Vaterjuden in Deutschland

Das jüdische Religionsgesetz, die Halacha, schreibt es eindeutig fest: Jüdisch ist, wer eine jüdische Mutter hat. Der Vater ist für den Status irrelevant. Jüdische Gemeinden können Menschen mit jüdischem Vater nicht als Mitglied registrieren, ganz egal wie diese sich selbst verstehen. Ruth Zeiferts hat in den vergangenen Jahren immer wieder zu Fragen von Identität und Status patrilinearer Juden publiziert. Nun liegt ihre umfassende Studie zum Thema vor…

Die „brennende Aktualität“ von Zeiferts Arbeit betont Micha Brumlik in seinem Vorwort, zeichne sich heute deutlich ab, da „mit Ausnahme des Staates Israel das Matrilinearitätsprinzip zu einem kontinuierlichen Schrumpfen des jüdischen Volkes führt“.

Ruth Zeifert arbeitet selbst als „Betroffene“, ein Umstand der ihr hilfreich für den Zugang zu ihren Gesprächspartnern war. Das selbst „Betroffensein“ hat das Thema überhaupt erst geboren, wie die Autorin in ihrer Einführung erzählt. Auf einer politisch orientierten Gruppenreise nach Israel entstand in Gesprächen mit den anderen, israelsolidarischen Teilnehmern immer wieder die Situation, dass sie selbst als „zu unwissend und unloyal gegenüber Israel und dem Judentum“ bezeichnet wurde. Dabei hat Ruth Zeifert, deren Vater in Israel, noch vor der Staatsgründung geboren wurde, der in Tel Aviv aufwuchs, Kibbutznik war und im Suez-Krieg kämpfte, ihr Leben lang mit leidenschaftlicher Empathie über Israel diskutiert. Ein Glück, dass sie diese Erfahrungen machen musste, denn so ist ihre Forschung daraus entstanden, die ohne Zweifel als Meilenstein für den deutschsprachigen Raum bezeichnet werden kann.

In ihrer Arbeit stellt Ruth Zeifert Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und Tradierung, aber auch nach dem Verhältnis zwischen Deutschen, Juden und Israelis und zur Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit. Aber es geht auch um ganz praktische Dinge, etwa darum, wie man dieses „Dazwischen“ eigentlich nennt. Was ist jemand mit einem jüdischen Vater?

In der Einführung stellt Zeifert die Diskussionen in anderen Ländern, vor allem den USA, vor und erklärt den Ursprung des matrilinearen Prinzips. Der Kern der Arbeit ist die Analyse der elf biografisch-narrativen Interviews, die sie im Laufe der Forschung führte. Die Interviewpartner, vier Männer, sieben Frauen, aus unterschiedlichen Altersstufen werden alle kurz vorgestellt und kommen ausführlich zu Wort. Die Gespräche drehen sich um Fragen von Identität und Zugehörigkeit, Religion, Konfessionslosigkeit oder Konversion, um die unterschiedlichen Familienhintergründe und die Bindung zu Deutschland und Israel. 

Im Ausblick legt die Autorin praktische Vorschläge dar, allem voran die Begrifflichkeiten. Wie nennt man denn nun Kinder jüdischer Väter und nichtjüdischer Mütter? Begriffe wie „Halbjuden“ sind mit einem unguten Beigeschmack versehen und nicht tauglich. Aber ein Begriff tut Not, wie eine Interviewpartnerin sagt: „Man ist nicht Juden, man ist nicht ‚Halbjude‘, man ist nichts und hat kein Wort dafür.“ Ruth Zeifert führt den Begriff „Vaterjuden“ ein, der 1995 von der niederländischen Feministin Catharina Dessaur geprägt wurde, und konfrontierte auch ihre Interviewpartner damit. Vor allem bei jenen, die sich jüdisch fühlen, wurde er sehr positiv angenommen.

Schließlich fasst die Autorin die Wünsche der Interviewpartner zusammen, allem voran der Wunsch, die Distanz zu verkleinern, die sich zwischen den Vaterjuden und den jüdischen Gemeinden auftut. So würden beispielsweise viele Vaterjuden gerne die Möglichkeit haben, in jüdischen Zusammenhängen, also an Feiertagen etwa, in der Gemeinde feiern zu können, auch ohne eine offizielle „Statusklärung“.

Das Buch gibt den theoretischen, gut und kurzweilig lesbaren Hintergrund zu den Empfehlung, die Ruth Zeifert auch an anderer Stelle bereits ausgesprochen hat. Empfehlungen, die für die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland von großer Bedeutung sein werden. (al)

Ruth Zeifert, Nicht ganz koscher. Vaterjuden in Deutschland, Hentrich & Hentrich Berlin 2017, 218 S., Euro 24,90, Bestellen?

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