Vaterland und Muttersprache

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Thomas Mann in Weimar, 1949, Bundesarchiv, Bild 183-S86717 und 183-S86748 / Heilig, Walter / CC-BY-SA 3.0

Der Spielfilm „Vaterland“ spiegelt Thomas Manns Rede in Frankfurt am Main und Weimar vom Juli 1949

„Da gingen die Augen mir über,
Da ward es im Spiegel so kraus“
Franz Schubert: „Tränenregen“, D 795 Opus 25 – 10

Von Karl-Josef Müller

Lange bewahrt Thomas Mann in diesen Julitagen des Jahres 1949 das, was man als ’stiff upper lip‘ bezeichnet. Er selbst führt dies in seiner Rede auf seine „viel berufene Nüchternheit“ zurück, die sich „durch langen Aufenthalt in angelsächsichen Lebenssphären eher noch verstärkt“ habe. Im Film allerdings gehen ihm, genial verkörpert von Hanns Zischler, dann doch die Augen über, um es mit Wilhelm Müller zu formulieren. Seine Tochter Erika ergreift seine Hand. Verlorengegangen die so streng bewahrte Haltung; verlorengegangen die Flucht in die Ironie. Im Film berichtet Erika sinngemäß, ihr Bruder Klaus habe über die Musik von Johann Sebastian Bach gesagt, diese hätte ihn beinahe zum Glauben gebracht. Und nun, am Ende des Films, ist es Orgelmusik von Bach, die dem Vater Thomas Mann die Tränen in die Augen treibt.

„Ich komme zu Ihnen als ein alter, leidender Mensch“, so Thomas Mann, an sein Publikum gewendet, um wenige Worte später auf seinen Sohn zu sprechen zu kommen: „Zu meinem verstorbenen Sohn, einem Opfer dieser Krisenzeit, sagte ein großer französischer Freund, André Gide: ‚Wann immer junge Leute kommen, sich bei mir Rats zu holen, fühle ich mich so beschämend inkompetent, so hilflos, so verlegen.'“ Es gibt keinen Rat derer, die doch aufgrund ihres Lebensalters dazu berufen wären; nicht in diesen Zeiten.

Der Sohn, ein „Opfer dieser Krisenzeit“. Der Film verlegt den Freitod Klaus Manns in den Juli, er erreicht den Vater unmittelbar vor der Abreise nach Weimar, sich das Leben genommen hatte Klaus allerdings bereits am 21. Mai, also etwa zwei Monate früher. Im Film reagiert der Vater zunächst kalt und abweisend auf die Nachricht vom Selbstmord des Sohnes, er sei ein Drogenabhängiger gewesen, sein Tod absehbar. Selbstredend wäre es angesichts der Freiheit der Fiktion vollkommen unangemessen, hier einen Fehler zu monieren, wie ja auch Thomas Mann realiter von seiner Frau Katja und nicht seiner Tochter Erika nach Deutschland begleitet wurde. Der intellektuelle Austausch zwischen Tochter und Vater verfälscht nicht die besondere historische Stimmung, auf die Thomas Mann in seiner Rede   ausführlich zu sprechen kommt; im Gegenteil verdanken sich die Gespräche dem Inhalt der Rede, wie sie in Frankfurt und dann Weimar gehalten wurde.

Zunächst ist es Erika, die am Selbstmord ihres Bruders zu verzweifeln droht. Gleichzeitig wirkt die Kälte des Vaters angesichts der Todesnachricht umso befremdlicher. Zum Dritten aber steigert dieses Konstrukt die Wehrlosigkeit des Vaters, als ihm mit den Orgelklängen sicherlich auch der Wortlaut des  Bachschen Chorals in den Sinn kommt:

Jesus bleibet meine Freude,
meines Herzens Trost und Saft,
Jesus wehret allem Leide,
er ist meines Lebens Kraft,
meiner Augen Lust und Sonne,
meiner Seele Schatz und Wonne;
darum lass ich Jesum nicht
aus dem Herzen und Gesicht.

Im Exil sei sein oberstes Ziel als Künstler gewesen, „alle Register des herrlichen Orgelwerks unserer Sprache zu ziehen“. Er habe sich auf seine neue Heimat einstellen müssen, geblieben sei ihm aber „der Wille zum Beharren, die aktive Treue zur deutschen Sprache, dieser wahren und unverlierbaren Heimat, die ich mit mir ins Exil genommen, und aus der kein Machthaber mich vertreiben konnte.“ 

Wir gehen davon aus, dass Thomas Manns Tränen, wie auch die sie auslösende Orgelmusik, gespielt in einer surreal anmutenden Kirche, sich der Phantasie der Filmemacher verdanken. Das „Orgelwerk“ der deutschen Sprache war dem Musikliebhaber und -kenner Heimat und Verbindung zum Vaterland, die er sich nicht nehmen lassen wollte. In einer Zeit, in der allein das Wort Deutschland wie auch die deutsche Sprache einzig verbunden werden konnte mit Gedanken an Tod und Vernichtung, in dieser Zeit betrauert Thomas Mann den Verlust seiner „Lebensbasis“:

Es kamen die Monate des Wanderlebens von Land zu Land, in tiefer Verstörung im Gefühl der Entwurzelung, des Abgeschnittenseins von einer Lebensbasis, die ich für fest und endgültig gehalten, des Verlustes von Herd, Heim und Habe.

