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Triumph des guten Willens

Der Dokumentarfilm setzt sich filmisch mit den Texten des Publizisten Eike Geisel auseinander. Im Zentrum stehen Geisels Kritiken an der deutschen Erinnerungspolitik und seine These über die „Wiedergutwerdung der Deutschen“. Texte Geisels aus den 1990er Jahren unter anderem über die Neue Wache und das Holocaust-Mahnmal kontrastieren die heutigen Bilder der beschriebenen Gedenkstätten. Sie zeigen eine Normalität, die es eigentlich nicht geben dürfte. Zudem analysieren ausführliche Interviews mit Alex Feuerherdt, Klaus Bittermann, Hermann L. Gremliza und Henryk M. Broder Geisels Thesen in Hinblick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse heute. Von der politischen Biografie Eike Geisels ausgehend, zeichnet „Triumph des guten Willens“ ein Bild linker Debatten der letzten Jahrzehnte und fragt schließlich nach der Möglichkeit von Kritik in unmöglichen Zeiten…

tdgw_plakat_webRoland Kaufhold sprach mit Alex Feuerherdt über Eike Geisel und den Film

Roland Kaufhold: Jüngeren Menschen mag der Name Eike Geisel nichts mehr sagen. 1945 direkt nach Kriegsende geboren, starb er mit nur 52 Jahren. Nun wird in einem Kinofilm an sein – allzu kurzes – Wirken erinnert. Eike Geisel galt als einer der sprachlich schärfsten Kritiker der deutschen Erinnerungskultur. Wann bist Du ihm erstmals begegnet?

Alex Feuerherdt: Persönlich begegnet bin ich ihm leider nie. Ich habe Anfang der 1990er Jahre damit begonnen, seine Texte zu lesen, aber keine Gelegenheit gehabt, ihn kennenzulernen. Im Sommer 1995 fiel er ins Koma, aus dem er nicht mehr erwachte. Zwei Jahre später starb er. Politisch geprägt hat er mich dennoch entscheidend – über seine Essays, Polemiken und Analysen, seine Filmbeiträge, seine Interviews.

„Some of my best friends are German“. Mit dieser feinen Formulierung spielte Eike Geisel auf das erstaunliche Phänomen an, dass sich in den ersten Jahrzehnen nach Kriegsende sehr viele Deutsche – Täter wie auch deren Nachkommen – an ihre lieben jüdischen Freunde erinnerten, denen sie in den meisten Fällen, selbstredend, in der Nazizeit Schutz geboten hätten. Ist dieses Phänomen, repräsentativ für eine Form der Geschichtsverlegung und -umkehrung, nach Deiner Erfahrung auch heute noch häufig anzutreffen?

Mit der Formulierung „Some of my best friends are German“ zielte Eike Geisel vor allem auf jene Linken, die mit unheilbar gutem Gewissen stets beteuerten, sie könnten gar keine Antisemiten sein, einige ihrer besten Freunde seien schließlich Juden. Mit diesem Scheinargument, das ohne jegliche Logik auskommt, glaubten diese Linken, der Kritik an ihrem „Antizionismus“ den Wind aus den Segeln nehmen zu können. Ein durchsichtiges Manöver, das Geisel oft mit lustvoller Polemik auseinandernahm. Genauso durchschaute er die demonstrative und dadurch verdächtige Trauer vieler Deutscher über die Ermordung der Juden. Die Klage über diesen Verlust, schrieb er, sei nichts weiter als eine „weinerliche Selbstbezogenheit“, denn es gehe „nicht um Trauer über andere, sondern um Mitleid mit der eigenen Banalität, kurz: um die Behauptung, die Deutschen hätten sich mit ihren Verbrechen selbst etwas angetan“. Dabei sei die Massenvernichtung der Deutschen ein Verbrechen gewesen, das für die Täter nicht nur gut ausgegangen sei, sondern sich auch in Exportquoten und Kultur ausgezahlt habe. Es sei ein regelrechtes „Shoa-Business“ entstanden.

