40 Jahre nach Entebbe

Deutsche Linke, Erinnerungen an den Holocaust und Antizionismus. Ein Vortragsabend mit Tobias Ebbrecht-Hartmann in der Kölner Traumathek

Von Roland Kaufhold

Draußen ist es kalt. Ich komme aus unergründlichen Gründen mal wieder als Letzter und finde gerade noch einen freien Platz. Der kleine Saal in der Kölner Traumathek ist bis zum letzten Platz gefüllt. Knapp 40 Interessenten haben sich in der Kölner Engelbertstraße 45 – unweit des Yitzak Rabin Platzes gelegen – eingefunden. Und dies, obwohl das Thema durchaus keine leichte Kost ist: 40 Jahre nach Entebbe. Deutsche Linke, Erinnerungen an den Holocaust und Antizionismus lautet der Vortragsabend. Er ist also eine Erinnerung an ein 40 Jahre zurückliegendes Ereignis, bei dem der größere Teil der Zuhörer noch nicht einmal geboren war. Der Mittvierziger Ebbrecht-Hartmann hat in Berlin über ein filmwissenschaftliches Thema promoviert und lehrt heute in Israel an der Hebrew University of Jerusalem. „Ich lehre an der Universität auf englisch“, sagt er mir später, als ich ihn kurz hierauf anspreche, „mein Hebräisch ist gut, aber auf Englisch ist es unkomplizierter.“

Auch sein Lebensort prädestiniert ihn besonders für das Thema, neben seiner fachlichen Bildung als Filmwissenschaftler. Erschienen sind von ihm zuletzt die Bücher „Übergänge. Passagen durch eine deutsch-israelische Filmgeschichte“ (2014) sowie „Geschichtsbilder im medialen Gedächtnis. Filmische Narrationen des Holocaust” (2011).

Das Trauma von Entebbe

Tobias Ebbrecht-Hartmann spricht auf der Grundlage neuester Archivfunde in deutschen und israelischen Archiven, moderiert von Johannes Platz von der Deutsch-israelischen Gesellschaft Bonn, über ein Thema, das in Israel als traumatisches Ereignis immer noch präsent, in Deutschland hingegen bereits teils vergessen ist bzw. anders erinnert wird. Warum dies so ist bzw. wie diese „andere“ Erinnerung, diese schon vor knapp 40 Jahren einsetzende „linke“ Instrumentalisierung dieses deutsch-palästinensischen Terroraktes in Entebbe konkret aussah, darüber sprach der Referent, untermalt durch eine Diashow sowie durch kurze Filmausschnitte aus drei Filmen über das Terrorattentat im ugandischen Entebbe.

Zur Erinnerung: Am 27. Juni 1976 entführte eine Kommandoeinheit von zwei deutschen und zwei palästinensischen Terroristen aus der PFLP den Air-France-Flug 139. Sie landeten im ugandischen Entebbe, welches seinerzeit vom international berüchtigten, barbarischen Diktator Idi Amin beherrscht wurde. Bereits einige Jahre zuvor hatten sich einige deutsche Linksextremisten – der “Kommunarde“ und spätere Berliner Abgeordnete der Alternativen Liste Dieter Kunzelmann mag mit seinem berüchtigten antisemitischen Schlachtruf vom „Judenknacks“, den man „überwinden“ müsse, als Symbolfigur für diesen vulgären „linken“ Antisemitismus dienen – damit profiliert, dass sie das Erbe ihrer nationalsozialistischen Eltern recht ungebrochen antraten, unter „anderen“ Fahnen und doch vergleichbaren Losungen. Kunzelmann, daran sei erinnert, gilt auch als einer der Verantwortlichen – zumindest als “Spiritus Rector der Aktion“ (Stefan Reinecke in der taz)[i]  – für den nur durch glückliche Umstände gescheiterten Attentatsversuch auf das Haus der Berliner Jüdischen Gemeinde ausgerechnet am 9. November 1969.

Auch dass sich die Kommandoeinheit aus deutschen und palästinensischen Terroristen ausgerechnet Idi Amins Uganda als Landeplatz ihrer Terrorentführung aussuchten verdeutliche, hebt Tobias Ebbrecht-Hartmann in seinem lebendigen Vortrag hervor, den antisemitischen Kern ihres „Projektes“: Idi Amin hatte sich auch wegen seines radikalen, öffentlich zelebrierten Judenhasses einen Namen gemacht. Er trieb das Projekt einer öffentlich ausgestellten Hitlerstatue vorwärts und feierte die bei der Befreiung getöteten Terroristen später als Freiheitshelden.

