Dass es auch Antisemitismus unter Muslimen gibt, ist nicht nur angesichts der Einstellungsforschung keine neue Erkenntnis. Doch woher kommt eine damit einhergehende Feindschaft? Welche ideen- wie realhistorische Entwicklung nahm sie? Und was lässt sich in der Gegenwart dagegen tun? Diesen Fragen stellt sich Omar Kamil, der sowohl als Historiker wie als Politikwissenschaftler lehrt und publiziert.
Von Armin Pfahl-Traughber
Antworten will er in seinem Buch „Muslimischer Antisemitismus“ geben, passend mit „Woher er kommt, wie er wirkt und was wir tun können“ als Untertitel. Über den zentralen Begriff formuliert Kamil seine Positionen dort aber erst zum Schluss, wobei aber das Gemeinte bezüglich der inhaltlichen Weite etwas unverständlich bleibt. Denn offenbar sollen „Antijuadaismus“ und „Antisemitismus“ getrennt gesehen werden, was für eine Feindschaft gegen Juden als Juden aber unangemessen wäre. Auch „islamischer Antisemitismus“ klingt ihm zu sehr „nach einer unauflöslichen Verbindung zwischen Religion und Judenfeindschaft“ (S. 152).
Indessen zeigen seine Betrachtungen zur Frühgeschichte des Islam, dass davon sehr wohl mit angemessener Differenzierung gegen eine Pauschalisierung gesprochen werden kann. Berechtigt verweist Kamil zunächst auf „Spuren des Judentums im Islam“ (S. 17) und „Islamische Ideen in jüdischen Texten“ (S. 27), aber dann auch auf ein Konfliktverhältnis von Mohammed gegenüber jüdischen Stämmen. Daraus entstand schon früh ein erklärter Gegensatz, der auch im Koran erkennbar ist. Im Anhang finden sich im Fußnotenapparat auch einschlägige Stellen (vgl. S. 193), die sich im „kollektiven Gedächtnis des Islam“ (S. 41) eingegraben hätten. Ähnlich verhielt es sich beim Christentum, was „christlicher Antisemitismus“ terminologisch erlaubt. Gleichwohl gab es aufgrund vieler Gemeinsamkeiten auch immer ein zwischen Juden und Muslimen bestehendes entspannteres Verhältnis. Darin will der Autor später in seinen Betrachtungen zu Präventionsstrategien anknüpfen.
Aber zurück zur Chronologie der Darstellung, die dann insbesondere auf den „Dhimmi“ (Schutzbefohlene)-Status verweist, wodurch bei aller Benachteiligung doch Juden lange ein besseres Leben in der muslimischen Welt hatten. Danach springt der Autor inhaltlich ins 19. Jahrhundert, wobei er auf den christlichen Import der Judenfeindschaft in den arabischen Raum verweist. Nicht nur die „Damaskus“-Affäre um einen behaupteten „Ritualmord“ machte diese Wirkung deutlich. Gleichwohl hätte der europäische Antisemitismus dort nie eine so große Bedeutung annehmen können, wären nicht zuvor die gegen Juden gerichteten islamischen Prägungen gesellschaftlich stark verbreitet gewesen. Kamil informiert dann aber doch etwas isoliert über die exportierte Wirkung. Er macht aber ebenso mit neuen Erkenntnissen auf Gegenstimmen von Intellektuellen aufmerksam, die sich bereits früh, wenn auch vergebens gegen judenfeindliche Mythen und Verdrehungen wandten.
Generell stellt der Autor dann aber auf den Importfaktor ab, was etwa anhand der bekannten Fälschung der „Protokolle der Weisen von Zion“ geschieht. Aber auch hier gilt die Einsicht, dass die gesellschaftlichen Grundlagen für so etwas schon bestanden. Die frühen wie späteren Islamisten verbanden bei ihrer Judenfeindschaft einen islamischen mit einem westlichen Traditionsstrang, wie mustergültig anhand der Charta der Hamas wie von Sayyid Qutb aufgezeigt werden kann. Ganz am Ende finden sich noch Ideen für Präventionsmaßnahmen, die an die Ära eines zwischen Juden und Muslimen bestehenden kooperativen Verhältnisses anknüpfen sollten. Dazu wären aber durchaus kritische Betrachtungen zur Frühgeschichte des Islam wichtig, etwa zu den im Koran enthaltenen judenfeindlichen Zerrbildern. Kamil benennt auch klare historische Verantwortlichkeiten: „Es waren nicht die Juden, die Hass nährten, es waren Muslime, die ihn in bestimmten Zeiten hervorriefen, verstärkten und weitertrugen“ (S. 45). Das sind beachtenswerte und kritische Worte.
Omar Kamil, Muslimischer Antisemitismus. Woher er kommt, wie er wirkt und was wir tun können, München 2026 (C. H. Beck-Verlag), 235 S., 18 Euro, Bestellen?



