Das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender in Deutschland, Österreich und der Schweiz e.V. bringt in einem offenen Brief seine große Sorge über eine für den 8. Juli 2026 geplante Veranstaltung an der Universität Freiburg mit dem Titel „Race, International Relations and the Politics of Israel-Palestine“ zum Ausdruck. Es handelt sich um einen Vortrag von Herrn Dr. Somdeep Sen, dessen öffentliche Äußerungen und Positionen das Massaker der Terrororganisation Hamas vom 7. Oktober 2023 verharmlosen, die BDS-Kampagne unterstützen, Israel delegitimieren sowie israelische akademische Institutionen pauschal diskreditieren.
„Frankfurt, den 03.07.2026
Offener Brief zum geplanten Vortrag von Dr. Somdeep Sen an der Universität Freiburg am 08.07.2026
Sehr geehrte Frau Rektorin Prof. Dr. Krieglstein,
Sehr geehrte Frau Prorektorin Prof. Dr. Paletschek,
Sehr geehrter Herr Prorektor Prof. Dr. Schwarze,
das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender in Deutschland, Österreich und der Schweiz (e.V.) möchte Ihnen seine große Sorge hinsichtlich einer in Kürze geplanten Veranstaltung an der Universität Freiburg mitteilen. Es handelt sich um einen Vortrag von Herrn Dr. Somdeep Sen mit dem Titel „Race, International Relations and the Politics of Israel-Palestine“, der für den 08.07.2026 um 20:00 Uhr im HS 1098, KG I angekündigt ist. Der Referent hat in der Vergangenheit wiederholt Positionen vertreten, die das Massaker der Terrororganisation Hamas vom 07.10.2023 verharmlosen, die BDS-Kampagne unterstützen, Israel delegitimieren sowie israelische akademische Institutionen pauschal diskreditieren. Besonders gravierende Beispiele aus den letzten Jahren sind:
• Relativierende Darstellung des Massakers der Terrororganisation Hamas vom 07.10.2023:
In einem Artikel „There is nothing surprising about Hamas’s operation“ (Al Jazeera 08.10.2023), veröffentlicht einen Tag nach dem eliminatorisch-antisemitischen Massaker der Terrororganisation Hamas, behauptet Dr. Sen, die sogenannte ‚Operation Al-Aqsa Flood‘ wäre nicht überraschend, sondern eine durch den israelischen Kolonialismus provozierte, erwartbare Reaktion der Palästinenser, die angeblich jahrzehntelang siedlerkolonialer Herrschaft ausgesetzt gewesen wären. Er ordnet den Angriff in einen Kontext ein, den er als legitimen antikolonialen Widerstand beschreibt, und verweist hierzu auf Resolution 37/43 der UN-Generalversammlung. Es wäre eine unvermeidliche Entwicklung, eine Reaktion auf das Leiden in Gaza und Teil des palästinensischen Kampfes für Freiheit. Dabei ignoriert er auch, dass Gaza seit ca. 20 Jahren von der Hamas selbst regiert wurde. Aus unserer Sicht läuft diese Argumentation auf eine Relativierung und Verharmlosung des eliminatorisch-antisemitischen Massakers vom 7. Oktober hinaus.
• Delegitimierende Rahmung Israels:
In einem Artikel mit dem Titel „It’s time to declare Israel a rogue state“ (Al Jazeera, 25.04.2024) behauptet Dr. Sen, dass Israel angeblich einen „genozidalen Krieg“ in Gaza führe und dadurch alle internationalen Normen und Gesetze verletze. Er ruft dazu auf, Israel zu einem „Schurkenstaat“ zu erklären. In einem anderen Artikel interpretiert er die Entscheidungen des Internationalen Gerichtshofes dahingehend, dass dieser für den Krieg in Gaza die Plausibilität eines Genozids festgestellt habe. Diese Lesart geht über den tatsächlichen Inhalt der Entscheidungen weit hinaus, da der Internationale Gerichtshof gerade keine Feststellung eines Genozids getroffen hat.
• Unterstützung der im Kern antisemitischen BDS-Kampagne:
Dr. Sen tritt als Vortragender bei Veranstaltungen von Gruppierungen der BDS-Kampagne auf, so beispielsweise auf Einladung der Gruppe „Sydney Staff for Boycott, Divestment and Sanctions“. In dem Artikel „Israeli academia is directly complicit in the crimes of the state“ (Al Jazeera, 10.09.2024)4 behauptet Dr. Sen, in unzulässiger Ausweitung, dass ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofes darauf hindeute, dass BDS gegen Israel, inklusive seiner akademischen Institutionen, nicht nur eine Option, sondern eine Verpflichtung wäre. In einem weiteren Artikel befürwortet er BDS, insbesondere gegenüber israelischen akademischen Institutionen. Dies steht im Widerspruch zur Position des Deutschen Bundestages sowie zu den Beschlüssen der Hochschulrektorenkonferenz, die Boykottaufrufe gegen israelische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie gegen akademische Institutionen in Israel ausdrücklich ablehnen.
