

1927 gründete er am Nordufer des Plattensees das ungarische Zentrum des in Österreich inzwischen im Untergrund tätigen Neutempler-Ordens.

Als Lanz 1933 Ungarn verließ, waren seine Lehren schon verbreitet und lebten auch ohne ihn weiter. Seine Anhänger errichteten 1937 im Pilis-Gebirge nördlich von Budapest ein neues spirituelles Zentrum ein und setzten seine Tradition von dort aus fort.

Dies geschah im Zeichen des zwischen den beiden Weltkriegen Europa weit aufkommenden „Pan-Arismus“, in dem sich eine Vielzahl völkischer Verbände und arisch-christlicher Gemeinschaften, insbesondere in Deutschland, England, Frankreich, Ungarn, Rumänien, Norwegen und der Schweiz mit dem Wiener Kreis der „Ostara“ zusammenschlossen, um den panarischen Weltbund zu gründen.

Die Tradition der Tempelritter wurde in Ungarn nach der Wende ab etwa 1998 erneut intensiviert. Auch das Pilis-Gebirge gilt bis heute als heiliges spirituelles Zentrum Ungarns, ja als „Chakra der Erde“ schlechthin.

Selbst wenn der Name Lanz von Liebenfels nicht vielen geläufig ist, sind seine Gedanken im kulturellen Gedächtnis der rechten Gruppen und in dem der ungarischen Regierung nach wie vor präsent. Auch die Regierung betont einerseits den Schutz der jüdischen Glaubensgemeinschaft, schließt aber andererseits Millionen aus der Volksgemeinschaft, von denen behauptet wird, dass sie gegen das Volkstum agierten.

Regierung und Rechte sehen sich als Teil einer großen Bewegung und verfolgen die weiße Utopie mit missionarischem Eifer. Es ist kein Zufall, dass regierungsnahe Medien auch den Papst angreifen und die Regierung Kirchengemeinden, die unter Christlichkeit im universalistischen Sinne die Nächstenliebe und die Gnade verstehen, den Kirchenstatus entzieht. Sagen sie „christlich“, meinen sie „ariochristlich“.

Dass sich diese Ideologie als weiße Utopie vor allem gegen  Romnja und Roma richtet, die in dieser Sicht keine Lebensberechtigung hätten, belegt ein Zitat eines Autors, der offizieller Ideologe der Regierung Ungarns ist und dessen Schriften auch in anderen Kreisen heißbegehrt untereinander weitergegeben werden. Es geht um den 1968 verstorbenen Autor, Béla Hamvas, der ebenfalls von der Existenz von Ariern auf der einen und von den für die Allgemeinheit nicht brauchbaren „niederen Menschen“ und „Überresten“ (Tschandalen) auf der anderen Seite ausging.

Das, was er 1936 über „die Zigeuner“ schrieb, unterstützt die Regierung und andere rechte Gruppen in ihrer antiziganistischen Haltung:

Die Zigeunermusik … haftet … in irgend einer Weise parasitär an der Tradition der Gefühle. … So wie sich im Leben der Gemeinschaften in untergehenden Epochen außerhalb und unterhalb des Kastensystems die Ausgestoßenen der Gesellschaft versammeln, so wird diese schwarze Kunst, die das Exkrement der wahren ist, ausgeschwemmt.

Das Zigeunertum ist zum großen Teil eine Tschandala, das heißt ein Abschaum außerhalb der Kastensystems, und die Musik, die es macht, ist nichts als Abfall, der mit der echten Musik des Volkes nichts gemein hat.

 

Zwischen Juli 2008 und August 2009 wurde eine der schwersten rassistischen Mordserien  der Nachkriegsgeschichte Ungarns verübt. Dabei wurden sechs  Romnja und Roma getötet und weitere fünf verletzt. Den Opfern der rassistischen Mordserie wird seit einigen Jahren am 23. Februar gedacht. Diese Arbeit wird ihnen gewidmet.

Magdalena Marsovszky ist Kulturwissenschaftlerin und Lehrbeauftragte der Hochschule Fulda/ University of Applied Sciences.

Bild oben: Screenshot Youtube

Kommentar verfassen