9. November: Spricht Alfred Grosser in der Frankfurter Paulskirche?

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In einem Schreiben an Petra Roth, die Frankfurter Oberbürgermeisterin, wundert sich Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, über den Ehrengast, der bei der geplanten Gedenkveranstaltung am 9. November sprechen soll…

Kramer teilt Oberbürgermeisterin Roth (CDU) mit, er sei über die Auswahl des deutsch-französischen Publizisten und Soziologen überrascht, um nicht zu sagen befremdet. Als ehemaliger Mitarbeiter des 1999 verstorbenen Zentralratspräsidenten Ignatz Bubis sel. A. sei er vielleicht nicht objektiv genug, es fehle ihm aber wirklich jedes Verständnis dafür, warum die Stadt Frankfurt am Main, in der die „Erinnerung an das Wirken dieses großen Juden doch stets so betont wird“, ausgerechnet Alfred Grosser zum Gedenken an die Schrecken der Schoah in der Frankfurter Paulskirche sprechen lassen will.

Dass Grosser, indem er die Lage der Palästinenser mit der Situation der Juden während der Schoah gleichsetze, zum Relativieren und Kleinreden des ungeheuren Leids der Opfer des NS-Terrors, derer am 9. November doch gedacht werden soll, beitrage, disqualifiziere ihn als Gastredner aus diesem Anlass und an diesem Ort.

Auch die Tatsache, dass er sich ausdrücklich hinter Martin Walsers Kritik an der „Ausschwitz-Keule“ gestellt habe, hätte die Verantwortlichen in Frankfurt von einer solchen Einladung abhalten sollen, so Stephan Kramer: „Die stehenden Ovationen der Anwesenden, der Elite dieses Landes, und die schockierte Reaktion der ebenfalls anwesenden Eheleute Bubis, sowie die anschließende Debatte, markieren dunkle Stunden in der Geschichte der Aufarbeitung der deutschen Nazi-Vergangenheit. Eine Rede von Herrn Grosser an diesem Ort und aus diesem Anlass ist meines Erachtens pietätlos und lässt Zweifel am bisher glaubwürdigen Engagement der Stadt Frankfurt aufkommen“.

Frau Roth empfiehlt er nur: „Lassen Sie dies nicht zu und laden Sie Herrn Grosser besser wieder aus.“

Von einer Reaktion im Rathaus ist bisher noch nichts bekannt.

Zur Erinnerung: Martin Walser hatte in der Frankfurter Paulskirche, im Oktober 1998, aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, die „stete Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus“ kritisiert. Mit seinen Thesen, die unter dem Schlagwort „Auschwitz-Keule“ bekannt wurden, traf er bei den versammelten Repräsentanten der Republik auf geschlossene Zustimmung und erntete stehenden Applaus.

Die Walser-Bubis-Debatte: Erinnern oder Vergessen?
Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen hat sich in Sprüngen und Eruptionen vollzogen. Vor allem seit der Mitte der 80-er Jahre hat es in Deutschland in regelmäßigen Abständen Kontroversen über die Frage gegeben, wie zukünftig mit der Erinnerung an den Holocaust umgegangen werden soll. Beispielhaft möchte ich hier die so genannte Walser-Bubis-Debatte beleuchten…

Viola Roggenkamp: Das Schlagloch
Das Einzige, wovon wir mit Sicherheit sagen können, dass es vorbei ist, nämlich die Fußballweltmeisterschaft, hat mich gar nicht interessiert. Gut, dass sie vorbei ist. Martin Walser interessiert mich auch nicht, und gern würde ich sagen können, gut, dass er vorbei ist. Aber er ist nicht vorbei. Mit ihm müssen wir uns weiter beschäftigen, und mit Jürgen W. Möllemann, denn beide sind Symptom für etwas, was in unsere Zukunft weist. Wahrscheinlich dringen darum so viele auf Schluss der Debatte…

7 Kommentare

  1. @ Ron
    Wozu solche Unterstellungen und Beleidigungen. Man soll niemanden mit Verachtung behandeln, sagt Grosser, aber was ist mit seinen Anhängern? Überhaupt, warum immer alles so polarisiert. Grosser hat seine Ansicht und Graumann die seine. Sollen sie doch beide reden.

  2. Nenna, genau solche Texte setzen den Holocaust mit der Besatzung der Westbank gleich. Grosser kommt aus Frankfurt, stimmt. Er hat mal gesagt: „Nur mein Geburtsort, nicht meine Heimat“, er ist jetzt 85.

    Er ist schon selbst Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.
    Anlass der Einladung war wohl auch sein neues Buch „Von Auschwitz nach Jerusalem. Über Deutschland und Israel“.
    Grosser sagt, er wolle beitragen zu einer Versöhnung von Israelis und Palästinensern. „Wissen Sie, ich bin in Frankfurt als kleiner Junge verachtet worden, weil ich Jude war. Ich weiß also, wie sich das anfühlt. Und ich will deshalb nicht akzeptieren, dass Juden andere Menschen mit Verachtung behandeln“, hatte Grosser dem Magazin Stern im Oktober 2007 gesagt.
    Er meint wohl, man könne, wie Deutschland und Frankreich, verfeindete Völker zu Partnern machen. Aber das geht ein wenig in Richtung Apeasement, oder sehe ich das falsch?

  3. Ich hoffe, es gelingt Stephan Kramer NICHT, Prof. Alfred Grossers Auftritt in Frankfurt zu verhindern. Herr Grosser ist nämlich einer der wenigen noch hörbaren Personen von öffentlicher Geltung im deutschsprechenden Europa, die in der Lage sind dem Zentralrat die Auschwitz-Keule aus der Hand zu schlagen.

    Immerhin ist das Instrument Herrn Kramers Waffe um sich sein Einkommen als Berufs- und Verbandsjude zu sichern. Als Schweizer Jude fehlt mir dabei leider sowohl die Öffentlichkeit als auch die Bekanntheit.

    Gruss
    Ron Ganzfried

  4. Auch in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main herrscht grosse Empörung über den geplanten Auftritt von Grosser bei dem Festakt in der Paulskirche am 9. November. Der Deutsch-Franzose sei schon wiederholt als scharfer Kritiker Israels aufgetreten, er habe sogar den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Herrn Dr. Dieter Graumann, persönlich angegriffen. Besonders absurd erscheint hier vielen, wie man Grosser einladen konnte, obwohl klar ist, dass auch Dr. Graumann zugegen sein wird.

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