Diese deutsche Selbstbezogenheit, die als „Vergangenheitsbewältigung“ auftritt, spiegelt sich im Holocaust-Mahnmal in Berlin besonders eindrucksvoll wider. Zum fünften Jahrestag der Einweihung dieses größten Gedenkmonuments der Welt – das es ohne den größten Massenmord der Geschichte ja gar nicht gäbe – wurde ein „Bürgerfest“ veranstaltet, auf dem unter anderem der Historiker Eberhard Jäckel eine Rede hielt. „In anderen Ländern beneiden manche die Deutschen um dieses Denkmal“, sagte er mit hörbarem Stolz in der Stimme. „Wir können wieder aufrecht gehen, weil wir aufrichtig bewahren. Das ist der Sinn des Denkmals, und das feiern wir.“ Der Holocaust hat in der Konsequenz also – folgt man einem ihrer bekanntesten Geschichtswissenschaftler – für Eifersucht im Rest der Welt gesorgt, wo man keine Massenvernichtung ins Werk gesetzt hat und heute deshalb nicht mit einem solch epochalen Bauwerk aufwarten kann. Eine bezeichnende Logik. Jäckel hat außerdem deutlich gemacht, dass das Denkmal letztlich keines für die ermordeten Juden ist – sondern eines, das sich die Deutschen selbst errichtet haben, um wieder „Wir Deutsche“ sagen zu können. Nicht zuletzt daran sieht man, wie Recht Eike Geisel hatte, als er schrieb, die Erinnerung sei in Deutschland die höchste Form des Vergessens.

Geisel hat stets auf der Unversöhnlichkeit von Tätern und Opfern beharrt und sich gegen alle deutschen Versuche gewandt, sich Letzteren anzunähern, um daraus moralischen Profit zu ziehen. Inwieweit ist das heute noch aktuell?

Diese Annäherungsversuche resultierten – und resultieren noch immer – ja nicht nur aus der Ansicht, die Deutschen hätten sich durch ihre eifrige „Vergangenheitsbewältigung“ selbst geläutert, also „aus ihrer Geschichte gelernt“ und sich deshalb ein Verzeihen redlich verdient. Sie finden zudem in dem Glauben statt, dass es sich bei den Juden genau umgekehrt verhält: Statt Auschwitz als Besserungsanstalt zu begreifen, führen sie sich gegenüber den Palästinensern wie ihre vormaligen Peiniger auf und bedürfen daher einer besonderen Fürsorge. Es ist, wie bereits Adorno befand: Wenn man schon zugibt, dass Verbrechen geschehen sind, dann will man auch, dass das Opfer mitschuldig ist. Im Namen des Friedens ist man gegen Israel. Geisel hat diese Haltung als „Moralität von Debilen“ bezeichnet und hinzugefügt: „Das antijüdische Ressentiment entspringt den reinsten menschlichen Bedürfnissen, es kommt aus der Friedenssehnsucht. Es ist daher absolut unschuldig, es ist so universell wie moralisch. Dieser moralische Antisemitismus beschließt die deutsche Wiedergutwerdung insofern, als sich durch ihn die Vollendung der Inhumanität ankündigt: die Banalität des Guten.“ Heute ist diese „Wiedergutwerdung der Deutschen“ abgeschlossen, der moralische Antisemitismus durchgesetzt, die Banalität des Guten allgegenwärtig. Die „Israelkritik“ gibt sich unter dem Ruf „Nie wieder!“ als Konsequenz aus der deutschen Geschichte. Mit anderen Worten: Wer aus Auschwitz das „Richtige“ gelernt hat, muss heute gegen den jüdischen Staat sein. Diese Logik ist zutiefst pervers, aber sie ist zur deutschen Normalität geworden und taugt damit nicht zum Skandal – was den eigentlichen Skandal darstellt.

Im Film kommt auch Henryk M. Broder ausführlich zu Wort. Broder hatte früher mit Eike Geisel eng zusammen gearbeitet. Hieraus entstand u.a. das Buch „Premiere und Pogrom. Der Jüdische Kulturbund 1933–1941“. Wer war der Jüdische Kulturbund?

