Im Herzen des Weltfeindes

0
160
Hermann Göring im Zeugenstand. Während seiner Aussagen im März 1946 geraten er und der amerikanische Chefankläger Robert H. Jackson immer wieder heftig aneinander. Foto: US-National Archives and Records Administration (public domain)

Journalistinnen berichten vom Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess 1945-46

„Der bloße Anblick von Hermann Göring, wie er still und fast schlank, als Zivilist und Gefangener in der Stadt, in der er vor zehn Jahren während des Parteitages noch „Heil“ brüllend, fett und mit ordensüberladender Uniform durch die hakenkreuzgeschmückten Straßen marschierte“, war für die Journalistin Janet Flanner der befriedigende Beweis für den Sieg der Alliierten über das NS-Regime. Die Korrespondentin des „New Yorkers“ hatte die Verhandlung vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg gegen die Hauptkriegsverbrecher mehrmals besucht: im Dezember 1945 und im März 1946. Bei ihren Beobachtungen im Gerichtssaal und in den Gesprächen am Rande, auch mit Deutschen, erfuhr sie die brutale Arroganz und das schamlose Leugnen der Angeklagten und kam zu dem Schluss, dass auch die deutsche Bevölkerung nicht das geringste Interesse an der Aufarbeitung der Monstrosität der NS-Verbrechen zeigte. Die Täter fühlten sich kollektiv als Opfer!

Ihre Kollegin Martha Gellhorn, die US-amerikanische Kriegsberichterstatterin, die schon mit ihren Reportagen vom spanischen Bürgerkrieg Aufsehen erregt hatte, schilderte ebenfalls ihr Entsetzen: „Die Mitleidlosigkeit dieser einundzwanzig Männer war so ungeheuerlich, überstieg so sehr das menschliche Fassungsvermögen, dass man jetzt kein Mitleid für sie empfinden konnte.“ Auch sie verstand es nicht, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen den Nationalsozialisten zugejubelt und einfach hingenommen hatten, dass Millionen von Frauen, Männern und Kindern erschlagen, erstickt und erschossen wurden. Verantwortet von diesen „Nichtse“, wie sie nun die „einst so selbstsicheren Ungeheuer“ auf der Anklagebank nannte. „Sie richteten eine Vernichtung an, wie die Welt sie noch nie gesehen hat und saßen nun da hinter ihren erstarrten Gesichtern.“

Als Rebecca West in Nürnberg ankam, eilte ihr der Ruf „der besten Reporterin der Welt“ voraus, so hatte US-Präsident Harry S. Truman die britische Schriftstellerin und Journalistin bezeichnet. Auch sie zeigte deutlich ihre Verachtung gegenüber Göring, Streicher, Hess und Konsorten. Sie konnte in ihnen allerdings nichts genialisch Böses entdecken, sondern hielt sie einfach für unfähig, eine menschliche Regung zu zeigen, und ordinär. In Streicher sah sie „einen schmutzigen alten Mann, von der Sorte, die Ärger in Parks macht“. Sie hatte eine klare Vorstellung von den Deutschen und wurde in ihrer Meinung bestätigt – „es war noch schlimmer als sie vermutet hatte,“ konstatiert sie: gefangen in der NS-Ideologie stünde dem Tätervolk „häufig nicht einmal eine Sprache zur Verfügung, die nicht klischeehaft klang“. Am letzten Tag des Prozesses, die Urteile waren gesprochen: Die Angeklagten „lauschten den Urteilen mit geziemend leerer Miene“, lachten über die Aussprache ihrer Namen durch die Richter und „die Freisprüche amüsierten sie gar endlos“. Außerhalb des Gerichtsaals sah Rebecca West hingegen „in den Gesichtern vieler Deutscher so etwas wie Hass“, denn die meisten hielten den Prozess für reine Propaganda, Siegerjustiz.

Das Gericht hatten zwar Recht gesprochen, doch die drei Reporterinnen waren mehr oder weniger desillusioniert: „Denn es gab keine Bestrafung, die für solche Schuld groß genug gewesen wäre“, resümiert etwa Martha Gellhorn. Ihre und die Reportagen der Kolleginnen Janet Flanner und Rebecca West sind authentische und unmittelbare Berichte, klar in der Sprache und prägnant in ihren Beobachtungen. Lee Millers eindrucksvolle Fotos vom zerstörten Nürnberg ergänzen den Band. Ein spannendes Zeitzeugnis. Lesen! – (jgt)

Janet Flanner/Rebecca West/Martha Gellhorn, Im Herzen des Weltfeindes. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Reportagen, Berlin 2026, 224 Seiten, 22,00 €, Bestellen?

Leseprobe

„Die Leute lieben es zu hassen…“
Martha Gellhorns Reportage Die Araber von Palästina neu aufgelegt