•Diffamierung akademischer Institutionen in Israel:
In dem oben bereits erwähnten Artikel „Israeli academia is directly complicit in the crimes of the state“ (Al Jazeera, 10.09.2024)3 sowie in dem Artikel „Israeli apartheid on campus“ (Al Jazeera, 29.06.2021)5 stellt Dr. Sen akademische Institutionen wie die Tel Aviv University, die Hebrew University Jerusalem, die University of Haifa sowie das Technion (Israel Institute of Technology) pauschal als Teil eines kolonialen beziehungsweise apartheidähnlichen Systems dar. So behauptet er beispielsweise, dass die Hebrew University Jerusalem ein gutes Beispiel wäre, wie akademische Institutionen Komplizen in dem sogenannten „israelischen siedlerkolonialen Projekt“ wären. Des Weiteren begrüßt er, dass die BDS-Kampagne eine Möglichkeit biete, die israelischen akademischen Institutionen für ihre Rolle bei der Aufrechterhaltung eines angeblichen Apartheidregimes zur Rechenschaft zu ziehen.
• Diskreditierung akademischer Institutionen in Deutschland:
In dem Artikel „Israeli academia is directly complicit in the crimes of the state“ (Al Jazeera, 10.09.2024)3 diskreditiert Dr. Sen die Max-Planck-Gesellschaft, namentlich ihren Präsidenten Prof. Cramer, für seine anlässlich des Hamas-Massakers gezeigte Solidarität mit Israel.
Generell fallen viele der Äußerungen von Dr. Sen in das Spektrum des israelbezogenen Antisemitismus. Es ist zu erwarten, dass Dr. Sen auch in dem geplanten Vortrag an der Universität Freiburg seine antisemitischen Narrative verbreiten und die BDS-Kampagne unterstützen wird. In diesem Zusammenhang möchten wir darauf hinweisen, dass die Bereitstellung universitärer Räume für antiisraelische und antisemitische Veranstaltungen den Beschluss der Hochschulrektorenkonferenz vom 19.11.2024 untergräbt, Boykottaufrufe gegen israelische Wissenschaftler und Wissenschaftseinrichtungen abzulehnen und, im Gegenteil, die Wissenschaftskooperation mit Israel auch als Ausprägung der wissenschaftlichen Diskurskultur zu fördern (nochmals bekräftigt in der Erklärung des HRK-Präsidenten Walter Rosenthal am 11.06.2025). Sie stellt eine indirekte Förderung der BDS-Kampagne dar und läuft dem Bundestagsbeschluss vom 17.05.2019 „Der BDS-Bewegung entschlossen entgegentreten – Antisemitismus bekämpfen“ sowie den Resolutionen des Bundestages vom 07.11.2024 „Nie wieder ist jetzt – Jüdisches Leben in Deutschland schützen, bewahren und stärken“ und vom 29.01.2025 „Antisemitismus und Israelfeindlichkeit an Schulen und Hochschulen entschlossen entgegentreten sowie den freien Diskursraum sichern“ zuwider.
Uns ist bewusst, dass akademische Freiheit ein hohes Gut darstellt und nicht ohne wichtigen Grund eingeschränkt werden darf. Universitäten müssen Räume für kontroverse Diskussionen und unterschiedliche wissenschaftliche Positionen bieten. Zugleich sehen wir die Grenzen dort
erreicht, wo wissenschaftliche Autorität genutzt wird, um Narrative zu verbreiten, die terroristische Gewalt relativieren, israelische akademische Institutionen pauschal delegitimieren oder Boykottforderungen gegen israelische Hochschulen und Wissenschaftler legitimieren. Die Universitäten stellen Infrastrukturen und institutionelle Ressourcen zur Verfügung, die mit Steuermitteln finanziert werden. Dabei ist darauf zu achten, dass solche Mittel nicht für antisemitisch und/oder israelfeindlich ausgerichtete Veranstaltungen bzw. Vortragende bereitgestellt werden, denn dies verstößt nicht nur gegen den Geist des Grundgesetzes, sondern erfolgt auch auf konkrete Kosten der Allgemeinheit. Einer Person eine Bühne zu bieten, welche in so eklatanter Weise antiisraelische Hetze und antisemitische Narrative verbreitet, kann aus unserer Sicht nicht im Interesse einer Universität sein. Insbesondere für jüdische und israelische Studierende und Mitarbeitende der Universität stellt eine solche Veranstaltung eine Bedrohung dar.
Vor diesem Hintergrund bitten wir Sie nachdrücklich, die Einladung von Dr. Sen zu überdenken, unsere vorgebrachten Bedenken sorgfältig zu prüfen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um der Verbreitung antisemitischer Narrative an der Universität Freiburg entgegenzuwirken.
Für Rückfragen stehen wir jederzeit gern zur Verfügung.
Mit Dank für Ihr Verständnis und mit besten Grüßen,
Der Vorstand des Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender e.V. (NJH)
Prof. Dr. Julia Bernstein
Prof. Roglit Ishay
Dr. Ilja Kogan
Prof. Dr. Marek Sierka“



