Attentat: Experten warnen vor Totschweigen

6
66

Medien sollten nicht aufhören, über das Attentat in Norwegen zu berichten, sondern lieber Islam und Islamfeindlichkeit neu diskutieren. Das betont der Medienpsychologe Peter Vitouch vom Institut für Publizistik der Universität Wien…

Medienforscher fordert Schritte in Richtung offene Gesellschaft

http://www.univie.ac.at/Publizistikpte – „Die deutschsprachigen Länder reagierten auf die Bluttat reflexartig mit einer Sicherheitsdebatte. Wie man in Norwegen sieht, besteht jedoch die Chance, den Prozess in Richtung offene Gesellschaft nun weiter zu verfolgen“, so der Experte im Gespräch mit pressetext.

Abseits von Tabus

Günstig wäre dies, da die bisherige Diskussion zu Integration vielerorts festgefahren scheint. „Lange Zeit gab es bloß feste Positionierungen mit moralischen Appellen auf der einen Seite, dass eine Multi-Kulti-Gesellschaft eben zu funktionieren hat, um negative Folgen zu verhindern. Von der anderen Seite wurden die auftretenden Probleme der Zuwanderung und Integration hingegen benutzt, um rechtspopulistische Ängste zu schüren. Beide Standpunkte sind jedoch miteinander unvereinbar“, betont Vitouch.

Gewaltverbrechen von Soziopathen wie nun in Norwegen könne man nie ganz verhindern, so Vitouch, und es gäbe auch keine Zauberstab-Lösung des Integrationsproblems. „Wir brauchen eine kontinuierliche, intellektuell-humanistische Diskussion. Es gibt Schwierigkeiten und Probleme der Akzeptanz, die man ansprechen muss. Beide Seiten müssen ihre Rechten und Pflichten kennen, Tabus und unter den Teppich kehren hilft hingegen nichts.“ Die Integrationspolitik sei am Zug, Rahmenbedingungen für einen derartigen Dialog zu erstellen.

Geiselhaft der Medien

Eindeutig fehl am Platz ist für Vitouch hingegen, der Person des Attentäters noch mehr Medieninteresse zu geben. „Die Medien sind in Geiselhaft, da sie aufgrund des enormen Interesses nicht schweigen können. Das Anliegen des Mörders, sein Gedankengut durch die Gewalttat populär zu machen, geht damit nur in Erfüllung. Davor sollte man sich aber hüten.“ Ähnliche Forderungen stellten gestern auch andere Psychologen.

Eindeutig geisteskrank

Ohnehin wäre es fatal, aus den Gedanken des Täters politische Botschaften zu lesen, betont auch Alfred Pritz, Direktor der Sigmund-Freud-Universität. Der Wiener Psychiater unterstützt die Meinung des Anwalts des Täters, dieser sei geisteskrank. „Die Freude beim Töten, die völlige Entmenschlichung sowie die Unfähigkeit zu Mitgefühl zeigen das eindeutig. Die wirre Welt, in der sich der Täter wähnte, gab es nur in seinem Kopf, und auch sein Handeln folgte keiner Logik.“ Die offene Diskussion sei bereits im Gange und sollte nicht von einem Massenmörder inspiriert werden, so Pritz im pressetext-Interview.

6 Kommentare

  1. Ich glaube es geht bei diesem „Reflex“ nicht um den Täter, es geht um die, die ihm die geistige Munition lieferten, und die Begründung zum Einsatz der scharfen Munition.
    Wenn er klar geisteskrank ist, hat niemand Verantwortung. Irre gibt es immer und es ist nicht nachvollzieh- oder nachverfolgbares dabei. 

  2. Ich glaube, Frau Chaval, dass Sie hier „Geisteskrank“ mit „verrückt/schuldunfähig/schwachsinnig“ gleichsetzen. Dies ist aber nicht der Fall.

    Geistesgestört = psychisch gestört

    .. Und das Feld der psychischen Störungen ist weit. Zu ihnen gehört zum Beispiel auch Bulimie und alle Arten der Phobien. Aber nur weil sich jemand nach dem Essen den Finger in den Hals steckt oder panische Angst vor Spinnen hat, muss er oder sie nicht schuldunfähig sein.

    Meiner Meinung nach ist jeder (Massen-)Mörder psychisch gestört. Ich finde, dass das allerdings eine akademische Diskussion ist, da es in meinen Augen völlig unerheblich ist, in was für einer geschlossenen Anstalt der jeweilige für lange, lange Zeit verbracht wird.