Linke antizionistische Mythen

Während die Entführung des Flugzeugs „Landshut“ nach Mogadischu (Somalia) durch Mitglieder des palästinensischen Kommandos „Martyr Halimeh“ – ein Name, der einen direkten Bezug zu dem Kommandonamen der deutschen Terroristin Brigitte Kuhlmann in der Entebbe-Entführung darstellt – ein gutes Jahr später, Dank der vom SPD-Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski („Ben Wisch“) koordinierten glücklichen Geiselbefreiung im kollektiven Gedächtnis Deutschlands verankert ist und durch mehrere Verfilmungen immer wieder neu erinnert worden ist, wird das Terrorattentat von Entebbe in Deutschland kaum noch erinnert, obwohl es zwei Hollywood-Verfilmungen und eine israelische Spielfilmproduktion zum Thema gibt.

Und wenn doch geschieht dies eher in einer – wenn wir Martin Janders luzider Besprechung von Markus Mohrs Entebbe-Buch folgen dürfen – von linker Seite aus mythologisierten und vereinnahmenden Weise: „Ihr Antizionismus habe mit Antisemitismus mit wenigen Ausnahmen nichts gemein gehabt und wer das behaupte, der erzähle „Unfug““, bemerkt Martin Jander.

Deutsche Brüder im Geiste: Walser, Höcke, Grass – und Böse

Ja, es sind diese Mythologisierungen, diese Einfühlungsverweigerungen, dieses sich-durch-die-Shoah-belästig-fühlende deutsche Ressentiment, welches die deutschen Brüder im Geiste – Walser, Höcke & Grass – mit ihrem notorisch guten Gewissen miteinander verbindet, für ewig und immer. Darum haben Walser, Höcke & Grass den liberalen deutschen Juden Ignatz Bubis so sehr gehasst, bzw. Martin Walser hat es 1998 in seiner Frankfurter Geschichtsleugnerrede in der Paulskirche für sie erledigt. Und im späteren „Versöhnungsgespräch“ mit dem gutgläubigen, unendlich bemühten Ignatz Bubis hat Walser noch eins draufgesetzt…

Es war vor allem Wilfried Böse, Mitglied der Revolutionären Zellen, der bei der Entführung der 253 Passagiere eine „Selektion“ vornahm: Die Terroristen um W. Böse versuchten, jüdische von nicht-jüdischen Passagieren zu trennen, was in den ausgewählten Filmausschnitten in bedrückender Weise zum Ausdruck kam. „Ich werde jetzt die Namen der hier Anwesenden vorlesen, wenn Sie Ihren Namen hören, stehen Sie auf und gehen in einen Nebenraum“, kommandierte der linke Soziologiestudent Böse nach der Landung des entführten Flugzeugs in Entebbe. Eine ältere jüdische Frau, deren Namen der junge Deutsche mit chronisch gutem Gewissen im Dienste der terroristischer Sonderbehandlung aufrief, trug noch ihre in die Haut gestochene Lagernummer auf dem Unterarm. Auch diese Szene ist in einem der erwähnten Filme nachgespielt worden. Alle nicht-jüdischen Passagiere durften kurz darauf Entebbe in Richtung Paris verlassen. Die jüdischen Passagiere, zehn Franzosen sowie die Besatzungsmitglieder, die freiwillig blieben, sollten gegen Dutzende von Terroristen in verschiedenen Ländern ausgetauscht werden.

Für Israelis war es ein mehr als schockartiges Ereignis: Es ging ein Aufschrei des Entsetzens durch Israel. Zahlreiche israelische Zeitungen titelten am nächsten Tag: „Selektion“. Israels damaliger Verteidigungsminister Shimon Peres sprach von einem „kleinen Holocaust“. Durchgeführt wurde die israelische Befreiungsaktion durch Yonathan Netanyahu, Bruder des heutigen israelischen Ministerpräsidenten. Yonathan Netanyahu verlor hierbei sein Leben.

Auch zahlreiche jüdische Geiseln erfuhren die deutsch-palästinensische antisemitische Aktion als eine Selektion, die ihnen zugleich die Shoah noch einmal in traumatischer Weise bewusster machte. So bemerkte die entführte Sarah Davidson in einem Filmausschnitt, die deutschen und palästinensischen Entführer hätten ihr verdeutlicht, was früher in den deutschen Lagern geschehen ist.

