Berlin: Pfarrer kritisiert Evangelikale für Umgang mit Israel

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Einen undifferenzierten Umgang mit dem Staat Israel sieht der Landespfarrer für interreligiösen Dialog der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), Andreas Goetze, bei den Evangelikalen…

Anna Lutz, Israelnetz

Im evangelikalen Raum herrsche eine verklärte Sicht auf Israel als heiliges Land, sagte Goetze in der Berliner Urania, bei einem Vortrag zum Thema Antisemitismus. Evangelikale hätten kein Bewusstsein für das, was dort vor Ort passiere, noch dafür, was reales Judentum in seiner Vielfalt ausmache. Konkret kritisierte Goetze einen christlichen Zionismus bei Gläubigen aus den USA, Großbritannien und Deutschland. So unterstütze etwa die „Internationale Christliche Botschaft Jerusalem“ den Siedlungsbau politisch und finanziell. Goetze sprach von „Fundamentalisten, die nicht mit Waffen kommen, sondern mit Aktenkoffern voller Geld”. Solche Gruppen seien gefährdend für die Christen vor Ort, weil sie von den Muslimen als feindlich betrachtet würden.

Antisemitismus beginne dann, wenn die jüdische Geschichte ausgeblendet werde, etwa die Verfolgungssituation. Zeichen für Antisemitismus seien eine Dämonisierung der Juden, das „Messen mit zweierlei Maß” und die Delegitimierung: „Kritik am Staat Israel ist möglich, aber er wird antisemitisch, wenn er das Existenzrecht des Staates angreift.” In diesem Zusammenhang kam Goetze auch auf das Gedicht des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass „Was gesagt werden muss” zu sprechen: „Wenn er davon schreibt, dass Israel das iranische Volk auslöschen könnte, dann ist das ein Spiel mit dem Klischee”, sagte Goetze, und weiter: „Das ist noch nicht Antisemitismus pur, aber heikel.”

Mit Blick auf die Geschichte des Antisemitismus erklärte der Pfarrer, die Juden seien im Laufe der Zeit „zur Metapher des Bösen” geworden. „Dass wir das nicht ganz überwunden haben, hat nicht nur die Beschneidungsdebatte gezeigt”, führte er aus. Auch die Angst vor dem Islam und dem Verlust der deutschen Leitkultur habe ähnliche Züge. „Der Antisemitismus war nach 1945 nicht einfach verschwunden”, sagte er. Lediglich die judenfeindliche Staatsdoktrin sei abgeschafft worden. Was sich in den Köpfen der Deutschen abgespielt habe, sei eine andere Frage. Goetze glaubt, Mechanismen zu erkennen, die sich im kollektiven Gedächtnis eingeprägt haben und heute im Zusammenhang mit dem Islam wieder auftauchen.

Zu den Zuständen im Nahen Osten erklärte er, das Verhältnis der Muslime zur nichtmuslimischen Welt sei immer pragmatisch gewesen. Antisemitismus im Sinne einer rassistisch begründeten Ablehnung der Juden gebe es dort eigentlich nicht. Erst die christlichen Kirchen hätten den europäischen Antisemitismus in den Nahen Osten gebracht. Der Antisemitismus sei in den Nahen Osten geschwappt und habe sich dort mit einschlägigen Koranzitaten verbunden, in denen Juden als Affen bezeichnet würden.

Von: al © Israelnetz

6 Kommentare

  1. Zitat:

    Mit Blick auf die Geschichte des Antisemitismus erklärte der Pfarrer, die Juden seien im Laufe der Zeit „zur Metapher des Bösen” geworden“

    Was für ein seltsamer Satz. Sie sind es nicht einfach, quasi schicksalshaft „geworden“. Sie wurden dazu gemacht. Leider auch von maßgeblichen Christen ab dem 2. Jahrhundert n.Chr. Seither verseucht diese „Ersatztheologie“ das christliche Denken. Es wird Zeit, dass Christen die ganze Bibel wieder Ernst nehmen, nicht bloß das NT. Wir sollten uns daran erinnern, dass die Bibel, die Jesus hatte und aus der er ständig zitierte, das war, was wir heute „Altes Testament“ nennen. Und was das NT anbelangt, so kann ich nicht wirklich nachvollziehen, wie daraus ein Antijudaismus abgeleitet werden kann. Da muss man schon sehr an der Textverdrehungsmaschine schrauben….

