Hebron: Rock in the Casba

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Die sechs Nahal-Soldaten in voller Montur, kommen im Morgengrauen langsam um die Ecke gebogen, während im Hintergrund der Muezzin zum Gebet ruft. Plötzlich nehmen sie Stellung und die Musik wechselt zu Kesha’s „Tick Tock“, ein Hit, der auch in Deutschland Anfang des Jahres an der Spitze der Charts stand. Es folgt eine „Macerena in the streets of Hebron“…

David Gall

Die Stadt Hebron im besetzen Westjordanien ist nicht nur eine der ältesten ununterbrochen bewohnten Städte der Welt, sondern auch ein übler Hort des Fanatismus. Ausgerechnet hier, wo Abrahams Söhne, Jizhak und Jischmael, wieder zusammenfanden, um ihren Vater beizusetzen, haben sich heute Fundamentalisten beider Seiten festgesetzt und bestimmen die Gangart.

Vom berüchtigten Mufti al-Husseini aufgehetzte Massen hatten hier 1929 ein Pogrom an der seit Ewigkeiten ansässigen jüdischen Gemeinde begangen. Fast 70 Menschen wurden ermordet. Fast 70 Jahre später, im Februar 1994, kam Baruch Goldstein in die Abraham-Moschee und erschoss fast 30 betende Muslime. Für Hamas und Jihad Islami ein willkommener Anlass zu „neuen Dimensionen der Rache“ aufzurufen. Arafat verurteilte „Vergeltungsmassnahmen“, verlangte aber einen Abzug der Siedler aus der Stadt. Rabin meinte, dies nicht durchführen zu können, da die Hetze der Nationalisten gegen die Friedenspolitik die Gewaltbereitschaft schon extrem gesteigert hatte. Im April kam es zu Anschlägen: 8 Tote in Afula, 5 Tote in Ashdod, 5 Tote in Hadera. Im Oktober forderte ein weiterer Anschlag in Tel-Aviv 24 Tote und über 80 Verletzte.

In Hebron hat die islamistische Hamas mehr Anhänger als irgendwo sonst in der Westbank. Ähnliches gilt für den Kern der Siedlungsbewegung, von Kach-Ablegern bis zum Gush Emunim (jafi.jewish-life.de/zionismus/places/hebron).

Dass der Armeedienst gerade hier besonders unbeliebt ist, ist also kein Wunder. Vom Alltag der israelischen Soldaten berichtet unter anderen die Gruppe „Schowrim Schtikah„, die mit Fotos Bilder von Tristesse, Gewalt und Irrsinn einfingen und durch deren Präsentation das Schweigen um die Besatzung brechen wollen.

Dass man die Absurdität der Lage, die sich gerade hier besonders brutal zeigt, nur mit etwas schrägem Humor, einer schusssicheren Veste und in der Hoffnung, dass auch die Gegenseite ein wenig Lebenslust und Menschenliebe kennt, ertragen kann, zeigt auch die Nahal-Brigade No. 50 mit einer Tanzeinlage bei der morgendlichen Patrouille in Hebron.

Übrigens, Hebron liegt in einer lieblichen Landschaft, hier wachsen die besten Trauben, die Oliven sind besonders würzig und das bunte Hebron-Glas ist weithin berühmt. Eigentlich gute Bedingungen für eine gelungene Chaflah (arab. Party). Rock in the Casba!

Doch sehen Sie selbst:
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=yqjsFExPOnM[/youtube]

Dass die Tanzeinlage disziplinarische Konsequenzen haben dürfte, wird die Akteure nicht aus der Fassung bringen. Immerhin haben sie sich mit ihrem Video Millionen von Fans weltweit eingehandelt. Während der ersten Intifadah 1990 waren hier sechs in den Strassen tanzende Soldaten erschossen worden.

5 Kommentare

  1. „haben sich heute[!] Fundamentalisten beider Seiten festgesetzt und bestimmen die Gangart. Vom berüchtigten Mufti al-Husseini aufgehetzte Massen hatten hier 1929[!]“
    Manchmal frage ich mich, ob solche Leute biblische Altersspannen haben. Für mich ist 1929 nicht ‚heute‘. Für mich ist noch nicht mal mehr 1994 ‚heute‘.
    ‚Heute‘ allerdings, gibt es da wohl einen Grund, warum außer den Soldaten niemand auf der Straße zu sehen ist, so daß die ihre tolle Nummer abziehen können? Möglicherweise, daß auf der Straße nur Juden – jetzt hab‘ ich’s gesagt – Zutritt haben?

    Hier übrigens noch ein lustiges Video mit interessanter Akrobatik, ganz in der Nähe:
    http://www.youtube.com/watch?v=AbVslfvT9Ss&feature=player_embedded

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