Linke Selbstermächtigungen: Meinhof und Mahler

Für einen Teil der radikalen Linken in der Bundesrepublik war diese Tat bereits in den späten 1970er Jahren Ausdruck einer linken Selbstermächtigung: Die Israelis nahmen nun in ihrem wahnhaften antisemitischen Selbstbild die Position der Nazis ein – aus deren Reihen sie selbst entstammten (vgl. hierzu meine Studie über den linken Psychoanalytiker Sammy Speier, Kaufhold 2012).

Erinnert wurde von Tobias Ebbrecht-Hartmann auch an Ulrike Meinhofs Äußerungen, die sie 1972 in der Zeitschrift Konkret, publizierte, in denen sie ganz in Nazidiktion von einer „imperialistischen Ausrottungspolitik“ wie in einem KZ schwadronierte.[ii] Zynisch glorifizierte Ulrike Meinhof, es war wohl im Jahr 1972, ganz im Gestus rechtsradikaler antisemitischer Rhetorik, das palästinensischen Kommandos „Schwarzer September“ als „gleichzeitig antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch“. Auch Begriffe wie „Israels Nazifaschismus“ und die „These“, die israelische Regierung habe ihre Sportler „verheizt wie die Nazis die Juden“, gehörten seinerzeit zu Meinhofs publizierter antisemitischer Rhetorik. Jutta Ditfurth, dies sei hier angemerkt, hat solche öffentlichen Äußerungen Meinhofs wohl eher mit wohlwollender Verleugnung behandelt. Für aufmerksame Beobachter dürfte bereits seinerzeit erahnbar gewesen sein, dass Meinhofs „antizionistische“, antisemitische Rhetorik in Einklang stand mit dem Weg des seinerzeitigen RAF-Anwaltes Horst Mahler vom „Linksextremisten“ hin zu einem der radikalsten Antisemiten unserer Tage.

In scharfem Gegensatz fielen hierzu die vom Referenten vorgestellten Reaktionen von Jean Amery aus: Für den linken Überlebenden Jean Amery war die Konfrontation mit diesem gleichermaßen selbstverliebten, geschichtsblinden wie bösartigen deutschen Antisemitismus eine schockartige, entillusionierende Erfahrung. In einem Interview, welches der am 17.10.1978 durch Suizid Verstorbene wohl kurz vor seinem Tod gegeben hat, sagte Amery hierzu:

„Ich bin dem Glauben nach überhaupt kein Jude. Ich bin ein Hitler-Jude, ein Halbjude, der mit einer Jüdin verheiratet war und darum als Jude galt für die Nazis. Aber ich fühle mich diesem Staat Israel sehr verbunden, weil ich das Schicksal derer gekannt habe, die eben keine solche Zufluchtsstätte hatten. Da kann ich mich nicht freuen darüber, daß in Entebbe irgendwelche Kidnappers da Leute von der Baader-Meinhof-Gruppe rausholen wollen, aber dann eventuell bereit sind, hundert jüdische Passagiere in die Luft gehen zu lassen. Aber es ist bei der Linken ausgeschlossen, darüber nur ein Wort zu reden. Zionist oder wie es dann gleich heißt. Ich bin so wenig Zionist wie Sie, ich kann kein Wort Hebräisch. Aber ich weiß, was dieser Staat für soundso viele Menschen bedeutet, auch noch als Symbol, als Symbol des aufrechten Ganges, um es mit Bloch zu sagen. Und das trennt mich von den Linken.“[iii]

Auch das seinerzeitige RAF-Mitglied Hans-Joachim Klein, der sich 1975 noch an der OPEC-Geiselnahme beteiligt hatte, benannte bei seinem 1977 vollzogenen radikalen Bruch mit dem blindwütigen Terror den antisemitischen Charakter der RAF in deutlichen Worten.

Revolutionäre Zellen: Bomben gegen Juden und Kinos

Eindrücklich auch die Beschreibungen der vor allem von sehr linken, aber auch von Rechtsradikalen durchgeführten Aktionen, um diese von Deutschen, unterstützt durch palästinensische Terroristen, durchgeführte antisemitische Gewalttat auch noch im nachhinein zu legitimieren:

Anfang Januar 1977 platzierten zwei Mitglieder der linksradikalen Gruppe „Revolutionäre Zellen“ einen Brandsatz in einem Aachener Kino. Dort stand eine Aufführung des mit amerikanischem Staraufgebot dramatisierte Melodramas „Unternehmen Entebbe“ auf dem Spielplan. Der versuchte „linke“ Aachener Brandanschlag gegen eine Kinoaufführung richtete sich also gezielt gegen die abgewehrte Erinnerung an diese „linke“ Wiederkehr des NS-Antisemitismus.

