-- Schwerpunkt: Israel und Nahost
Judentum und Israel
haGalil onLine - http://www.hagalil.com

haGalil online

Ein Friedensaktivist in Hebron

Jehuda Schaul präsentiert sich mit nackten Füßen in Jesuslatschen. Sein schwarzes Haar ist zum Pferdeschwanz gebunden. Auf dem Hinterkopf, kaum sichtbar, die Kipa eines orthodoxen Juden. Die deutsche Repräsentanz in Ramallah hatte europäische Journalisten eingeladen, die „Wirklichkeit“ in Hebron unter israelischer Besatzung zu erfahren. Die Fahrt in gepanzerten Botschaftswagen mit CD-Nummer ist eine gute Gelegenheit, die „gefährlichen“ Palästinensergebiete zu besuchen...

Von Ulrich W. Sahm, z.Z. Hebron, 28. März 2007

Für Jehuda, ehemaliger Kommandeur in Hebron, ist die Stadt heilig. Erzvater Abraham habe in ihr Land gekauft, um Sarah zu begraben. Immer schon hätten Juden in Hebron gelebt. 1929 rief der Mufti Hadsch Amin el Husseini, der mit Hitler die Vernichtung der Juden in Palästina plante, zum Aufstand auf, weil Juden angeblich die Jerusalemer El Aksa Moschee entweihen wollten. Genauso löste Jassir Arafat die zweite Intifada aus. Jüngst mobilisierte damit Israels „Islamische Bewegung“ die Moslems gegen Ausgrabungen nahe dem Tempelberg.

Im August 1929 metzelte arabischer Pöbel 67 Juden und verletzte über hundert. Aber 300 Juden, die sich wie „Araber“ fühlten, wurden von ihren Nachbarn gerettet. Immer wieder betont Jehuda die Menschlichkeit der Palästinenser. Er leitet die Organisation „Schweigen durchbrechen“. Soldaten, die in Hebron dienten, protestieren mit Photoausstellungen und Hochglanzbroschüren gegen die unmenschliche Besatzung Israels.

Für Hebron gelten andere Stichdaten als für den restlichen Nahost-Konflikt. Das Massaker von 1929 führte zu einer „Evakuierung“ aller Juden aus Hebron durch die Briten. Die Häuser im Judenviertel wurden von Arabern übernommen. Als 1967 die Israelis kamen, herrschte unter den tieffrommen Arabern Panik: Die Juden könnten sich rächen. Hebrons sephardische Juden, 1492 aus Spanien vertrieben, träumten seit ihrem Rauswurf aus Hebron von ihrer Rückkehr in die „Stadt der Väter“, ähnlich wie Palästinenser in Libanon, Syrien oder Gaza von der Rückkehr in ihre Häuser im heutigen Israel träumen. Doch Israel verweigerte 1967 deren Bitte, ihre Häuser wieder zu beziehen. Die „Siedlungspolitik“ war noch nicht gereift. Sie wurde der Regierung am Passahfest 1968 von national-orthodoxen Israelis unter Rabbi Mosche Levinger aufgezwungen. Levinger feierte in Hebron und blieb.

Jehuda führt durch die menschenleere Altstadt von Hebron. An jeder Ecke steht ein Militärposten. Soldaten wachen, dass Palästinenser die Schuhada-Straße, einst Ku-Damm von Hebron, nicht betreten. Im Geschäftszentrum Hebrons blüht vor den verriegelten türkisgrünen Ladentüren nur das Unkraut. Aufgesprühte Davidsterne und Grafitti fordern auf Hebräisch „Araber raus“ und „Gott ist König – Tod seinen Verrätern“. Fundamentalisten kritisieren so die Regierung, wegen der Räumung von Siedlungen im biblischen Kernland.