Der Jüdische Kulturbund war das Ergebnis eines Verwaltungsaktes der Nazis, um „die Juden planmäßig zu ghetto­isieren“ und sich selbst verwalten zu lassen, wie Geisel und Broder schrieben. Dahinter steckte das Kalkül, die Opfer in den Vernichtungsprozess einzuspannen. Es gab ja ein selbstverwaltetes Kulturprogramm in den Ghettos und Lagern, und damit wurde die totale Herrschaft über die Juden insoweit manifest, als sie, wie es im Buch heißt, nicht allein über ihre Opfer hinweg-, sondern auch durch diese hindurchgeht. „Nicht umsonst“, so schrieben Geisel und Broder, „bestand die SS darauf, dass die Opfer nicht nur keinen Widerstand leisteten, sondern sich selbst aufgaben. Denn erst mit der mora­lischen Zerstörung, die der physischen Vernichtung vorausging, erst mit dem Einverständnis des Opfers war der Sieg der Nazis perfekt.“ Der Kulturbund war ein Ausdruck davon, dass die Juden an ihrer eigenen Vernichtung mitarbeiten sollten.

Eike Geisel hat Hannah Arendts Schriften als erster ins Deutsche übersetzt, insbesondere ihre Essays über Zionismus, Palästina und Deutschland. Heute werden Arendts Schriften immer mal wieder neu aufgelegt. Welche Bedeutung würdest Du ihren Schriften zum Verständnis der Shoah beimessen?

Arendt hat nicht zuletzt deutlich gemacht, dass die Shoah nicht zu verstehen ist, jedenfalls nicht mit den herkömmlichen Mitteln der Logik, nicht mit rationalem Denken, nicht unter Nützlichkeitskriterien. Die Shoah war, wie Arendt sagte, die „vollendete Sinnlosigkeit“. Weder ökonomische noch militärische Erwägungen durften das Vernichtungsprogramm beeinträchtigen. Das „Verbrechen“ der Juden bestand in ihrer bloßen Existenz, nicht in irgendwelchen Taten. „Das Einzigartige“, schrieb Arendt, „ist weder der Mord an sich noch die Zahl der Opfer, ja nicht einmal ‚die Anzahl der Personen, die sich zusammengetan haben, um all das zu verüben‘. Viel eher ist es der ideologische Unsinn, die Mechanisierung der Vernichtung und die sorgfältige und kalkulierte Einrichtung einer Welt, in der nur noch gestorben wurde, in der es keinen, aber auch gar keinen Sinn mehr gab.“ Geisel griff das auf und sämtliche Rationalisierungsbestrebungen an. Er schrieb, die Versuche, „einen Gegenstand, dem keinerlei Vernunft innewohnt, unter Bestimmungen des Denkens zu zwingen, münden immer in Ideologie“. Aber genau diese vollendete Sinnlosigkeit sollte dem postnazistischen Deutschland zur neuen nationalen Identitätsstiftung taugen, wie Arthur Buckow, Co-Autor des Films über Eike Geisel, in einem Beitrag für die „Jungle World“ treffend festhielt: „Ohne Auschwitz keine ‚Wiedergutwerdung der Deutschen‘, ohne Waffen-SS kein patriotischer Pazifismus, ohne ‚Stunde null‘ kein Wirtschaftswunder.“[i]

Euer Film wird in Köln am 13. Mai um 20 Uhr im Filmclub 813 gezeigt, mit Dir und dem Regisseur Mikko Linnemann gibt es anschließend eine Diskussion. Gibt es weitere Aufführungstermine in der nächsten Zeit?

Ja, unter anderem in Erfurt, Kassel, Duisburg und Berlin. Die Termine sind auf der Website des Regisseurs in Erfahrung zu bringen.

Köln:

Film: Triumph des guten Willens
Fr. 13. Mai  20:00 , Filmclub 813, Hahnenstr. 6, 50667 Köln
Filmvorführung und Diskussion mit Mikko Linnemann (Regisseur) und Alex Feuerherdt (Co-Autor)
Eintritt: 6 €, ermäßigt 4 €

Trailer zum Film

Weitere Aufführungstermine

12.05.2016: Saarbrücken, Filmhaus
13.05.2016: Köln, Filmclub 813
26.05.2016: Duisburg, Djäzz
07.06.2016: Erfurt, [kany]
13.06.2016: Kassel, Filmladen
15.06.2016: Berlin, Laidak
23.06.2016: Berlin, Technische Universität
30.06.2016: Darmstadt, Universität

[i] Arthur Buckow: Die Versöhnungsverweigerer – Eike Geisel wäre dieses Jahr siebzig Jahre alt geworden, Jungle World Nr. 45, 5.11.2015. Internet: http://jungle-world.com/artikel/2015/45/52970.html