Die antisemitischen Positionen, die einige der „legendären“ Gaza-Flotten MdBs der Linken vor wenigen Jahren einnahmen und die mit Sarah Wagenknechts Weigerung korrespondierten, sich bei einer Rede des israelischen Ministerpräsidenten vor dem Deutschen Bundestag zu erheben, erscheinen als die gradlinige Fortsetzung dieser rabiaten Versuche, die Erinnerung zu unterdrücken

So wundert es nicht, dass die Entführung von Entebbe, die mit der Befreiung der Geiseln durch ein israelisches Spezialkommando endete, aus dem deutschen kollektiven Gedächtnis weitgehend verschwunden ist.

Gerd Albartus oder: Die Ermordung eines linken Antisemiten

Zwei biografische Aspekte seien ergänzend hinzu gefügt: Als Hauptverantwortlicher für den versuchten Brandanschlag in Aachen wurde Gerd Albartus später zu gut vier Jahren Gefängnis verurteilt. Albartus war Mitglied der Revolutionären Zellen. In einer Selbstverlautbarung der Revolutionären Zellen wurde der Kinofilm über Entebbe als „übler Hetzfilm“ der „Zionisten“ bezeichnet, der „imperialistische Gewalt verherrliche und rassistische Unterdrückung sowie Mord an Palästinensern und Afrikanern legitimiere.“ Nach seiner Freilassung 1981 arbeitete Albartus in den 1980er Jahren als freier Journalist bei der taz und beim WDR. Politisch verkehrte Albartus, dies ist unbekannt, Ende der 1980er Jahre nur 150 Meter entfernt vom Veranstaltungsort Engelbertstraße: Er war ein Besucher des seinerzeit in der Kölner Roonstraße  gelegenen Liberalen Zentrums (LZ). Das Liberale Zentrum war der (von der FDP organisatorisch unabhängige) Treffpunkt der Linksliberalen in Köln, hatte jedoch seine Strahlkraft weit über die Grenzen Kölns hinaus. Der ehemalige FDP-Innenminster Gerhart Baum (1978-1982), Ulrich Klug, Wolfganz Grenz, Michael Kleff,  Peter Finkelgruen und viele andere trafen sich dort regelmäßig. Auch Gerd Albartus gehörte zu den Besuchern. Auch die ersten Gespräche zwischen Gerhart Baum und ehemaligen, gesprächsbereiten RAF-Mitgliedern, darunter Klaus Jünschke, fanden in den Räumen der Liberalen Zentrums in der Roonstraße statt.

Gerd Albartus weiteres Schicksal sei erwähnt: Das ehemalige RZ-Mitglied, das zwischenzeitlich, neben seiner journalistischen Tätigkeit, als Mitarbeiter für die Grünen in Brüssel arbeitete, hatte seinen letzten öffentlichen Auftritt bei erwähnter Podiumsdiskussion des Liberalen Zentrums mit Gerhart Baum, Klaus Jünschke, Stefan Aust und Antje Vollmer am 16.11.1987. Kurz danach, noch im Jahr 1987, wurde Albartus von einer Gruppe um den Terroristen Ilich Ramirez nach Damaskus eingeladen. Er folgte in aller Naivität der Einladung, wurde von Carlos und seinem „Assistenten“ Weinrich vor ein „Tribunal“ gestellt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Als Begründung wurde pikanter Weise eine angebliche Zusammenarbeit mit der Stasi angeführt. Andere vermuten Albartus Homosexualität als eigentlichen Grund für seine Ermordung in Damaskus.[iv]

Im SPIEGEL (2007) werden die näheren Umstände seiner Ermordung, unter Verweis auf Magdalena Kopps Buch über ihren Ex-Ehemann „Carlos“, noch drastischer beschrieben: Carlos und drei „Mitkämpfer“ beschuldigten den Journalisten und Grünen-Mitarbeiter Albartus, ein „Agent der Stasi“ zu sein und fügen hinzu: „Als Albartus die Verdächtigung zurückwies, schossen sie ihm ins Knie. Anschließend folterten sie den einstigen Genossen zu Tode, warfen die Leiche in ein Erdloch und verbrannten sie.“ (SPIEGEL 27.08.2007: „Die Geliebte des Schakals“)

Familiäre deutsche Kontinuitäten: Die deutschen Botschafter

Und noch ein anderer Name fiel an diesem Abend: Der Name des seinerzeitigen deutschen Botschafters Per Fischer in Tel Aviv. In einem Fernschreiben vom 4. Juli 1976 über die „Kommandoaktion in Entebbe“ erkannte dieser die politisch-historische Brisanz dieser von jungen Deutschen in Kooperation mit PFLP-Terroristen durchgeführten Selektion, versuchte deren politische Dimension jedoch herunter zu spielen.