    Aber zum Glück wurde der Siedlungsbau thematisiert. Dann ist ja alles politisch korrekt.

  2. Jakobo, Ihre Einschätzung zu Antisemitismus im moslemischen Kontexten teile ich. Ihre Einschätzung der proisraelischen Evangelikalen nicht. Zum Einen-sie kommen dort hin und missionieren mit ihrem Wahrheitsanspruch und viel Geld, weil sie bei Juden und Moslems nicht recht landen können, andere einheimische Christen zu ihrem wahren Glauben-mit Dollar und Bibel. Das schwächt und ärgert und verletzt dort die ja z.T. sehr alten, immer schon dagewesenen Kirchen der Orthodoxie, der Monophysiten etc. Welch eine Arroganz: irgendwelche Milchbubis aus Michigan wollen einer Kirche, die da schon nahezu 2000 Jahre sitzt, betet, das Erbe Christi pflegt, den wahren Glauben bringen. Dann-und das dürfte einen Juden mehr interessieren, sind diese Leute natürlich nicht pro Israel. Israel, die Sammlung der Juden um den Zion ist für sie nur Teil einer Geschichtstheologie, deren Schritte sind: Juden um Zion sammeln, der letzte Kampf von Harmageddon, der Satan (Muslime und andere Feinde des Herrn) werden vernichtet, der Herr Jesus erscheint sichtbar als Feldherr, die Juden bekehren sich, das Reich Gottes bricht an. Darum geht es. Urteilen Sie selbst, ob das pro Israel ist .

    • Hallo C Fried:
      ich wuerde ihre kritik an den evangelikalen nicht widersprechen.

      die frage ist ja viel mehr was das mit dem thema des
      vortrags zu tun hat, das kam mir zumindest an dem text oben
      nicht verstaendlich vor. und was da fuer mich uebrig bleibt
      ist eben, wie ich oben beschrieben habe, sie werden in einem
      linken, pro-arabischen forum keinen aehnlichen aufruf zu einer
      diferenzierten sichtweise finden.

      J

    • Hallo Rika,
      ich teile nicht ganz deine meinung.

      zum beispiel:
      „Konkret kritisierte Goetze einen christlichen Zionismus bei Gläubigen aus den USA, Großbritannien und Deutschland. “

      mich aergert sowas weil ich noch nie gehoert habe, dass von
      linken pro-palestina eine differenzierte sichtweise
      eingefordert wurde. solche forderungen kommen dann entweder
      von aussen, oder wie meistens gar nicht. selbstkritik gibt
      es da nicht oder wenig.

      einen vortrag zu antisemitismus zu machen und ausgerechnet
      die solidaritaet von einigen zu israel zu kritisieren ist
      etwas seltsam, meinst du nicht?

      dann schreibt er weiter:
      „Antisemitismus im Sinne einer rassistisch begründeten Ablehnung der Juden gebe es dort eigentlich nicht.“

      ich denke, dass er hier die moslems und die araber seiner
      seits sehr idealisiert. in europa hat der antisemitismus
      einen spirituellen ursprung, den antijudaismus. den gibt
      es so im mulimischen raum nicht, das ist richtig. aber es
      gibt dort sehr wohl antisemitismus und dort ist er eher mit
      dem allgemeinen rassismus und fremndenfeindlichkeit
      vergleichbar. genauso wie es feindlichkeiten gegen bahai,
      alewiten, christen oder sonstige minderheiten gibt.

      J

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