Jehuda erzählt, wie nach jedem Terroranschlag erst einzelne Häuser, dann ganze Viertel, der Markt, die Altstadt und Durchgangsstraßen für Palästinenser gesperrt wurden. Es begann 1980. Sechs tanzende Siedler wurden von Palästinensern auf der Straße erschossen. Arabische Familien wurden „zeitweilig“ aus ihren Wohnungen im Judenviertel vertrieben. Bis heute dürfen sie nicht zurückkehren. Die „Siedlung“ in Hebron wuchs derweil auf 700 Siedler, „bewacht von 400 Soldaten aus Kampfeinheiten, inmitten von 140.000 Arabern“. Rätselhaft ist für Jehuda, wieso die Palästinenser nicht dem Mord an Juden Einhalt gebieten, um ihre systematische Verdrängung durch Israel zu verhindern. Ein schwerer Schlag war 1994 das Massaker des Siedlerarztes Baruch Goldstein. Im Abrahams-Schrein ermordete er 29 betende Moslems und verletzte 120. Israel teilte das gemeinsame Heiligtum und schuf separate Eingänge für Juden und Moslems. „Die Palästinenser zahlen einen immer höheren Preis“, klagt Jehuda voller Abscheu. Systematisch würden die Araber vertrieben. Alles ist verlassen und von Unkraut überwuchert.

Beiseite genommen gesteht der orthodoxe Jude Jehuda, in Hebron leben zu wollen, „sowie die Unterdrückung der Palästinenser beendet ist. Es ist nicht meine Aufgabe, eine Lösung anzubieten. Als ich hier Kommandant war, zwischen 2001 und 2003, wurden täglich Juden ermordet. Unter den Palästinensern gab es kaum Opfer.“

Als der Diplomaten-Konvoi nicht in den palästinensischen Teil durchgelassen wurde, kam es zum Eklat. Wie aus dem Nichts tauchten Sprecher der Hebron-Siedler auf, darunter der bekannte Extremist Noam Arnon. Auch der wollte seine „Wahrheit“ mitteilen. Am Ende erschien Ofer, ein Bruder von Jehudas Frau: „Du Verräter hast hier mehr Araber verprügelt als alle anderen Kommandeure in Hebron und jetzt spielst du den Friedensaktivisten.“ Ofer erhitzte sich: „Du hast weggeschaut, als neben Dir ein jüdisches Kind erstochen wurde. Du hast auf den Araber nicht einmal geschossen und ihn laufen lassen. Zwei Jahre lang suchte ihn der Geheimdienst, um ihn zu verhaften.“ Jehuda wurde bleich und schwieg. Als der Diplomatenkonvoi doch durchgewunken wurde, blieb Jehuda blieb im israelisch besetzten Teil. Ofer schrie auf Hebräisch: „Du weißt genau, dass Du zu Hackfleisch gemacht würdest, sowie du durch dieses Tor auf die andere Seite gehst.“ Abgewandt grüßte Jehuda nicht einmal mehr die deutschen Diplomaten, die ihn eingeladen hatten.

null

null

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com

Category: Allgemeines
Posted 03/29/07 by: admin



Warning: Declaration of NP_Print::doTemplateVar(&$item, $look) should be compatible with NucleusPlugin::doTemplateVar(&$item) in /homepages/20/d69932965/htdocs/hagalil/01/de/nucleus/plugins/NP_Print.php on line 69
[Printer friendly version] |
Warning: Declaration of NP_MailToAFriend::doTemplateVar(&$item, $look) should be compatible with NucleusPlugin::doTemplateVar(&$item) in /homepages/20/d69932965/htdocs/hagalil/01/de/nucleus/plugins/NP_MailToAFriend.php on line 59
[Mail to a friend]
[Möchten Sie sich anmelden und ein Benutzerkonto erstellen?]


Comments

wrote:
good
04/13/07 10:39:45

wrote:
good
04/13/07 11:04:54

wrote:
limewire
04/19/07 11:03:03

wrote:
limewire
06/20/07 17:44:26

Add Comments








- - -