Botschafter Fischers Wissen über die politische Brisanz solcher „Selektionen“ entsprang einer familiären Tradition: Sein Vater hieß Martin Fischer, und dieser arbeitete in den 1940er Jahren als Generalkonsul in Shanghai. Shanghai war für ca. 19.000 geflohene deutsche und österreichische Juden der Zufluchtsort. Der in Köln lebende jüdische Schriftsteller Peter Finkelgruen hat in seinem autobiografischen Buch Haus Deutschland (1992) Martin Fischers intensive Beschäftigung mit der Judenfrage aufgearbeitet: Als einige japanische Militärs einen Krieg mit den USA zu vermeiden versuchten und eine projüdische Haltung einnahmen, beunruhigte Fischer dies sehr. Noch ausgeprägter wurde seine Unruhe, als einer dieser Japaner Tausenden von Juden Transitvisa ausstellte, um ihnen zu ermöglichen, Japan zu verlassen.

Finkelgruen (1992, S. 145) schreibt hierzu: „Dies wiederum irritierte den deutschen Generalkonsul in Shanghai, Martin Fischer, der sich ganz intensiv mit dem Judenproblem beschäftigte. Beinahe wöchentlich berichtete er minutiös über Vorgänge in der jüdischen Flüchtlingsgemeinschaft in Shanghai.Genau wie sein Kollege Dr. Otto Bräutigam zeigte sich Martin Fischer nicht nur als folgsamer, sondern auch als aktiver, engagierter Diener seiner Berliner Herren. Den Juden, den Feinden des deutschen Volkes, mußte zuerst, soweit sie diese noch besaßen, die deutsche Staatsbürgerschaft abgenommen werden. (…) Martin Fischer bemühte sich nun, zusammen mit anderen deutschen Nazis, den Japanern Antisemitismus beizubringen, um auf diese Weise den Juden den letzten Ausweg zu versperren. Man mußte die Japaner davon überzeugen, daß Juden aus rassistischen Gründen ausgesondert werden mußten. Es waren viele Deutsche in Shanghai, die Martin Fischer dabei halfen.“

So war es ein sehr interessanter Abend, der nun auch auf dieser Weise weitergeführt werden kann, was deutsche Kontinuitäten betrifft.

Zugleich war die von Johannes Platz organisierte Veranstaltung eine thematische Vorankündung: Zwei Tage später, am 2. Februar, wird in Köln in der Roonstraße eine Kölner Arbeitsgemeinschaft der Deutsch-israelischen Gesellschaft (DIG) gegründet. Es ist begründet zu vermuten, dass diese neue Gruppe um Johannes Platz produktiv in Köln auftreten wird – um die Kontakte zu Israel zu vertiefen.

Bild oben: (c) R. Kaufhold
 
[i] Stefan Reinecke (2005): Das abgespaltene Attentat, taz, 1.7.2005: http://www.taz.de/!583782/
[ii] Vgl.Veit Medick (2007): Antisemitismus in der RAF. Radikal antijüdisch, taz, 5.10.2007: http://www.taz.de/!5193915/
[iii] Jean Amery (1981): „Enttäuscht“, Die Zeit, 27.2.1981: http://www.zeit.de/1981/10/enttaeuscht
[iv] Peter Hillebrand: SWR-Radiofeature über Gerd Albartus, 14.9.2001: http://www.swr.de/-/id=8433974/property=download/nid=659934/1vips1h/swr2-feature-20110914.pdf

Roland Kaufhold (2012): Der Psychoanalytiker Sammy Speier (2.5.1944 – 19.6.2003), in: Roland Kaufhold & Bernd Nitzschke (Hg.) (2012): Jüdische Identitäten nach dem Holocaust in Deutschland. Schwerpunktband der Zeitschrift Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung Heft 1/2012, S. 96-112. Internet: Der Psychoanalytiker Sammy Speier (2.5.1944 – 19.6.2003): http://www.hagalil.com/2016/05/sammy-speier/

Verweise

https://www.tagesschau.de/ausland/operation-entebbe-101.html
http://www.hagalil.com/2016/11/entebbe/