    Ich gebe Ihnen allerdings Recht, dass der Wiener mit seiner Meinung, dass mal aus der Tat keine politischen Botschaften ablesen kann, selber .. sagen wir mal .. irre geht.
    Und ja – ebenfalls ist es (nicht wirklich) erstaunlich, dass bei rechten Gewalttätern, nie die geistigen Brandstifter Mitschuld haben sondern immer nur der tatzeitige Geisteszustand (mit oder ohne Alkohol) die Ursache ist, während bei linken oder islamistischen Psychopaten sogar nicht nur einzelne geistige Brandstifter sondern natürlich gleich immer „die Linke“ bzw. „der Islam“ schuldig ist.



  3. Ich finde es erschütternd, mit welcher Leichtfertigkeit Psychiater oder Psychologen hier Ferndiagnosen stellen und mit welcher Leichtfertigkeit diese von der Presse übernommen werden. Ob der Täter “geisteskrank” in einem strafrechtlich relevanten Sinne ist, kann selbst der Direktor einer Siegmund-Freud-Universität von seinem Wiener Sessel aus nicht beurteilen.
     
    Doch, Rika Chaval, das kann er schon. Basis ist sein Wissen über die psychische Struktur des Menschen, sowie die Natur der psychoenergetischen Prozesse individuell als auch kollektiv. Insbesondere in Hinblick auf Empathiefähigkeit, aber auch Aggression bzw. menschliche Destruktivität, sowohl in deren unterschiedlichsten Latenzen und Ausforumgen als auch struktureller Bedingtheit innerhalb jeglicher Gesellschaft. Im Ãœbrigen gehört es zum Selbstverständnis dieser Wissenschaft, aufzuklären, zu beraten, hinzuweisen und nicht zuletzt auch zu warnen, was auch getan wird. Letzten Endes muss man gleichzeitig wohl auch zur Kenntnis nehmen, dass in Hinblick auf die immer mehr ausufernde Agitation und Hetze der sogenannten „Neuen Rechten“ schon sehr oft und immer wieder vor den gesellschaftlichen Konsequenzen der Verdichtung neurotischen Druckes und auch, insbesondere, vor gerade einer solch eskalierenden Manifestation pathologischer Energie gewarnt worden ist.
     
     

  4. Ich finde es erschütternd, mit welcher Leichtfertigkeit Psychiater oder Psychologen hier Ferndiagnosen stellen und mit welcher Leichtfertigkeit diese von der Presse übernommen werden. Ob der Täter „geisteskrank“ in einem strafrechtlich relevanten Sinne ist, kann selbst der Direktor einer Siegmund-Freud-Universität von seinem Wiener Sessel aus nicht beurteilen. Mit seiner Stellungnahme auf einer völlig unzureichenden Tatsachenbasis disqualifiziert er sich selbst.
    Natürlich gehört nicht viel dazu, die narßistische Persönlichkeit mit ihren typischen Eigenschaften u.a. der fehlenden Empathie, der Größenvorstellungen des Attentäters zu erkennen. Ob aber zur Tatzeit ein strafrechtlich relevanter Kontrollverlust bestand, ist damit nicht gesagt.

    Im Ãœbrigen ist es ein interessantes Phänomen, dass rechtsextremistische Attentäter in der Öffentlichkeit regelmässig für „geisteskrank“ gehalten werden, wenn Sie sich nicht ohnehin – wie bei klein-Neo-Nazis üblich – darauf rausreden, dass sie im Alkoholrausch gehandelt hätten. Kann der Presse dies entgangen sein ? Wenn nicht, warum wird dies nicht bei der Berichterstattung berücksichtigt?





  5. “Die Medien sind in Geiselhaft, da sie aufgrund des enormen Interesses nicht schweigen können. Das Anliegen des Mörders, sein Gedankengut durch die Gewalttat populär zu machen, geht damit nur in Erfüllung. Davor sollte man sich aber hüten.”
     
    Das Gedankengut dieses Mörders ist bereits populär – in gewissen Kreisen, und die aber sind lautstark, puopulistisch, unüberhörbar. Denke da an Menschen wie eben das Ehepaar Sarrazin zB und Eva Herman, diverse Kirchenvertreter und aber auch Leute wie Mark Stein bzw. Pat Buchanan:
     
    Massaker in Norwegen

    Täter getrieben von Hass auf Feministinnen



    „Die Lösung zur „Rettung der westlichen Welt“ sieht Breivik dementsprechend in der Wiederherstellung eines zerschmetterten Patriarchats; nur wehrhafte Männer, Kreuzrittern gleich, könnten die „Gefahr der Islamisierung“ aus der Welt schaffen und Frauen würden dann wieder „ihren Platz in der Gesellschaft“ erkennen. „His mad act was in the service of male superiority as well as Christian nationalism. Those two things, of course, almost always go together““
     

Kommentarfunktion ist geschlossen.