Kaum zu trennen von Heimat und Vaterland, deren Bedeutungsgehalt nach zwölf Jahren nie dagewesener Barbarei im Namen Deutschlands fragwürdig gewordenen sind, verweist Thomas Mann auf den Rausch und den Hass. Es ist Erika Mann, beeindruckend verkörpert von Sandra Hüller, die ihren früheren Ehemann Gustaf Gründgens nach einem heftigen Disput coram publiko ohrfeigt. In diesem Backenstreich laufen verschiedene historische Fäden zusammen. Thomas Manns Bekenntnis zum Hass aus dem Jahr 1949 läßt sich, so wollen wir meinen, auch als Kommentar lesen zum aktuellen Erstarken rechtsradikaler politischer Kräfte, deren Name nicht genannt werden muss:

Ja, meine Zuhörer, ich habe die ruchlosen Verderber Deutschlands und Europas gehaßt, mit unbedingtem, mit tödlichem Haß, dessen ich mich nicht zu schämen hatte, auf den ich stolz sein durfte; und eben die Tiefe dieses Hasses mag den Gedanken verzeihlich erscheinen lassen, den ich nicht los wurde, daß, wenn er vom deutschen Bürgertum, vom deutschen Volk wahrhaft und durchgehend geteilt worden wäre, es mit Deutschland nicht hätte zu kommen brauchen, wohin es gekommen ist.

In der Figur des Mephisto verkörpert Gustaf Gründgens diese Haltung. Er machte sich mit denen gemein, denen Thomas Manns Hass gilt; sein Pakt mit der Barbarei straft den Text, der auf der Bühne zu hören ist, Lügen, ist er eben nicht „ein Teil von jener Kraft, Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Gegen den absurden Vorwurf, er habe „der Tragödie meines Volkes von weitem zugesehen“, verweist Thomas Mann auf ’seinen‘ Faust: „Wie einer das Schmerzensbuch von ‚Doktor Faustus‘ gelesen haben und dann noch sagen kann, ich sei nicht dabei gewesen, (…) das verstehe, wer mag und kann.“

Im Vortragstext wie im Film mischen sich Zorn und Verzweiflung untrennbar mit der Trauer um das Verlorene, nämlich die liebevolle Zuneigung zur deutschen Kultur. Der Selbstmord des Sohnes erweitert sich zur Allegorie dieser eigentlich unmöglich gewordenen Liebe, und verantwortlich für diese Verwandlung deutscher Kultur in deutsche Barbarei ist der Rausch, wie Thomas Mann ihn in seinem Vortrag definiert. Und erneut müssen wir wohl nicht auf die Aktualität seiner Diagnose verweisen. „‚Der Rausch‘ – was für ein zweideutig deutsches Wort! Wie mischen sich darin Begeisterung mit Entgeistung, das Höchste mit dem Niedrigsten (…). Andere Sprachen haben dies Zauberwort gar nicht; sie setzen dafür ein sehr sachliches und nüchternes wie: Intoxikation, Vergiftung. Vergiftet schien mir Deutschland, nicht erhoben. Wildfremd geworden und verfratzt, bot es mir keinen Stätte und Atemluft mehr.“

Lexikalisch existiert das Wort ‚verfratzt‘ nicht; was es allerdings meint, liegt auf der Hand. Es benennt den Wandel eines Staates, dessen Wesensmerkmal Thomas Mann in seiner Rede Von deutscher Republik 1922 im Begriff der Humanität darlegte, hin zu einem Monster, in dessen Gesichtszügen auch nicht ein Rest der humanitas mehr zu finden ist.

Und damit kommen wir abschließend zurück zu den Tränen, ausgelöst durch die doch eigentlich so tröstliche Musik Johann Sebastian Bachs. Schaut man der Ansprache im Goethejahr etwas genauer ins Gesicht, meint man, wie es heißt ‚zwischen den Zeilen‘, Vater und Tochter auf der Kirchenbank sitzen zu sehen, der Vater von Tränen der Trauer und Verzweiflung übermannt, die Tochter, wohl wissend, dass Trost in diesem Moment kaum zu haben sein dürfte, die Hand des Vaters ergreifend.