
Vor 80 Jahren wurden die Urteile gegen die NS-Elite verkündet
Von Thies Marsen und Jim Tobias
Es war ein Verfahren, das Geschichte geschrieben hat: Das Nürnberger Militärtribunal, das erstmals der ganzen Welt die Verbrechen des Nazi-Regimes vor Augen führte. Am 30. September und 1. Oktober 1946 wurden im Saal 600 des Nürnberger Justizgebäudes die Urteile gegen 21 Männer der NS-Führungselite verlesen, darunter etwa Hermann Göring, Albert Speer, Julius Streicher, Joachim von Ribbentrop oder Großadmiral Karl Dönitz: zwölf Mal die Todesstrafe, sechs Mal hohe Haftstrafen, drei Freisprüche.
Schon zu Beginn des Verfahrens hatten sich alle Angeklagten als „nicht schuldig“ bekannt und hielten bis zum Ende an dieser Auffassung fest. Rund zehn Monate wurde verhandelt, zahlreiche Zeugen gehört und ebenso viele Dokumente als Beweismittel in das Verfahren eingeführt. Selbstverständlich wurde den Angeklagten rechtliches Gehör eingeräumt und ihnen deutsche Verteidiger zur Seite gestellt. Sowohl die Beschuldigten als auch die Rechtsanwälte versuchten, das Gericht als „Siegerjustiz“ zu diskreditieren und scheuten auch nicht davor zurück, das menschenverachtende NS-System zu verharmlosen. „Fast durch die Bank haben alle Angeklagten behauptet, sie hätten von der Judenverfolgung keine Ahnung gehabt“, sagt Alexander Schmidt, Historiker am Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Beispielhaft die Aussage von Julius Streicher vor dem Tribunal, einem der schlimmsten Hetzer des Nazi-Regimes: „Wenn in einigen Artikeln meines Wochenblattes Der Stürmer von einer Vernichtung oder Ausrottung des Judentums gesprochen wurde, so waren dies scharfe Gegenäußerungen gegen provozierende Auslassungen jüdischer Schriftsteller.“
Auch von den anderen Angeklagten war kein Schuldeingeständnis oder gar Reue zu hören, eine Haltung, die auch in der deutschen Bevölkerung weitverbreitet war, wie Alexander Schmidt berichtet: „Solche Lügen wurden bereitwillig aufgenommen und sehr viele haben den Gerichtshof auch relativ offen beschimpft. In zahlreichen Zuschriften sprachen sie den Richtern die Zuständigkeit ab, warfen den Alliierten ebenfalls Kriegsverbrechen vor und bezeichneten das Verfahren als Siegerjustiz.“ Denn: „Schuld waren nur Hitler und Himmler oder die SS, alle anderen hätten nichts gewusst.“
Als der Vorsitzende Richter des Internationalen Gerichtshofes Sir Geoffrey Lawrence die Urteile verkündete, „lauschten die Angeklagten mit geziemend leerer Miene außer, wenn sie lachten“, schrieb die britische Schriftstellerin und Journalistin Rebecca West, die damals für den Daily Telegraph über den Prozess berichtet. „Und, seltsam genug, sie fanden den Dauerwitz der richterlichen Aussprache deutscher Namen immer noch komisch; und die Freisprüche amüsierten sie gar endlos.“ Rebecca West registrierte auch genau die Reaktion der deutschen Bevölkerung auf die Urteile: „Am letzten Tag des Prozesses konnte man in den Gesichtern vieler Deutscher auf den Straßen so etwa wie Hass sehen.“ Denn die meisten Deutschen hielten den Prozess für reine Propaganda. Auch der Antisemitismus war natürlich immer noch virulent, wie der Historiker Alexander Schmidt unterstreicht: „Eine erschreckend große Zahl von Menschen war der Überzeugung, dass die Juden ihre Finger im Spiel hatten, am Krieg, am Prozess, am Kapitalismus, daran sind die Juden schuld und auch die Amerikaner wären von den Juden gesteuert.“
Die Hinrichtungen waren auf den frühen Morgen des 16. Oktobers 1946 terminiert. Noch am Vorabend der Urteilsvollstreckung richtete sich der einstige Reichsmarschall Göring mit einer Zyankali-Kapsel selbst. Etwa gegen ein Uhr morgens wurde den Delinquenten das offizielle Todesurteil verlesen. Als Erster ging Joachim von Ribbentrop zum Galgen, es folgten Wilhelm Keitel und Ernst Kaltenbrunner, wenig später Julius Streicher. Letzterer „schrie ständig Heil Hitler“, notierte der US-amerikanische Ankläger Telford Taylor und „weigerte sich, seinen Namen zu nennen, spuckte“ und rief dem Henker John Woods zu: „Eines Tages werden die Bolschewiken Sie aufhängen.“
Alle Leichen, auch die von Göring, wurden in hölzerne Särge gelegt und nach München in ein Krematorium gebracht. Die Asche wurde an einem geheimen Ort, in einem Nebenfluss der Isar, verstreut. Mit der Urteilsvollstreckung hatte der Internationale Militärgerichtshof seine Aufgabe erfüllt und damit die völkerrechtlichen Grundlagen geschaffen, dass heutzutage Kriegsverbrechen und Völkermord weltweit verfolgt und bestraft werden können.
Hörtipp:
Vor 80 Jahren – Urteile im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess
Zum Thema:
Die Reporterinnen Janet Flanner, Martha Gellhorn und Rebecca West haben den Prozess beobachtet und eindrucksvoll die Reaktionen im und außerhalb des Gerichtsgebäudes beschrieben:
Im Herzen des Weltfeindes


