Deutsche und osteuropäische Juden in Augsburg 1945-50

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„Eine Zusammenarbeit mit unseren Glaubensbrüdern aus dem Osten war praktisch unmöglich“…

Von Jim G. Tobias

Den Tag der Befreiung vom nationalsozialistischen Terror konnten nur noch einige Dutzend alteingesessene Augsburger Juden feiern. Sie hatten das NS-Regime in Mischehen oder im Untergrund überlebt. Zudem kehrten im Mai 1945 noch deutsche Juden aus dem Ghetto Theresienstadt in ihre Heimatstadt zurück. Unter der Leitung von Hugo Schwarz schlossen sich diese Personen zu einer „Jüdischen Vereinigung“ zusammen, aus der sich im Frühjahr 1946 die, von den Behörden offiziell anerkannte, Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Augsburg konstituierte. Gleichzeitig hatten sich kurz nach Kriegsende jüdische Displaced Persons (DPs) in der Stadt angesiedelt. Diese Gruppe bestand aus ehemaligen Häftlingen der Arbeits- und Konzentrationslager. Rasch gründeten diese Personen ein eigenes „Jüdisches Komitee“, einen Ortsverband des „Zentralkomitees der befreiten Juden“, der schon im Dezember 1945 rund 70 Mitglieder zählte.

Aufgrund von Pogromen in Osteuropa flüchteten im Laufe des Jahres 1946 zehntausende von zumeist polnischen Juden in die US-Besatzungszone. Dort hatten die Amerikaner spezielle Auffanglager für die Shoa-Überlebenden errichtet. Da die Sammelunterkünfte nicht ausreichten, wurden außerdem in vielen Städten Wohnungen oder Häuser beschlagnahmt und den jüdischen Flüchtlingen zur Nutzung überlassen. In Augsburg verzeichnen die Statistiken im September 1946 über 350 osteuropäische Juden. Ihr soziales und administratives Zentrum war die Synagoge mit ihren großzügigen Nebengebäuden in der Halderstraße.

Nun bestanden in der Schwabenmetropole bis Ende der 1940er Jahre zwei jüdische Gemeinschaften. Dabei führten die unterschiedlichen Mentalitäten und religiösen Traditionen zwischen den Vereinigungen zu zahlreichen Auseinandersetzungen, die sich letztlich auf die althergebrachten Abneigungen der deutschen Juden gegen ihre Glaubensbrüder aus Osteuropa gründeten. Obwohl beide Gruppen die Räume im Komplex an der Halderstraße nutzten, ging man getrennte Wege. Die Vertreter der deutschen Juden versuchten alles, um die Konkurrenz aus dem Osten in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen und schreckten auch nicht vor offensichtlich böswilligen Verleumdungen zurück, indem sie die osteuropäischen Juden durchwegs als kriminelle Schwarzhändler bezeichneten. In einem Brief beschwerte sich der IKG-Vorsitzende Hugo Schwarz: „Sie werden es schwerlich glauben, dass sie sogar Schweine zerteilen und die Stücke verkaufen.“ Zentrum des illegalen Handels und Ort der Fleischzerlegung soll die Koschere Küche gewesen sein, die von der orthodoxen Hilfsorganisation Vaad Hatzala in der Halderstraße eingerichtet worden war.


Rabbiner Burstin vom Vaad Hatzala besuchte die Koschere Küche in Augsburg, Repro: jgt-archiv

Über das Alltagsleben der osteuropäischen Juden in Augsburg ist bislang kaum etwas bekannt. In den einschlägigen Publikationen über die Nachkriegszeit findet man lediglich einige dürre Sätze über die Existenz einer zweiten Gemeinde, die bis zu ihrer Auflösung gegen Ende der 1940er Jahre – die meisten DPs wanderten nach Israel, die USA, Kanada oder Australien aus – das jüdische Leben in Augsburg dominierte. Neben der Koscheren Küche, die bis zu 300 Menschen verköstigen konnte, bestand auch eine Talmud-Thora-Schule. Hier vermittelten zwei Lehrkräfte zwölf Knaben das religiöse Basiswissen des Judentums. An einer eigenen Berufsschule konnten Jugendliche und Erwachsene sogar ein Handwerk erlernen. Die Freizeit verbrachten viele der DPs auf dem Fußballplatz. Ihre Unterstützung galt dem Verein von Bar Kochba Augsburg, der in der jüdischen Liga etwa gegen Makabi Starnberg, Hapoel München oder Ichud Landsberg um die Meisterschaft spielte.

Nahrungsmittel, Kleidung und alle anderen Gegenstände des täglichen Lebens erhielten die DPs von der UN-Hilfsorganisation UNRRA. Zusätzlich kümmerte sich das American Jewish Joint Distribution Committee um die jüdischen Displaced Persons. Diese Organisation, kurz Joint genannt, unterhielt in der Stadt sogar ein eigenes Büro, von wo aus nicht nur die Augsburger DPs, sondern auch die Bewohner der umliegenden Jewish Communities und Camps Unterstützung erhielten.

Am Anfang der 1950er Jahre wurde das Joint-Büro geschlossen, da sich kaum mehr jüdische DPs in der Region aufhielten. Über 50 Personen, die in Augsburg blieben, versuchten der örtlichen Israelitischen Kultusgemeinde beizutreten: vergeblich! Die deutschen Juden verweigerten ihnen den Zugang, da sie befürchteten von den Osteuropäern majorisiert zu werden. Erst nach schwierigen Verhandlungen gelang es den DPs schließlich, gleichberechtigte Mitglieder zu werden: nachdem ein deutschen Verwaltungsgericht dies angeordnet hatte.

Viele der deutschen Juden pflegten ihre Vorurteile gegen die osteuropäischen Glaubensgenossen jedoch weiterhin, wie eine zeitgenössische Studie belegt: „Die überwiegende Mehrheit der deutsch geborenen Interviewten gab immer wieder ihrer Ablehnung der Ostjuden Ausdruck, und zwar sowohl des gesellschaftlichen Verhaltens als auch der religiösen Gebräuche der Ostjuden.“ Ob diese intolerante Überzeugung auch in Augsburg vorherrschte, ist nicht überliefert. 1952 gelang es dem in Polen geborenen und lange Zeit im DP-Camp Landsberg lebenden Julius Spokojny in den Vorstand der IKG einzuziehen und 1963 sogar den Vorsitz der Gemeinde zu übernehmen.

Mehr über die jüdischen Displaced Persons in Bayerisch-Schwaben erfährt man in dem soeben erschienen Buch:
Peter Fassl, Markwart Herzog, Jim G.Tobias (Hg.), Nach der Shoa. Jüdische Displaced Persons in Bayerisch-Schwaben 1945-1951, Bestellen?